Geflüchtete in Münster | Die LVM und die Nazis | Leevje

Müns­ter, 11. März 2022

Guten Tag,

es ist die drit­te Woche des Kriegs in der Ukrai­ne und die Schre­ckens­mel­dun­gen rei­ßen nicht ab. Sobald man das Radio oder den Fern­se­her anschal­tet, die Zei­tung auf­schlägt oder kurz aufs Han­dy schaut, stän­dig kon­su­mie­ren wir beun­ru­hi­gen­de Nach­rich­ten. Dafür hat sich inzwi­schen ein Name gefun­den: Doom­scrol­ling. Falls Sie das Wort gera­de nicht parat haben, Doom bedeu­tet „Unter­gang”.

Das Gan­ze schlägt vie­len Men­schen aufs Gemüt, denn die Flut von Nega­tiv­nach­rich­ten macht hilf­los und ohn­mäch­tig. Und das Doom­scrol­ling ver­ne­belt unse­re Sicht auf die Hoff­nungs­schim­mer, die trotz alle­dem immer wie­der aufleuchten. 

Aus Müns­ter kom­men Nach­rich­ten, die zuver­sicht­lich stim­men. Am Mitt­woch stimm­te etwa der Haupt­aus­schuss des Rats ein­stim­mig einer Beschluss­vor­la­ge zum Krieg in der Ukrai­ne zu, die den geflüch­te­ten Men­schen aus der Ukrai­ne Hil­fe und Schutz zusi­chert. Die Ver­wal­tung soll unbü­ro­kra­tisch und schnell Maß­nah­men ergrei­fen für die Ver­sor­gung und Unter­brin­gung der Geflüch­te­ten aus der Ukrai­ne. Die Stadt soll außer­dem den Bund und das Land Nord­rhein-West­fa­len bei der gere­gel­ten Ver­tei­lung von Geflüch­te­ten unter­stüt­zen, und sie will ihrer pol­ni­schen Part­ner­stadt Lub­lin unter die Arme greifen.

Die Beschluss­vor­la­ge hält aber noch mehr bereit als die­se Maß­nah­men – ein wenig liest sie sich wie ein Lage­be­richt. Die Hilfs­be­reit­schaft in Müns­ter sei dem­nach sehr groß. So groß sogar, dass die Lager­hal­len mitt­ler­wei­le über­füllt sei­en mit Klei­dung, Spiel­sa­chen und Geschirr. Sach­spen­den kön­ne die Stadt nicht mehr gebrau­chen. Bes­ser sei es, Geld zu spen­den, vor allem an Lub­lin. Wie vie­le Städ­te in Polen nimmt Lub­lin gera­de vie­le Men­schen aus der Ukrai­ne auf. Bis nach Lju­boml, die nächst­ge­le­ge­ne Stadt in der Ukrai­ne, braucht es mit dem Auto kei­ne zwei Stunden.

Über­rascht habe die Stadt laut Beschluss­vor­la­ge eine bis­her unbe­kann­te Art des Hel­fens: „Neu für Müns­ter wie wahr­schein­lich auch für vie­le ande­re Städ­te ist, dass ohne vor­he­ri­ge Infor­ma­ti­on der Stadt Geflüch­te­te aus der Ukrai­ne abge­holt und nach Müns­ter gebracht wer­den“, heißt es dort. Davon rate die Stadt wei­ter­hin ab. Die Fahr­ten sei­en zu gefähr­lich und bräch­ten auch ein logis­ti­sches Pro­blem mit sich. Denn die Stadt erfährt erst recht spät davon, wenn Geflüch­te­te auf eige­ne Faust nach Müns­ter gebracht wer­den. Das macht die Unter­brin­gung schwie­rig, weil die Stadt dann kurz­fris­tig han­deln muss.

Die Ver­tei­lung der Geflüch­te­ten ist klar gere­gelt: Die Men­schen, die hier ankom­men, wer­den zunächst in der Oxford-Kaser­ne unter­ge­bracht und regis­triert, danach suchen die Mitarbeiter:innen des Sozi­al­amts Unter­künf­te, in denen die Men­schen län­ger blei­ben kön­nen. Zum Teil nutzt die Stadt dafür Woh­nun­gen, die Pri­vat­leu­te bereit­stel­len. 73 Ukrainer:innen sind pri­vat unter­ge­kom­men, das sind rund 17 Pro­zent aller auf­ge­nom­me­nen Geflüchteten.

Aufnahmegrenze schon erreicht?

Das war der Stand am Mitt­woch. 24 Stun­den spä­ter mel­de­te die Stadt, dass die Auf­nah­me­ka­pa­zi­tä­ten vor­läu­fig aus­ge­schöpft sei­en. Sie habe zunächst 500 Plät­ze zur Ver­fü­gung stel­len kön­nen – dass das wohl nicht aus­reicht, steht auch schon in der Beschluss­vor­la­ge: Es sei abseh­bar, heißt es dort, dass in kür­zes­ter Zeit die Unter­brin­gungs­mög­lich­kei­ten an ihre Gren­zen stoßen. 

Heu­te Nach­mit­tag teil­te die Stadt mit, dass eine kurz­fris­ti­ge Lösung gefun­den wor­den ist: Meh­re­re Bri­ten­häu­ser am Hohen Hecken­weg, Mucker­mann­weg und Angel­sach­sen­weg sol­len für meh­re­re hun­dert Men­schen zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Dazu kom­me die Blü­cher-Kaser­ne, in der rund 600 Men­schen Platz hät­ten. Dort könn­ten die Men­schen laut Stadt in weni­gen Wochen ein­zie­hen. Ab Mon­tag sei außer­dem die Drei­fach­sport­hal­le in Hil­trup einsatzbereit.

Mehr als 610 Men­schen hät­te Müns­ter in städ­ti­schen Ein­rich­tun­gen auf­ge­nom­men, die Zahl der pri­vat unter­ge­kom­me­nen Geflüch­te­ten dürf­te aber deut­lich dar­über lie­gen. Das zei­ge die hohe Zahl von Leis­tungs­an­trä­gen. Es sind also schon vie­le Geflüch­te­te in Müns­ter – es dürf­ten aber noch mehr wer­den: Kri­sen­stabs­lei­ter Wolf­gang Heu­er spricht in einer Pres­se­mit­tei­lung von ein­hun­dert Men­schen, die Müns­ter jeden Tag aus der Ukrai­ne erwar­te. Das Geflüch­te­ten­hilfs­werk der Ver­ein­ten Natio­nen schätzt der­weil, dass ins­ge­samt vier Mil­lio­nen Men­schen die Ukrai­ne durch den Krieg ver­las­sen könn­ten. Damit wären 10 Pro­zent aller Einwohner:innen des Lan­des auf der Flucht.

RUMS-Hochschulprojekte: Wir fördern den journalistischen Nachwuchs!

RUMS koope­riert mit ver­schie­de­nen Hoch­schu­len, orga­ni­siert Pro­jek­te mit Stu­die­ren­den und gibt dem jour­na­lis­ti­schen Nach­wuchs die Mög­lich­keit, die Ergeb­nis­se nach und nach auf unse­rer Web­site zu veröffentlichen.
Im Rah­men eines sol­chen Pro­jek­tes haben die Stu­die­ren­den der Hoch­schu­le der Medi­en in Stutt­gart für RUMS Inter­views geführt und geschrie­ben. Die RUMS-Redak­­ti­on hat sie zusam­men mit ihren Dozent:innen bei der The­men­fin­dung, Inter­view­vor­be­rei­tung und Text­be­ar­bei­tung unter­stützt.
Heu­te schal­ten wir das zwei­te Inter­view aus die­sem Pro­jekt für Sie frei. Dar­in erzäh­len Chris­toph Heidb­re­der und Tor­ben Ober­hell­mann vom Kin­der­schutz­bund Müns­ter, wie sie und ihre Mitarbeiter:innen Kin­dern und Fami­li­en hel­fen. Und sie erklä­ren, war­um es so wich­tig ist, dass das sozia­le Umfeld der Kin­der immer wach­sam ist. Den Bei­trag fin­den Sie hier.

Die dunkle Geschichte der LVM

Der His­to­ri­ker Johan­nes Bähr hat Ende 2021 eine 160-sei­ti­ge Stu­die ver­öf­fent­licht, die das dun­kels­te Kapi­tel in der Fir­men­ge­schich­te der LVM beleuch­tet. Der Titel: Bau­ern­füh­rer, Direk­to­ren und Ver­trau­ens­män­ner. Die LVM Ver­si­che­rung im Drit­ten Reich. Am Mitt­woch­abend war der Pro­fes­sor von der Frank­fur­ter Goe­the-Uni­ver­si­tät bei der LVM zu Gast, um per Video­kon­fe­renz die wich­tigs­ten Ergeb­nis­se sei­ner Stu­die vorzustellen.

Nun könn­te man sagen: Mehr als sieb­zig Jah­re nach dem Zwei­ten Welt­krieg ist die LVM damit aber spät dran. Das ist nicht falsch, aber das zu sagen, wäre unfair. Denn noch immer blen­den vie­le Unter­neh­men in Deutsch­land die Jah­re 1933 bis 1945 in ihrer Fir­men­ge­schich­te aus. In Müns­ter hat bereits eine Rei­he von Unter­neh­men ihre Nazi-Ver­gan­gen­heit wis­sen­schaft­lich auf­ar­bei­ten las­sen, dazu zäh­len etwa die Spar­kas­se, die Stadt­ver­wal­tung, der LWL, die Bezirks­re­gie­rung sowie die BASF als Teil der IG Far­ben und die Hil­tru­per Röh­ren­wer­ke als Teil von Hoesch.

Bevor wir zu den Ergeb­nis­sen kom­men, spu­len wir noch etwas wei­ter zurück in die Ver­gan­gen­heit. 1896 grün­de­ten der West­fä­li­sche Bau­ern­ver­ein und die Land­wirt­schafts­kam­mer West­fa­len einen Ver­si­che­rungs­ver­ein, aus dem die spä­te­re LVM ent­ste­hen soll­te. Bei­de Orga­ni­sa­tio­nen waren Trä­ger der LVM, nur ihre Mit­glie­der konn­ten also Ver­si­che­rungs­neh­mer wer­den. Vie­le Land­wir­te – ab jetzt blei­be ich bei der männ­li­chen Form – beschäf­tig­ten damals Fra­gen zur Haft­pflicht. Das Risi­ko für einen Scha­dens­fall war Ende des 19. Jahr­hun­derts in der Land­wirt­schaft grö­ßer als in der Indus­trie. Und die Kos­ten, die dar­aus ent­stan­den, waren zum Teil so hoch, dass eini­ge Bau­ern ihre Höfe auf­ge­ben mussten.

In ihren Anfangs­jah­ren war die LVM so katho­lisch geprägt wie das Müns­ter­land, poli­tisch stan­den ihre Mit­glie­der bis 1933 der Zen­trums­par­tei nahe. Ver­ein­zelt fan­den sich unter ihnen auch Natio­nal­so­zia­lis­ten, sie gehör­ten aber zur Min­der­heit. Das war eine Aus­nah­me in die­ser Zeit, denn von kei­ner ande­ren Berufs­grup­pe erfuh­ren die Nazis so viel Zuspruch wie von den Land­wir­ten: Sie fühl­ten sich ab den 1920er Jah­ren von ihren Inter­es­sens­ver­tre­tun­gen in der Wei­ma­rer Repu­blik zuneh­mend im Stich gelas­sen, weil sie unter der Wirt­schafts­kri­se lit­ten. Vor allem in den pro­tes­tan­ti­schen Agrar­ge­bie­ten Ost- und Nord­deutsch­lands war die NSDAP erfolg­reich; sie hol­te bei den Reichs­tags­wah­len am 31. Juli 1933 bei­spiels­wei­se die abso­lu­te Mehr­heit in Schleswig-Holstein.

Und auch die Nazis lieb­ten die Bau­ern: Der Acker­mann war neben dem Krie­ger die Lieb­lings­fi­gur der NS-Pro­pa­gan­da. Das Bau­ern­tum soll­te als „Haupt­quell des deut­schen Vol­kes“ fest ver­wur­zelt in Grund und Boden ste­hen – im Gegen­satz zum hei­mat­lo­sen Pro­le­ta­ri­at der Groß­städ­te. Die­ser Kitsch genüg­te offen­bar, um Land­wir­te für die ras­sis­ti­sche und anti­se­mi­ti­sche Blut-und-Boden-Ideo­lo­gie zu gewin­nen. Wie die Iro­nie der Geschich­te es aber will, waren es aus­ge­rech­net die Land­wir­te, die schwer unter der Wirt­schafts­len­kung und Agrar­ge­setz­ge­bung der Nazis lit­ten. Das ver­spro­che­ne Zurück in den Agrar­staat blieb aus.

Rapide Gleichschaltung

Als Hit­ler im Janu­ar 1933 zum Reichs­kanz­ler ernannt wur­de, begann die Gleich­schal­tung der LVM. Die Trä­ger der Ver­si­che­rung, der West­fä­li­sche Bau­ern­ver­ein und die Land­wirt­schafts­kam­mer, wur­den wie alle ande­ren land­wirt­schaft­li­chen Ver­ei­ne des Deut­schen Rei­ches auf­ge­löst und im Reichs­nähr­stand ver­ei­nigt. Der neue Trä­ger war nun die öffent­lich-recht­li­che Lan­des­bau­ern­schaft des Reichs­nähr­stan­des, aller­dings blieb die LVM pri­vat­wirt­schaft­lich tätig.

Mit dem neu­en Trä­ger wur­den der Auf­sichts­rat und der Vor­stand der LVM mit Nazis besetzt. Inter­es­sant dabei: Nie­mand rebel­lier­te gegen die Gleich­schal­tung, im Gegen­teil. Die Mit­glie­der der Gre­mi­en tra­ten frei­wil­lig zurück und mach­ten ihre Plät­ze frei für die Nazis. Die­se Zusam­men­ar­beit von Kon­ser­va­ti­ven mit Natio­nal­so­zia­lis­ten war in die­ser Zeit kei­ne Sel­ten­heit. Schon in den letz­ten Jah­ren der Wei­ma­rer Repu­blik stieg die Bereit­schaft in den kon­ser­va­ti­ven Bau­ern­ver­ei­nen, mit den Natio­nal­so­zia­lis­ten zu kooperieren.

Nur zwei Mit­glie­der der LVM-Füh­rungs­spit­ze blie­ben über 1933 hin­aus im Amt: der Direk­tor Her­mann Brauck­mann und der Geschäfts­füh­rer Hein­rich Jaco­bi. Bei­de hat­ten kein NSDAP-Par­tei­buch – aber man konn­te nicht auf sie ver­zich­ten, man brauch­te ihre Exper­ti­se. Damit war die Chef­eta­ge nach der Gleich­schal­tung gespal­ten in haupt­amt­li­che Mit­glie­der ohne Par­tei­mit­glied­schaft, die das Geschäft der LVM am Lau­fen hiel­ten, und in laut Stu­die „akti­ve, ideo­lo­gisch über­zeug­te Natio­nal­so­zia­lis­ten“, die kei­ne Ahnung vom Ver­si­che­rungs­we­sen hatten.

Auch in der Rei­he der Ver­trau­ens­män­ner wim­mel­te es nur so von NSDAP-Mit­glie­dern: 35 bis 38 Pro­zent von ihnen gehör­ten der Par­tei an. Die Ver­trau­ens­män­ner leb­ten meist auf dem Land, wo sie als ehren­amt­li­che Ansprech­part­ner für die Kun­den der LVM arbei­te­ten. Im Haupt­er­werb hat­ten sie ande­re Beru­fe wie Land­wirt, Ver­tre­ter, Leh­rer oder Tier­arzt. In den Dör­fern waren sie hoch ange­se­hen und des­halb inter­es­san­te Reprä­sen­tan­ten für die LVM. Ihr Amt ver­lo­ren sie nie aus poli­ti­schen Grün­den, son­dern, wenn über­haupt, wegen Streit­sucht, Alko­ho­lis­mus oder ande­ren Fehlverhaltens.

Braune Unkultur im Betrieb

Über die poli­ti­sche Gesin­nung der übri­gen LVM-Mitarbeiter:innen lässt sich nur spe­ku­lie­ren. Bei einem Luft­an­griff der Alli­ier­ten auf Müns­ter sol­len die Per­so­nal­ak­ten aus der NS-Zeit zer­stört wor­den sein. Das hört sich erst ein­mal nach einer Aus­re­de an. Es ist aber plau­si­bel. Tat­säch­lich zer­stör­te ein Bom­bar­de­ment das dama­li­ge Ver­wal­tungs­ge­bäu­de der LVM an der Süd­stra­ße am 12. Sep­tem­ber 1944 fast voll­stän­dig. 144 Men­schen kamen bei dem Angriff ums Leben, dar­un­ter eine jun­ge LVM-Mit­ar­bei­te­rin. Es ist daher nicht unwahr­schein­lich, dass auch die Per­so­nal­ak­ten ver­nich­tet wurden.

Vor dem Krieg pfleg­te die LVM eine natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Unter­neh­mens­kul­tur. Ab 1936 war per Betriebs­ver­ord­nung jede:r Mitarbeiter:in ver­pflich­tet, sich die NS-Ideo­lo­gie ein­zu­ver­lei­ben. Im ers­ten Absatz heißt es sogar: „Wer gegen die Grund­sät­ze des Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­stößt und sie bekämpft, ist ein Volks­schäd­ling.“ Das war eine deut­lich dras­ti­sche­re For­mu­lie­rung als in ande­ren Betriebs­ver­ord­nun­gen seinerzeit.

Im Betrieb för­der­te der Vor­stand aktiv die brau­ne Unkul­tur: Die LVM orga­ni­sier­te Betriebs­ap­pel­le, hiss­te die Haken­kreuz­flag­ge, stärk­te den Korps­geist mit einer Kaf­fee­kü­che, mit Betriebs­fes­ten, Aus­flü­gen und Sport­ge­mein­schaf­ten, stat­te­te die Betriebs­bü­che­rei mit NS-Lite­ra­tur aus und schenk­te ab 1938 allen Ange­stell­ten zum zehn­jäh­ri­gen Dienst­ju­bi­lä­um eine Rei­se zur Frei­zeit­or­ga­ni­sa­ti­on Kraft durch Freu­de. Meh­re­re Jah­re erhielt die LVM das „Gau­di­plom für her­vor­ra­gen­de Leis­tun­gen“ im „Leis­tungs­kampf der Betrie­be“; die Aus­zeich­nung „natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Mus­ter­be­trieb“ blieb ihr jedoch ver­wehrt. Trotz­dem ist das Fazit von His­to­ri­ker Bähr ein­deu­tig: „Ins­ge­samt gehör­te die LVM zu den Unter­neh­men, die sich durch eine beson­de­re Nähe zum NS-Staat auszeichneten.“

Die Regime­treue zeigt sich aller­dings in einem beson­ders bri­san­ten Punkt: Meh­re­re Kreis­bau­ern­füh­rer, die im Vor­stand und Auf­sichts­rat der LVM saßen, tra­ten der SS bei, dar­un­ter auch der Vor­stands­vor­sit­zen­de. Sie folg­ten damit zwar einem Auf­ruf des Reichs­bau­ern­füh­rers Walt­her Dar­ré, dazu gezwun­gen hat sie aber nie­mand. Eini­ge die­ser SS-Bau­ern­füh­rer ver­an­stal­te­ten Blut-und-Boden-Semi­na­re im Betrieb, um die Bin­dung von Bau­ern­tum und SS zu festigen.

Hat sich die LVM schuldig gemacht?

Damit betei­lig­ten sich füh­ren­de Mit­ar­bei­ter der LVM an der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Het­ze. Von der Aus­rau­bung der Jüd:innen oder der Ari­sie­rung von jüdi­schem Eigen­tum pro­fi­tier­te die LVM aller­dings nicht. Mehr noch, sie war nicht ein­mal dar­an betei­ligt. Das war für Johan­nes Bähr der erstaun­lichs­te Befund sei­ner Stu­die – der sich aber leicht erklä­ren lässt: Die LVM hat­te schlicht und ergrei­fend kei­ne jüdi­schen Kunden.

Das lag am damals gän­gi­gen, christ­lich fun­dier­ten Anti­se­mi­tis­mus, der auch im West­fä­li­schen Bau­ern­ver­ein ver­brei­tet war. Er ver­stand sich als rein christ­li­cher Bau­ern­ver­ein, Juden durf­ten kei­ne Mit­glie­der wer­den. Hin­wei­se auf jüdi­sche LVM-Ange­stell­te gibt es nicht, denn auch in der Per­so­nal­po­li­tik hat sich die­ser christ­li­che Anti­se­mi­tis­mus nie­der­ge­schla­gen. Wäre das alles nicht so gewe­sen, hät­te die LVM ihre Chan­ce ergrif­fen, auch aus der Juden­ver­fol­gung Pro­fit zu schla­gen, ver­mu­tet Bähr.

Dar­über hin­aus war die LVM auch nicht in den von Nazi-Deutsch­land annek­tier­ten Gebie­ten tätig. Zwar expan­dier­te sie unter Hit­ler in die Pro­vin­zen Rhein­land, Hes­sen-Nas­sau und Han­no­ver sowie ins Land Lip­pe, aller­dings blieb sie ein regio­na­ler Ver­si­che­rer. Auch der Zwangs­ar­beit hat sich die LVM nicht schul­dig gemacht; das wäre im Ver­si­che­rungs­we­sen kaum mög­lich gewe­sen. Wohl aber gibt es Bele­ge von Zwangs­ar­beit auf den Höfen eini­ger Vor­stän­de und Aufsichtsräte.

Wie es nach dem Krieg weiterging

Mit dem Krieg änder­te sich für die LVM alles. Die meis­ten männ­li­chen Ange­stell­te wur­den ein­ge­zo­gen, eini­ge weib­li­che Mit­ar­bei­te­rin­nen leis­te­ten Kriegs­hilfs­dienst. Auch die Vor­sit­zen­den von Auf­sichts­rat und Vor­stand wur­den in den Krieg ein­ge­zo­gen. Übrig blieb Geschäfts­füh­rer Hein­rich Jaco­bi, der kein Nazi war, aber eben unver­zicht­bar. „Poli­tisch gese­hen ende­te die Geschich­te der LVM im Drit­ten Reich ganz anders, als sie begon­nen hat­te. Gaben anfangs Kreis­bau­ern­füh­rer mit SS-Rän­gen den Ton an, so war es zuletzt ein Geschäfts­füh­rer, der nicht der NSDAP ange­hör­te“, schreibt Bähr über die­ses Kapi­tel der Unternehmensgeschichte.

Nach dem Krieg warf die bri­ti­sche Mili­tär­re­gie­rung belas­te­tes Per­so­nal aus der Unter­neh­mens­füh­rung. Kei­ner die­ser Män­ner kehr­te in den Auf­sichts­rat oder Vor­stand der LVM zurück. Das war ein­fach nicht lukra­tiv genug. Die Pos­ten in bei­den Gre­mi­en waren zum Groß­teil ehren­amt­li­che Neben­tä­tig­kei­ten. Die Nazis, die dort Platz genom­men hat­ten, muss­ten ihren Haupt­er­werb, die Land­wirt­schaft, also wei­ter­füh­ren und zogen sich nach dem Krieg ein­fach auf ihre Höfe zurück. Der Abschied von der LVM dürf­te ihnen nicht schwer gefal­len sein.

Späte Aufarbeitung

Schwe­rer war dage­gen die Auf­ar­bei­tung die­ses dunk­len Kapi­tels Fir­men­ge­schich­te. 1946 hät­te die LVM ihr fünf­zig­jäh­ri­ges Bestehen fei­ern sol­len, doch das Jubi­lä­um fiel aus. In einem Schrei­ben an die Ver­trau­ens­män­ner sei laut Geschäfts­füh­rung „aus Papier­man­gel kein Raum“ gewe­sen, um an die Grün­dung der LVM zu erinnern.

Fünf Jah­re spä­ter sieht das anders aus. Die LVM deu­tet den Ver­lauf der Geschich­te um und rech­net sich den Opfern des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu. Hier­zu zitiert Johan­nes Bähr aus der Fest­schrift zum 55-jäh­ri­gen Jubi­lä­um fol­gen­den Satz: „Die poli­ti­sche Ent­wick­lung nach 1933 ließ Ein­flüs­se wirk­sam wer­den, die not­ge­drun­gen zu einer Schwä­chung des Gedan­kens der bäu­er­li­chen Selbst­hil­fe füh­ren muss­ten.“ Über die Nähe zum NS-Regime kein Wort.

Das ist heu­te, sieb­zig Jah­re spä­ter, anders. 2021 ver­öf­fent­lich­te die LVM nicht nur die Stu­die über ihre brau­ne Ver­gan­gen­heit, son­dern auch eine 180-sei­ti­ge Fest­schrift zu ihrem 125-jäh­ri­gen Bestehen. Dar­in ein gan­zes Kapi­tel zum Natio­nal­so­zia­lis­mus – ohne Beschö­ni­gung, Geschichts­glät­tung oder Auslassungen.

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In aller Kürze

+++ Der Krieg in der Ukrai­ne hat auch Aus­wir­kun­gen auf die Wirt­schaft. Am stärks­ten macht sich das an der Zapf­säu­le bemerk­bar, die Sprit­prei­se lie­gen in Müns­ter inzwi­schen bei über 2 Euro pro Liter. Da kann Voll­tan­ken ein teu­rer Spaß wer­den. Die Reak­tio­nen auf den Preis­an­stieg sind gemischt. Geär­gert hat sich unter ande­rem der saar­län­di­sche Minis­ter­prä­si­dent Tobi­as Hans von der CDU, viel­leicht haben Sie es ja in den sozia­len Medi­en mitbekommen.

Aber wie berech­tigt ist der Frust? Das hat Ger­not Sieg unter­sucht, Direk­tor des Insti­tuts für Ver­kehrs­wis­sen­schaft an der Uni Müns­ter. Er schreibt in einer Kurz­stu­die, dass Autofahrer:innen auch bei Ben­zin­prei­sen um die 2 Euro pro Liter noch einen gerin­ge­ren Anteil ihres Ein­kom­mens fürs Tan­ken aus­ge­ben als vor zehn Jah­ren. 2020 war sogar ein beson­ders güns­ti­ges Jahr für Autofahrer:innen: Damals zahl­ten sie, gemes­sen am durch­schnitt­li­chen Net­to­lohn, die nied­rigs­ten Prei­se seit 1997. Erst ab einem Preis von 2,40 Euro pro Liter lie­ge das Preis­ni­veau wie­der auf dem­sel­ben Level wie 2012. Fazit: „Die aktu­el­len Preis­stei­ge­run­gen für Treib­stoff sind sicher schmerz­haft, aber als Argu­ment gegen einen Ölim­port­stopp aus Russ­land tau­gen sie wenig.“

+++ Kein biss­chen Frie­den bei der letz­ten Kund­ge­bung: Am Mitt­woch hat­ten sowohl die Rats­par­tei­en CDU, SPD, FDP, Grü­ne, Inter­na­tio­na­le Frak­ti­on und Volt als auch die müns­ter­sche Frie­dens­be­we­gung und Die Lin­ke eine Mahn­wa­che gegen Putins Angriffs­krieg ange­mel­det. Die Kund­ge­bun­gen soll­ten kurz nach­ein­an­der anfan­gen. War­um nicht ein­fach eine gemein­sa­me Demo ange­mel­det wur­de, hat poli­ti­sche Grün­de: Die Mehr­heit der Rats­par­tei­en sehen in der Nato die Lösung, Die Lin­ke einen Teil des Pro­blems. Aus die­sem Grund zeich­ne­te Die Lin­ke auch eine Reso­lu­ti­on nicht mit, die der Haupt­aus­schuss vor den Kund­ge­bun­gen verabschiedete.

Danach spiel­ten sich „unschö­ne Sze­nen” ab, wie die West­fä­li­sche Nach­rich­ten titel­ten, man könn­te aber auch sagen, dass es Zoff zwi­schen zwei Män­nern gab. Jörg Berens (FPD) und Ulrich Tho­den (Die Lin­ke) began­nen kurz nach­ein­an­der zu reden, aller­dings auf ver­schie­de­nen Kund­ge­bun­gen: Der eine (Berens) vor dem Stadt­wein­haus, der ande­re (Tho­den) direkt vor dem Rat­haus. Tho­den fiel Berens ins Wort, Berens ließ Tho­den aus­re­den und im Nach­gang ent­schul­dig­te sich Tho­den bei Berens. Dazu heims­te sich der Lin­ke Pfif­fe und Buh­ru­fe ein, mehr noch: „Tho­den gibt an, als ‘dre­cki­ges Kom­mu­nis­ten­schwein’ beschimpft und von einem ande­ren Mann sogar bespuckt wor­den zu sein”, schrei­ben die WN. Tho­den erstat­te­te Anzei­ge wegen Beleidigung.

+++ Das Stadt hat die Ver­kehrs­ver­su­che aus­ge­wer­tet. Das Ergeb­nis steht in einem 190 Sei­ten lan­gen Bericht. Am Diens­tag wer­den wir uns damit aus­führ­lich beschäf­ti­gen. Wenn Sie schon vor­her rein­schau­en möch­ten, das Doku­ment fin­den Sie hier.

+++ Müns­ters Kli­ma­bi­lanz hat sich in den ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­ten stark ver­bes­sert. Laut der Ener­gie- und Treib­haus­bi­lanz ist der CO2-Aus­stoß in der Stadt zwi­schen 1990 und 2020 um 31 Pro­zent gesun­ken. Pro Kopf lie­ge der Rück­gang sogar bei 43 Pro­zent. Die unter­schied­li­chen Wer­te kom­men zustan­de, weil die Stadt gewach­sen ist. Einer­seits habe der Kli­ma­schutz deut­li­che Fort­schrit­te gemacht, schreibt die Stadt. Das erklärt den hohen Rück­gang bei Ein­zel­nen. Ande­rer­seits sei die Zahl der Men­schen in Müns­ter in 30 Jah­ren um 14 Pro­zent gewach­sen. Dar­aus ergibt sich das gerin­ge­re Gesamt­ergeb­nis. Zwei wei­te­re Effek­te: Men­schen leben heu­te in grö­ße­ren Woh­nun­gen als vor 30 Jah­ren, die Wohn­flä­che ist um knapp 50 Pro­zent gewach­sen. Und es leben im Schnitt weni­ger Per­so­nen in einer Woh­nung. Im Jahr 1990 waren es noch 2,3, heu­te sind es nur noch etwa 1,9 Personen. 

+++ Im ver­gan­ge­nen Jahr sind in Müns­ter über­durch­schnitt­lich vie­le Woh­nun­gen fer­tig gewor­den. Laut Stadt waren es genau 1.518, das sind 34 mehr als im Durch­schnitt der ver­gan­ge­nen 20 Jah­re. Gleich­zei­tig wächst die Zahl der Neu­bau­ten, die geneh­migt, aber noch nicht fer­tig sind. Das sind mitt­ler­wei­le 4.757, so vie­le wie noch nie. Allein im ver­gan­ge­nen Jahr ver­gab die Stadt 3.324 Bau­ge­neh­mi­gun­gen. Und wie geht es wei­ter? 1.366 Woh­nun­gen sei­en fast fer­tig, schreibt die Stadt. Auf einer Sei­te mit dem schö­nen Namen Sta­tis­tik­dienst­stel­le fin­den Sie dazu wei­te­re Zah­len, Daten und Fak­ten.

+++ Die Stadt baut auch sonst viel. Im Moment ist das Amt für Immo­bi­li­en­ma­nage­ment mit etwa hun­dert Bau­pro­jek­ten beschäf­tigt, mel­det die Stadt. Allein in die­sem Jahr inves­tiert die Stadt 116 Mil­lio­nen Euro in neue Gebäu­de. Um Häu­ser instand zu hal­ten, gibt sie etwa 19 Mil­lio­nen Euro aus. Und wahr­schein­lich wird der Betrag noch stei­gen. Die Stadt rech­net mit etwa sechs Pro­zent höhe­ren Kos­ten, unter ande­rem, weil das Mate­ri­al knapp ist. In den ver­gan­ge­nen neun Jah­ren wur­den nach den Zah­len der Stadt etwa die Hälf­te der Bau­pro­jek­te zu den geplan­ten Kos­ten fer­tig. Bei einem Vier­tel lagen die Mehr­kos­ten bei fünf Pro­zent, bei einem Fünf­tel zwi­schen fünf und 15 Pro­zent, bei knapp sechs Pro­zent darüber. 

Corona-Update

+++ Heu­te mel­det die Stadt 771 Neu­in­fek­tio­nen mit dem Coro­na­vi­rus, die Wochen­in­zi­denz liegt bei 1.358. Zur­zeit sind 6.816 Münsteraner:innen infi­ziert, 57 Covid-Patient:innen lie­gen im Kran­ken­haus, sechs von ihnen auf der Inten­siv­sta­ti­on und drei Per­so­nen wer­den beatmet. Lei­der sind zwei Pati­en­ten seit Diens­tag ver­stor­ben: Ein 81-jäh­ri­ger Mann ist mit Covid-19 und ein 88-jäh­ri­ger an Covid-19 gestor­ben. Damit erhöht sich die Zahl der Todes­fäl­le seit Pan­de­mie­be­ginn in Müns­ter auf 183.

+++ Mit­te der Woche haben sich Bund und Län­der auf wei­te­re Locke­run­gen ab dem 20. März geei­nigt. Dar­über berich­te­te der WDR. Dem­nach soll nur noch ein Basis­schutz gel­ten. Dazu gehört zwar das Mas­ke­tra­gen im ÖPNV oder in Pfle­ge­hei­men, aber in Geschäf­ten und Super­märk­ten soll die Mas­ke nicht mehr Pflicht sein. Nord­rhein-West­fa­len müss­te eini­ge Ände­run­gen aller­dings noch in die eige­ne Coro­na-Schutz­ver­ord­nung über­neh­men, sie ist der­zeit noch weit­rei­chen­der als der beschlos­se­ne Basisschutz.

+++ Was Locke­run­gen angeht, sind unse­re Nachbar:innen in den Nie­der­lan­den einen Schritt wei­ter. Dort gel­ten seit dem 25. Febru­ar fast kei­ne Maß­nah­men mehr – trotz hoher Inzi­denz. Wie die NRZ berich­tet, sind die Nie­der­lan­de außer­dem seit Beginn der Woche kein Hoch­ri­si­ko­ge­biet mehr. Wenn Sie also einen Trip nach Ensche­de pla­nen, brau­chen Sie nur noch einen 3G-Nach­weis für die Ein- und Aus­rei­se. Für Unge­impf­te ent­fällt außer­dem die Qua­ran­tä­ne­pflicht in Deutschland. 

Unbezahlte Werbung

Manch­mal kom­men die guten Tipps auch von außen: Kürz­lich rief mich mei­ne Cou­si­ne aus Koblenz an, die mich dar­um bat, für ihre klei­ne Toch­ter ein paar Haar­span­gen bei Lee­v­je zu kau­fen und bei nächs­ter Gele­gen­heit mit in die Hei­mat zu brin­gen. Bis dato war mir Lee­v­je kein Begriff, umso gespann­ter war ich dar­auf, was das für ein Geschäft sein soll, das mei­ne Cou­si­ne zufäl­lig auf Insta­gram ent­deckt hat­te. Gefun­den habe ich Lee­v­je schließ­lich an der Rothen­burg: ein ent­zü­cken­der klei­ner Laden, der Kin­der­mo­de in schlich­ten Far­ben anbie­tet – und damit einen wohl­tu­en­den Kon­tra­punkt setzt zur sonst knall­bun­ten Kin­der­gar­de­ro­be. Neben Pul­lis, Klei­dern und Leg­gings bie­tet Lee­v­je auch aller­lei Schnick­schnack für die Kleins­ten an: Puz­zles und Memo­ries aus Holz, Sti­ckers mit Wald­tie­ren und Dino­sau­ri­ern oder auch Kin­der­ge­schirr mit Pira­ten-, Meer­jung­frau­en- oder India­ner-Auf­druck – kurz­um ein reich­hal­ti­ger Fun­dus für alle Eltern, Tan­ten und Onkel, die ein Prä­sent für den nächs­ten Kin­der­ge­burts­tag suchen.

Drinnen und draußen

+++ Ver­schwö­rungs­theo­rien, Fake News und Pro­pa­gan­da gefähr­den die Demo­kra­tie. Sie för­dern Hass und spal­ten die Gesell­schaft. Aber wie genau wirkt Des­in­for­ma­ti­on? Was weiß die For­schung dar­über? Das erklärt Tim Schat­to-Eck­rodt vom Insti­tut für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft der Uni Müns­ter (und aus dem RUMS-Team) am Mon­tag (14. März) um 17.30 Uhr in einem Vor­trag im Lese­saal der Stadt­bü­che­rei. Der Ein­tritt ist frei, aber Sie müss­ten sich anmel­den. Tele­fo­nisch unter der Num­mer 0251 492 42 42 oder per E-Mail.

+++ Zum Vor­mer­ken: Der Eisen­man-Brun­nen an der Kreuz­schan­ze ist wie­der her­ge­rich­tet. Das Was­ser wird erst Ende April ein­ge­las­sen. Das ers­te Brun­nen­tref­fen in die­sem Jahr fin­det schon am Don­ners­tag (17. März) statt. Dann wird eine Licht­in­stal­la­ti­on für den Frie­den zu sehen sein. Wer kom­men mag, ist herz­lich ein­ge­la­den, schrei­ben die Veranstalter:innen, „gern mit Ker­zen und war­mer Kleidung“. 

+++ Der ukrai­ni­sche Dich­ter Ser­hij Zha­dan schrieb: “Der Wert eines Gedichts steigt im Win­ter. / Vor allem in einem har­ten Win­ter. / Vor allem in einer lei­sen Spra­che. / Vor allem in unbe­re­chen­ba­ren / Zei­ten.” Unbe­re­chen­bar füh­len sich die Zei­ten im Moment für uns alle an. Ins­be­son­de­re sind sie es für die Men­schen in der Ukrai­ne und auch für die Men­schen in Russ­land, die weder Zugang zu ver­läss­li­chen Infor­ma­tio­nen haben noch eine Mög­lich­keit, sich gefahr­los soli­da­risch zu zei­gen. Das Stadt­en­sem­ble ruft des­halb dazu auf, sich durch Lyrik mit ihnen zu soli­da­ri­sie­ren, unter dem Mot­to: (Ge)Dicht an die Ukraine. 

Auf die­ser Home­page kön­nen Sie sich für eine 1:1-Benefizlesung ukrai­ni­scher und rus­si­scher Lyrik anmel­den, die per Tele­fon, bei einem Spa­zier­gang oder bei Ihnen zuhau­se statt­fin­det, ganz wie Sie möch­ten. Sie bezah­len, was Sie möch­ten; der Betrag geht voll­stän­dig an die Ukrai­ne-Not­hil­fe der UNO. Beson­ders gut gefällt uns der ange­ge­be­ne Ver­wen­dungs­zweck: Nie wie­der Krieg.

+++ Am ver­gan­ge­nen Diens­tag haben wir Ihnen anläss­lich des Inter­na­tio­na­len Frau­en­tags geschrie­ben. Dabei haben wir auch die Sozio­lo­gin Karin Gott­schall zitiert, die erklärt, war­um sich mit mehr männ­li­chen Arbeit­neh­mern in einem Berufs­feld auch die Arbeits­be­din­gun­gen eher ver­bes­sern: Män­ner orga­ni­sie­ren sich häu­fi­ger gewerk­schaft­lich. Ein beein­dru­cken­des Gegen­bei­spiel, das Frau­en im Wider­stand zeigt, gibt es am Sonn­tag um 17 Uhr im Cine­ma zu sehen: den Film Grev. Das tür­ki­sche Wort Grev bedeu­tet auf Deutsch Streik. Der Film von Regis­seu­rin Metin Yegin wird am Sonn­tag in sei­ner Ori­gi­nal­spra­che gezeigt, mit deut­schen Unter­ti­teln. Er han­delt von Sei­den­ar­bei­te­rin­nen, die sich 1910 im osma­ni­schen Bur­sa gegen ihre schlech­ten Arbeits­be­din­gun­gen zur Wehr set­zen. Die ein­ma­li­ge Vor­stel­lung fin­det in Koope­ra­ti­on mit dem Odak Kul­tur­zen­trum und der Orga­ni­sa­ti­on Femi­nis­ti­scher Streik Müns­ter statt. Den Trai­ler kön­nen Sie sich hier anschau­en, Kar­ten bekom­men Sie eben­falls online oder an der Kino­kas­se. Im Anschluss an die Vor­stel­lung kön­nen Sie sich noch mit der anwe­sen­den Regis­seu­rin Metin Yegin unterhalten.

+++ Falls Sie am Wochen­en­de noch eine Frie­dens­kund­ge­bung besu­chen wol­len: Am Sams­tag fin­det ab 11.30 Uhr eine Kund­ge­bung von der Frie­dens­ko­ope­ra­ti­ve Müns­ter vor dem Rat­haus statt.

Am Diens­tag schreibt Ihnen Ralf Hei­mann. Genie­ßen Sie das son­ni­ge Wochen­en­de und pas­sen Sie auf sich auf.

Herz­li­che Grüße

Sebas­ti­an Fobbe

Mit­ar­beit: Eva Strehlke, Ralf Heimann


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PS

Sie alle ken­nen bestimmt die­sen einen viel­zi­tier­ten Satz: „Das ers­te Opfer des Krie­ges ist die Wahr­heit.” Dass sich dahin­ter kei­ne hoh­le Phra­se ver­birgt, lässt sich gera­de in Russ­land nur all­zu gut beob­ach­ten. Seit Beginn der Inva­si­on in die Ukrai­ne ist es dort Journalist:innen ver­bo­ten, das Wort Krieg zu benut­zen. Wer das doch tut, muss mit einer Haft­stra­fe von bis zu 15 Jah­ren rech­nen. Das alles macht es für Journalist:innen fast unmög­lich, frei und unab­hän­gig aus Russ­land zu berich­ten. Auch der Fern­seh­sen­der Doschd, der als eines der weni­gen frei­en rus­si­schen Medi­en gilt, ist von der Zen­sur betrof­fen und inzwi­schen sogar gesperrt wor­den. Über all das hat Gre­ta Spie­ker vom müns­ter­schen Maga­zin Per­spec­ti­ve Dai­ly mit der Doschd-Jour­na­lis­tin Anna Fimi­na gespro­chen. Was sie zu berich­ten hat, kön­nen Sie hier nach­le­sen. Und wenn Sie noch mehr über die Arbeit von Doschd erfah­ren wol­len, kön­nen Sie in der ARD Media­thek vor­bei­schau­en. Dort fin­det sich die Doku­men­ta­ti­on „F@ck this Job - Aben­teu­er im rus­si­schen Jour­na­lis­mus”.