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2025-11-03-Dirk-Reinhardt-Interview

„Es ist nicht radikal, die Umwelt zu schützen – es ist radikal, sie zu zerstören.“

Dirk Reinhardt hat mit seinem Buch „No Alternative“ auf der Frankfurter Buchmesse den Jugendliteraturpreis von der Jugendjury bekommen. Das Buch beschreibt, wie sich eine 17-Jährige zwischen Idealismus, Ohnmacht und Radikalisierung verliert. Im Podcast-Interview erzählt der Autor aus Münster, wie er auf die Ideen für seine politischen Jugendromane kommt und warum ihm gerade das Klima-Thema so am Herzen liegt.

von Anna Niere • Titelfoto: Sebastian Kissel

Dieses Interview ist gleichzeitig die zweite Folge des RUMS-Podcasts „Die große Frage“.

Sie waren zuerst Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Münster – wie sind Sie von dort aus zum Schreiben gekommen?

Reinhardt: Ich habe erst journalistisch gearbeitet, nebenher konsequent geschrieben und Manuskripte an Verlage geschickt. Irgendwann hat es geklappt: Meine ersten – eher kinderbuchnahen – Romane erschienen bei Bloomsbury in Berlin. Das sollte eine längere Reihe werden, wurde aber eingestellt, weil der Verlag wirtschaftlich ins Straucheln geriet. In dieser Phase habe ich mich an ein Thema aus dem Geschichtsstudium erinnert: Jugendbewegungen, Widerstand, Subkulturen.

Welches war das?

Eigentlich wollte ich mal über die Edelweißpirat:innen arbeiten, die gegen die Nationalsozialisten aktiv waren. Aus dieser Spur wurde dann der Jugendroman „Edelweißpiraten“ (2012) – und der wurde sehr schnell Schullektüre, oft parallel zum NS-Thema in Klasse 9/10. Da habe ich das erste Mal gedacht: Vielleicht kann ich doch vom Schreiben leben. Danach kam „Trainkids“: Dafür bin ich nach Mexiko gereist, habe – mit etwas Unterstützung von Amnesty International – Jugendliche getroffen, die auf Güterzügen Richtung USA geflohen sind. Ihre Geschichten sind in den Roman geflossen. Auch der wurde viel an Schulen gelesen.

Jetzt kam noch der Jugendliteraturpreis von der Jugendjury dazu. Was bedeutet Ihnen ausgerechnet die Auszeichnung der Jugendjury?

Reinhardt: Sehr viel. Der Preis der Jugendjury ist emotional besonders, weil die Zielgruppe meiner Romane selbst entscheidet. Die Jugendjury besteht aus sechs Jugendleseklubs mit je 15 bis 25 Mitgliedern, die sich zum Beispiel an Buchhandlungen, Bibliotheken oder Schulen gründen. Sie bewerben sich beim Arbeitskreis für Jugendliteratur und sitzen zwei Jahre in der Jury. Die Clubs sichten Neuerscheinungen, lassen sich von Verlagen Bücher schicken, diskutieren, nominieren sechs Lieblingstitel, stellen die im März in Leipzig vor – und im Oktober wird in Frankfurt der Siegertitel gekürt. Das geschieht per Punktesystem (Ränge 1 bis 6), und es bleibt wirklich bis zum Schluss geheim. Auf der Buchmesse in Frankfurt performen einige der Jugendlichen die sechs Titel auf großer Bühne, bevor der Umschlag geöffnet wird.

Wie haben die Jugendlichen begründet, dass „No Alternative“ gewonnen hat?

Reinhardt: Die Jury schrieb, Klimaschutz sei ein wahnsinnig wichtiges Thema, das aber medial wie politisch in den Hintergrund gerückt sei. Viele Debatten drehen sich um andere – ebenfalls gewichtige – Krisen, während beim Klima gern kleingedruckte Absichtserklärungen stehen, aber wenig Substanz passiert. Am Roman mochten sie, dass er keine fertige Meinung serviert, sondern eine Handlung mit unterschiedlichen Protagonist:innen, Konflikten und Positionen. Leser:innen sollen sich selbst verorten: Wie weit gehe ich mit Emma mit? An welcher Stelle ist meine persönliche Grenze? Diese ernsthafte Zumutung zur eigenen Haltung – statt pädagogischer Ansage – war für die Jugendjury ausschlaggebend.

Sie haben gerade schon von Emma gesprochen. Mögen Sie einmal kurz den Inhalt vom Buch zusammenfassen?

Reinhardt: Die 17-jährige Emma klettert auf die Spitze des Frankfurter Messeturms, befestigt am Blitzableiter ein Transparent mit „No Alternative“. Danach erzählt der Roman, was sie dahin führt: Emmas Weg in die Frankfurter Klima- und Umweltschutzszene, ihre Motivation – und der Tod ihres Freundes Patrick bei einer früheren Aktion, unter nie ganz geklärten Umständen. Dieser Verlust stürzt sie in eine massive Krise. In einer TV-Talkshow äußert sie sich radikal – aus Trauer, Wut, Sprachlosigkeit heraus –, was eine große öffentliche Debatte auslöst. Kurz darauf spricht sie Valerie an, ein paar Jahre älter, Mitglied einer Untergrundgruppe, die sich No Alternative nennt. Valerie wirbt Emma an. Emma ringt lange und entscheidet sich schließlich, einzusteigen – wissend, dass das ihr Leben umkrempeln kann. Ab da begleitet der Roman die Aktionen der Gruppe, ihre internen Diskussionen, Emmas persönliche Folgen – und die Reaktionen der Öffentlichkeit. Parallel gibt es eine zweite Perspektive: Finn, 18, früher Emmas Mitschüler, macht in Frankfurt ein Praktikum bei einem großen Nachrichtenmagazin. Er bekommt die Chance, eine eigene Reportage zu schreiben und widmet sie Emma.

Sie beschreiben im Buch eben auch die besagte Talkshow-Szene, in der Emma sehr weit geht. Wie wichtig ist diese Szene für das Buch?

Reinhardt: Da geht’s um die ethische Verschiebung: Emma stellt den gelernten Konsens in Frage, dass es legitim sei, ein Land militärisch zu verteidigen, während beim Planeten – unserer Lebensgrundlage – Gewalt als Mittel grundsätzlich tabu ist. Sie nennt die Natur ihre „Heimat“ und stellt provokant die Frage: Warum ist Selbstverteidigung dort selbstverständlich, hier aber nicht? Ihre rote Linie lautet: keine Gewalt gegen Menschen oder andere Lebewesen. Emma unterscheidet aber strikt zwischen Gewalt und Sachbeschädigung. Letztere hält sie im äußersten Fall – wenn es um den Schutz von Leben geht – für ethisch vertretbar. Genau daran entzünden sich im Roman Gewissenskonflikte.

Wie viel „Letzte Generation“ steckt in der fiktiven Gruppe „No Alternative“ – und umgekehrt?

Reinhardt: Die Organisation im Buch ist fiktiv. Natürlich fließen reale Debatten, Taktiken und Begriffe aus der Gegenwart ein wie die Letzte Generation, Extinction Rebellion, Fridays for Future, aber „No Alternative“ denkt das Szenario weiter: Wenn Umweltzerstörung und Klimaerhitzung fortschreiten und Politik wie Gesellschaft bei halbherzigen Maßnahmen bleiben – welche Formen des Widerstands entstehen dann? Wie reagiert die Gesellschaft? Dieses Gedankenexperiment ist der Motor.

Entstanden ist das Buch in einer Zeit, in der Demos wegen Corona kaum möglich waren. War das ein Auslöser?

Reinhardt: Definitiv. 2021 wurden quer durch den Lockdown meine Lesungen abgesagt – plötzlich hatte ich Zeit. Ich habe mich tief in Klimathemen eingelesen. Ein Schlüsselmoment war der Hungerstreik von Aktivist:innen im Berliner Regierungsviertel im Sommer 2021. Ich bin hingefahren, habe mit Leuten gesprochen – Engagement, Mut, aber auch Frust gespürt: Vor Corona war Fridays for Future enorm sichtbar; während der Pandemie brach die Straßenpräsenz weg. 2022 formierte sich dann die Letzte Generation mit Straßenblockaden. All das floss als Konfliktkulisse ins Buch.

Was für Gedanken teilen Jugendliche auf den Lesungen über Ihr Buch mit Ihnen?

Reinhardt: Sie fragen mich sehr oft: „Wie du das siehst.“ Dabei möchte ich, dass der Roman ein Angebot ist, eine eigene Haltung zu entwickeln. Wenn ich meine Position autoritativ ausrolle, übernehmen manche sie – das will ich nicht. Spannend ist aber auch, wie unterschiedlich die Jugendlichen an den verschiedenen Schulformen den Inhalt des Romans sehen. An Gymnasien ist das Problembewusstsein für Klimathemen meist hoch; an Gesamt-, Real- und Hauptschulen erlebe ich häufiger Skepsis oder Leugnung. Das spiegelt die Filterblasen, die durch Social-Media größer werden. Die Klimabewegung ist überwiegend bildungsbürgerlich. Das ist für die demokratische Aushandlung problematisch.

Ihre Themen sind häufig sehr global: Flucht, Migration, Klima. Warum diese Richtung – und nicht „nur“ Geschichten aus dem direkten Alltag?

Reinhardt: Erstens, weil es solche politisch-realistischen Jugendromane weniger gibt als etwa Mobbing- oder Liebesgeschichten. Zweitens, weil mich diese Themen umtreiben. Und ich kann nur packend schreiben, wenn ich dafür brenne. Jugendromane brauchen Figuren, Konflikte, Tempo – das Politische schwingt mit, wird aber nicht vorgekaut.

Wie politisch sollten Jugendbücher sein?

Reinhardt: Sie müssen nicht politisch sein. Es gibt viele spannende Themen, die nicht primär politisch sind – außer man vertritt „Alles Private ist politisch“, dann wäre jeder Jugendroman politisch. Versteht man Politik im engeren Sinne – wie in „No Alternative“ oder „Edelweißpiraten“ –, dann finde ich es extrem wichtig, dass es solche Angebote auch gibt.
Das größte Genre in der Jugendliteratur ist noch immer Fantasy. Dagegen ist nichts zu sagen – man darf auch mal alles vergessen und in eine andere Welt eintauchen. Aber es muss auch das Angebot geben, sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen. Die jungen Leute von heute sind die Entscheidungsträger:innen von morgen. In zwei, drei Jahrzehnten treffen sie maßgebliche Entscheidungen. Deshalb ist es wichtig, sie mit diesen Themen zu konfrontieren – und meine Erfahrung ist: Sie lassen sich gern darauf ein. Man muss sie nur richtig packen, in ihrer Lebensrealität ansetzen und ihnen keine vorgefertigten Meinungen aufzwingen.

Welches Thema werden Sie im kommenden Roman beschreiben?

Reinhardt: Nach „No Alternative“ war ich länger unsicher: Was kann wichtiger sein als der Schutz des Lebens und der Natur? Ich überlegte kurz, das Thema aus einer anderen Perspektive aufzugreifen – der des Globalen Südens (Stichwort „Climate Justice“). Die Schwierigkeit: der Vorwurf kultureller Aneignung. Ich bin aus mehreren Gründen davon abgekommen. Dann las ich das Sachbuch „Jedes fünfte Kind“ von Katrin Boldebuck. Es zeigt: In Deutschland lebt inzwischen jedes fünfte Kind in Armut oder ist armutsgefährdet. Dieser Prozentsatz ist in den letzten 20 Jahren stark gestiegen. Ein großer Teil dieser Familien sind alleinerziehende Mütter – weit mehr als die Hälfte. Das zeigt: Armut ist kein individuelles Versagen, sondern strukturell. Boldebuck beschreibt, was das konkret für Kinder bedeutet, welche Coping-Strategien sie entwickeln und wie sie versuchen, da herauszukommen. Das Thema habe ich mir jetzt vorgenommen. Auch, weil ich gesehen habe: „Perfect Storm“ und „No Alternative“ sind thematisch und literarisch so komplex, dass sie fast nur an Gymnasien gelesen werden – nicht mehr an anderen Schulformen. Das finde ich schade. „TrainKids“ wird überall gelesen; der Erzähler ist ein 14-Jähriger aus Guatemala, der kaum zur Schule ging – entsprechend einfach ist die Sprache. Ein Roman über Armut wäre an nicht-gymnasialen Schulformen präsenter – das motiviert mich zusätzlich.

Wohin führt dann die Recherchereise? Gibt Münster eventuell die Inspiration?

Reinhardt: Ich weiß noch nicht, ob ich ihn in einer real existierenden Stadt ansiedle. Sonst klingt das so, als würde ich eine Stadt an den Pranger stellen. Münster ist zwar ein „nettes, schönes Puppenstübchen nördlich vom Ruhrgebiet“, aber natürlich gibt es auch hier Armut. Wahrscheinlich wird es aber eine fiktive Stadt. Wichtig ist mir, Menschen aus dem Milieu kennenzulernen, die bereit sind, zu sprechen. Dann kann man authentischer und lebensechter schildern. Ich bin gerade dabei, solche Begegnungen zu suchen, die Recherche abzuschließen und das Konzept zu entwickeln. (ani)

Das komplette Interview hören Sie im Podcast, das hier ist die gekürzte Version.

Weitere Informationen: Dirk Reinhardt arbeitete als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Münster und als freier Journalist – bevor er Autor wurde. 2012 erschien sein erster politischer Jugendroman „Die Edelweißpiraten“.

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