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„Aha, so sieht also ein Verleger aus“
Vor 40 Jahren gründete Josef Kleinheinrich in Münster einen kleinen Verlag. Gleich zwei seiner Autoren gewannen den Literaturnobelpreis. Ein Zufall?
Dem Buch, dem Josef Kleinheinrich sich zuwendet, wenn er im Leben nicht mehr weiter weiß, ist Das Alphabet der dänischen Dichterin Inger Christensen. Für ihn eines der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts. Sie schrieb es in einer Schreib- und Sinnkrise, sammelte Substantive aus dem Wörterbuch auf weißen Zetteln, mit A, mit B, mit C, und versuchte dann anhand der Fibonacci-Folge, bei der jede Zahl die Summe der beiden vorherigen Zahlen darstellt, einen roten Faden reinzubekommen.
Sie fing mit A an, eine Zeile (0+1=1): „Die Aprikosenbäume gibt es, die Aprikosenbäume gibt es.“
Fuhr mit B weiter, zwei Zeilen (1+1=2): „Die Farne gibt es, und Brombeeren, Brombeeren / und Brom gibt es; und den Wasserstoff, den Wasserstoff.“ Alles Wörter, die im Dänischen mit B beginnen.
Dasselbe mit C, drei Zeilen (1+2=3): „Die Zikaden gibt es; Wegwarte, Chrom / Und Zitronenbäume gibt es; die Zikaden gibt es; / die Zikaden, Zeder, Zypresse, Cerebellum.“
Und so weiter, 173 Seiten lang.
Diese Aufzählung der Dinge, sagt Kleinheinrich, mache das Werk zu einem Schöpfungsgedicht. Christensen habe sich damit die Welt noch einmal neu aufgebaut, um sich ihr zu vergewissern. Der Welt jeden ihrer Bestandteile einzeln zusprechen – genau das tut Kleinheinrich schon sein ganzes Berufsleben lang. Das wird beim Besuch in seinem Atelier im Oer’schen Hof klar.
Kleinheinrich verlegt seit 40 Jahren Bücher. Allein und kunstvoll. Was 1986 als Versuch begann, skandinavische Literatur für den deutschsprachigen Raum zu erschließen, hat heute internationalen Rang: Literaturnobelpreisträger wie Tomas Tranströmer und Jon Fosse haben mit ihm gearbeitet. 2024 wurde er außerdem in die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste aufgenommen. Anlass genug, den Mann hinter dem eigenwilligen Verlagsprojekt näher vorzustellen.
Von Inger Christensen hat Kleinheinrich inzwischen fast alles verlegt. Als er 1978 in Turnschuhen, Jeanshose und -jacke für ein Jahr nach Kopenhagen zog, wusste er schon, dass er einen Verlag gründen wollte, der die skandinavische Literatur und Lyrik dem deutschsprachigen Raum zugänglicher machen sollte.

Bis dahin las man hierzulande höchstens Krimis aus Dänemark, Norwegen, Schweden. Aber weil Kleinheinrich als Skandinavistikstudent auch alles andere lesen und verstehen konnte, wusste er, dass die skandinavische Szene mehr zu bieten hatte als Henning Mankell.
Er wollte die Welt wissen lassen, dass „es dort sehr ernstzunehmende Literatur gibt, die international von ganz großer Bedeutung ist.“ Inger Christensen war damals eine der ersten Dichterinnen und Dichter, die er als 25-Jähriger anrief.
Kopenhagen hat Kleinheinrich zu dem gemacht, was er heute ist: weltgewandt. Aufgewachsen in Harsewinkel in „normalen Verhältnissen“, mit einer Mutter, die Zither spielte, und einem Vater, der sein Leben lang für die Firma Claas gearbeitet hat, entdeckt er in Dänemark dann endgültig die Hochkultur: Er besuchte Museen, war dauernd in der Oper, weil die Karten für die Plätze im obersten Rang billiger waren als fürs Kino, hat das Ballett geliebt und die Architektur der Stadt studiert. Dass Bedeutung sich aus achtsamer Beobachtung ergibt, das dürfte er dort gelernt haben.
„Die dänische Kultur, muss man sagen, hat mich schon sehr eingenommen“, sagt er, der seit 1978 „zwei-, drei-, viermal“ im Jahr in Dänemark war. Früher, sagt er, als er von Puttgarden nach Rødby noch die Fähre nehmen musste, um nach Kopenhagen zu kommen, habe er auf der Ostsee immer angefangen, auf Dänisch zu denken.
Seit 1986 hat Kleinheinrich über hundert Werke herausgegeben. Vergangenes Jahr hat er seine private Büchersammlung an das Kunstmuseum Kolumba in Köln verkauft, ein Konvolut aus etwa 120 Werken, die ihm auf die eine oder andere Art alle gewidmet sind. „Es ist im Grunde genommen die Geschichte des Verlags“, sagt er.
Dass seine Bücher von einem Kunstmuseum und nicht von einem Literaturarchiv aufgenommen wurden, rührt daher, dass er keine „normalen“ Bücher herausgibt, wie sie bei Thalia oder Poertgen Herder liegen. Zwar haben auch sie einen Buchdeckel, -block und -rücken, aber sie sind bibliophil, das heißt sehr schön gestaltete Sammlerstücke, die zwischen 20 und 20.000 Euro kosten.
Für das Buch mit dem Alphabet, das 40 Euro kostet, hat Kleinheinrich den dänischen Maler Per Kirkeby gebeten, Radierungen anzufertigen, die sich mit Christensens Aufzählung der Dinge abwechseln. Auch deswegen steht auf dem Messingschild, das wie eine Fahne von der Fassade des Oer’schen Hofes hängt: „BuchKunst“; auch deswegen lautet Kleinheinrichs Email-Adresse nicht info@kleinheinrich.de, sondern art@kleinheinrich.de.
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Im zweiten Stock seines Ateliers, wo ersichtlich wird, dass sich hier einst die Hauskapelle des Oer’schen Hofes befand, ist außer der Kuppeldecke und dem Dielenboden alles weiß. Auch die zwei Stühle, auf denen zum Schutz des antiken Seidenbezugs weiße Tücher liegen.
Kleinheinrich führt durch sein Atelier, als gäbe er eine Führung durch ein Kunstmuseum. Die Stühle hat er – natürlich – in Kopenhagen gekauft. Sie sind aber aus Schweden, aus dem 18. Jahrhundert, gustavianischer Stil.
Neben den Stühlen stehen in dem runden Raum drei weiße Tische, allesamt von der Designerin Anne Demeulemeester. Sie gehöre den Antwerp Six an, erklärt er, jenen sechs Modedesignern, die allesamt an der Königlichen Akademie der Schönen Künste von Antwerpen studiert und in den Achtzigerjahren die Modewelt aufgemischt haben. Dries van Noten, zum Beispiel, gehöre auch dazu.
Die Tischplatten von Demeulemeester fühlen sich an, als würde man über einen Gipsverband streichen. Es sind Leinwände. Dass Kleinheinrich schon Anfang 20 wusste, dass er einen eigenen Verlag gründen wollte, hat auch mit seiner Liebe zum Haptischen zu tun.
Er sei früh fasziniert gewesen davon, wie Bücher haptisch erfahrbar, wie sie gestaltet, welche Papiere und welche Leinen verwendet worden seien. Das Alphabet von Inger Christensen, um bei seinem Lieblingsbuch zu bleiben, hat einen beigen Leineneinband und ist in einer Art durchsichtigen Backpapier eingefasst – die eine Oberfläche rau, das andere glatt, beide „haptisch erfahrbar“.
Kleinheinrichs Atelier erinnert an einen Concept Store, einen Ort, an dem Produkte, Kunst und Design zu einer inszenierten Welt verschmelzen: Alles, was er anbietet, passt farblich zueinander, die Bücher, die Keramik, die Kunst, die Secondhand-Kleidung auf der Schneiderpuppe. Rechts von der weißen Glastür steht ein langer Tisch, auf dem ein weißes Tischtuch liegt, daneben eine beige Vase mit verwelkenden Blumen, weiße Bücher.
Kleinheinrich mag helle Farben wie Beige oder Weiß, weil „dann alles andere nach vorne kommt“. Auf dem beigen Leineneinband des Alphabets von Inger Christensen stehen nur die Autorin, der Übersetzer, der Künstler und der Verleger in goldenen Lettern und sonst nichts, keine Ankündigungen auf dem Rücken, die einem mit viel Ausrufezeichen dieses Jahrhundertgedicht empfehlen. Nichts soll ablenken von dem, was wirklich zählt – als hätte auch dieser Einband die Fibonacci-Folge im Sinn: erst reduzieren, dann wächst die Bedeutung von selbst.
Alles im Atelier ist sorgfältig ausgesucht, sogar der Duft. Lavendel liegt in der Luft. Kleinheinrich tupft Lavendelöl auf Textilien und auf das eine Fenstersims hat er eine beige Schale voller Lavendelblüten gestellt. Es riecht, wie er ist: bewusst besonnen.
Kleinheinrich trinkt jeden Morgen einen japanischen Grüntee, auf dessen Geschmack er über seine japanische Gastmutter in Kopenhagen gekommen ist, er meditiert, geht gern im Meer schwimmen.
Als die Buchhandlung Bittner aus Köln wegen einer Bestellung anruft, erzählt er dem Inhaber, dass wenn er Per Kirkeby in Kopenhagen besucht habe, mit diesem immer im Meer schwimmen gehen musste, auch im Winter, sonst hätte er „schlechte Karten“ gehabt. Erst Arbeit, dann ins Meer, sei Kirkebys Konzept gewesen.
Anekdoten hat Kleinheinrich ausreichend, zum Beispiel, darüber, wie der Norweger Jon Fosse 2023 und der Schwede Tomas Tranströmer 2011 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurden.
Einen Tag bevor bekannt wurde, dass Fosse mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, sagte Kleinheinrich zu diesem am Telefon: „Mach dich bereit, morgen bist du dran.“ Und er hatte recht. Am 5. Oktober 2023 streamte Kleinheinrich auf seinem iPhone die Preisverleihung in Stockholm, so wie jedes Jahr. Um 12 Uhr verkündete der Sekretär der Schwedischen Akademie den Namen: Jon Fosse. Zuerst kamen die Tränen, dann die Gratulationen.

Bei Tranströmer war es anders. Seit Jahren dachte nicht nur Kleinheinrich, sondern auch alle anderen aus Kunst und Kultur, dass Tranströmer den Nobelpreis bekommen würde. Jedes Jahr aufs Neue stand ein Übertragungswagen vor seinem Haus, seine Familie bereitete Getränke und Essen für das Fest danach vor. Und ausgerechnet in dem Jahr, als alle aufgegeben hatten, das Fernsehen nicht vor seiner Tür stand und die Familie nichts vorbereitet hatte, wurde Tranströmer ausgezeichnet.
Zur Preisverleihung war Kleinheinrich dann eingeladen. 1986 nämlich hatte Tranströmer in Münster eine Lesung gehabt und wurde mit Kleinheinrich bekannt gemacht – einem jungen Mann, der jetzt gerade einen Verlag gegründet hat mit Schwerpunkt für skandinavische Literatur. Tranströmer soll Kleinheinrich angeguckt und gesagt haben: „Aha, so sieht also ein Verleger aus. Ich dachte immer, der hätte eine Zigarre und einen dicken Bauch.“ Kleinheinrich entgegnete: Kommt vielleicht noch. Es kam nicht.
Nach 40 Jahren könnte Kleinheinrich auch aufhören: Er hat dazu beigetragen, dass die skandinavische Literatur und Lyrik im deutschsprachigen Raum besser wahrgenommen wird, seine Sammlung einem Kunstmuseum übergeben und mit Fosse und Tranströmer zwei Literaturnobelpreisträger verlegt. Aber er will weitermachen. Er freue sich auf einige Titel, die schon lange in Vorbereitung seien, sagt er, so die Essays von Jon Fosse, die erstmals auf Deutsch erscheinen, und zwei weitere, wichtige Bücher zu und über den US-amerikanischen Maler Cy Twombly anlässlich seines 100. Geburtstages 2028, „um nur zwei kommende Titel zu nennen“.
Kleinheinrich sagt, als eine Kundin angekündigt ins Atelier kommt: „So, und Ihr Hund hat eines meiner Bücher angefressen, das Sie nun ersetzen möchten?“ „Ja“, sagt sie, „so schnell konnte ich gar nicht schauen. Es ist meine Lieblingsausgabe der Kunstbuchreihe des norwegischen Künstlers Olav Christopher Jenssen. Die kann ich nicht mit abgeknabberten Ecken im Regal stehen haben.“ „Ne“, sagt Kleinheinrich, „ich kann das gut verstehen.“

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Der Beitrag ist in Zusammenarbeit mit der Reportageschule Reutlingen entstanden.
Lektorat: Marc-Stefan Andres
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