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Das strahlende Erbe von Ahaus
Nach Jahren rollen wieder Castor-Transporte durchs Münsterland. Ein Atommüll-Endlager ist weiter nicht in Sicht. Ist das Provisorium schon eine Dauerlösung?
In einer Nacht Ende März spielen sich am Rande eines Ackers in Ahaus Szenen ab wie aus einer vergangenen Zeit. Als wären die verblichenen Fotos eines Heimatmuseums lebendig geworden, haben sich an der Zufahrt zum Atommüll-Zwischenlager Protestierende aufgestellt.
Ihre Trillerpfeifen gellen über die Straße, Anti-Atomkraft-Fahnen knattern im Wind und jemand schlägt eine Trommel, als sie langsam anrollt: Fernsehbilder des WDR zeigen eine lange Fahrzeugkolonne unter dem pulsierenden Licht von Warnleuchten. 2.400 Polizistinnen und Polizisten sind in dieser Nacht im Einsatz, nur für einen Container, den ein Sattelzug nun auf den Vorplatz des Zwischenlagers fährt.
Darin ein Castor aus dem Versuchskernkraftwerk Jülich. Ein gelbes Fass, 2,70 Meter lang, an die 27 Tonnen schwer – und mit bis zu 1.900 radioaktiven Brennelementen im Bauch.
Noch bis 2011 gehörten Bilder von Castor-Transporten zum Standardrepertoire deutscher Nachrichtenmedien. Dann fuhren zum vorerst letzten Mal radioaktive Abfälle in eines der beiden zentralen Zwischenlager in Gorleben und Ahaus ein. Seitdem gab es nur noch kleinere Transporte.
In dieser Märznacht ist es ein wenig wie früher. Und bei dem einen Konvoi wird es nicht bleiben. Insgesamt sollen 152 Castoren nach Ahaus. Da pro Transport höchstens drei Schwerlaster fahren, ist mit mehr als 50 Kolonnen zu rechnen, die alles in allem rund 90 Millionen Euro kosten sollen. Auch in Münsters Rat war das im Februar Thema. Man verständigte sich darauf, Konvois durch das Stadtgebiet und auch die Herstellung weiteren Atommülls abzulehnen.
Eine nationale Wunde
Viel mehr als ein Symbol war das zwar nicht. Ohnehin mögen die neuerlichen Castor-Transporte eher wie ein regionales Kuriosum anmuten. Zugleich werfen sie jedoch auch ein Licht auf eine nationale Wunde. Denn bis heute hat sich die Bundesrepublik nicht darauf verständigt, wo die radioaktiven Abfälle aus sechs Jahrzehnten Kernenergie einmal hinsollen. Angesichts der jetzigen Kolonnen drängt sich einmal mehr die Frage auf: Wie steht es um die Endlagersuche?
Glaubt man Felix Ruwe von der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“, muss man wohl sagen: nicht gut. Nur wenig tröstet es da, dass das Büro der Initiative ähnlich aus der Zeit gefallen wirkt wie die Transporte selbst.

In einem Kartenständer welken Flyer vor sich hin, gelbe Castor-Attrappen von vergangenen Protesten tummeln sich in einer schummrigen Ecke und dahinter verstaubt eine alte Schaufensterpuppe, in deren T-Shirt-Kragen ein sonnengebleichtes „Atomkraft? Nein Danke!“-Fähnchen steckt.
Ruwe ist 75 Jahre alt und fast sein halbes Leben Mitglied der Initiative. Anfang April sitzt er in deren Büro vor einem Schreibtisch und deutet auf einen Monitor. Zu lesen ist darauf eine Meldung von September, nach der die Betreibergesellschaft des Atomkraftwerks Hamm-Uentrop Insolvenz angemeldet hat.
Diese Gesellschaft hätte eigentlich den Rückbau des Kraftwerks bezahlen sollen. Damit wächst das Risiko, dass dafür am Ende nicht Stromkonzerne aufkommen müssen, sondern Bürgerinnen und Bürger.
Laut Ruwe hat dieser Vorgang System. Denn die insolvente Betreibergesellschaft hat die Rechtsform einer GmbH, haftet also nur mit dem eingebrachten Kapital der Gesellschafter. „Das sind alles GmbHs!“, schimpft Ruwe über die deutsche Atombranche.
Auch die Gesellschaft, die den Atomreaktor Hamm-Uentrop nun im Staatsauftrag zurückbauen soll, sei eine GmbH, ebenso wie die Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen JEN, oder auch die Gesellschaft für Zwischenlagerung BGZ, die die deutschen Zwischenlager betreibt.
Eine gewisse Verantwortungsdiffusion
Das Problem daran: Die Kosten, die im Atomgeschäft entstehen, sind kaum kalkulierbar. Schnell wachsen sie auf Beträge an, die mit dem Gesellschafterkapital einer GmbH kaum bezahlbar sind. Im Pleitefall sei daher niemand haftbar, sagt Ruwe.
Auch die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), die ein Endlager für radioaktiven Abfall finden soll, ist eine GmbH. An der Suche beteiligt sind zudem das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit sowie ein Nationales Begleitgremium.

Diese Konstellation, die wohl Kompetenzen bündeln sollte, bringt offenbar gleichzeitig eine gewisse Verantwortungsdiffusion mit sich. So ist von dem ursprünglichen Ziel, bis 2031 ein Endlager zu finden, kaum noch die Rede. Stattdessen kündigte die BGE 2022 an, dass sich die Suche bis 2046 ziehen dürfte, vielleicht auch bis 2068. Andere Stimmen warnen, dass man sich eventuell erst in den 2070ern auf ein Endlager verständigen werde.
Klar ist fast nur, dass der Atommüll unter die Erde soll. Daraus ergeben sich einige zusätzliche Standortfaktoren: kein Vulkanismus, keine Erdbebengefahr und eine Schicht aus Kristallin, Salz oder Ton, die das zukünftige Lager umschließt. Außerdem darf kein Wasser eindringen, und das für mehrere Hunderttausend Jahre. Denn solange wird der Atommüll noch strahlen.
Dass diese Suche nicht leicht ist, kann man niemandem verdenken. Nur heißt das für Orte wie Ahaus, dass sich dort eine alte Binse bewahrheitet: die nämlich, dass nichts so beständig ist wie das Provisorium. Ist es wenigstens sicher?
Das Risiko eines Anschlags
Glaubt man den Betreibern, dann ja. Schon die Castoren schirmen demnach so viel Strahlung ab, dass kaum etwas nach außen dringt. Proben aus Ahaus und Gorleben hätten „keine aus dem Betrieb der Zwischenlager stammende Radioaktivität“ ergeben. Beide Lager könnten auch Erdbeben, Hochwasser und Flugzeugabstürzen trotzen.
Wegen der Strahlung scheint sich auch Felix Ruwe wenig Sorgen zu machen. Immerhin begibt er sich immer wieder für Protestaktionen in die Nähe der Lagerhalle, die inmitten eines abgesperrten Bereichs kurz vor dem Ortseingangsschild steht.
Dennoch sieht er Gefahren. Da sind die Castoren, die für 40 Jahre genehmigt wurden, was bei vielen nur bis 2036 reicht. „Die Behälter altern unter dem Einfluss von Radioaktivität und die Dichtungen werden mürbe“, sagt Ruwe. „Das heißt, Sie können danach nicht einfach so weitermachen.“

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Genau das aber werde wohl passieren, da sich die Endlagersuche hinziehe und somit der Druck steige, Zwischenlager länger zu nutzen. „Das wird irgendeiner am Schreibtisch entscheiden und sagen, die Castoren halten auch wohl 100 Jahre“, meint Ruwe.
Hinzu kommt das Risiko eines Anschlags. Tatsächlich braucht man nur Minuten in der Nähe des Zwischenlagers zu halten, um nervösen Besuch vom Sicherheitsdienst zu bekommen. „Mit einer Panzerfaust könnte man da einen scheunentorgroßen Eingang reinschießen“, sagt Ruwe. „Der nächste Schuss geht dann durch zwei Castoren durch.“
Solchen Bedenken zum Trotz fallen die Transporte in eine Zeit, in der viele in der Kernkraft wieder eine attraktive Option sehen. Frankreich hat Ausbaupläne, global treiben China und Russland den Bau von Reaktoren voran, in Deutschland trommelt die AfD für Atomenergie – und zuletzt kamen auch aus der CDU entsprechende Signale.
2013 lief die Genehmigung aus
Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sprach sich für den Bau von Mini-Kernkraftwerken aus, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bezeichnete den Atomausstieg als „strategischen Fehler“.
Michael Räckers ist Fraktionsvorsitzender der CDU in Ahaus. Bei der Kommunalwahl 2025 konnte er ein Ergebnis einfahren, das jeden Bundespolitiker vor Neid erblassen ließe. Im Stadtrat hat die CDU seitdem wieder eine absolute Mehrheit.
Räckers sagt, er sei schon auf seinem Schulweg zweimal täglich am Zwischenlager vorbeigekommen. Als in den 90ern die Anti-Atom-Proteste eskalierten und Tausende Aktivisten nach Ahaus lockten, Straßenkämpfe mit der Polizei und Wasserwerfer inbegriffen, trat Räckers in die Junge Union ein.
„Losgelöst davon, ob man jetzt pro oder contra Atomkraft ist“, sagt er, „war für uns damals klar: Irgendwo muss es hin. Es ist ja schließlich da. Und es ist auch noch sehr lange da.“ In Ahaus habe die CDU damit lange in Opposition zu den anderen Parteien gestanden. Aber: „2016 war dann ein Wendepunkt. Da kam Jülich ins Spiel.“

Eigentlich sollten die Castoren aus Jülich nie nach Ahaus gelangen. 2013 aber lief die Genehmigung für das Behälterlager Jülich aus, weil dessen Erdbebensicherheit nicht rechtzeitig nachgewiesen wurde. 2014 entschied die Landesregierung, die Brennelemente müssten woanders hin.
Seit 2016 existiert eine Genehmigung für die Einlagerung in Ahaus. Damals habe der Ahauser Stadtrat einstimmig entschieden, zu klagen, sagt Räckers. „Wir sind vertraglich vereinbart als Entsorgungsstandort für Hamm-Uentrop und einige Forschungsreaktoren. Aber Jülich ist etwas anderes. Das war nie vereinbart.“
Die Klagen der Stadt Ahaus und des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland konnten die Castor-Transporte um einige Jahre verzögern, letztlich aber nicht verhindern. Im Dezember 2024 urteilte das Oberverwaltungsgericht in Münster, die Brennelemente aus Jülich dürften in Ahaus gelagert werden. Damit sei das Kapitel für ihn geschlossen, sagt Räckers.
„Das ist völlig unwirtschaftlich!“
Die Milde des CDU-Manns mag damit zusammenhängen, dass Ahaus für das Lager eine Art Entschädigungszahlung bekommt, die für 2026 auf rund zwei Millionen Euro angehoben wurde. Bei allem Pragmatismus sagt Räckers zum Thema Atomkraft aber auch: „Man muss kritisieren, dass wir zu sehr auf Sicht gefahren sind. Wir haben gedacht, dass wir mit der Schachtanlage Asse und mit Gorleben etwas haben, das für Jahrtausende hält. Haben wir aber nicht.“
Er könne zwar verstehen, wenn Politiker den Atomausstieg heute als Fehler bezeichneten. „Da spielt ja auch mit rein, dass alternative Technologien wie Gas bei dem Ziel, CO2-neutral zu werden, nicht helfen.“ Er plädiere daher „uneingeschränkt für eine technologieoffene Forschung“. Und dennoch: „Ich sehe nicht, dass wir in Deutschland absehbar zur Atomenergie zurückkehren. Das wird nach erfolgtem Ausstieg einfach nicht passieren.“
Felix Ruwe von der Bürgerinitiative hält das Argument der vermeintlich sauberen Atomenergie für Unsinn. Tatsächlich berechnete das Öko-Institut vor einigen Jahren, dass die CO2-Bilanz von Atomstrom deutlich unter der fossiler Brennstoffe liege, zugleich aber noch über der Bilanz von Wind- und Solarstrom.
Ganz zu schweigen von den Kosten: „Das ist völlig unwirtschaftlich!“, ruft Ruwe, und eine Fraunhofer-Studie von 2024 deckt seinen Befund: Demnach lägen die Kosten für Strom aus neuen Atomkraftwerken bei 13,6 bis 49 Cent pro Kilowattstunde. Bei Wind- und Solaranlagen wären es nur 4,1 bis 14,3 Cent. Dabei ist die Lagerung der radioaktiven Abfälle noch nicht eingerechnet. Und die schlägt in Deutschland weiter zu Buche, obwohl seit April 2023 alle Kraftwerke abgeschaltet sind.
Allein für 2026 sind im Bundeshaushalt rund 1,5 Milliarden Euro für Zwischen- und Endlager eingeplant. Besserung ist nicht in Sicht.
Was aber, wenn wir die Castoren einfach ins Weltall schössen? Wäre damit nicht allen geholfen? Bei der Idee lacht Ruwe kurz auf, aber seine Stimme verliert gleich wieder den freudigen Ton, als er erwidert: „Das würde mehr Energie kosten, als man je daraus gewonnen hat.“ Zudem bestehe das Risiko von Unfällen. „Und dann“, sagt Ruwe, „hat man es auch nicht schön“.
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