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Drachenzähmen für Anfänger
Viele Männer wollen heute anders Vater sein als früher. Doch im Alltag brechen oft alte Muster durch. Zwei Väterberater aus Münster möchten helfen – auf ganz unterschiedliche Weise.
Der Ort, an dem Gunter Beetz aus Männern bessere Väter machen will, liegt eine gute halbe Stunde außerhalb von Münster. Wer dorthin will, muss im Auto so lange durchs Münsterland kurven, bis die Straßen keine Namen mehr haben. Irgendwann biegt man auf einen Schotterweg ab und dann hat man das Ziel erreicht: ein kleines Waldstück mit Outdoor-Küche, Komposttoilette und Jurte.
Beetz ist Sozialpädagoge und spezialisiert auf die Arbeit mit Vätern. Im Wald organisiert er regelmäßig Seminare. Zum zweiten Mal richtet er dieses Jahr ein Angebot für „Väter der nächsten Generation“ aus. Also für Männer, die es besser machen wollen als ihre eigenen Väter.
Vier Tage campen die Männer im Wald. Bauen Tarps, einfache Schutzdächer aus Planen, machen Lagerfeuer, kochen und essen gemeinsam, tauschen sich aus, unterstützen einander. Und sie bezwingen ihren inneren Drachen. „Wer in den Wald kommt, hat den Ruf seines Drachen gehört“, sagt Gunter Beetz.

In seiner Welt ist der innere Drache ein Symbol für die Schatten des Vaterdaseins. Alte Rollenbilder, falsche Glaubenssätze, zu hohe Ansprüche. Du musst deine Familie ernähren, deinem Kind Grenzen setzen, streng sein. Aber du musst auch liebevoll sein, Frau und Kind beschützen, ein Vorbild, ein Fels in der Brandung sein.
Der innere Drache belastet viele Väter, er zwingt ihnen zu viele Aufgaben und Ansprüche auf. Deshalb wollen sich immer mehr Männer ihrem Drachen stellen. So könnte man zumindest den Väterreport 2023 des Bundesfamilienministeriums verstehen: Acht von zehn Vätern wünschen sich demnach eine aktivere Rolle in der Familie. Die meisten möchten die Kinderbetreuung gleichberechtigt mit ihren Partnerinnen aufteilen.
Das Fazit des Berichts lautet: Das alte Rollenmodell mit dem Vater als Familienoberhaupt hat langsam ausgedient. Und doch vollzieht sich der Wandel nur langsam: „Viele Paare gehen gleichberechtigt in den Kreißsaal und kommen als traditionelle Familie wieder heraus“, sagt Gunter Beetz. Diese Erfahrung habe er als Väterberater schon oft gemacht.
Aber warum schaffen es Väter so selten, nach ihren Vorstellungen zu leben? Was hindert sie daran?
Wer nach Antworten auf diese Fragen sucht, lernt schnell: Die Sache ist kompliziert. Es geht um gesellschaftliche Geschlechternormen, aber auch um individuelle Herausforderungen. Kurz: um das Patriarchat und um den inneren Drachen.

Unser Ziel: 150.000 Euro für investigative Recherchen, Veranstaltungen und Diskussionsformate, Medienkompetenzseminare für Schülerinnen und Schüler, einen Veranstaltungskalender für Münster und neue journalistische Formate.
Wenn Sie sich beteiligen, investieren Sie in mehr als nur in ein Medienunternehmen – Sie investieren in eine demokratische Öffentlichkeit und in eine starke Stimme für Ihre Stadt. Wenn Sie Fragen haben, schreiben Sie uns gerne.
Zwei Männer aus Münster wollen ratlosen Vätern helfen, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Der Coach Stephan Braun, der jeden Monat Väter an einen Tisch bringt und sie dabei unterstützt, über ihr Vatersein nachzudenken. Und eben Gunter Beetz, der mit den Vätern im Wald auf die Suche nach ihren Ängsten, Wünschen und ihren inneren Drachen geht.
Wie sieht das Ungeheuer aus?
Ein rauer Mittwochmorgen im Wald. Die Luft ist kalt und riecht nach nassem Laub. Über den Bäumen hängen dicke Wolken. Gunter Beetz, 46, schreitet über den aufgeweichten Boden. Bei jedem Tritt bleibt Erde unter den Sohlen seiner Wanderstiefel kleben.
Genauso beginnt das Seminar für viele Väter. Die Natur wirken lassen. Das ist die erste Aufgabe. Beetz nennt es einen „intuitiven Spaziergang“. Die Männer sollen den Wald spüren und sich fragen: Was löst die neue Umgebung in mir aus? So sollen sie ihre Sinne schärfen, für das, was als Nächstes auf sie zukommt.

Beetz bleibt vor einem Baum stehen. Er zeigt auf Totholz, Blätter und Moos. Es sind Überbleibsel aus dem letzten Waldseminar. „Hier hat ein Vater ein Ruderboot nachgebaut“, sagt Beetz.
Das Boot ist das Ergebnis der zweiten Aufgabe: Die Väter müssen mit Naturmaterial eine Szene nachbauen. Das Arrangement soll sie an Licht und Schatten aus ihrer Kindheit erinnern.
Wie war das mit ihren eigenen Vätern, als sie klein waren? Stand der Vater am Steuer und navigierte die Familie durch die stürmische See? Oder saßen alle gleichberechtigt an den Paddeln und steuerten über das Meer? Oder gab die Mutter den Takt vor?
„Viele schütten bei der Übung ihr Herz aus“, sagt Beetz. Oft stellten die Männer ihre traumatischen Erlebnisse aus der Kindheit nach. Szenen, in denen die Väter ständig auf Arbeit und nie bei ihnen waren. Szenen, in denen die Väter gesoffen haben oder gewalttätig wurden. Für viele Väter ist die Übung extrem anstrengend. Und sie ist erst der Anfang des Seminars.
In der nächsten Aufgabe geht es um ihren inneren Drachen. Wie sieht das Ungeheuer aus? Und woraus besteht der Drache? Aus Wut, Ängsten, Gewalt? Und welche Funktion hat dieses Monster für das Vatersein? Auch das sollen die Väter bei einem intuitiven Spaziergang herausfinden. Danach sollen sie es mit den anderen teilen. Die Männer sollen bei dieser Übung ins Gespräch kommen und einander Ratschläge für die Vaterrolle geben.
Mit den Waldseminaren will Gunter Beetz den Vätern über eine Schwelle in einen neuen Lebensabschnitt helfen. Du bist jetzt kein alleinstehender Mann mehr, du bist jetzt Vater. Das ist die Botschaft. Die Männer sollen sich auf sich besinnen, auf ihre Rolle, ihre Glaubenssätze, und sie sollen Gefühle reflektieren.

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Am Ende der vier Tage im Wald sollen die Männer ihren inneren Drachen im Griff haben. „Wenn ich ihn kenne, kann ich in bestimmten Situationen besser reagieren“, sagt Beetz. „Dann verstehe ich, woher zum Beispiel meine Wut kommt und wie ich damit umgehen muss.“
Aber macht das Seminar im Wald die Männer zu guten Vätern? Gunter Beetz überlegt kurz. Er sitzt auf einem Campingstuhl in der Outdoorküche. Dann sagt er: „Es macht sie auf jeden Fall zu bewussteren Vätern.“
Die Männer lernen, auf ihren inneren Drachen zu hören und seine Alarmsignale ernst zu nehmen. Beetz fragt seine Teilnehmer oft: Was sollen Kinder mal über euch erzählen, wenn sie 25 sind? Dass ihr nie da wart, weil ihr immer nur gearbeitet habt? Oder dass ihr all eure Träume aufgegeben habt, weil ihr euch für eure Familie aufgeopfert habt?
Die Antworten steckten meist schon in den Vätern, das Waldseminar würde ihnen helfen, sie ins Bewusstsein zu holen, sagt Beetz. Und dann schließt er seinen Kurzvortrag ab: „Ja, ein guter Vater ist auch immer ein bewusster Vater.“
Väter after Work
Der Abend liegt über dem Martiniviertel. Der Feinkostladen „Borgo Radici“ hat offiziell schon geschlossen, trotzdem stehen Limonade, Ofenchips, Bier und Weißwein auf dem kleinen Holztisch in der Mitte. Zwei bunte Dekokerzen spenden fünf Männern Licht.
Sie sind zum „Väter after Work“ gekommen, ein Gesprächsangebot, das der Coach Stephan Braun einmal im Monat organisiert und das sich so intim anfühlt wie eine Selbsthilfegruppe und so unbeschwert wie ein Stammtisch.
Bevor es an diesem Abend losgeht, wollen die Väter aber noch wissen, was ihrem Coach passiert ist. „Was haste’n gemacht, Stephan?“ – „Ich bin im Skiurlaub beim Snowboarden gestürzt“, sagt Braun, den linken Arm trägt er in einer Schlaufe. Lange will er nicht darüber reden. Schließlich geht es an diesem Abend um die Väter und ihre Sorgen, nicht um ihn.

Braun möchte lieber über Gelassenheit im Alltag sprechen. Zu jedem „Väter after Work“-Treffen bereitet er einen Kurzvortrag vor, einen Eisbrecher für die Gesprächsrunde. Die Männer am Tisch stoßen an: „Auf die Väter!“, dann beginnt die Gesprächsrunde offiziell.
Noch ehe Braun zu seinem Referat ansetzen kann, sagt einer der Väter etwas. Er heißt Jonas und möchte unbedingt etwas loswerden: „Ich war dieses Wochenende das erste Mal mit meiner Tochter alleine“, sagt er.
Auf dem Spielplatz sei alles okay gewesen. Aber die erste Nacht – eine Katastrophe. Das Essen auch, erzählt er. Beim Mittagsschlaf habe er sich zu seiner Tochter gelegt, so kaputt sei er gewesen.
Jonas‘ Tochter ist anderthalb Jahre alt und, wie er sagt, ein Schreikind. Das Beruhigen, das ständige Hochheben und Absetzen sei schon in der ersten Zeit so kräftezehrend gewesen, dass seine Frau einen Bandscheibenvorfall bekommen habe. Jetzt müsse sie zweimal in der Woche zum Reha-Sport.
„Die letzte Woche musste ich komplett freinehmen, damit wir alles hinbekommen“, sagt Jonas. Über das Wochenende ist seine Frau in die Eifel gefahren. Die Auszeit sei bitter nötig gewesen, aber für Jonas auch ganz schön anstrengend. „Ich bin echt froh, wenn im August die Kita losgeht“, sagt er.
„Konntest du dich denn mal verabreden?“, fragt Stephan Braun.
„Ich wollte mit einem Kumpel Pläne schmieden“, antwortet Jonas. „Aber die Tage waren viel zu voll mit Rausgehen, Spielplatz, Essen, Wickeln.“
„Für mich war das erste Wochenende alleine mit den Kindern eine Erleuchtung“, sagt Braun. „Danach habe ich mich gefragt: Wie schafft meine Frau das alles alleine mit den Kindern?“
Braun, 50, moderne Brille, weiße Sneaker, dynamische Figur, arbeitete früher im Marketing, machte 50 bis 60 Stunden die Woche. In dieser Zeit hatte er das Gefühl, seine Frau mit den drei gemeinsamen Kindern im Stich zu lassen.
Als die Kinder dann älter waren, hatte Braun genug. Vor vier Jahren hörte er auf und ließ sich zum Coach ausbilden. Jetzt berät er Männer wie Jonas, die in einer ähnlichen Situation stecken wie er damals. Männer, die Rat und Unterstützung suchen oder sich austauschen wollen.
Kein einziges Mal bringt Stephan Braun an diesem Abend einen dieser typischen „Du musst“-Sätze. Du musst deinem Kind Grenzen setzen. Du musst die Küche aufräumen, wenn dein Kind schläft. Du musst deiner Frau immer beistehen. Du musst, du musst, du musst. So fangen Sätze an, die Druck aufbauen und Väter in Rollen pressen.
Stephan Braun sagt, er mag das Wort Vaterrolle gar nicht: „Du bist ja immer Vater und kannst diese Rolle nicht einfach ablegen.“ Er arbeitet deshalb nach dem Prinzip: Vatersein lernt man. Lasst uns zusammen herausfinden, wie das geht.
Und was ist für ihn ein guter Vater? „Das ist eine große Frage“, antwortet Braun. Die meisten Männer müssten darauf eine eigene Antwort finden. Das gelinge ihnen, wenn sie präsent seien, Verantwortung für ihre Familie übernähmen, Dinge mit ihren Kindern erlebten, die Bindung schaffen.
„Mein Kumpel und sein Vater – die lieben sich“
Am Freitag nach dem „Väter after Work“ sitzt Jonas in der Mittagssonne vor dem Café „Herr Hase“ im Mauritzviertel. Er wohnt um die Ecke. „Aber bisher hab ich es nie hierhin geschafft“, sagt Jonas, „meine Tochter, du weißt schon.”
Warum geht er zum „Väter after Work“? „Der Austausch tut total gut“, antwortet Jonas. Männer seien ja eher schlecht im Netzwerken, es sei denn, es gehe um Sport. Die Treffen gäben einen geschützten Rahmen. „Beim letzten Mal hatte sich ein anderer Vater richtig geöffnet und gesagt, er schreit immer rum, wenn es hektisch wird“, erzählt Jonas. Trotzdem habe niemand den aufbrausenden Vater verurteilt.
Jonas sagt, beim „Väter after Work“ könne man ehrlich sein. Auch mal jammern, ohne gleich eine Lösung serviert zu bekommen. Mal sagen, wie schlecht es einem gehe. Zustimmung erfahren. Und natürlich helfe es einem, herauszufinden, was für ein Vater man sein will.
Und was für ein Vater will er selbst sein?
Jedenfalls kein Fels in der Brandung, antwortet er. Lieber ein sicherer Hafen. Ein guter Kumpel von ihm habe so einen sicheren Hafen als Vater. Der sei immer dagewesen, habe zugehört, Schutz und Geborgenheit gegeben, ihn nachts von Partys nach Hause gefahren, aber auch Grenzen aufgezeigt, auf Augenhöhe. „Mein Kumpel und sein Vater, die lieben sich einfach“, sagt Jonas.
Eine gute Stunde erzählt Jonas über das Vatersein, seine Wünsche, seine Herausforderungen, über Mental Load, die unsichtbare Last, immer mitdenken zu müssen, und Arbeitsteilung mit seiner Frau. Sein bester Freund könne diese schweren Themen oft nicht so ganz nachvollziehen. Er habe keine Kinder. Und dann gibt es auch wieder andere Momente, wie an diesem Vormittag: „Da hat meine Tochter zum ersten Mal eine Banane in die Hand genommen und gegessen.“ Jonas strahlt, als er davon erzählt. Vielleicht ist das eines dieser Gefühle, die man nur als Vater empfinden kann.
Der Beitrag ist in Zusammenarbeit mit der Reportageschule Reutlingen entstanden.
Lektorat: Susanne Bauer
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