Die exemplarische Vogelstange | Corona, Corona, Corona | Hotel Galactica

Müns­ter, 12. Novem­ber 2021

Guten Tag,

am Don­ners­tag­abend griff Ober­bür­ger­meis­ter Mar­kus Lewe zu einem unge­wöhn­li­chen Mit­tel. Er ver­öf­fent­lich­te bei Insta­gram ein Video, in dem er die Rats­sit­zung von Mitt­woch kom­men­tier­te. Und das war nicht nur unge­wöhn­lich. Es war auch unge­schickt, denn damit erreicht Lewe nun das Gegen­teil des­sen, was er sich in sei­nem Video wünscht. 

Die Rats­sit­zung am Mitt­woch war eigent­lich unspek­ta­ku­lär. Es stand nicht viel auf der Tages­ord­nung, was nicht vor­her schon aus­führ­lich dis­ku­tiert wor­den wäre. Aber in zwei Punk­ten wur­de es hitzig.

Zum einen ging es um die Plä­ne der Rat­haus­ko­ali­ti­on, den Bült test­wei­se für den Durch­gangs­ver­kehr zu sper­ren – zum ande­ren um ein mög­li­ches Bau­ge­biet in Hil­trup, das man erreicht, wenn man aus der Innen­stadt über die West­fa­len­stra­ße in den Stadt­teil hin­ein fährt und hin­ter dem K+K-Markt rechts abbiegt. 

Dann befin­det man sich auf der Stra­ße Zur Vogel­stan­ge. Zwi­schen dem Wohn­ge­biet dort und dem Sport­platz etwas wei­ter süd­lich ist noch ein biss­chen Platz. Hier plant die Stadt seit vier Jah­ren ein Wohn­ge­biet mit 60 Woh­nun­gen in zwei­stö­cki­gen Mehr­fa­mi­li­en­häu­sern. Zu den Plä­nen gehört auch eine Kita mit vier Gruppen. 

Nicht-in-meinem-Hinterhof-Problem

Gegen das Bau­ge­biet for­mier­te sich sehr schnell Wider­stand, denn auf dem Gebiet befin­det sich ein halb­na­tür­li­ches Bio­top, eine soge­nann­te Feucht­wie­se. Die Zufahrts­stra­ße ist eng und zudem noch ein Schul­weg. Wür­de hier eine Kita eröff­nen, kämen noch mehr Autos. Es könn­te Ver­kehrs­pro­ble­me geben. 

Zu einem gewis­sen Teil war die­se schon seit Jah­ren lau­fen­de Debat­te auch ein Nicht-in-mei­nem-Hin­ter­hof-Pro­blem. Men­schen sehen eine Not­wen­dig­keit – aber vor der eige­nen Tür? Lie­ber nicht. Doch in die­sem Fall prüf­te die Stadt alles und kam zu dem Ergeb­nis: Im Grun­de spricht nicht viel gegen das Bau­ge­biet an die­ser Stelle.

So sah es bis vor einem Jahr auch die Mehr­heit im Rat. Aber nach der Kom­mu­nal­wahl änder­te sich das. Das schwarz-grü­ne Bünd­nis exis­tier­te nicht mehr. Die Grü­nen muss­ten kei­ne Rück­sicht mehr auf die CDU neh­men. Die SPD schwenk­te eben­falls um. Das Haupt­ar­gu­ment: der Umwelt- und Kli­ma­schutz. Damit ergab sich eine neue Mehr­heit, und nun kipp­te das Projekt. 

Die Ent­schei­dung am Mitt­woch kam nicht über­ra­schend. Im Stadt­teil­par­la­ment, der Bezirks­ver­tre­tung Hil­trup, hat­te sie sich Anfang Okto­ber schon abge­zeich­net.

Lia Kirsch von der SPD erklär­te die neue Posi­ti­on ihrer Par­tei am Mitt­woch noch ein­mal in der Rats­sit­zung. Mit der Feucht­wie­se wür­de man ein wich­ti­ges Bio­top zer­stö­ren, die Ver­kehrs­la­ge sei unge­klärt. Daher habe man eine Neu­be­wer­tung vor­ge­nom­men, sag­te sie. Die Kita wer­de kom­men, aber woan­ders. Und auch die 60 Woh­nun­gen wer­de man bau­en, nur eben nicht an die­ser Stelle. 

CDU erlebt einen Kontrollverlust

Syl­via Rie­ten­berg, Frak­ti­ons­spre­che­rin der Grü­nen, nann­te es einen Ziel­kon­flikt. Einer­seits wol­le man güns­ti­gen Wohn­raum schaf­fen, ande­rer­seits Grün­flä­chen erhal­ten. In sol­che Situa­tio­nen wer­de man in Zukunft immer wie­der geraten. 

Und hier wird deut­lich, war­um Emo­tio­nen an die­ser Stel­le eine so gro­ße Rol­le spie­len. Es gibt meh­re­re Zie­le, aber kei­ne Lösung, mit der sie alle sich gleich­zei­tig errei­chen las­sen. Man muss gewich­ten. Dabei spie­len auch Über­zeu­gun­gen eine Rol­le. Die bestehen zu einem gewis­sen Teil aus Gefüh­len. Und so ist die­ser klei­ne grü­ne Fleck in Hil­trup, der weder ent­schei­dend ist, wenn es um die Kli­ma­po­li­tik geht, noch in der Fra­ge des knap­pen Wohn­raums, doch exem­pla­risch für vie­le Debat­ten, die zur­zeit statt­fin­den. Wenn Gefüh­le ins Spiel kom­men, wird es kritisch. 

Die Wort­mel­dun­gen der CDU zeig­ten das sehr ein­drucks­voll. Da war ein gro­ßes Unver­ständ­nis, und das lag weni­ger dar­an, dass die Ent­schei­dung erheb­li­che Fol­gen für die Woh­nungs­po­li­tik der Stadt haben wür­de. Der Grund war wohl eher die Erschüt­te­rung dar­über, dass ande­re Men­schen in ihrer Bewer­tung zu einem so grund­le­gend ande­ren Ergeb­nis kommen. 

Das hängt auch mit der neu­en Rol­le der Par­tei zusam­men. Die CDU erlebt in der Oppo­si­ti­on einen Kon­troll­ver­lust. Auf den Aus­gang der Ent­schei­dun­gen hat sie kei­nen Ein­fluss mehr. Auch das führt zu Emotionalität. 

Diet­mar Erb­er aus der CDU-Frak­ti­on sag­te, er sei „fas­sungs­los“. Genau so for­mu­lier­te es auch sein Kol­le­ge Ste­fan Lesch­ni­ok. Und aus der Per­spek­ti­ve der CDU ist das abso­lut zu ver­ste­hen, denn von dort aus betrach­tet ist die Ent­schei­dung der Koali­ti­on tat­säch­lich schwer nachvollziehbar. 

Spe­zi­ell in die­sem Fall wird sie sogar noch unver­ständ­li­cher dadurch, dass die Stadt­ver­wal­tung in ihren Unter­su­chun­gen zu einem Ergeb­nis kommt, das sie für ein­deu­tig hält. Stadt­bau­rat Robin Denstorff erklär­te das am Mitt­woch auf Nach­fra­ge von CDU-Frak­ti­ons­chef Ste­fan Weber. 

Worst-Worst-Case-Szenario

Wenn man sich die Struk­tur der Sied­lung anse­he, gehe es hier ledig­lich um einen „Lücken­schluss“ zwi­schen einem Wohn­ge­biet und einem Sport­platz, sag­te Denstorff. Wenn man die 60 Woh­nun­gen kom­pen­sie­ren wol­le, wer­de das nicht vor 2025 gelin­gen. Geeig­ne­te Stand­or­te für eine Kita habe man zur­zeit nicht. Vor fünf Jah­ren habe man an die­ser Stel­le eine Arten­schutz­prü­fung gemacht. „Der Gut­ach­ter ist zu dem Ergeb­nis gekom­men, dass kei­ne gefähr­de­ten Arten in der pla­nungs­re­le­van­ten Flä­che vor­han­den sind“, sag­te Denstorff. Pro­ble­me mit dem Regen­was­ser­ab­fluss wer­de es nicht geben. Auch das war ein Argu­ment gegen das Bau­ge­biet. Man habe ein „Worst-Worst-Case-Sze­na­rio“ zur Kita ange­fer­tigt, zum Ver­kehr, auch da sei­en kei­ne Pro­ble­me zu erken­nen. Die Distanz zu den Bio­to­pen sei im Ver­lauf der Pla­nung „um ein Viel­fa­ches ver­grö­ßert wor­den“. Das Bio­top sei nicht gefähr­det. Und die Unte­re Natur­schutz­be­hör­de habe das Vor­ha­ben als „tole­ra­bel“ bezeichnet. 

Stadt­di­rek­tor Tho­mas Paal ergänz­te, die Kita-Ver­sor­gung in Hil­trup sei „unter­durch­schnitt­lich“. Die Stadt suche vor allem in Hil­trup West seit Jah­ren nach Mög­lich­kei­ten, Kita-Plät­ze zu errich­ten. In den Stadt­tei­len sei es extrem schwie­rig, pas­sen­de Orte zu finden. 

Man kann die Ent­schei­dung der Koali­ti­on also aus guten Grün­den für falsch hal­ten. Ober­bür­ger­meis­ter Mar­kus Lewe hält sie für falsch. In sei­nem Video sagt er mit Blick auf das Wohn­ge­biet, es gebe „weder natur­schutz­recht­li­che Grün­de dage­gen” und „auch kei­ne ande­ren Grün­de.“ Aber auch das ist falsch. 

Wirft man einen Blick auf die Stel­lung­nah­men der Behör­den zur Ände­rung des Flä­chen­nut­zungs­plans, fin­det man zum Bei­spiel einen Hin­weis der Unte­ren Natur­schutz­be­hör­de, die schreibt, es habe „einen erheb­li­chen Ein­griff in Natur und Land­schaft zur Fol­ge“, wenn man die­se Flä­che bebau­en wür­de. Eine im Bio­top­ka­tas­ter des Lan­des­amts für Natur, Umwelt und Ver­brau­cher­schutz Nord­rhein-West­fa­len „als schutz­wür­di­ges Bio­top gekenn­zeich­ne­te Flä­che“ wür­de überplant. 

Die Behör­de hat Beden­ken, und dar­in kann man schon einen Grund sehen, an die­ser Stel­le auf einen Ein­griff in ein Öko­sys­tem zu ver­zich­ten. Aus der Natur kann man nicht ein­fach ein Stück her­aus­schnei­den wie aus einem Kuchen. Ein Ein­schnitt hier kann Fol­gen an ande­ren Stel­len haben. Aber natür­lich, man kann auch sagen: Das neh­men wir in Kauf. Zu wel­cher Ent­schei­dung man kommt, ist das Ergeb­nis einer Abwägung. 

Ein Statement, viele Fragen

Mit sei­nem Video bezieht das CDU-Mit­glied Mar­kus Lewe eine poli­ti­sche Posi­ti­on. Und damit ver­lässt er nicht nur sei­ne Rol­le als Ober­bür­ger­meis­ter, damit stellt er auch eine demo­kra­tisch getrof­fe­ne Ent­schei­dung des Rates in Frage. 

Der Rat darf also bestim­men, aber wenn die Ent­schei­dung nicht so aus­fällt, wie die Ver­wal­tung sich das vor­stellt, gibt es einen Rüffel? 

Es stel­len sich noch ande­re Fra­gen: War­um kommt das State­ment jetzt, wo die Ent­schei­dung schon gefal­len ist? Wäre der rich­ti­ge Zeit­punkt nicht die Rats­sit­zung gewe­sen? Dort gibt Mar­kus Lewe ja sonst auch schon mal ein State­ment ab.

Und wen adres­siert Lewe hier? Die Men­schen in Müns­ter? Was will er ihnen mit­tei­len? Dass die demo­kra­tisch gewähl­te Mehr­heit in sei­nen Augen ihre Arbeit nicht gut erle­digt? Und was erreicht er damit? Dass die Men­schen der poli­ti­schen Arbeit im Rat­haus misstrauen?

Ich selbst hät­te mit allen Infor­ma­tio­nen, die mir zur Ver­fü­gung ste­hen, für das Bau­ge­biet gestimmt – mit Blick auf die feh­len­den Woh­nun­gen und Kita-Plät­ze. Aber ich habe Ver­ständ­nis für die ande­re Posi­ti­on, denn es kann sein, dass ich hier falsch liege.

Das Pro­blem wird in den Zah­len deut­lich, die Mar­kus Lewe in sei­nem Video nennt, und die Robin Denstorff schon am Mitt­woch im Rat erklärt hat­te. An der Vogel­stan­ge geht es um ein Gebiet, das in etwa einen Hekt­ar groß ist, 10.000 Qua­drat­me­ter Net­to­bau­land, zwi­schen fünf und acht Mil­lio­nen Euro wert. Die Erschlie­ßung kos­tet laut Denstorff etwa 650.000 Euro. Das müss­te man vom Erlös noch abzie­hen. So blie­ben der Stadt im schlech­tes­ten Fall etwas mehr als vier Mil­lio­nen Euro, im bes­ten etwas über sieben. 

Wie hoch ist die Opportunität?

In sei­nem Video spricht Mar­kus Lewe vom Scha­den, der durch den Ver­zicht auf das Wohn­ge­biet ent­steht, und von Ein­nah­me­ver­lus­ten in Höhe von „min­des­tens fünf Mil­lio­nen Euro“. Aber um eine wich­ti­ge Fra­ge geht es nicht: Wie hoch ist die Oppor­tu­ni­tät? Also was wür­de es kos­ten, das Land hier zu bebau­en? Mit wie viel Euro müss­te man den Ein­griff in das Öko­sys­tem ver­an­schla­gen? Das ist ein Wert, der sich schwer nen­nen lässt, weil die Natur für ihre Ver­nich­tung noch immer kein Geld verlangt. 

Doch das ver­zerrt die Ent­schei­dungs­si­tua­ti­on. In der Kli­ma­de­bat­te ist das sehr oft ein Pro­blem. Es wirkt, als kön­ne man mit dem Ver­zicht auf Kli­ma­schutz bares Geld sparen. 

Tat­säch­lich ist es ein Pro­blem der Anrei­ze. Und wenn man ehr­lich ist, stimmt es schon: Die Stadt Müns­ter könn­te durch den Ver­zicht auf Kli­ma­schutz bares Geld spa­ren. An Müns­ter allein wird es nicht lie­gen, ob das 1,5-Grad-Ziel erreicht wird oder nicht. 

Das macht die Argu­men­ta­ti­on so schwer. Auf der einen Sei­te kann man sagen: Die­ses klei­ne Bau­ge­biet hier in Hil­trup wird das Kli­ma nicht ret­ten, da den­ken wir mal an uns, unse­re Woh­nun­gen, unser Wachs­tum und unser Geld. Umge­kehrt lässt sich auf die­ser Grund­la­ge auch sehr vie­les mit Kli­ma­schutz begrün­den, was sich tat­säch­lich nur mar­gi­nal aufs Kli­ma auswirkt. 

Wie die Ent­schei­dung aus­fällt, liegt an der Gewich­tung. Bei­des ist mög­lich. Und bei­des hat Fol­gen. Und je nach Grad der Emo­tio­na­li­tät kann man das unter­schied­lich for­mu­lie­ren. Die sehr emo­tio­na­le Vari­an­te ist: Jun­ge Fami­li­en wer­den hier um ihren Traum gebracht. Die weni­ger emo­tio­na­le: Eini­ge Men­schen müs­sen wei­ter­hin mit einer Woh­nung vor­lieb neh­men, die nicht ganz so schön ist oder etwas wei­ter außer­halb liegt. Dass eine Fami­lie obdach­los wird, weil das Bau­ge­biet nicht ent­steht, ist unwahrscheinlich. 

Einfach eine demokratische Entscheidung

Auch über die Zie­le kann man dis­ku­tie­ren. Es wäre mög­lich zu sagen, die Stadt soll in der Flä­che nicht mehr an den Rän­dern wach­sen, wenn sich eine demo­kra­ti­sche Mehr­heit dafür fin­det. Danach sieht es nicht aus. Aber selbst das wäre nicht der Unter­gang. Es wäre ein­fach eine demo­kra­ti­sche Ent­schei­dung, die man für voll­kom­men falsch hal­ten kann. In der aktu­el­len Debat­te ist das ein biss­chen aus dem Blick gera­ten. Und wie es scheint, auch dem Oberbürgermeister. 

In sei­nem Video spricht er spä­ter über die Ver­kehrs­po­li­tik. Er for­dert eine Poli­tik, die „aus­ge­wo­gen ist, nicht über­hitzt“. Er betont, dass die Stadt erreich­bar sein müs­se, er for­dert, „behut­sam“ vor­zu­ge­hen. Er sagt: „Jeder muss das Recht haben, die­se Stadt in einem ange­mes­se­nen Rah­men errei­chen zu kön­nen und sich auch in der Stadt bewe­gen zu können.“

Damit unter­stellt er die Gefahr, dass sich das ändern könn­te – dass Men­schen die Stadt nicht mehr in einem ange­mes­se­nen Rah­men errei­chen und sich nicht mehr in die­sem Rah­men in ihr bewe­gen können.

Er weckt über­haupt erst den Gedan­ken, dass dies eine Mög­lich­keit sein könn­te. Sein Video endet mit dem Satz: „In dem Sin­ne wün­sche ich mir, dass es uns gelingt, aus einer über­hitz­ten, mög­li­cher­wei­se ideo­lo­gi­schen Atmo­sphä­re her­aus wie­der zur Sach­lich­keit und auch zur Fach­lich­keit zurück­zu­keh­ren, im Sin­ne unse­rer Bür­ger­schaft und unse­rer Stadt.“ 

Hier unter­stellt Lewe, dass „Ideo­lo­gie“ im Spiel sein könn­te, „mög­li­cher­wei­se“. Er bedient sich eines Kampf­be­griffs, den vor allem sei­ne Par­tei gern in die Dis­kus­si­on wirft, um gegen die Poli­tik des Rat­haus-Bünd­nis­ses zu pole­mi­sie­ren. Und er unter­stellt, dass die Ebe­ne der Sach­lich­keit und der Fach­lich­keit ver­las­sen wor­den sei. Sonst müss­te man ja nicht wie­der auf sie zurückkehren. 

Aber wen meint er hier? Die CDU, die mit einer schar­fen Rhe­to­rik die Stim­mung gegen die Ver­kehrs­po­li­tik des Rat­haus-Bünd­nis­ses auf­ge­heizt hat? Dass ein CDU-Mann sei­ner eige­nen Par­tei „mög­li­cher­wei­se Ideo­lo­gie“ vor­wirft, ist eher unwahr­schein­lich. Im Moment geht von der CDU auch nicht die Gefahr aus, dass sie mit ihrer Ver­kehrs­po­li­tik das errei­chen könn­te, wovor Lewe hier warnt. 

Das Video macht alles noch schlimmer

Der Ober­bür­ger­meis­ter macht Par­tei­po­li­tik, sei­ner Rol­le ist das nicht ange­mes­sen. Es dient auch nicht der Ver­sach­li­chung, eher macht es alles noch schlim­mer. Das ist schon an der Reak­ti­on der Grü­nen am Frei­tag zu erken­nen. Syl­via Rie­ten­berg und Chris­toph Kat­tent­idt, die Spre­che­rin und der Spre­cher der Frak­ti­on, teil­ten mit, das Video sei „befremd­lich“. Der Ober­bür­ger­meis­ter habe die Chan­ce gehabt, die Par­tei vor der Rats­sit­zung zu kon­tak­tie­ren oder sei­ne Mei­nung in der Sit­zung zu sagen. Das habe er bis zur Ent­schei­dung nicht getan. Es sei „voll­kom­men unan­ge­mes­sen, die demo­kra­ti­sche Ent­schei­dung einer demo­kra­tisch gewähl­ten Stadt­rats­mehr­heit als Chef der Stadt­ver­wal­tung in die­ser Art abzukanzeln“. 

Am Ende hat Lewe mit sei­nem Video die Atmo­sphä­re wei­ter ver­gif­tet. Ich den­ke nicht, dass das sei­ne Absicht war. Aber er hät­te es ahnen können. 

Nur was könn­te die Situa­ti­on wirk­lich ver­sach­li­chen? Viel­leicht zual­ler­erst das gegen­sei­ti­ge Zuge­ständ­nis, dass es der CDU nicht dar­um geht, jeg­li­che Ver­än­de­rung zu ver­hin­dern, und das Rat­haus­bünd­nis nicht die Absicht hat, die Innen­stadt von der Außen­welt abzu­schnei­den. Viel­leicht auch das Zuge­ständ­nis, dass es auf kei­ner Sei­te um Ideo­lo­gie geht, son­dern um poli­ti­sche Ein­schät­zun­gen einer Situa­ti­on, die man nur eben nicht teilt. 

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In aller Kürze

+++ Die Debat­te um eine test­wei­se Durch­fahrt­sper­re am Bült ging in der Rats­sit­zung am Mitt­woch mun­ter wei­ter. Das Ergeb­nis ist: Die Rat­haus-Koali­ti­on aus Grü­nen, SPD und Volt haben der Ver­wal­tung den Auf­trag gege­ben, her­aus­zu­fin­den, ob sich die Durch­fahrt­sper­re machen lässt. Gleich­zei­tig hat die CDU ein Papier mit zwölf Vor­schlä­gen vor­ge­legt (Stra­te­gie Müns­ter­mo­bi­li­tät 2025), die es leich­ter machen sol­len, auf ande­rem Wege als mit dem Auto nach Müns­ter und in die Innen­stadt zu gelan­gen. Über all das gab es am Mitt­woch eine Dis­kus­si­on, die zwar nicht ergie­big war, aber zum Glück vie­le Fra­gen offen ließ. Damit beschäf­ti­ge ich mich am Diens­tag noch etwas ausführlicher. 

+++ Die Stadt wird Zuschüs­se in Zukunft anders ver­ge­ben als bis­her. Zum einen nur noch befris­tet. Und die Rats­par­tei­en sol­len mehr Ein­fluss bekom­men, Zuschüs­se so zu ver­ge­ben, dass Kos­ten­stei­ge­run­gen schon berück­sich­tigt sind. Ins­ge­samt geht es um 153 Mil­lio­nen Euro, von denen 117 Mil­lio­nen an die Kitas flie­ßen. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren sind die Beträ­ge enorm gestie­gen, seit 2016 um 50 Pro­zent. Auch das will die Stadt durch die neue Rege­lung bes­ser unter Kon­trol­le bekommen. 

+++ Die Mat­hil­de-Anne­ke-Gesamt­schu­le kann zum nächs­ten Schul­jahr 2022/23 sechs neue Ein­gangs­klas­sen bil­den. Das neue Schul­ge­bäu­de wird bis dahin aller­dings wohl nicht fer­tig sein. Es hat­te sich schon im Som­mer abge­zeich­net, dass es auf der Bau­stel­le zu wei­te­ren Ver­zö­ge­run­gen kom­men wür­de, unter ande­rem, weil dort gra­vie­ren­de Feh­ler und Pan­nen pas­siert sind (wir hat­ten das hier erklärt). Wegen die­ser Ver­zö­ge­run­gen soll­ten die Stadt­ver­wal­tung und die Schu­le eine Zwi­schen­lö­sung ent­wi­ckeln. Das haben sie getan, und der Rat hat am Mitt­woch zugestimmt. 

Die Lösung sieht so ähn­lich aus wie der bis­he­ri­ge Über­gangs­zu­stand, man setzt auf Con­tai­ner­räu­me. Die pro­vi­so­ri­sche Men­sa wird durch sol­che Räu­me ver­grö­ßert. Und in den Con­tai­nern, in denen bis­her die Bau­lei­tung unter­ge­bracht war und die dafür nicht mehr benö­tigt wer­den, wer­den neue Klas­sen­räu­me ein­ge­rich­tet. Laut Rats­vor­la­ge schätzt die Stadt­ver­wal­tung die Kos­ten für die ver­län­ger­te Zwi­schen­lö­sung auf ins­ge­samt 680.000 Euro. 

Corona-Update

Wie sich schon ange­deu­tet hat­te, wer­den sich nun tat­säch­lich die Minis­ter­prä­si­den­tin­nen und -prä­si­den­ten mit der Bun­des­re­gie­rung tref­fen, um über die wei­te­re Pan­de­mie­be­kämp­fung zu bera­ten. NRW-Minis­ter­prä­si­dent Hen­drik Wüst, gera­de Vor­sit­zen­der der Ministerpräsident:innenkonferenz, hat­te am Diens­tag gefor­dert, die Run­de sol­le mög­lichst noch die­se Woche zusam­men­kom­men. Man hat sich nun auf den nächs­ten Don­ners­tag geei­nigt. Es kom­men­tiert Lothar Wie­ler vom Robert-Koch-Insti­tut: „Es ist fünf nach zwölf.“

Wie­ler hat heu­te in einer gemein­sa­men Pres­se­kon­fe­renz mit Noch-Gesund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn dazu auf­ge­ru­fen, Groß­ver­an­stal­tun­gen abzu­sa­gen oder jeden­falls zu mei­den und über­haupt die Kon­tak­te wie­der zu redu­zie­ren. Jens Spahn möch­te, dass für Ver­an­stal­tun­gen die 2G-Plus-Regel gilt: Es sol­len also nur noch Geimpf­te und Gene­se­ne Zutritt haben, die außer­dem ein aktu­el­les Test­ergeb­nis vor­le­gen. Am Arbeits­platz soll 3G gel­ten. Da reicht dann also ein Test. Wie genau das aus­se­hen könn­te, muss die Poli­tik noch klären.

Der Ernst der Lage war am Mitt­woch auch The­ma im müns­ter­schen Stadt­rat. Kri­sen­stabs­lei­ter Wolf­gang Heu­er stimm­te die Rats­mit­glie­der auf stren­ge­re Regeln und einen anstren­gen­den Win­ter ein. Wie die West­fä­li­schen Nach­rich­ten berich­ten, soll auf den Weih­nachts­märk­ten in Müns­ter die 2G-Regel gel­ten. Anders als beim Send wird es aber wohl kei­nen Ein­lass geben, bei dem jede:r Besucher:in kon­trol­liert wird. Statt­des­sen sol­len Ordner:innen und Mitarbeiter:innen des Ord­nungs­am­tes unter­wegs sein, stich­pro­ben­ar­tig kon­trol­lie­ren und bei Ver­stö­ßen Buß­gel­der in Höhe von 250 Euro verhängen.

Seit ges­tern hat die Stadt ins­ge­samt vier neue Todes­fäl­le im Zusam­men­hang mit Covid-19 gemel­det. Ein 75-jäh­ri­ger und ein 81-jäh­ri­ger Mann sowie zwei Frau­en im Alter von 83 und 95 Jah­ren, die mit dem Coro­na­vi­rus infi­ziert waren, sind gestor­ben. Ins­ge­samt hat es seit Pan­de­mie­be­ginn in Müns­ter 136 Todes­fäl­le im Zusam­men­hang mit dem Virus gegeben.

581 Men­schen aus Müns­ter gel­ten heu­te als infi­ziert, die Wochen­in­zi­denz wird mit 109,4 ange­ge­ben. In den Kran­ken­häu­sern der Stadt wer­den 27 Men­schen mit einer Covid-Infek­ti­on behan­delt, acht von ihnen auf der Inten­siv­sta­ti­on. Sie­ben Men­schen wer­den beatmet.

Und zum Schluss noch ein Hin­weis: Ab mor­gen dür­fen wir uns wie­der min­des­tens ein­mal pro Woche kos­ten­los auf das Coro­na­vi­rus tes­ten las­sen. Hier fin­den Sie die aktu­el­le Lis­te der Schnell­test-Stel­len in Münster.

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Drinnen und draußen

Heu­te hat sich Johan­ne Burk­hardt für Sie ange­se­hen, was Sie am Wochen­en­de unter­neh­men könnten.

+++ Viel­leicht haben Sie kurz vor der Glüh­weins­ai­son noch­mal Lust auf ein küh­les Bier. Am Sams­tag und Sonn­tag öff­net die Braue­rei Läu­ter­werk an der Ham­mer Stra­ße ab 18 Uhr die Türen für ihren monat­li­chen Braue­rei­aus­schank. Gezapft wer­den aus­ge­wähl­te Craft­bie­re, die Sie sich auch für zu Hau­se abfül­len las­sen kön­nen. Dazu gibt es fri­sche Bre­zeln. Falls das nicht Ihr bevor­zug­ter Bier-Beglei­ter ist: Es ist aus­drück­lich erlaubt, ein eige­nes Pick­nick mitzubringen.

+++ Wir hat­ten Ihnen in den letz­ten Wochen in die­ser Rubrik immer mal wie­der Kino­fil­me und -Fes­ti­vals vor­ge­schla­gen und wir machen direkt wei­ter damit: Am Sonn­tag ist näm­lich der euro­päi­sche Kino­tag. Inter­es­san­ter­wei­se spielt der Film, den wir Ihnen heu­te emp­feh­len möch­ten, in Mexi­ko. „Was geschah mit Bus 670“ beglei­tet eine Mut­ter, die sich auf der Suche nach ihrem ver­miss­ten Sohn in die soge­nann­te Todes­zo­ne von Nord­me­xi­ko begibt. Das Ergeb­nis: ein emo­tio­na­ler und bild­ge­wal­ti­ger Film. Beim Sun­dance Film­fes­ti­val hat der Film übri­gens den Publi­kums­preis gewon­nen. Hier kön­nen Sie sich den Trai­ler anse­hen. Los geht es um 20 Uhr im Cine­ma.

Am Diens­tag schrei­be ich Ihnen schon wie­der. Ich wün­sche Ihnen ein schö­nes Wochenende. 

Herz­li­che Grüße

Ralf Heimann

Mit­ar­beit: Johan­ne Burk­hardt, Con­stan­ze Busch


PS

Es kommt öfter Kri­tik, wenn wir Inhal­te ver­lin­ken, die sich bei Face­book oder Insta­gram befin­den. Des­we­gen ver­su­che ich, das mög­lichst sel­ten zu machen. Aber heu­te geht es nicht anders, denn ich wür­de Sie gern auf einen Insta­gram-Kanal auf­merk­sam machen, und das ist der Kanal von So-yeon Schrö­der-Kim, der Frau des frü­he­ren Bun­des­kanz­lers Ger­hard Schrö­der, die bei Insta­gram auf ganz lie­be­vol­le Wei­se zeigt, wie sie ihren Mann regiert. Und es ist nicht nur lie­be­voll, es ist oft auch sehr wit­zig. Ges­tern Abend war sie in Müns­ter, ohne ihren Mann. Aber sie hat ein Foto auf dem Prin­zi­pal­markt gemacht.