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Der Preußenbrief von Carsten Schulte | Die Kunst des Schweigens

Guten Tag,
Vier Wochen. Es waren doch nur vier Wochen seit dem jüngsten Preußen-Brief. Ein Wimpernschlag, aber wenn man im Fußball nur einmal für so einen winzigen Augenblick nicht hinschaut, verpasst man ja die seltsamsten, spannendsten, fantastischsten, grauenhaftesten Momente.
Vor vier Wochen war der SC Preußen Münster noch nicht in die Liga gestartet, hoffte auf einen Erfolg im DFB-Pokal, und als Fan dachte man wohl, ein Preußentrikot mit der Nummer 18 könne man sorglos die gesamte Saison hindurch tragen. Ach, Fußball.
Über den Sport könnte man allerhand schreiben. Über phasenweise tollen, aber unbelohnten Fußball in Karlsruhe, über einen wackeligen Auftritt gegen Paderborn, über mitreißende 120 Minuten gegen Hertha BSC. Oder über eine bockstarke erste Halbzeit gegen Nürnberg. Das unverdiente und unglückliche Aus im Pokal einmal außen vor, liegt der SC Preußen voll im Soll, besser als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Vier Punkte im Sack, ja, aber der Weg ist noch weit.
Fristlose Kündigung für Lorenz
Das ist der Sport. Gelegentlich rückt der Sport etwas zur Seite und macht Platz für die Geschichte daneben. Spezialist für so etwas war über viele Jahre der FC Bayern, den man spöttisch „FC Hollywood“ nannte, also den Klub, in dem immer alles etwas greller ablief als andernorts. Oder Schalke, du meine Güte, Schalke! Immer Theater. Wegen allem. Wenn man das aufs Lokale runterbricht (so sagen Journalisten), dann konnten die Adler das auch. Allerdings liegen die eher chaotischen Zeiten in Münster glücklicherweise einige Jahre zurück.
Bis zur vergangenen Woche, als der SC Preußen Münster aus eher heiterem Himmel eine ziemlich wolkige Botschaft verschickte. Marc Lorenz, Münsteraner, Identifikationsfigur, bis zum Frühjahr Kapitän der Preußen-Mannschaft, wurde erst freigestellt, dann mit einer fristlosen Kündigung versehen und die zu allem Überfluss noch um „rechtliche Schritte“ ergänzt.
Das schlug schon auf den Magen, denn Lorenz ist nicht irgendwer und die Maßnahme auch nicht irgendeine. Um die Hintergründe soll es hier nur ganz am Rande gehen, nur so viel: Lorenz selbst äußerte sich anschließend via Social Media und verwies auf eine psychische Erkrankung und eine Therapie. Damit hatte der SC Preußen Münster seine Buhmann-Rolle weg und ungefähr so fiel das Echo auf Facebook dann auch aus.

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Nicht alles sagen können, was man weiß
Und hier kommt ein Problem ins Spiel. Und ein besonderes Phänomen, das jene kennen, die sich täglich intensiv(er) mit dem Klub beschäftigen und das auch in einem beruflichen Kontext. Man kriegt mehr mit, als man es manchmal möchte. Im Fall Lorenz hat der SC Preußen seine Gründe und die sind aus Sicht der handelnden Personen auch stichhaltig.
Ob das am Ende auch vor einem Arbeitsgericht haltbar ist, wird erst noch bewertet werden. Das Problem, vor dem sich der SC Preußen Münster als Arbeitgeber sieht, ist allerdings klar. Er kann und darf nicht alles laut sagen, auch wenn das so wichtig wäre oder so hilfreich oder wenn es einfach nur die Neugier der Leute draußen befriedigen würde. Das auszuhalten, ist nicht leicht.
Das spürte beispielsweise Sport-Geschäftsführer Ole Kittner vor wenigen Monaten, als er den Aufstiegstrainer Sascha Hildmann entließ. Das war kaum zu „verkaufen“, obschon es gute Gründe dafür gab. Etwas zu wissen, aber nichts sagen zu können. Das ist ein verkrampftes Gefühl.
Wenn der Verein menschelt
Mir geht das auch so. Viele Jahre, bevor ich begann, den SC Preußen mehr aus beruflicher Sicht zu betrachten, war alles unkompliziert. Am Spieltag ging’s ab ins Stadion – früher konnte man sogar immer noch fünf Minuten nach Anpfiff vorbeischauen und bekam trotzdem einen prima Platz – und dann ließ man sich einfach in der Menge treiben.
Pfiffen die einen, pfiff man mit, es würde schon stimmen. Ein Tor war einfach ein Tor und nichts weiter. Man jubelte, freute sich und dann war das Spiel irgendwann beendet und alle strömten nach Hause. Montags die Tabelle checken, dann ein paar Tage arbeiten gehen und dann war wieder Wochenende und ein neues Spiel begann. Alles auf Anfang.
Das war simpel. Und ist heute noch simpel. Wenn man nicht etwas tiefer drinsteckt. Dann weiß man nämlich (oder ahnt), welcher Spieler gerade Stress hat. Man weiß, wer sich mit Beschwerden herumplagt. Und gelegentlich hört man auch mal, wer abends etwas länger unterwegs war, als es dem Profisport zuträglich wäre. Das sind die eher harmlosen Dinge.
Manchmal hört man mehr. Dann weiß man plötzlich, warum dies oder das nicht geklappt hat. Dann weiß man, wer krank ist. Dann weiß man, wer kurz vor dem Burnout steht. Dann weiß man, was abseits der Öffentlichkeit diskutiert wird. Dann sieht man auch, wie unflätige Kritik von außen durchdringt und zur emotionalen Belastung wird. Dann bekommt der diffuse „Verein“ wirklich menschliche Konturen.
Wenn aus Kritik Wut wird
Man weiß das nicht, wenn man Max oder Sabine Mustermann ist und die Facebook-Kommentarspalten als Ventil für die eigene schlechte Laune versteht. Was man in die Kommentare hineinwütet, findet einen Widerhall im Verein. Und in den Menschen dort. „Den Verein“ gibt es nämlich nicht. Die Menschen machen den Verein, sogar die KGaA & Co. KG. Die mag eine formale und gesichtslose Hülle sein, aber gelebt wird sie eben doch von Menschen.
Damit wir uns da nicht missverstehen: Kritik, leidlich vernünftig vorgebracht, ist wichtig, um Dinge zu verändern. Ohne Kritik geht nichts, wirklich nicht. Kritik macht etwas im Kopf. Die bodenlose Abneigung, die ungefilterte Wut, das wilde Geklapper der Tastaturen, all das trifft immer nur den Magen.
Und es führt zu einer Art Teufelskreis. Je weniger ein Verein sagt, desto mehr öffnet er der Pöbelei Tür und Tor. Je mehr geschrien wird, desto mehr verschanzt sich ein Verein, wird zur Wagenburg, zieht die Rollladen runter. Dann regiert die Gerüchteküche und aus der kommt selten irgendetwas Gutes. Mit Blick auf Lorenz könnten die Ultras vielleicht Vorbild sein. Nur wenige Tage nach dem Theater kam aus dem Block … nichts. Kein Wort, keine Vorwürfe, keine Proteste. Man hielt einfach still.
Hinter allen Geschichten stecken Menschen
Worauf möchte ich hinaus? Der Verein und vor allem die Menschen darin haben in den vergangenen Jahren viel dafür getan, dass aus einem fast ewigen Amateurklub ein echter Zweitligist wurde. Sie haben eine andere Kultur im Klub geschaffen, neue Strukturen. Sie haben uns alle Spiele gegen Schalke oder Bochum oder Hertha gebracht.
Deswegen ist nicht jedes einzelne Handeln in Ordnung. Aber die vergangenen Jahre des dauernden Jubelns haben Vertrauen verdient und dieses Vertrauen braucht es jetzt, gerade jetzt, finde ich. Auch und gerade, wenn man nicht alles wirklich versteht. Hinter allem steckt eine Geschichte und hinter jeder Geschichte steckt ein Mensch. Das kann man leicht vergessen, wenn man von außen draufschaut. Hier eine kleine Erinnerung.
Herzliche Grüße
Ihr Carsten Schulte
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Carsten Schulte
…stammt aus dem Münsterland, hat mal Buchhändler gelernt, arbeitet aber seit fast 20 Jahren als Journalist für verschiedene Medienhäuser. Den SC Preußen Münster begleitet er mittlerweile mit seinem eigenen Magazin preussenjournal.de. Von ihm sind auch einige Bücher und Magazine über den Klub erschienen.
Der Donnerstags-Brief
Jeden zweiten Donnerstag schicken wir Ihnen im Wechsel den Preußen-Brief von Carsten Schulte und den Kultur-Brief von Christoph Tiemann.
Wenn Sie in unseren Texten Fehler finden, freuen wir uns über Hinweise. Die Korrekturen veröffentlichen wir im RUMS-Brief.
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