Die Hüffers im Widerstand? | Wahlbüro öffnet | Noites de Lisboa

Müns­ter, 12. April 2022

Guten Tag,

als der Aschen­dorff-Ver­lag vor zwei Jah­ren sein 300-jäh­ri­ges Bestehen fei­er­te, erschien im eige­nen Haus ein Buch mit dem Titel Aschen­dorff – Geschich­te eines deut­schen Medi­en­hau­ses. Auf 26 von 343 Sei­ten, fünf davon bedruckt mit Flug­blät­tern, geht es um die Zeit zwi­schen 1933 und 1945. Auf Sei­te 171 schreibt der Autor Karl-Peter Eller­b­rock: „Ein abschlie­ßen­des Urteil über die Hal­tung des Aschen­dorff-Ver­lags im Natio­nal­so­zia­lis­mus zu fäl­len, ist nahe­zu unmöglich.“ 

Zwei Sei­ten spä­ter kommt er doch zu einer Bewer­tung. Dort heißt es: „Ver­or­tet man die Rol­le des Ver­lags­hau­ses Aschen­dorff und der Fami­lie Hüffer in die­sen Kate­go­rien (zwi­schen Unzu­frie­den­heit und Pro­test, Anm. RUMS), geht ihr Ver­hal­ten weit über eine ‚defen­si­ve Ver­wei­ge­rung‘ hin­aus und ist eher der Kate­go­rie ‚offe­ner Pro­test‘ zuzu­rech­nen, wobei man sich durch den Besitz hoch­bri­san­ter poli­ti­scher Flug­blät­ter offen­bar an der Gren­ze des akti­ven Wider­stands befand.“ 

Umgang mit der eigenen Geschichte

Der Autor Micha­el Bie­ber hat im März ein 110 Sei­ten lan­ges Buch mit dem Titel Anton Eick­hoff – vom Nazi zum Chef­re­dak­teur der WN ver­öf­fent­licht, in dem er zu einem ande­ren Ergeb­nis kommt. Am ver­gan­ge­nen Mitt­woch hat Bie­ber das Buch im Thea­ter­päd­ago­gi­schen Zen­trum an der Ach­ter­mann­stra­ße vor­ge­stellt. Am Ende ging es dabei auch um den Jubi­lä­ums­band von Eller­b­rock. Bie­ber sag­te: „Wenn man sich die­ses Buch anguckt, dann sieht man, dass der Aschen­dorff-Ver­lag mit sei­ner eige­nen Geschich­te schön­fär­be­risch umgeht, um es freund­lich zu formulieren.“ 

Ein Bei­spiel fal­le sofort ins Auge: Der Autor beschrei­be in sei­nem Buch, dass in Archi­ven Flug­blät­ter gefun­den wor­den sei­en, die bri­ti­sche Flug­zeu­ge abge­wor­fen hat­ten. „Ah, sagt der Schrei­ber: Wenn da Flug­blät­ter drin sind von Bri­ten, dann muss sie ja auch einer gele­sen haben – die muss ja auch einer abge­hef­tet haben. Auf den Besitz der Flug­blät­ter stand die Todes­stra­fe. Ja, dann waren ja die Hüffers Wider­stands­kämp­fer“, sag­te Bie­ber. Doch den Schluss kön­ne man so nicht zie­hen. Das zei­ge etwa das Bei­spiel des Jour­na­lis­ten Paul­heinz Want­zen. Der habe für ein Buch von über tau­send Sei­ten alles Mög­li­che gesam­melt, auch Anwei­sun­gen, auf deren Besitz eben­falls die Todes­stra­fe stand. Und die­ser Mann sei noch 1947 Nazi gewe­sen, sag­te Bie­ber. Allein der Besitz von Flug­blät­tern las­se so einen Schluss also nicht zu.

Für sein Buch hat Bie­ber die Geschich­te von Anton Eick­hoff recher­chiert, der vor und nach dem Zwei­ten Welt­krieg als Chef­re­dak­teur (frü­her Haupt­schrift­lei­ter) für den Aschen­dorff-Ver­lag arbei­te­te. Von 1951 bis 1969 war er Chef­re­dak­teur der West­fä­li­schen Nachrichten.

Die Zwangsenteignung drohte

Laut Bie­ber folg­te der Ver­lag, anders als in der eige­nen Ver­öf­fent­li­chung dar­ge­stellt, schon früh frei­wil­lig dem natio­na­lis­ti­schen Zeit­geist und wähl­te eine neue Aus­rich­tung („christ­lich-natio­nal“). Der Ver­lag „‚über­zeug­te’ sei­ne Autoren, die neue Zeit anzu­neh­men“, schreibt Bie­ber. An einer Stel­le zitiert er den Phi­lo­so­phen Josef Pie­per, der beschreibt, wie der Ver­lags­chef ihm gesagt habe, er kön­ne in sei­nem Text unmög­lich nur vom „Reichs­kanz­ler“ schrei­ben. Min­des­tens an einer Stel­le müs­se auch „der ande­re bereits üblich gewor­de­ne Titel vor­kom­men – was ich dann schließ­lich, in drei Teu­fels Namen, zuge­stan­den habe“, so Pie­per. Der ande­re bereits üblich gewor­de­ne Titel war „der Führer“. 

In Aschen­dorffs eige­ner Ver­öf­fent­li­chung klingt es, als hät­te der Ver­lag sich so gut es geht gegen die neue poli­ti­sche Wind­rich­tung gewehrt. Eller­b­rock schil­dert, wie sich Anton und Edu­ard Hüffer, die dama­li­gen Ver­lags­chefs, den Natio­nal­so­zia­lis­ten ent­ge­gen­stell­ten. Ihnen droh­ten Kon­se­quen­zen, „soll­ten sich die Inha­ber nicht vor­be­halt­los in den Dienst der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Welt­an­schau­ung stel­len“, hieß es in einem Schreiben.

Die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Zei­tungs­ge­sell­schaft Phö­nix soll­te die Mehr­heit der Antei­le an der Zei­tung über­neh­men. Doch „Anton und Edu­ard Hüffer bewahr­ten Hal­tung“, schreibt Eller­b­rock. Er zitiert aus einem Schrei­ben, in dem bei­de mit­tei­len, sie ver­möch­ten „es mit unse­rer Ehre nicht zu ver­ein­ba­ren, uns an einer gemein­sa­men Her­aus­ga­be der Zei­tung zu betei­li­gen“. Schließ­lich trenn­ten sie sich von ihr. „Der Zwangs­ver­kauf grenz­te an eine Ent­eig­nung“, urteilt Ellerbrock. 

Sehnsucht nach autoritären Strukturen

Bei Bie­ber klingt das etwas anders. Er schreibt, Aschen­dorff habe für die „Ver­hält­nis­se des Zwangs­ver­kaufs den maxi­mal mög­li­chen Preis rea­li­siert“. Die Dar­stel­lung des Ver­lags, durch den Ver­kauf wäre wenigs­tens „ein schma­les wirt­schaft­li­ches Über­le­ben” mög­lich gewe­sen, „spie­gelt sich in den Ein­kom­mens­ta­bel­len der Hüffers aus den Jah­ren 1933 – 1944 nicht wider”. 

Bie­ber legt dar, wie der Ver­lag schon 1933 „auf eige­ne Initia­ti­ve, in dem Glau­ben an eine ideo­lo­gi­sche Ver­bin­dung von Katho­li­zis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus, gewirkt“ habe. Der Wan­del voll­zog sich nach die­ser Dar­stel­lung schnell. „Der ursprüng­li­che Cha­rak­ter des Ver­lags und sei­ne christ­li­che Basis ist in den spä­ten 1930er Jah­ren kaum mehr zu erken­nen“, urteilt Bieber.

Auch Anton Eick­hoffs Den­ken ent­wi­ckelt sich in die­se Rich­tung. Er offen­bart laut Bie­ber schon beim Pres­se­ball 1935 ein „tief ver­an­ker­tes Sehn­suchts­ge­fühl nach auto­ri­tä­ren Gesell­schafts­struk­tu­ren“. Im Jahr 1937, nach dem Zwangs­ver­kauf an den NS-Ver­lag Phö­nix, wird die Redak­ti­on ver­pflich­tet, in die NSDAP ein­zu­tre­ten. Der dama­li­ge Chef­re­dak­teur Gott­fried Hasen­kamp will die­sen Schritt nicht mit­ge­hen. Er wech­selt inner­halb des Hau­ses in den Buch­ver­lag. Anton Eick­hoff ent­schei­det sich für die Par­tei und für sei­ne Karriere. 

Das wird nun auch in sei­nen Tex­ten deut­lich. Über Eick­hoffs ers­te Bei­trä­ge als neu­er Chef­re­dak­teur heißt es bei Bie­ber: „Eick­hoff schreibt nun als Natio­nal­so­zia­list über den NSDAP-Par­tei­tag. (…) Mit die­sem Voka­bu­lar ist Eick­hoff ange­kom­men im NS-Staat als akti­ver NS-Propagandist.“ 

Propaganda-Ausbildung in Potsdam

Aschen­dorff ver­dient laut Bie­ber auch nach dem Zwangs­ver­kauf über die Dru­cke­rei Geld. Der Ver­lag druckt Schul­bü­cher für das Fach Bio­lo­gie, die man „nur als ras­sis­ti­sche Pam­phle­te bezeich­nen kann“, so sag­te Bie­ber es bei sei­ner Buchvorstellung. 

Anton Eick­hoff wird im Jahr 1939 ein­be­ru­fen. Ob er sich frei­wil­lig gemel­det hat, geht laut Bie­ber aus den Doku­men­ten nicht her­vor. Dann folgt eine Pro­pa­gan­da-Aus­bil­dung in Pots­dam, ein Ein­satz in Nor­we­gen, spä­ter lan­det er in Bel­gi­en, wo er für die Zen­sur der Pres­se und die Zutei­lung des Papiers zustän­dig gewe­sen ist („Wer nicht im völ­ki­schen Sin­ne schreibt, bekommt auch weni­ger Druck­pa­pier“). Danach folgt eine Zwi­schen­sta­ti­on in Finn­land und schließ­lich eine Anstel­lung bei der „Deut­schen Zei­tung“ in Ams­ter­dam. Dort zeigt sich laut Bie­ber immer wie­der: „Eick­hoff ist NS-Propagandist.“ 

Noch Tage vor der sich abzeich­nen­den Nie­der­la­ge ver­öf­fent­licht Eick­hoff Durch­hal­te­pa­ro­len. „Wäh­rend in Müns­ter bereits die Trüm­mer geräumt wer­den und wich­ti­ge NS-Grö­ßen die Selbst­li­qui­die­rung voll­zie­hen, schreibt Eick­hoff bei Ker­zen­schein – Strom ist stark ratio­niert – über ‚Pflich­ten‘, ‚Ver­bis­sen­heit‘ und ‚Kämp­fer zu sein für das ewi­ge Reich der Deut­schen‘.“ Auch als Hit­ler bereits tot ist, for­dert Eick­hoff laut Bie­ber, nicht auf­zu­ge­ben, son­dern weiterzukämpfen. 

Nach Kriegs­en­de kehrt Eick­hoff nach Müns­ter zurück und arbei­tet zunächst als Bau­ar­bei­ter. Er muss sich beschei­ni­gen las­sen, dass er ein Mit­läu­fer gewe­sen sei (Ent­na­zi­fi­zie­rung), um sei­ne Kar­rie­re fort­set­zen zu kön­nen. Dabei schreckt er laut Bie­ber „auch nicht davor zurück, für ihn kri­ti­sche Tat­sa­chen zu ver­schwei­gen, zu beschö­ni­gen oder sie – fälsch­li­cher­wei­se – zu leug­nen, also zu lügen“. Bie­bers Urteil: Eick­hoff sei kein Mit­läu­fer gewe­sen. „Er war die trei­ben­de Kraft, die den Laden zusam­men­ge­hal­ten hat, als Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen sicht­bar wur­den.“ Von alle­dem ist in Aschen­dorffs eige­ner Ver­öf­fent­li­chung nichts zu lesen. 

Den Posten bekommt er dennoch

Im Jahr 1947 schreibt Eick­hoff wie­der ers­te Tex­te für den Ver­lag. „Hier zeigt sich ein kom­plett neu­er Eick­hoff“, schreibt Bie­ber. Der Zurück­ge­kehr­te „passt sich wie­der der kon­ser­va­ti­ven Poli­tik an und hat sei­ne ori­en­tie­ren­de Suche im deut­schen Post­fa­schis­mus weit­ge­hend abgeschlossen“. 

Dass Anton Eick­hoff im Jahr 1951 Chef­re­dak­teur der West­fä­li­schen Nach­rich­ten wird, hat nach Ein­schät­zung Bie­bers auch damit zu tun, dass er die rich­ti­gen Freund­schaf­ten unter­hält. Gott­fried Hasen­kamp, zu die­ser Zeit an der Spit­ze der Redak­ti­on, hält einen ande­ren Kan­di­da­ten für unge­eig­net. Die­ser habe noch bis zuletzt Durch­hal­te­pa­ro­len ver­öf­fent­licht. Das Niveau der Paro­len des Kan­di­da­ten und der von Eick­hoff unter­schei­de sich kaum, schreibt Bie­ber. Eick­hoff habe sei­ne NS-Pro­pa­gan­da sogar noch vier Wochen län­ger fort­ge­setzt. Den Pos­ten bekommt er dennoch.

Über sei­ne Ver­gan­gen­heit äußert sich Eick­hoff spä­ter nur noch ein ein­zi­ges Mal öffent­lich – beim 75. Geburts­tag sei­nes Freun­des Theo Brei­der, dem Grün­der des Frei­licht­mu­se­ums Müh­len­hof. Eick­hoff schreibt einen Bei­trag in einer Bro­schü­re, in dem, so Bie­ber, „das gemein­sa­me völ­ki­sche Den­ken von Lau­da­tor und zu Ehren­dem offen­bar wird“. Auch Brei­der, nach dem am Müh­len­hof ein Weg benannt ist, habe eine NS-Ver­gan­gen­heit, über die in Müns­ter „der Man­tel des Schwei­gens gelegt“ werde. 

Eick­hoff bleibt knapp 20 Jah­re lang Chef­re­dak­teur der West­fä­li­schen Nach­rich­ten. Der Ver­lag hat die­sen Teil sei­ner Geschich­te bis heu­te nicht auf­ge­ar­bei­tet. Nach Bie­bers Ein­druck hat er mit der Jubi­lä­ums­ver­öf­fent­li­chung sogar dazu bei­getra­gen, Legen­den zu bilden. 

„An den Haaren herbeigezogen“

So behaup­tet Karl-Peter Eller­b­rock auf Sei­te 162 sei­nes Buchs: „Wir kön­nen davon aus­ge­hen, dass auch Ange­hö­ri­ge der Fami­lie Hüffer am Sonn­tag, dem 3. August 1941, in der über­füll­ten Lam­ber­ti­kir­che in Müns­ter anwe­send waren, als von Galen sei­ne berühm­te Pre­digt gegen die ‚Ver­nich­tung lebens­un­wer­ten Lebens’ hielt.“

Bei der Buch­vor­stel­lung am Mitt­woch sag­te Micha­el Bie­ber: „Die Hüffers waren immer in der Eli­sa­beth­kir­che.“ Mit der Lam­ber­ti­kir­che hät­ten sie sei­nes Wis­sens nichts zu tun gehabt. „Das ist an den Haa­ren herbeigezogen.“

An einer ande­ren Stel­le schreibt Eller­b­rock, man kön­ne nicht mehr her­aus­fin­den, in wel­chen Ver­ei­nen Leo­pold Hüffer Mit­glied gewe­sen sei. „Hab ich ihm geschrie­ben. Es waren 28. Wenn er eine Auf­stel­lung braucht, in der Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ak­te sind alle Unter­la­gen drin“, sag­te Bie­ber. Eine der Ver­ei­ni­gun­gen, denen Anton und Leo­pold Hüffer laut Bie­ber zeit­wei­se ange­hör­ten, war der Stahl­helm-Bund. Bie­ber spricht von „einer rechts­ex­tre­men Grup­pie­rung von demo­kra­tie­feind­li­chen ehe­ma­li­gen Sol­da­ten des Ers­ten Weltkriegs“. 

Der Aschen­dorff-Ver­lag hat sich zu Bie­bers Recher­chen bis­lang nicht geäu­ßert. Als die Ankün­di­gung des Buches erschien, habe ihn jedoch ein ehe­ma­li­ger Redak­teur ange­ru­fen, erzähl­te Bie­ber am ver­gan­ge­nen Mitt­woch. Der habe ihm gesagt: „Bie­ber, end­lich reißt mal einer den Schlei­er run­ter. Herz­li­chen Glück­wunsch und Dan­ke. So, das Gespräch hat eine Stun­de gedau­ert. Mehr sag ich da jetzt nicht zu“, sag­te Bie­ber. Dann sag­te er doch etwas. Es wer­de einen Fol­ge­band geben. Der Mann wer­de ihm bei den Recher­chen helfen. 

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In aller Kürze

+++ All­mäh­lich beginnt der Abbau der Unter­künf­te für Geflüch­te­te aus der Ukrai­ne. Wie die West­fä­li­schen Nach­rich­ten berich­ten, nutzt die Bezirks­re­gie­rung die Hal­le Müns­ter­land nur noch bis zum 13. Mai als Not­un­ter­kunft, danach soll sie wie­der für den Mes­se­be­trieb ver­füg­bar sein. In der Hal­le leben zur­zeit 315 der knapp 2.000 in Müns­ter regis­trier­ten Geflüch­te­ten und damit ist sie nur etwa bis zur Hälf­te belegt. Auch die Stadt will laut der Zei­tung dem­nächst Unter­künf­te schlie­ßen. Die Sport­hal­len in Rox­el und Hil­trup wür­den nicht mehr gebraucht, sobald die Bun­des­an­stalt für Immo­bi­li­en­auf­ga­ben Plät­ze in der Blü­cher-Kaser­ne und in den ehe­ma­li­gen Bri­ten­häu­sern bereit­stellt. Grund für den bal­di­gen Abbau ist unter ande­rem der gerin­ge Zustrom von Geflüch­te­ten aus der Ukrai­ne, über den auch wir im RUMS-Brief vom 1. April berich­tet haben.

+++ Gleich­zei­tig haben die Stadt­wer­ke eine Online-Platt­form für die Ukrai­ne-Hil­fe geschaf­fen. Dort kön­nen Ver­ei­ne und Initia­ti­ven aus Müns­ter ihre Hilfs­pro­jek­te bewer­ben und Spen­den­wil­li­ge Geld ein­zah­len. Laut Pres­se­mit­tei­lung wol­len die Stadt­wer­ke sich mit 1.000 Euro an jedem Pro­jekt beteiligen.

+++ Die Stadt will Street­food lega­li­sie­ren. Die West­fä­li­schen Nach­rich­ten berich­ten, dass mobi­le Ver­kaufs­stän­de bald auch auf öffent­li­chen Flä­chen Essen und Trin­ken anbie­ten dür­fen. Bis­lang kön­nen Pom­mes­bu­den, Wurst­grills und Crê­pes-Stän­de näm­lich nur auf pri­va­ten und kirch­li­chen Plät­zen ihre Köst­lich­kei­ten ver­kau­fen. Der ers­te Stand könn­te bei der Lud­ge­ri­kir­che eröff­nen, heißt es in den WN.

+++ Wenn Sie gera­de 3,2 Mil­lio­nen Euro übrig haben, kön­nen Sie ein Stück müns­ter­sche Kul­tur kau­fen. Das Pro­gramm­ki­no Cine­ma & Kur­bel­kis­te an der Waren­dor­fer Stra­ße steht zum Ver­kauf. Neben dem Kino erwer­ben Sie außer­dem die Knei­pe Gar­bo und ein paar Miet­woh­nun­gen. An die­sem Drei-in-Eins-Kon­zept soll sich auch nichts ändern, sag­te Manu­el Wal­ter vom Mak­ler­bü­ro Engel & Völ­kers, das den Ver­kauf abwi­ckelt, den West­fä­li­schen Nach­rich­ten. Der Noch-Eigen­tü­mer lege Wert dar­auf, dass dort wei­ter­hin Fil­me gezeigt wür­den, heißt es dort, es gebe des­halb einen lang­fris­ti­gen Mietvertrag.

+++ Mor­gen eröff­net das Wahl­bü­ro in der Salz­stra­ße direkt neben dem Stadt­mu­se­um. Dort kön­nen Sie ab dann ihr Kreuz­chen für die Land­tags­wahl am 15. Mai set­zen. Falls Sie noch unent­schlos­sen sind, hilft Ihnen viel­leicht der Wahl­kom­pass wei­ter. Die­sen Weg­wei­ser durch die Wahl­pro­gram­me hat ein Team vom Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft der Uni Müns­ter ent­wi­ckelt. Zum Aus­pro­bie­ren ein­mal hier ent­lang.

+++ Der Wahl­kom­pass hilft Ihnen bei der Suche nach der rich­ti­gen Par­tei. Wenn Sie aber noch kei­ne Direkt­kan­di­da­tin oder kei­nen Direkt­kan­di­da­ten für die Land­tags­wahl ins Auge gefasst haben, hilft Ihnen der WDR wei­ter.

Post von Leser:innen

Wir haben Post bekom­men. Johan­nes Koch hat uns zu einem Bericht über den ers­ten Spa­ten­stich für das Bat­te­rie­for­schungs­in­sti­tut geschrie­ben, den wir im RUMS-Brief ver­linkt hat­ten. Er fragt sich, war­um man für so einen Ter­min so viel Geld aus­gibt. Den kom­plet­ten Bei­trag fin­den Sie hier.

Tho­mas Krab­be kom­men­tiert die Ent­schei­dung, den neu­en Bebau­ungs­plan für den Hafen­markt am Han­sa­ring zu geneh­mi­gen. Trotz kos­me­ti­scher Ein­grif­fe habe sich an die­ser Stel­le nichts geän­dert. Der Stadteil wer­de in den „Wür­ge­griff von ver­kehrs­an­zie­hen­den Kon­sum­tem­peln“ genom­men. Hier der voll­stän­di­ge Bei­trag.

Nach der Flucht 

Ende März hat­te Johan­ne Burk­hardt für RUMS mit dem Müns­te­ra­ner And­re Gro­ten gespro­chen. Er hat zusam­men mit sei­ner Frau in Kiew gelebt und muss­te zu Beginn des Kriegs flüch­ten. Hier erzäh­len wir ein­mal in der Woche, wie es für die bei­den nach ihrer Flucht weiterging. 

Flucht – das bedeu­te­te im Fall von And­re und Mari­ia Gro­ten: von der Groß­stadt ins länd­li­che Idyll. In Kiew sind sie noch vor weni­gen Mona­ten in Muse­en gegan­gen, haben sich Aus­stel­lun­gen ange­se­hen, waren im Pro­gramm­ki­no. Dann kamen sie mit der Zwi­schen­sta­ti­on Müns­ter in der Nähe von Bre­men an. Dort kann man mit dem Fahr­rad ins Moor fah­ren. Und schon dass man mit dem Fahr­rad fährt, das kann­te Mari­ia Gro­ten aus ihrer Hei­mat nicht. Eine Fra­ge war: Bean­tra­gen Sie jetzt ein Visum für Geflüch­te­te? Oder geht es auch anders? Sie sind ja ver­hei­ra­tet. Sie fan­den her­aus, wie es ging. Die Papie­re muss­ten sie nicht über­set­zen las­sen. Sie hat­ten in Deutsch­land gehei­ra­tet. Kom­pli­ziert war es den­noch. Drei Stun­den mit dem Bus durchs Land. Dann fehl­te das Foto, das And­re Gro­ten vor­ab digi­tal geschickt hat­te. Der Foto­au­to­mat im Amt war wegen Coro­na geschlos­sen. Eine Drei­vier­tel­stun­de haben sie gebraucht, um einen Foto­gra­fen zu fin­den. Und der sprach sogar Rus­sisch. Er ver­stän­dig­te sich mit Mari­ia und bot schließ­lich an, bei­de zurück zum Amt zu fah­ren. „Den­ken Sie dran, in zwei Stun­den habe ich Fei­er­abend“, hat­te der Mann auf dem Amt gesagt. In der Ukrai­ne sei auch nicht alles gut, sagt And­re Gro­ten. Aber das sei man schon anders gewohnt. Ein paar Hür­den haben sie jetzt genom­men. Sozi­al­ver­si­che­rungs­num­mer, Steu­er­iden­ti­fi­ka­ti­ons­num­mer, Kran­ken­ver­si­che­rung. Das sind die Vor­aus­set­zun­gen, um arbei­ten zu kön­nen. Auch die Ren­ten­ver­si­che­rungs­num­mer ist nötig – als wäre jetzt schon klar, dass sie für immer bleiben.

Corona-Update

+++ Heu­te mel­det die Stadt 699 Neu­in­fek­tio­nen mit dem Coro­na­vi­rus. Die Zahl der Neu­an­ste­ckun­gen ist wei­ter rück­läu­fig, genau­so die Wochen­in­zi­denz. Sie liegt zur­zeit bei 1.482 Infek­tio­nen pro 100.000 Men­schen in den letz­ten sie­ben Tagen und damit noch immer weit über dem Bun­des­durch­schnitt. 74 Coro­na-Infi­zier­te wer­den im Kran­ken­haus behan­delt, sie­ben lie­gen auf der Inten­siv­sta­ti­on und vier müs­sen beatmet wer­den. 193 Men­schen sind seit Beginn der Pan­de­mie in Müns­ter an oder mit Covid-19 verstorben.

+++ In der letz­ten Woche vor den Oster­fe­ri­en konn­ten 1.038 Kin­der und Jugend­li­che in Müns­ter coro­nabe­dingt nicht am Unter­richt teil­neh­men. An der wöchent­li­chen Umfra­ge des Minis­te­ri­ums haben 66 von 84 Schu­len teil­ge­nom­men, in den Wochen zuvor waren es meist um die 70. Auf­fäl­lig hier­bei: Drei Schu­len sind wie­der in den Wech­sel­un­ter­richt übergegangen.

+++ Für heu­te und mor­gen ruft die Gewerk­schaft Ver­di zu Warn­streiks in den sechs Uni­kli­ni­ken in Nord­rhein-West­fa­len auf. In Aachen, Bonn, Düs­sel­dorf, Essen, Köln und Müns­ter wer­den jeweils rund ein­hun­dert Pfle­ge­kräf­te ihre Arbeit nie­der­le­gen, die Not­fall­ver­sor­gung ist vom Streik aus­ge­nom­men. Par­al­lel dazu tref­fen sich die Tarif­be­schäf­tig­ten in Ober­hau­sen, um über ihre For­de­run­gen zu dis­ku­tie­ren. Ziel ist ein soge­nann­ter Tarif­ver­trag Ent­las­tung, der die Arbeits­be­din­gun­gen in den Uni­kli­ni­ken ver­bes­sert. Fast 12.000 Men­schen in Pfle­ge­be­ru­fen aus NRW haben sich die­ser For­de­rung ange­schlos­sen, am 1. Mai soll der Tarif­ver­trag ste­hen. Julia­ne Rit­ter hat­te in ihrer letz­ten RUMS-Kolum­ne dar­über geschrieben.

+++ Schau­en wir zum Schluss über die Stadt­gren­zen hin­aus: Nach­dem Anfang April die meis­ten Coro­na-Schutz­maß­nah­men gefal­len waren, hat Bie­le­feld als ers­te Stadt in Nord­rhein-West­fa­len bean­tragt, die soge­nann­te Hot­spot-Regel in Kraft tre­ten zu las­sen. Als Hot­spot hät­te Bie­le­feld eini­ge Maß­nah­men wie die Mas­ken­pflicht in allen Innen­räu­men auf­recht­erhal­ten kön­nen. Die Lan­des­re­gie­rung hat das jedoch abge­lehnt. Die Ver­sor­gungs­la­ge sei in Bie­le­feld nach Ein­schät­zung des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums zwar ange­spannt, aber nicht kri­tisch. Außer­dem sei die Zahl der Neu­an­ste­ckun­gen und Men­schen im Kran­ken­haus rück­läu­fig. Die Hot­spot-Maß­nah­men wür­den kei­ne Abhil­fe schaf­fen, argu­men­tiert das Minis­te­ri­um in einem elf­sei­ti­gen Schrei­ben.

Unbezahlte Werbung

Das Restau­rant Noi­tes de Lis­boa war frü­her an der Son­nen­stra­ße, dann ver­schwand es. Ich dach­te, es wäre geschlos­sen wor­den. Aber dann fand ich es auf dem Rück­weg einer Rad­tour wie­der, am Ran­de eines Klein­gar­tens in Coer­de. Adres­se: Kem­per­weg 45. Es liegt ein wenig ver­steckt. Aber es lohnt sich, zu suchen, wenn Sie es nicht zufäl­lig bei einer Rad­tour fin­den. Mein Tipp: Trin­ken Sie ein por­tu­gie­si­sches Bier, ein Sag­res, und essen Sie Fisch. Sie wer­den nichts falsch machen. 

Drinnen und Draußen

+++ Seit die ZDF-Trö­del­show Bares für Rares im Fern­se­hen läuft, ist unser aller Wort­schatz um einen Begriff rei­cher: Pro­ve­ni­enz. Dabei geht es um die Geschich­ten hin­ter den Kunst­wer­ken: Woher stam­men sie, wer hat sie beses­sen und wie sind sie im Muse­um gelan­det? An die­ser span­nen­den Spu­ren­su­che kön­nen Sie mor­gen, am inter­na­tio­na­len Tag der Pro­ve­ni­enz­for­schung, bei einer Online-Ver­an­stal­tung des LWL-Muse­ums für Kunst und Kul­tur teil­neh­men. Die Kunst­his­to­ri­ke­rin Eli­ne van Dijk gibt ab 18 Uhr Ein­bli­cke in ihre Arbeit, die sich um eine Fra­ge kreist: Fin­det sich in der Samm­lung des LWL-Muse­ums NS-Raubkunst?

+++ Lan­ge muss­ten Quiz­fans war­ten, aber jetzt geht es wie­der los: Die müns­ter­sche Lokal­grup­pe von Viva con Agua rich­tet ihr ers­tes Pub­quiz des Jah­res in der Pen­si­on Schmidt aus. Los geht’s am Don­ners­tag um 20:30 Uhr. Die Teil­nah­me kos­tet nichts, es wird aber um Spen­den für ein nach­hal­ti­ges Was­ser­pro­jekt gebeten.

+++ Es dau­ert nicht mehr lan­ge, dann schwebt die Kuh Theo­do­ra über dem Kreuz­vier­tel. Das ist natür­lich kein ech­tes Tier, son­dern ein Heiß­luft­bal­lon in Kuh-Form, der die Men­ge an CO2 sym­bo­li­sie­ren soll, den man mit vege­ta­ri­scher Ernäh­rung ein­spa­ren kann. Der Kopf dahin­ter ist der Künst­ler Tho­mas Nufer, er ver­an­stal­tet vom 19. bis 30. April das Pro­jekt Lass dei­ne Kuh flie­gen. Beglei­tet wird Theo­do­ras Flug von einem Rah­men­pro­gramm mit Vor­trä­gen, Musik, Thea­ter und natür­lich kuli­na­ri­schen Events, die alle­samt für den Fleisch­ver­zicht sen­si­bi­li­sie­ren sol­len. Wenn Sie beim Fleisch­fas­ten nach Ostern mit­ma­chen wol­len, schau­en Sie ein­fach hier vorbei.

+++ Klei­ner Tipp: Ver­knei­fen Sie sich über Ostern lie­ber das Bier­chen am Aasee. Dort gilt näm­lich bis Ende April zwi­schen 18 und 6 Uhr ein Glas­ver­bot. Laut All­ge­mein­ver­fü­gung, die das Ver­bot fest­schreibt, darf auch am Tag der Arbeit (1. Mai), an Chris­ti Him­mel­fahrt (26. Mai) und Fron­leich­nam (16. Juni) nie­mand Glas zum Aasee bringen.

Weil in die­ser Woche Kar­frei­tag ist, bekom­men Sie schon am Don­ners­tag Post. Con­stan­ze Busch schreibt Ihnen. Haben Sie eine gute Woche. 

Herz­li­che Grü­ße
Ralf Hei­mann

Mit­ar­beit: Sebas­ti­an Fobbe

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PS

In der ver­gan­ge­nen Woche hat­ten wir im RUMS-Brief den neu­es­ten Bericht des Welt­kli­ma­ra­tes erwähnt. Wenn Sie wis­sen möch­ten, was es für Müns­ter bedeu­tet, so schnell wie mög­lich kli­ma­neu­tral zu wer­den, schau­en Sie sich die Sei­te Kli­ma­watch an. Dort kön­nen Sie eine Schät­zung abge­ben, wie schnell in Müns­ter die Emis­sio­nen auf Null fal­len muss. Die Auf­lö­sung wird Sie sicher überraschen.


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