Der Flaschenpost-Deal | Hoffnung für Kneipen | Ökullus

Müns­ter, 3. Novem­ber 2020

Guten Tag,

am 30. Sep­tem­ber sprach der Han­dels­ex­per­te Alex­an­der Graf in einem Pod­cast eine Stun­de lang mit Chris­to­pher Hues­mann, dem Mar­ke­ting-Chef des in Müns­ter gegrün­de­ten Geträn­ke-Lie­fer­diens­tes Fla­schen­post. Am Ende ging es auch um die Kon­kur­renz. Vor drei Jah­ren hat der Lebens­mit­tel­kon­zern Dr. Oetker unter etwas kurio­sen Umstän­den ein Unter­neh­men gegrün­det, das Durst­ex­press heißt und etwas belä­chelt wur­de, weil es wie eine fast iden­ti­sche Fla­schen­post-Kopie erscheint. Alex­an­der Graf sag­te, er glau­be, der Kon­zern wer­de den Dienst irgend­wann „rela­tiv kos­ten­güns­tig für ’n Euro“ an Fla­schen­post rüber­rei­chen. Nun ist es etwas anders gekom­men. Am Sonn­tag berich­te­ten die Bran­chen­diens­te OMR und Deut­sche Star­tups, dass Dr. Oetker Fla­schen­post kauft, für eine Mil­li­ar­de Euro. Der Kon­zern bestä­tig­te am Mon­tag in einer Pres­se­mit­tei­lung zwar nicht den Preis, aber sei­ne Absicht. Weil im Fal­le der Über­nah­me die bei­den größ­ten Unter­neh­men auf dem Markt in einer Hand wären, ent­schei­det über den Ver­kauf nun das Kartellamt.

In Müns­ter ist noch nie ein Start-up für einen Preis in die­ser Grö­ßen­ord­nung über den Laden­tisch gegan­gen. Auch in Deutsch­land kommt so etwas eher sel­ten vor. Im OMR-Pod­cast hieß es, das sei etwas, das man in der deut­schen Start-up-Sze­ne lan­ge nicht erlebt habe. Auch Coca-Cola soll mit­ge­bo­ten haben. Ver­mut­lich trieb auch das den Preis in die Höhe. Aber was macht die­ses Unter­neh­men so interessant? 

Die Leute sagten, die Idee sei Unsinn

Als der Fla­schen­post-Grün­der Die­ter Büchl vor knapp zehn Jah­ren die Idee hat­te, einen Lie­fer­dienst für Geträn­ke zu grün­den, kann­te er sich in der Bran­che kaum aus. Im Jahr 2002 hat­te er im baye­ri­schen Unter­ha­ching einen Lie­fer­dienst für Dru­cker­pa­tro­nen auf­ge­baut. Doch das war etwas ganz ande­res. Auf die Idee mit den Geträn­ken kam er, so erzähl­te er es im ver­gan­ge­nen Jahr der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung, weil er es leid war, Kis­ten zu schlep­pen, aber kei­nen Anbie­ter fand, der ihm die­se müh­sa­me Auf­ga­be auf unkom­pli­zier­te Wei­se abnahm. Büchl frag­te Men­schen, die sich in der Bran­che aus­ken­nen. „Von vie­len Leu­ten habe ich gehört, mei­ne Idee sei Unsinn“, sag­te er. Sie hät­ten ihm gesagt, es habe kei­nen Sinn, heu­te noch in Geträn­ke­lie­fe­run­gen zu inves­tie­ren. Büchl pro­bier­te es trotzdem. 

Im Jahr 2014 grün­de­te er das Unter­neh­men. Weni­ge Mona­te spä­ter schien das Expe­ri­ment geschei­tert. Büchl stell­te das Geschäft wie­der ein. Aller­dings nicht, weil es nicht funk­tio­nier­te, son­dern weil er mit den Lie­fe­run­gen nicht nach­kam. Ein Jahr lang über­ar­bei­te­te er das Kon­zept, sam­mel­te vie­le Mil­lio­nen Euro ein (Lis­te der Investor:innen unter Punkt 3) und star­te­te neu. Seit­dem wächst das Geschäft rasant. Im Jahr 2017 woll­te Büchl wis­sen, ob das Modell auch in einer Mil­lio­nen­stadt wie Köln funk­tio­niert. Es funk­tio­nier­te. Im März 2018 kam Mann­heim dazu. Mitt­ler­wei­le ste­hen in Deutsch­land 23 Fla­schen­post-Lager, pro Stand­ort arbei­ten nach Anga­ben des Unter­neh­mens bis zu 400 Men­schen, in Müns­ter sind es ins­ge­samt 700, die Hälf­te davon in der Haupt­stel­le am Sent­ma­rin­ger Weg. Mar­ke­ting-Chef Chris­to­pher Hues­mann sag­te in dem Pod­cast vor vier Wochen, die 23 Hal­len sei­en unge­fähr die Hälf­te des­sen, was man für Deutsch­land brau­che. Und er sag­te, Fla­schen­post habe mitt­ler­wei­le 8.000 sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Beschäftigte. 

Mit dem Wachs­tum kamen jedoch auch eini­ge Pro­ble­me. Es begann mit Kri­tik am Fahr­stil des Lie­fer­per­so­nals. Bul­lis, die Stra­ßen und Geh­we­ge zupark­ten. Bis zu 150 Fahr­zeu­ge groß ist die Flot­te laut Fla­schen­post mitt­ler­wei­le pro Stand­ort. Fahrer:innen beschwer­ten sich über Fahr­zeu­ge ohne Kli­ma­an­la­gen. Die­ter Büchl erklär­te der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung das als „Wachs­tums­schmerz“. Es sei­en zeit­wei­se ein­fach kei­ne ande­ren Lie­fer­wa­gen ver­füg­bar gewe­sen. Das Pro­blem sei inzwi­schen gelöst. Doch der Ein­druck, dass im Unter­neh­men recht raue Sit­ten herr­schen, ent­stand auch ande­ren Stel­len. Anfang des Jah­res ver­such­te Fla­schen­post erfolg­los einen Betriebs­rat zu ver­hin­dern. Es kam zu Kün­di­gun­gen, das Unter­neh­men bestritt einen Zusam­men­hang. Noch vor weni­gen Tagen berich­te­te die West­deut­sche All­ge­mei­ne Zei­tung über einen offe­nen Brief an die Geschäfts­füh­rung, in dem Mitarbeiter:innen und die zustän­di­ge Gewerk­schaft die Arbeits­be­din­gun­gen und einen auto­ri­tä­ren Füh­rungs­stil bemän­gel­ten. Das Unter­neh­men wies auch die­se Vor­wür­fe zurück.

Der Weg des geringsten Widerstands

Am Wachs­tum änder­te das alles nichts. Laut OMR stieg der Jah­res­um­satz inner­halb von zwei Jah­ren von 100 auf etwa 300 Mil­lio­nen Euro. Eine Erklä­rung für den gro­ßen Erfolg ist ver­mut­lich, dass die Mehr­heit der Men­schen auch bei Beden­ken hin­sicht­lich der Arbeits­be­din­gun­gen oder der Umwelt­ver­träg­lich­keit eines Ange­bots den Weg des gerings­ten Wider­stands wählt. Fla­schen­post macht es den Men­schen so ein­fach, wie es nur geht. 

Märk­te, die Geträn­ke nach Hau­se lie­fern, gab es auch vor­her schon. Im Inter­view mit Fla­schen­post-Mar­ke­ting-Chef Chris­to­pher Hues­mann wand­te Alex­an­der Graf ein, dort müs­se man doch auch ein­fach nur anru­fen, dann wür­den die Geträn­ke gebracht. Hues­mann ant­wor­te­te: „Da fängt das an: anru­fen! Und dann lie­fern die meis­ten eben erst am nächs­ten Tag – mit einem Lie­fer­auf­schlag und oft auch noch ‚Trep­pen­geld‘. All das haben wir nicht: Du bestellst online und wir sind in zwei Stun­den da – ohne Lie­fer­ge­büh­ren.“ So lau­tet jeden­falls das Versprechen. 

Die Geträn­ke­märk­te lie­ßen die Kund­schaft schon durch den Zuschnitt ihres Ange­bots spü­ren, dass es ihnen lie­ber wäre, wenn die Leu­te ein­fach vor­bei­kä­men und ihre Geträn­ke selbst abhol­ten. Für die Märk­te ist die Lie­fe­rung umständ­lich, und sie schmä­lert die ohne­hin schon klei­nen Mar­gen. Doch wenn Fir­men eher auf ihre eige­nen Inter­es­sen schau­en als auf die der Kund­schaft, kann schnell jemand kom­men, der es bes­ser macht. Und so kam Flaschenpost.

Thors­ten Hen­nig-Thurau, Mar­ke­ting-Pro­fes­sor an der Uni Müns­ter, kennt die­ses Phä­no­men auch aus ande­ren Bran­chen. Die ame­ri­ka­ni­schen Film­stu­di­os etwa hät­ten schon vor Jah­ren einen Dienst zum Abruf von Vide­os gegrün­det. Er hieß Movie­link. Das Pro­blem war: Er soll­te den Kinos nicht weh­tun. Des­we­gen sah man dort, gegen Geld, zwar Fil­me, aber nicht die rich­tig guten. „Und dann kam irgend­wann Net­flix“, sagt Hennig-Thurau.

Ein Schritt fällt weg

Die Digi­ta­li­sie­rung bringt ein Phä­no­men mit sich, mit dem sich vie­le Unter­neh­men ver­ständ­li­cher­wei­se schwer­tun. Sie müs­sen gegen ihr eige­nes Inter­es­se han­deln, wenn sie von neu­en Ange­bo­ten nicht über­rum­pelt wer­den wol­len. Der Geträn­ke­han­del hät­te einen Dienst anbie­ten müs­sen, der das eige­ne Geschäft weni­ger lukra­tiv macht. Daher gab es die­sen Dienst nicht. Die Fla­schen­post konn­te ihn grün­den, weil sie sich damit selbst kei­nen Scha­den zufüg­te. Doch der eigent­li­che Beweg­grund war, dass man die Män­gel des bestehen­den Ange­bots erkannte. 

Bei der Lie­fe­rung gehe die Hälf­te der Mar­ge ver­lo­ren, sag­te Chris­to­pher Hues­mann im Inter­view mit Alex­an­der Graf vor vier Wochen, aber im Ver­gleich zum sta­tio­nä­ren Geträn­ke­han­del erge­ben sich auch Vor­tei­le. „Ede­ka, Rewe und Co. kön­nen nicht beim Her­stel­ler vor­fah­ren, eine Palet­te Bier holen, und sie direkt in den Super­markt brin­gen“, sag­te Hues­mann. Sie müss­ten die Ware erst ein­mal in ein Ver­tei­ler­zen­trum fah­ren und dort meis­tens umkom­mis­sio­nie­ren in Ein­zel­kis­ten oder sogar -fla­schen. „In vie­le Märk­te kann man näm­lich kei­ne Palet­te lie­fern“, sag­te Hues­mann. Fla­schen­post kön­ne direkt vom Her­stel­ler kau­fen, die Ware ins Lager fah­ren und dann aus­lie­fern. Unter ande­rem das spart Geld. 

Die Kon­kur­renz inter­es­siert sich schon lan­ge für den Lie­fer­dienst aus Müns­ter. Das Mana­ger-Maga­zin berich­te­te im August 2019 in einem Arti­kel mit dem Titel „Dr. Copy“, wie Nils Lorenz, der dama­li­ge Chef der größ­ten deut­schen Braue­rei­grup­pe Rade­ber­ger, mit Fla­schen­post über einen Ein­stieg ver­han­del­te. Die Braue­rei­grup­pe gehört zum Oetker-Kon­zern. Laut dem Bericht unter­zeich­ne­te Lorenz damals eine Geheim­hal­tungs­er­klä­rung, erhielt Ein­blick in die IT und die Finanz­pro­gno­sen. Das Geschäft kam nicht zustan­de, doch kurz dar­auf grün­de­te Dr. Oetker den Lie­fer­dienst Durst­ex­press, „fast eine Eins-zu-Eins-Kopie von Fla­schen­post“. Sogar die Lie­fer­wa­gen wur­den ähn­lich beklebt.

Raum für Wachstum

Der Dienst wächst nicht so schnell wie die Fla­schen­post, doch die Per­spek­ti­ve scheint aus­ge­zeich­net zu sein. Kai Hudetz und Wer­ner Reinartz, der Geschäfts­füh­rer und der Direk­tor des Köl­ner Insti­tuts für Han­dels­for­schung, haben die Aus­sich­ten Ende Sep­tem­ber in einem Bei­trag für das Mana­ger-Maga­zin mit Zah­len illus­triert. Der Online-Han­del in Deutsch­land habe im ver­gan­ge­nen Jahr zum ers­ten Mal die Umsatz­schwel­le von 60 Mil­li­ar­den Euro über­schrit­ten. „Das sind mehr als zehn Pro­zent des Ein­zel­han­dels“, schrei­ben sie. Beim Han­del mit Lebens­mit­teln lie­ge der Online-Markt­an­teil dage­gen bei gera­de ein­mal zwei Pro­zent. Vor­an­ge­trie­ben wer­de das Wachs­tum aber durch Anbie­ter wie Fla­schen­post oder den Online-Super­markt Pic­nic. Es scheint noch etwas Raum für Wachs­tum zu geben. 

Der Online-Super­markt Pic­nic, an dem Ede­ka betei­ligt ist, belie­fert seit Okto­ber auch Müns­ter. Fla­schen­post tes­tet an sei­nem Grün­dungs­stand­ort zur­zeit eben­falls, ob die Men­schen inzwi­schen auch bereit sind, Lebens­mit­tel per App ein­zu­kau­fen. „Kei­ne ande­re Bran­che hat im E-Com­mer­ce der­zeit so hohe Wachs­tums­ra­ten wie der Lebens­mit­tel­han­del“, schrieb die Deut­sche Pres­se­agen­tur am gest­ri­gen Mon­tag. Pic­nic wie auch Fla­schen­post wol­len die­se Chan­ce nut­zen. Sie schie­len vor allem ins Ausland. 

Für Dr. Oetker hät­te der Fla­schen­post-Deal einen wei­te­ren Nut­zen. „Sei­ne Kun­den zu ken­nen, zu ver­ste­hen und ihre Bedürf­nis­se zu erfül­len, das wird in Zukunft mehr denn je über das Bestehen im Wett­be­werb ent­schei­den“, schrei­ben Kai Hudetz und Wer­ner Reinartz. Die­sen Zugang ver­grö­ßert Dr. Oetker mit dem Lie­fer­dienst aus Müns­ter. Der Kon­zern stellt die Geträn­ke nicht mehr nur her. Er lie­fert sie auch selbst aus und erfährt so, wo die Men­schen woh­nen, die sie bestel­len, und wie oft sie wel­che Pro­duk­te in wel­cher Men­ge kau­fen. Bleibt die Bestel­lung für einen län­ge­ren Zeit­raum aus, schickt Fla­schen­post eine E-Mail. Betreff­zei­le: „Wir ver­mis­sen dich!“

Jobgarantie klingt anders

In der Pres­se­mit­tei­lung vom Mon­tag kün­digt Dr. Oetker an, dass sich Durst­ex­press und Fla­schen­post zusam­men­schlie­ßen wer­den, wenn das Kar­tell­amt die Über­nah­me geneh­migt. An der Spit­ze des gemein­sa­men Unter­neh­mens soll ein Vor­stand ste­hen, der sich aus dem Füh­rungs­per­so­nal bei­der Fir­men zusam­men­setzt. Es soll zwei Zen­tra­len geben, eine in Ber­lin und eine in Müns­ter. Das Maga­zin Busi­ness Insi­der schreibt, es sei unwahr­schein­lich, dass alle Mitarbeiter:innen an Bord blei­ben wer­den. Zusam­men sind es etwa 11.500, unge­fähr 3.500 arbei­ten bei Durstexpress. 

Die West­fä­li­schen Nach­rich­ten berich­te­ten am Mon­tag, Fla­schen­post wer­de alle Mitarbeiter:innen über­neh­men. Das woll­te das Unter­neh­men am Diens­tag auf Nach­fra­ge nicht bestä­ti­gen. Eine Spre­che­rin schrieb ledig­lich, es sei dem Unter­neh­men „enorm wich­tig, das geball­te Fach­wis­sen und die Markt­ex­per­ti­se auch künf­tig zu hal­ten“. Unge­fähr so for­mu­liert es auch Durst­ex­press: „Wir möch­ten das inzwi­schen erar­bei­te­te Know-how unse­rer Mit­ar­bei­ter natür­lich auch wei­ter­hin für den Durst­ex­press erhal­ten.“ Das klingt nicht schlecht. Aber eine Job­ga­ran­tie klingt anders. 


In aller Kürze

+++ Der Wochen­markt in Müns­ter sieht ab sofort wie­der etwas anders aus als in den ver­gan­ge­nen Wochen. Essen und Geträn­ke gibt es vor­über­ge­hend nur noch zum Mit­neh­men – Tische, Bän­ke und Pavil­lons gar nicht mehr. Das alles soll hel­fen, die Infek­ti­ons­zah­len wie­der in den Griff zu bekom­men, erklär­te Ober­bür­ger­meis­ter Mar­kus Lewe am Diens­tag­mit­tag in einer Pressekonferenz. 

+++ Zumin­dest ein Teil der Gas­tro­no­mie-Betrie­be kann offen­bar ein wenig hof­fen, bald zumin­dest vor der Tür wie­der Gäs­te bewir­ten zu dür­fen. Mar­kus Lewe sag­te am Diens­tag­mit­tag, er sehe „Hand­lungs­spiel­räu­me“. In Dort­mund ist man schon etwas wei­ter. Dort hat die Stadt ange­kün­digt, die Vor­schrif­ten etwas zu lockern. Bun­des­weit wol­len vie­le Betrie­be sol­che Locke­run­gen über die Gerich­te erwir­ken. Die Tages­schau berich­tet von einer Kla­ge­wel­le gegen den Teil-Lockdown. 

+++ In den bei­den vor andert­halb Wochen vom Ord­nungs­amt geschlos­se­nen Restau­rants Moc­ca d’or und Fiu haben sich offen­bar noch wei­te­re Men­schen mit Covid-19 ange­steckt. Die West­fä­li­schen Nach­rich­ten berich­ten von mitt­ler­wei­le neun Beschäf­tig­ten, die posi­tiv getes­tet wor­den sei­en, sowie einer Frau, bei der ein „drin­gen­der Ver­dacht“ bestehe, dass sie sich bei einem Restau­rant­be­such ange­steckt habe. Inzwi­schen sind auch noch ein paar Details über den Besuch des Ord­nungs­amts bekannt gewor­den. Bei der ers­ten Kon­trol­le habe sich der Geschäfts­füh­rer noch bei den Gäs­ten über die Kon­trol­len lus­tig gemacht. Bescheid wuss­te er schon lan­ge. Wir haben noch ein­mal nach­ge­fragt: Die ers­te Kon­trol­le fand nach Anga­ben der Stadt am 24. August statt. Bei der zwei­ten am 2. Okto­ber pass­ten die Abstän­de von Tischen und Stüh­len drau­ßen nicht. Aber die drei Wochen danach bis zur Schlie­ßung waren offen­bar noch immer zu kurz, um sich mit den Coro­na-Regeln ver­traut zu machen. 

+++ Im Miss­brauchs­fall von Müns­ter hat heu­te der ers­te Pro­zess­tag vor dem Land­ge­richt statt­ge­fun­den, aller­dings weit­ge­hend unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit, wie die Nach­rich­ten­agen­tur epd mel­det. Das Ver­fah­ren gegen den 27-jäh­ri­gen Haupt­be­schul­dig­ten aus Müns­ter beginnt am 12. Novem­ber. Er soll unter ande­rem den damals zehn­jäh­ri­gen Sohn sei­ner Lebens­ge­fähr­tin miss­braucht haben. Das Kind muss laut epd nicht vor Gericht aus­sa­gen. Das wer­de die Beam­tin über­neh­men, die die Aus­sa­ge des Jun­gen auf­ge­nom­men hat. Ins­ge­samt sit­zen acht Män­ner und eine Frau als Tat­ver­däch­ti­ge in Untersuchungshaft. 


Corona-Update

Die Uni­kli­nik Müns­ter behan­delt inzwi­schen auch Men­schen aus Bel­gi­en mit einer Covid-19-Erkran­kung. Am Diens­tag wur­den die ers­ten zwei Patient:innen ein­ge­lie­fert, schreibt die Kli­nik. Bel­gi­en ist eines der am stärks­ten betrof­fe­nen Län­der in der Euro­päi­schen Uni­on. Ins­ge­samt kön­nen die Kli­ni­ken in Müns­ter zur­zeit 250 Inten­siv­bet­ten bereit­stel­len. Nach Anga­ben der Stadt lie­gen momen­tan 33 Men­schen mit einer Covid-Infek­ti­on im Kran­ken­haus, zehn auf der Inten­siv­sta­ti­on. Die Stadt mel­det seit ges­tern 34 neue Infek­tio­nen. Damit gel­ten aktu­ell 516 Men­schen im Stadt­ge­biet als infi­ziert. Am Mon­tag war ein 64-jäh­ri­ger Mann an den Fol­gen einer Covid-Erkran­kung gestor­ben. Die Zahl der Todes­fäl­le im Zusam­men­hang mit der Pan­de­mie stieg damit auf 16. Im städ­ti­schen Gesund­heits­amt wer­den sich ab nächs­ter Woche 103 Men­schen damit beschäf­ti­gen, Coro­na-Kon­tak­te nach­zu­ver­fol­gen. Die Hälf­te von ihnen arbei­tet sonst in ande­ren Ämtern und springt ein, die ande­re Hälf­te wur­de neu ein­ge­stellt. Übri­gens: Wer sich über Coro­na auf dem Lau­fen­den hal­ten möch­te, dem emp­feh­le ich den Twit­ter-Account von Olaf Gerse­mann von der Zei­tung „Die Welt“, der dort sehr akri­bisch aktu­el­le Infor­ma­tio­nen und Gra­fi­ken zusam­men­trägt und einordnet. 


Unbezahlte Werbung

Wer jetzt wie­der zu Hau­se im Home­of­fice sitzt, muss sich mit­tags natür­lich um Essen küm­mern. Und jeden Tag den Bring­dienst holen, das ist einer­seits teu­er, und irgend­wann hat man sich auch an Piz­za satt geges­sen. Daher ein Tipp für den Fall, dass Sie etwas Zeit zum Kochen haben: Ökul­lus bringt Ihnen regel­mä­ßig eine Kis­te mit fri­schem Bio­ge­mü­se nach Hau­se. Und wenn Sie jetzt schon den­ken: Dann muss ich mir auch noch über­le­gen, was ich koche, damit ver­geht ja auch wie­der sehr viel Zeit, das Pro­blem löst Ökul­lus gleich mit. Zur Bio­kis­te gibt es Rezep­te. Sehr gute. Ich habe das selbst schon aus­pro­biert. Bestel­len kön­nen Sie die Bio­kis­te hier.


Drinnen und draußen

+++ Sie wis­sen es natür­lich, die USA wäh­len heu­te einen neu­en Prä­si­den­ten. Wegen der Zeit­ver­schie­bung wer­den wir das Ergeb­nis frü­hes­tens mor­gen früh erfah­ren, da die Brief­wahl wegen der Pan­de­mie eine gro­ße Rol­le spielt, viel­leicht erst in ein paar Tagen, und weil Donald Trump alles zuzu­trau­en ist, viel­leicht auch erst in ein paar Mona­ten. Auf die lan­ge Wahl­nacht ein­stim­men kön­nen Sie sich heu­te Abend zum Bei­spiel bei halbzehn.fm. Dort ist der Müns­te­ra­ner Mathi­as Göß­ling zu Gast, mit dem ich befreun­det bin. Er hat vor ein paar Mona­ten sei­nen Urlaub geop­fert, um Ber­nie San­ders vor Ort in den USA beim Wahl­kampf zu hel­fen. Und falls Sie sich auf die Ein­stim­mung ein­stim­men möch­ten: Was er dabei erlebt hat, hat er hier in einem Inter­view erzählt.

Am Frei­tag schreibt Ihnen mei­ne Kol­le­gin Con­stan­ze Busch. Haben Sie bis dahin eine schö­ne Woche. 

Herz­li­che Grüße

Ralf Hei­mann


PS

Im Maga­zin der Süd­deut­schen Zei­tung gibt es eine Rubrik, die „Gefühl­te Wahr­heit“ heißt, und an der ich eini­ge Jah­re lang mit­ge­ar­bei­tet habe. In die­ser Rubrik erschei­nen Gra­fi­ken, die einen Zusam­men­hang illus­trie­ren, der nur gefühlt besteht. Das klingt kom­pli­ziert, ist aber eigent­lich ganz ein­fach. Über einer mei­ner Lieb­lings-Gefühl­ten-Wahr­hei­ten steht zum Bei­spiel: „Was Haus­meis­ter den­ken, wenn Sie um 8 Uhr früh den Laub­blä­ser anstel­len.“ Dar­un­ter sieht man ein Kuchen­dia­gramm. Ein sehr klei­nes Kuchen­stück steht für die Ant­wort: „Wie­der so viel Laub von den Bäu­men gefal­len.“ Ein sehr, sehr gro­ßes Stück steht für: „Na, ihr Stu­den­ten, noch schön müde von der lau­ten Par­ty ges­tern Nacht?“ Hier kön­nen Sie sich die Gra­fik anse­hen. War­um ich Ihnen das erzäh­le? In Berg Fidel hat ein 48-jäh­ri­ger Mann in die­ser Woche einen Gärt­ner bedrängt und beschimpft, weil der mit einem Laub­blä­ser, na ja, ent­we­der ver­sucht hat, Laub weg­zu­bla­sen – oder eben, ihn zu wecken. Man weiß ja nie. Die Gemein­de Haar in der Nähe von Mün­chen, wo man den Ärger mit den Gerä­ten anschei­nend auch kennt, hat sich schon vor Wochen über­legt, wie man das Pro­blem lösen kann. Die Lösung ist: Die Stadt­ver­wal­tung hat ihre Bau­hof-Kolon­ne mit Rechen aus­ge­stat­tet, wie die Süd­deut­sche Zei­tung nun schreibt. Das ist lei­se, weckt nur Men­schen mit einem sehr leich­ten Schlaf, hat aber lei­der einen ande­ren Nach­teil: Das meis­te Laub, das die Laub­blä­ser vor­her geschafft haben, bleibt jetzt lie­gen. Einen Vor­teil hat die Lösung aber auch: Wenn die Gärtner:innen jetzt Ärger mit den Leu­ten aus der Nach­bar­schaft bekom­men, haben sie immer­hin etwas in der Hand, um sich zu wehren.