Parkplatzfreie Innenstadt | Koalitionspapier | Marmeladen-Manufaktur

Müns­ter, 26. Janu­ar 2021

Guten Tag,

die Grü­nen haben am Frei­tag auf die schlech­te Bericht­erstat­tung über ihre Plä­ne zur auto­frei­en Innen­stadt mit einem Fly­er reagiert, der mit „Mythen und Halb­wahr­hei­ten“ auf­räu­men soll, der aber womög­lich alles nur noch schlim­mer macht. Bei Twit­ter kann man sich das Doku­ment anse­hen. Es sind sie­ben Kacheln, und wenn man die Aus­sa­gen über­fliegt, liest man: „Auto­freie Innen­stadt, Mythos, Halb­wahr­hei­ten, stimmt nicht, kom­plett dane­ben, scha­det dem Ein­zel­han­del, pure Ideo­lo­gie, weil sie Autos hassen.“

Der Fly­er wie­der­holt all das, was den Grü­nen vor­ge­wor­fen wird. So etwas soll­te man in der Kom­mu­ni­ka­ti­on nie tun, denn das Gehirn funk­tio­niert lei­der nicht so, wie wir uns das wün­schen wür­den. Wie­der­ho­lun­gen ver­fes­ti­gen Infor­ma­tio­nen nur, so wer­den auch Unwahr­hei­ten zu ver­meint­li­chen Gewiss­hei­ten. Außer­dem ver­lässt sich das Gehirn eher auf das, was es zuerst hört. Fal­sche Infor­ma­tio­nen las­sen sich spä­ter nur sehr schwer wie­der korrigieren.

Vor allem aber ist das Gehirn nicht so ver­nünf­tig, erst kom­plet­te Sät­ze zu lesen und danach über ihre Bedeu­tung zu ent­schei­den. Es nimmt den Sinn auch über ein­zel­ne Wör­ter auf, das Prä­gnan­tes­te bleibt hän­gen. Die­sen Mecha­nis­mus kön­nen Sie leicht an sich selbst tes­ten. Den­ken Sie zum Bei­spiel einen Moment lang nicht an einen gel­ben Ele­fan­ten. Sehen Sie.

Die parkplatzfreie Innenstadt

In der Kom­mu­ni­ka­ti­on kann man die­ses Phä­no­men nut­zen. Das nennt sich Framing. Frame bedeu­tet Rah­men. Wör­ter erzeu­gen im Kopf Asso­zia­tio­nen und Bil­der. All das rahmt eine Aus­sa­ge ein. Sät­ze kön­nen so eine völ­lig neue Bedeu­tung bekom­men, wenn man ein­zel­ne Wör­ter vari­iert. Auch das kann man sich leicht ver­deut­li­chen. Stel­len Sie sich ein Wahl­pla­kat vor. Dar­auf steht: Wir wol­len die park­platz­freie Innenstadt.

Genau so muss es nun vie­len erschei­nen, denn was Men­schen mit dem Wort Auto ver­bin­den, hängt stark davon ab, wo sie poli­tisch ste­hen – in Deutsch­land, wo es neben dem Auto nur eine ande­re Reli­gi­on mit einer ähn­lich gro­ßen Bedeu­tung gibt, ganz beson­ders. Für die einen klingt auto­frei nach sau­be­rer Luft und erhol­sa­mer Ruhe, für die ande­ren nach „Par­ken verboten“-Schildern und schwe­ren Ein­kaufs­tü­ten an bei­den Armen.

Mit dem Satz „Grün bedeu­tet auto­frei“ könn­ten die Grü­nen in den Wahl­kampf zie­hen, die CDU aber auch. Und das ist nun das zen­tra­le Pro­blem, denn der Wahl­kampf ist zu Ende, es geht nicht mehr dar­um, die eige­ne Par­tei zu über­zeu­gen, son­dern zual­ler­erst die desi­gnier­ten Bünd­nis­part­ner SPD und Volt, die im Grun­de ja in die glei­che Rich­tung wol­len – danach dann mög­lichst auch den Rest der Men­schen in Müns­ter, von denen vie­le kei­ne auto­freie Innen­stadt wol­len. Wie sich in der ver­gan­ge­nen Woche aber gezeigt hat, ist es schon schwer genug, die Idee den Men­schen zu ver­kau­fen, die eigent­lich auf der glei­chen Sei­te ste­hen. Aber wor­an liegt das?

Menschen wählen Geschichten

Als Barack Oba­ma Mar­kus Lanz im Novem­ber ein Inter­view gab, sag­te er in dem Gespräch: „Die Men­schen wäh­len nicht mehr eine fak­tisch begrün­de­te Poli­tik, son­dern Geschich­ten. Ich wur­de Prä­si­dent, weil ich eine gute Erzäh­lung hat­te.“ Die Grü­nen in Müns­ter hat­ten auch eine gute Erzäh­lung, aller­dings vor allem für die eige­ne Klientel.

Vie­le der übri­gen Men­schen wer­den sich von der Idee der auto­frei­en Innen­stadt nie­mals über­zeu­gen las­sen, schon allein des­halb nicht, weil sie von den Grü­nen kommt. Bei die­sen Men­schen lässt in die­ser Sache mit Argu­men­ten wenig errei­chen. Aber zwi­schen bei­den Lagern gibt es vie­le, die durch­aus für Fak­ten offen sind, die Ant­wor­ten ver­mis­sen, denen der für sie rele­van­te Teil der Erzäh­lung fehlt.

Da ist etwa das Pro­blem mit den Ein­kaufs­tü­ten. Wie sol­len denn die Men­schen in die Stadt kom­men und spä­ter ihre Ein­käu­fe nach Hau­se brin­gen, die sonst mit dem Auto fahren?

In einer vor­läu­fi­gen Ver­si­on des Koali­ti­ons­pa­piers von Grü­nen, SPD und Volt vom ver­gan­ge­nen Don­ners­tag, die RUMS vor­liegt, ist zum Bei­spiel von „Mobi­li­täts­an­ge­bo­ten“ die Rede, von der „Erreich­bar­keit der Alt­stadt durch umwelt­freund­li­che Ver­kehrs­mit­tel“. Wor­an den­ken Sie, wenn Sie das hören?

Wenn Sie an der Idee eher Gefal­len fin­den, wer­den Sie viel­leicht dar­an den­ken, dass Sie dann etwas ent­spann­ter mit dem Rad in die Innen­stadt fah­ren kön­nen. Wenn Sie eher skep­tisch sind, haben Sie viel­leicht im Kopf, dass Sie Ihr Auto umständ­lich am Stadt­rand par­ken, in der Käl­te auf den über­füll­ten Bus war­ten und spä­ter mit den gan­zen Ein­käu­fen wie­der zurück müssen. 

Aber viel­leicht stimmt das nicht. Viel­leicht sieht das Mobi­li­täts­an­ge­bot ja ganz anders aus. Doch um das zu ver­mit­teln, müss­te man Ihnen ganz kon­kret erklä­ren, wie Sie viel ein­fa­cher in die Stadt kom­men. Oder, noch bes­ser, man müss­te es Ihnen vorführen. 

Flaniermeile Friedrichstraße

In Ber­lin haben der Senat und der Bezirk Mit­te in der ver­gan­ge­nen Woche beschlos­sen, die Test­pha­se des Pro­jekts „Fla­nier­mei­le Fried­rich­stra­ße“ zu ver­län­gern. Die Stra­ße ist seit August auf einem 500 Meter lan­gen Abschnitt nur noch für den Fuß- und Rad­ver­kehr frei. Es ging nicht in ers­ter Linie dar­um, die Leu­te zum Umpar­ken zu zwin­gen, man woll­te vor allem Daten sam­meln. Daten über den Lärm, den Ver­kehr und die Luftqualität.

Die Reso­nanz war recht posi­tiv. Doch nicht alle waren von der Sper­rung begeis­tert, es gab auch Kri­tik. Dass es so kom­men wür­de, war vor­her klar. Das Ziel soll­te sein, eine Dis­kus­si­ons­grund­la­ge zu schaffen.

So könn­te man das auch in Müns­ter machen. Nicht sofort der gan­zen Stadt eine fer­ti­ge Idee über­stül­pen, son­dern erst ein­mal auf Ver­suchs­fel­dern expe­ri­men­tie­ren, viel­leicht auch nur für einen begrenz­ten Zeit­raum. Dann schau­en, ob es funk­tio­niert. Ähn­li­che Bei­spie­le gibt es ja schon:

Der auto­freiePark(ing) Day“ im Han­sa­vier­tel hat vie­len Men­schen gezeigt, wie sich der Cha­rak­ter eines Vier­tels ver­än­dert, wenn die Autos auf ein­mal ver­schwun­den sind. Das Ange­bot, die Stadt­bus­se am ers­ten Advents­sams­tag kos­ten­los nut­zen zu kön­nen, war so erfolg­reich, dass es im Fol­ge­jahr gleich wie­der­holt wur­de. Und wenn man sagen kann: Wir haben ja gese­hen, dass es gut funk­tio­niert hat, ist das ein bes­se­res Argu­ment, als auf Stu­di­en, Theo­rien und ande­re Städ­te zu verweisen.

Das gilt auch für die Sor­gen der Kauf­leu­te. Auf dem Fly­er der Grü­nen steht: „Es gibt vie­le Bei­spie­le aus ganz unter­schied­li­chen Städ­ten, in denen ein auto­frei­er Innen­stadt­be­reich zu mehr Umsatz geführt hat.“ Dann fol­gen Städ­te­na­men: „Kopen­ha­gen, Pon­te­ve­dra, Gent, Oslo, Ljub­l­ja­na, Frei­burg, Nürnberg…“

Natür­lich, es ist ein Hin­weis dar­auf, dass es gelin­gen könn­te. Aber ist es ein Beweis, auf den man sich ver­las­sen kann? Ist eine spa­ni­sche Klein­stadt wie Pon­te­ve­dra, in der 83.000 Men­schen leben, tat­säch­lich eine geeig­ne­te Refe­renz für so ein Pro­jekt? In war­men Län­dern wie Spa­ni­en hat der öffent­li­che Raum schließ­lich einen ganz ande­ren Stel­len­wert. Und auch bei Kopen­ha­gen oder Oslo stellt sich die Fra­ge: Lässt Müns­ter sich mit die­sen Städ­ten ver­glei­chen? Bei­de sind dop­pelt so groß, und die Vor­aus­set­zun­gen dort sind ganz ande­re. Kopen­ha­gen scheint zudem gene­rell sei­ner Zeit weit vor­aus zu sein, vor allem wenn es um Mobi­li­tät geht. Außer­dem sind die Men­schen in Skan­di­na­vi­en viel offe­ner für Neu­es als die in Deutsch­land, nicht nur für neue Ver­kehrs­kon­zep­te. In Nor­we­gen kann man rei­sen, ohne einen Cent Bar­geld in der Tasche zu haben. Obdach­lo­se neh­men Spen­den per Han­dy­zah­lung ent­ge­gen, und auf öffent­li­chen Toi­let­ten kann man mit Kar­te zahlen.

Testphasen wären eine Möglichkeit

Hin­zu kommt die zeit­li­che Dimen­si­on. Es kann sein, dass die auto­freie Innen­stadt in Müns­ter her­vor­ra­gend funk­tio­niert. Aber es kann auch sein, dass es eine Wei­le dau­ert, bis die Men­schen sich dar­an gewöhnt haben.

Test­pha­sen wären eine Mög­lich­keit, die Fol­gen bes­ser abschät­zen zu kön­nen. Wobei man sagen muss: Ganz ohne Risi­ko wird es auch dann nicht gehen. 

Ande­rer­seits: Es birgt auch ein Risi­ko, alles beim Alten zu belas­sen. Die Coro­na-Zeit hat dem Online-Han­del eine sehr viel grö­ße­re Bedeu­tung gege­ben. Die Pan­de­mie hat vie­le Geschäf­te dazu gezwun­gen, ihre Pro­duk­te auch im Inter­net zu ver­kau­fen. War­um soll­ten sie das wie­der rück­gän­gig machen? Und war­um soll­ten die Men­schen spä­ter wie­der dazu über­ge­hen, Din­ge in der Innen­stadt ein­zu­kau­fen, die sie sich auch nach Hau­se lie­fern las­sen kön­nen? Das könn­te die Umsät­ze in den Innen­städ­ten ver­än­dern, in der Fol­ge die Mie­ten, die gesam­te Struktur.

Einer­seits kann man nun so argu­men­tie­ren: Und in die­ser Zeit wollt ihr die Geschäf­te auch noch mit der auto­frei­en Innen­stadt bestra­fen? Man kann dar­in aber auch den Ver­such sehen, die Innen­städ­te zu stär­ken. Das muss nicht bedeu­ten: Man friert hier die Zeit ein. Es kann auch hei­ßen: Man schafft Vor­aus­set­zun­gen, um den Wan­del so ein­fach wie mög­lich zu machen. 

Das zu beto­nen, gelingt der grü­nen Par­tei an ande­rer Stel­le bes­ser als in Müns­ter. Die Frak­ti­ons­chefin der Grü­nen im Bun­des­tag, Kat­rin Göring-Eckardt, hat der Welt am Sonn­tag am Wochen­en­de auf die Fra­ge nach den poli­ti­schen Fol­gen der Kri­se für die Geschäf­te unter ande­rem gesagt, man müs­se die Innen­städ­te auto­frei machen. In Müns­ter erklärt die Par­tei auf ihrem Fly­er aus der Defen­si­ve her­aus, war­um ihr Plan doch gar nicht so schlimm ist, wie die ande­re Sei­te behauptet. 

Klimaschutz ja, aber schmerzlos

Eine ande­re Fra­ge, die sich stellt, wäre, wel­che Rol­le der Kli­ma­schutz in der Argu­men­ta­ti­on spie­len soll. Mei­ne Ver­mu­tung wäre: am bes­ten eine mög­lichst klei­ne, damit sich auch die Men­schen über­zeu­gen las­sen, die sagen: Kli­ma­schutz ja, aber nur dann, wenn man ihn nicht merkt.

Das zu berück­sich­ti­gen, wird nötig sein, wenn der Plan am Ende auf­ge­hen soll. Die Kli­ma­kri­se leug­net so gut wie nie­mand mehr. Aber die Über­zeu­gung, dass der Pla­net sich ohne nen­nens­wer­te Ver­än­de­run­gen ret­ten las­sen wird, scheint schon noch recht ver­brei­tet zu sein. Bis zur nächs­ten Wahl wird sich das ver­mut­lich nicht ändern.

Die­sen Zeit­raum wird die neue Rats­mehr­heit im Blick behal­ten müs­sen. Im Wahl­pro­gramm der Grü­nen stand, der his­to­ri­sche Stadt­kern inner­halb des Pro­me­na­den­rings sol­le bis 2025 auto­frei sein. Von die­sem Ter­min ist im vor­läu­fi­gen Koali­ti­ons­pa­pier nicht mehr die Rede. Das heißt: Soll­te sich bei der nächs­ten Wahl eine neue Mehr­heit fin­den, könn­te die noch vor dem Start vie­les wie­der rück­gän­gig machen.

In eini­gen Punk­ten wür­de das zwangs­läu­fig pas­sie­ren. Die Park­häu­ser für den öffent­li­chen Ver­kehr schlie­ßen – da lie­gen die poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen wohl zu weit aus­ein­an­der. Bei der CDU oder der FDP wür­de man sagen: „Sorgt für viel Ärger, bringt dem Kli­ma aber so gut wie nichts.“ Man könn­te aber auch auf einen ande­ren Aspekt schau­en, der die Inter­es­sen viel­leicht etwas bes­ser vereint.

Dass Kopen­ha­gen dem Rad­ver­kehr so viel Raum gibt, tut dem Kli­ma sicher gut. Aber vor allem hat es dazu geführt, dass die Stadt ein Vor­bild gewor­den ist. Kopen­ha­gen gilt als fort­schritt­lich, lebens­wert, attrak­tiv – als ein Ort, an dem man gut Urlaub machen, aber auch gut leben kann. Medi­en aus der gan­zen Welt berich­ten, kein Bei­trag über die Mobi­li­täts­wen­de kommt ohne das Wort Kopen­ha­gen aus, auch die­ser ja nicht. Die Stadt ist ein gutes Bei­spiel. Und das zahlt sich auch wirt­schaft­lich aus. 

SPD will nachverhandeln

Wie es in Müns­ter nun wei­ter­geht, wird sich Ende der Woche ent­schei­den. Die SPD-Frak­ti­on hat am Mon­tag­abend meh­re­re Stun­den lang über die strit­ti­gen Fra­gen dis­ku­tiert. Ergeb­nis: Die SPD lehnt die bis­her vor­lie­gen­den Kom­pro­miss­vor­schlä­ge von Grü­nen und Volt ab, nimmt das Ange­bot aber an, noch ein­mal über den Koali­ti­ons­ver­trag zu ver­han­deln. Das teil­te Müns­ters SPD-Chef Robert von Olberg am heu­ti­gen Diens­tag den Par­tei­mit­glie­dern in einer E-Mail mit. 

Wie die bis­her erziel­ten Ergeb­nis­se aus­se­hen, steht im 62 Sei­ten lan­gen Koali­ti­ons­pa­pier vom ver­gan­ge­nen Don­ners­tag. Das The­ma Mobi­li­tät und Ver­kehr nimmt dort sechs­ein­halb Sei­ten ein. Zum Flug­ha­fen will die Koali­ti­on mög­lichst schnell eine Stu­die in Auf­trag geben, die bis Ende des Jah­res fer­tig sein soll. Dar­in soll ste­hen, wel­che Optio­nen sich nun bie­ten und wel­che Fol­gen sie hät­ten. In einem wich­ti­gen Punkt hat­te man offen­bar schon einen Kom­pro­miss gefun­den: Statt ab 2024, wie neue EU-Regeln es vor­schrei­ben, soll der Flug­ha­fen schon nach 2022 kei­ne Zuschüs­se von der Stadt mehr bekom­men. Das könn­te sich nach­träg­lich noch ändern. 

Ein strit­ti­ger Punkt beim Neu­bau des Preu­ßen­sta­di­ons ist offen­bar der Finanz­de­ckel. Übli­cher­wei­se kos­ten Pro­jek­te hin­ter­her immer deut­lich mehr, als anfangs geplant. Der Deckel soll das ver­hin­dern. Wird der Bau teu­rer als 40 Mil­lio­nen, sol­len der Ver­ein oder Spon­so­ren einspringen. 

Zur auto­frei­en Innen­stadt steht in dem Papier ganz am Anfang: Im ers­ten Schritt sol­len die Aegi­di­i­stra­ße zur Fahr­rad­stra­ße und Dom­platz, Pfer­de­gas­se sowie Königs­stra­ße „weit­ge­hend auto­frei“ wer­den. Das Park­haus in den Arka­den soll einen neu­en Zweck bekom­men und unter ande­rem Anwoh­nern zur Ver­fü­gung ste­hen. Wil­des und ord­nungs­wid­ri­ges Par­ken soll stär­ker geahn­det wer­den. Par­ken soll über­all in der Alt­stadt Geld kos­ten, eine zusätz­li­che Kli­ma­pau­scha­le soll den öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehr finan­zie­ren. Und das alles klingt schon so, als wenn es irgend­wie nötig wäre, wenn man es mit der auto­frei­en Innen­stadt ernst meint. Aber es klingt nicht so, als wenn es ein guter ers­ter Schritt wäre. 


In aller Kürze

+++ Nach dem Rück­tritt von Mathi­as Kers­t­ing als SPD-Frak­ti­ons­chef war noch eine Fra­ge offen: Wie geht es denn eigent­lich wei­ter für ihn? Auf Nach­fra­ge schreibt er am Mon­tag­mit­tag: „Ich war eigent­lich auf dem Weg, alles auf­zu­ge­ben.“ Es habe aber sehr vie­le posi­ti­ve Rück­mel­dun­gen gege­ben. Man habe ihn gebe­ten, das Man­dat zu behal­ten. Und das wer­de er nun auch tun. 

+++ Ein inter­es­san­ter Punkt noch aus dem Koali­ti­ons­pa­pier: Wenn es im Rat um den Hafen­markt gehen wird, soll kein Koali­ti­ons­zwang gel­ten. Das bedeu­tet: Alle dür­fen abstim­men, wie sie wol­len. Dar­auf haben die Par­tei­en sich geei­nigt, jeden­falls laut dem vor­läu­fi­gen Doku­ment. Dass sich an die­ser Stel­le noch etwas ändert, ist unwahr­schein­lich. In der Ver­gan­gen­heit war es zu Pro­ble­men gekom­men, weil die CDU von den Grü­nen als Koali­ti­ons­part­ner ein Ja erwar­tet hät­te, aber nicht bekam. Damit half die SPD aus. Die­ses Mal ist alles noch etwas kom­pli­zier­ter. Die SPD möch­te den Hafen­markt wei­ter­hin. Doch der Mann, der dafür ver­ant­wort­lich ist, dass sich auf der Bau­stel­le am Han­sa­ring seit zwei Jah­ren nichts tut, ist Teil der eige­nen Koali­ti­on. Das ist Rai­ner Bode. Er ist grü­nes Ratsmitglied.

+++ Nach­dem der Impf­start am Mon­tag nicht so rei­bungs­los geklappt hat, wie man sich das gewünscht hät­te, hat Armin Laschet (CDU) am Mon­tag­nach­mit­tag noch ein­mal betont: „Der Impf­start in NRW ist gelun­gen.“ NRW-Gesund­heits­mi­nis­ter Kajo Lau­mann (CDU) sekun­dier­te am Diens­tag: „Ich fin­de, der Impf­start ist sehr wohl gelun­gen.“ Dar­über kann nun unter­schied­li­cher Mei­nung sein. Die West­fä­li­schen Nach­rich­ten titel­ten: „Cha­os bei der Ter­min­ver­ga­be“. Wir hör­ten ges­tern zum Bei­spiel von gan­zen Fami­li­en, die den Mor­gen über per Tele­fon und Com­pu­ter ver­sucht hat­ten, einen Ter­min für die Groß­el­tern zu bekom­men. Den Mor­gen über aller­dings ohne Erfolg. Vor­stel­len muss man sich das alles wohl unge­fähr wie den Beginn des Som­mer­schluss­ver­kaufs, nur unge­fähr 116.117 Mal so schlimm. In der ers­ten Stun­de sei­en 250.000 Anru­fe ein­ge­gan­gen, die Inter­net­sei­te sei 700 Mal pro Sekun­de ange­klickt wor­den, hieß es. Die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung teil­te mit, auf so einen Andrang hät­te man sich nicht ein­stel­len kön­nen. Ein biss­chen hat­te man das dann aller­dings wohl doch getan. Die Adres­se der Sei­te mit der Mel­dung „Kei­ne Ter­min­ver­ga­be mög­lich“ ende­te mit mit: „ver­troes­ten­ba­ckend“. Dass Hot­line (116 117) und Web­site der Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung nicht erreich­bar gewe­sen sei­en, nann­te NRW-Grü­nen-Che­fin Mona Neu­baur laut WDR „eine Voll­ka­ta­stro­phe“. Sie kri­ti­sier­te, dass die frü­hen Imp­fun­gen nicht ein­fach in Haus­arzt­pra­xen statt­fin­den. Anmer­kung: Das geht nicht, weil in den Pra­xen in der Regel kei­ne Super-Kühl­schrän­ke ste­hen. Die SPD for­dert eine Aktu­el­le Stun­de im Land­tag. Die Tele­fon-Hot­lines sind unter­des­sen – zumin­dest den Plä­nen nach – täg­lich zwi­schen 8 und 22 Uhr erreich­bar. Laut dem Gesund­heits­mi­nis­ter ist auch eini­ge Male jemand durch­ge­kom­men. 275.000 Impf­ter­mi­ne sei­en schon ver­ge­ben, sag­te er. In Müns­ter hat­ten laut den West­fä­li­schen Nach­rich­ten über 17.000 Men­schen über 80 eine Ein­la­dung bekom­men. 10.000 Ter­mi­ne sei­en zunächst verfügbar. 

+++ Vor sechs Jah­ren hat die Band „Jupi­ter Jones“ sich getrennt, weil ihr Sän­ger Nicho­las Mül­ler an einer Angst­stö­rung litt. Nun hat die Band bekannt gege­ben: Wir machen wei­ter. Wenn Sie mit dem Namen nichts anfan­gen kön­nen, die­ses Lied ken­nen Sie bestimmt. Und wenn Sie sich fra­gen: Was hat das mit Müns­ter zu tun? Nicho­las Mül­ler wohnt im Südviertel.

+++ Mehr als 27 Jah­re nach der Tat scheint der Mord an der damals 16-jäh­ri­gen Schü­le­rin Nico­le-Deni­se Schal­la in Dort­mund geklärt. Das Dort­mun­der Schwur­ge­richt ver­ur­teil­te den 56-jäh­ri­gen Müns­te­ra­ner Ralf H. wegen Mor­des, berich­tet der WDR. Wir hat­ten im Juli im RUMS-Brief über den Fall geschrie­ben, weil H. aus der Unter­su­chungs­haft ent­las­sen wer­den muss­te, obwohl vie­les dar­auf hin­deu­te­te, dass er der Täter ist. Ralf H. hat die Tat immer bestrit­ten. Die Ver­tei­di­gung will Revi­si­on ein­le­gen. Das bedeu­tet: Nun wird geprüft, ob das Gericht Feh­ler gemacht hat. Bis das Urteil rechts­kräf­tig ist, bleibt Ralf H. wei­ter auf frei­em Fuß.


Corona-Update

Müns­ters Kri­sen­stabs­lei­ter Wolf­gang Heu­er (SPD) hat der Welt am Wochen­en­de auf die Fra­ge, was Müns­ter denn bes­ser mache als ande­re Städ­te, gesagt: „Kurz gesagt, in Müns­ter funk­tio­niert der Lock­down.“ Die meis­ten Men­schen hiel­ten sich an die Regeln, die Men­schen iden­ti­fi­zier­ten sich mit der Stadt. Die­se Grund­hal­tung mache es leich­ter, durch die Kri­se zu kom­men. Unge­fähr so hat­te Heu­er es schon im ver­gan­ge­nen Jahr dem WDR gesagt, wie Nils Diet­rich für die Wie­der­täu­fer doku­men­tiert hat. Ob die­ser Zusam­men­hang wirk­lich besteht, wis­sen wir nicht. Ober­bür­ger­meis­ter Mar­kus Lewe (CDU) nutz­te sei­nen Auf­tritt im ARD-Mor­gen­ma­ga­zin eben­falls, um ein biss­chen Wer­bung für die Men­schen in der Stadt zu machen. Er glau­be, es habe mit der Grund­hal­tung der Men­schen zu tun, sag­te er. Müns­ter sei zudem eine der ers­ten Städ­te gewe­sen, die einen Kri­sen­stab ein­ge­rich­tet hät­ten, um einen Schritt vor­aus zu sein. Wahr­schein­li­cher wäre, dass es an der Struk­tur und an den Umstän­den liegt. Denn sei­en wir mal ehr­lich: So sehr unter­schei­det sich die Grund­hal­tung der Men­schen in Müns­ter nicht von der, die man in Waren­dorf fin­det. Dort liegt die Inzi­denz bei 110.

Men­schen unter­schät­zen gern den Ein­fluss von Umstän­den. Dahin­ter muss kei­ne mani­pu­la­ti­ve Absicht ste­hen, es ist ein klas­si­scher Denk­feh­ler, den Men­schen immer wie­der machen. In der Wis­sen­schaft nennt man das den Attri­bu­ti­ons­feh­ler. Es kann Zufall sein, dass die Wer­te in Müns­ter so nied­rig sind. Oder es kann an der Bevöl­ke­rungs­struk­tur lie­gen. Das wäre etwas wahr­schein­li­cher. Und das ver­mu­tet zum Bei­spiel der Epi­de­mio­lo­ge André Karch von der Uni Müns­ter, der in dem ARD-Bei­trag eben­falls zu Wort kommt. Es gebe vie­le Sin­gle-Haus­hal­te in der Stadt. Das kann bedeu­ten, dass weni­ger Kon­tak­te im Pri­vat­le­ben statt­fin­den, wobei auch das nicht der Fall sein muss. Außer­dem leben 55.000 Stu­die­ren­de in der Stadt, es gibt vie­le Büro­jobs, all das könn­te Teil der Erklä­rung sein. Wirk­lich sagen kön­nen wir nur: Anfang der Woche bewe­gen die Zah­len sich wei­ter auf einem nied­ri­gen Niveau. Am Mon­tag mel­det die Stadt zwei Neu­in­fek­tio­nen, am Diens­tag neun. Lei­der auch einen Todes­fall: Eine 87-jäh­ri­ge Frau starb an den Fol­gen der Infek­ti­on. Die Sie­ben-Tage-Inzi­denz in Müns­ter fiel auf 38 und liegt damit schon seit einer Woche unter dem kri­ti­schen Wert von 50. Im Moment gel­ten 441 Men­schen im Stadt­ge­biet als infiziert.


Unbezahlte Werbung

Zwi­schen­durch ent­ste­hen ja immer wie­der Situa­tio­nen, in denen man gern etwas ver­schen­ken möch­te, noch nicht so recht weiß, was, aber eine vage Idee ist schon da: viel­leicht irgend­was Regio­na­les aus Müns­ter, etwas Gutes von hier. Nur was? Vor­schlag von uns: Mar­me­la­de, und zwar von der Mar­me­la­den­ma­nu­fak­tur an der Fried­rich-Ebert-Stra­ße. Ja, das klingt noch nicht so spek­ta­ku­lär. Dazu müss­ten wir erst einen Blick auf die Geschmacks­rich­tun­gen wer­fen. Zum Bei­spiel: Man­go-Oran­ge-Bana­ne, Toma­te-Chi­li-Basi­li­kum oder Rote Zwie­bel mit Whis­key. Alle Sor­ten, auch eini­ge Geschenk­pa­ke­te, fin­den Sie auf der Web­site. Und dort kön­nen Sie alles auch bestellen.


Drinnen und Draußen 

+++ Auf die­se Emp­feh­lung bin ich bei Thors­ten Hen­nig-Thurau gesto­ßen, dem Mar­ke­ting-Pro­fes­sor aus Müns­ter, der ein Buch über den Film­klas­si­ker „Alle Jah­re wie­der“ von Ulrich Scha­mo­ni her­aus­ge­ge­ben hat. Er wies bei Face­book auf den Strea­ming­dienst Film­friend hin, der vie­le Fil­me auch in Ori­gi­nal­spra­che und mit Unter­ti­teln anbie­tet, und – kein so schlech­tes Argu­ment – kos­ten­los ist, wenn Sie einen Aus­weis der Stadt­bü­che­rei haben. Den Film „Alle Jah­re wie­der“ fin­den Sie dort übri­gens auch.

+++ Die Band „Die Bera­ter“ aus Müns­ter hat die ver­gan­ge­nen Mona­te über­wie­gend im Home-Stu­dio ver­bracht. Das Ergeb­nis sind sechs neue Songs, die Sie sich zum Bei­spiel bei Apple, Ama­zon oder bei Spo­ti­fy anhö­ren kön­nen. Und wenn Sie sich dabei ein Foto der Band anse­hen möch­ten, das gin­ge hier.

+++ Rei­sen ist im Moment ja lei­der schlecht. Aber der Film­ver­ein „Die Lin­se“ hat sich etwas gegen den Phan­tom­schmerz über­legt: die Ver­an­stal­tungs­rei­he „Ein Tag in…“, bei der aus per­sön­li­chen Fil­men, Fotos, Geschich­ten oder Tex­ten Städ­te­por­träts ent­ste­hen sol­len, die erst im Netz zu sehen sind, spä­ter dann im Kino. Zunächst wird es um die Städ­te Ber­lin, Paris und Lis­sa­bon gehen. Ein biss­chen Mate­ri­al ist hier schon zu sehen. Wenn Sie auch mit­ma­chen möch­ten, schrei­ben Sie am bes­ten eine Mail an den Verein.

+++ Das Thea­ter streamt am Mitt­woch­abend die Monooper „Das Tage­buch der Anne Frank“, am Sams­tag­abend steht der Tanz­abend „Dis-Tanz“ auf dem Pro­gramm. Jeweils um 19 Uhr geht es hier los. Danach sind die Stü­cke noch 24 Stun­den lang zu sehen.

+++ Zum Schluss noch ein Film­tipp, falls Sie zwi­schen­durch eine Drei­vier­tel­stun­de Zeit haben: Beim WDR fin­den Sie zur­zeit die Doku „Die Kauf­leu­te von Müns­ter: eine Zeit­rei­se ins Mit­tel­al­ter“. Es geht dar­um, wie die Men­schen im Mit­tel­al­ter in Müns­ter gelebt haben und wel­che Spu­ren davon heu­te noch in der Stadt zu sehen sind.

Am Frei­tag schreibt Ihnen Con­stan­ze Busch. Haben Sie bis dahin eine schö­ne Woche. Und blei­ben Sie gesund.

Herz­li­che Grüße

Ralf Hei­mann

Mit­ar­beit: Con­stan­ze Busch


PS

Unse­re Kolum­nis­tin Mari­na Weis­band hält mor­gen im Ber­li­ner Bun­des­tag eine Rede zum 25. Holo­caust-Gedenk­tag. Wie wich­tig die­ser Gedenk­tag ist, das mach­te sie selbst vor zwei Tagen in einem Inter­view mit dem Deutsch­land­funk deut­lich. Dar­in sag­te sie, sie wür­de gern mehr „über jüdi­schen Humor, jüdi­sche Küche oder die digi­ta­le Ver­net­zung welt­weit zer­streu­ter Fami­li­en spre­chen“. Es sei aber sehr schwer, sich zu orga­ni­sie­ren. Als sie ein­mal den Ter­min und den Ort eines jüdi­schen Stamm­ti­sches in der Zei­tung inse­rie­ren woll­te, habe die Poli­zei ihr davon abge­ra­ten. Das sei zu gefähr­lich. Aus dem Zug nach Ber­lin twit­ter­te Mari­na Weis­band heu­te: „Nichts ver­süßt mir den Tag mehr als Intel­lek­tu­el­le, die mich ermah­nen, etwas weni­ger hys­te­risch dar­über zu sein, wenn ich buch­stäb­lich Mord­dro­hun­gen bekom­me. Any­way, ich geh mei­ne Rede zum Holo­caust­ge­denk­tag vor­be­rei­ten.“ Der WDR über­trägt die Fei­er­stun­de ab 10 Uhr im Live­stream.