Hilferuf aus der Uniklinik | Impfzentrum | Brauerei Kemker

Müns­ter, 24. Novem­ber 2020

Guten Tag,

am 6. Novem­ber schrie­ben 69 Inten­siv-Pfle­ge­kräf­te der Uni­kli­nik Müns­ter ihrem Vor­stand einen offe­nen Brief, in dem sie für die Bedin­gun­gen auf ihren Sta­tio­nen sehr dras­ti­sche Wor­te fan­den. Die Situa­ti­on nann­ten sie „pati­en­ten­ge­fähr­dend“. Zuvor hät­ten sie in vie­len Brie­fen an die Pfle­ge­dienst­lei­tung, die Sta­ti­ons­lei­tung und den Per­so­nal­rat dar­auf hin­ge­wie­sen. So steht es in dem Schrei­ben, das sie über Ver­trau­ens­leu­te in einer Son­der­aus­ga­be der Gewerk­schafts­zei­tung Herz­flim­mern veröffentlichten. 

Die Situa­ti­on beschrei­ben die Pfle­ge­kräf­te wie folgt: 

  • Seit dem 1. Okto­ber beschäf­ti­ge der Vor­stand kei­ne Zeit­ar­beits­kräf­te mehr in der Pfle­ge. Damit sei die Belas­tung für das fes­te Per­so­nal enorm gestiegen.
  • Die Zeit­ar­beits­kräf­te hät­ten vor­her gan­ze Nacht­diens­te über­nom­men. Sie sei­en fes­ter Bestand­teil der Dienst­plä­ne gewe­sen. Die momen­ta­ne Über­las­tung hät­te man nach Mei­nung der Pfle­ge­kräf­te abse­hen können. 
  • Schwer­kran­ke Men­schen wür­den wei­ter­hin in glei­cher Zahl ope­riert und danach auf die Inten­siv­sta­tio­nen ver­legt. Dem Emp­fin­den der Pfle­ge­kräf­te nach „ohne Rück­sicht auf unse­re Berufsgruppe“. 
  • Die Pfle­ge­kräf­te zäh­len ihre Auf­ga­ben auf und schrei­ben, der hohe Anspruch des Kran­ken­hau­ses „spie­gelt sich in kei­ner Wei­se in der Beset­zung wider“. 
  • Stu­di­en hät­ten nach­ge­wie­sen, dass die Beset­zung der Pfle­ge „in direk­tem Zusam­men­hang zur Über­le­bens­wahr­schein­lich­keit“ der Patient:innen steht. 
  • Berufs­ver­bän­de for­der­ten, dass eine Pfle­ge­kraft sich um maxi­mal zwei Patient:innen küm­mern dür­fe, in kom­ple­xen Fäl­len um eine. Auf den Sta­tio­nen der Uni­kli­nik kämen vier Pfle­ge­kräf­te auf zehn Patient:innen oder drei auf sieben. 
  • Die seit Beginn des Jah­res gel­ten­den Dienst­zei­ten „las­sen nichts ande­res als Über­stun­den zu“. Pau­sen­zei­ten wür­den igno­riert, „in jeder Schicht Über­stun­den pro­du­ziert und Ruhe­zei­ten (…) nicht eingehalten“. 
  • In den ver­gan­ge­nen Wochen hät­ten die Pfle­ge­kräf­te zuneh­mend auf ande­ren Sta­tio­nen aus­hel­fen müs­sen, „um Eng­päs­se zu kom­pen­sie­ren“, in zwei Fäl­len sogar Pfle­ge­rin­nen, die gera­de erst ein­ge­ar­bei­tet wurden. 
  • 59 Mit­ar­bei­ten­de hät­ten nun eine Ver­fü­gung unter­schrie­ben, die es der Kli­nik unter­sa­ge, sie in der Frei­zeit zu kon­tak­tie­ren, um Aus­fäl­le zu kom­pen­sie­ren. „Wir sind nicht bereit, Ihr ver­ant­wor­te­tes Sys­tem in die­ser Form wei­ter mit­zu­tra­gen“, schrei­ben die Pflegekräfte. 
  • Mit Blick auf die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on schrei­ben sie: „Die aktu­el­le media­le Offen­si­ve und Selbst­in­sze­nie­rung als über­re­gio­na­les ‚Coro­na-Zen­trum‘ emp­fin­den wir als Hohn“. Es wer­de ver­mit­telt, dass eine siche­re Ver­sor­gung jeder­zeit gewähr­leis­tet sei. Das spieg­le nicht die Rea­li­tät wider. 

Seit dem offe­nen Brief sind knapp drei Wochen ver­gan­gen. Am Don­ners­tag berich­te­ten die West­fä­li­schen Nach­rich­ten dar­über, am Frei­tag die WDR-Lokal­zeit. In die­sen Bei­trä­gen äußern sich auch Hugo Van Aken und Tho­mas van den Hoo­ven, der Ärzt­li­che Direk­tor und der Pfle­ge­di­rek­tor der Klinik. 

Tho­mas van den Hoo­ven sagt in dem WDR-Beitrag: 

  • Die ent­las­se­nen Zeit­ar­beits­kräf­te hät­ten nur vier Pro­zent des gesam­ten Pfle­ge­per­so­nals aus­ge­macht. In Zah­len: Es gehe um fünf bis sechs Vollzeitstellen. 
  • Und er sagt: Eigent­lich habe man genü­gend Per­so­nal. Man sei zur­zeit nur nicht fle­xi­bel genug. 

Der Grund für das, was Tho­mas van den Hoo­ven feh­len­de Fle­xi­bi­li­tät nennt, ist: Laut WDR über­neh­men mitt­ler­wei­le 80 Pro­zent der 250 Inten­siv­pfle­ge­kräf­te kei­ne Bereit­schafts­diens­te mehr. 

Hugo Van Aken sagt: 

  • Die Uni­kli­nik habe noch immer mehr Pfle­ge­kräf­te, als das Gesetz vor­se­he. Er habe kein Ver­ständ­nis für so eine Akti­on mit­ten in der Pandemie. 

Eine Fra­ge wäre, ob denn aus­ge­rech­net mit­ten in der Pan­de­mie die Zeit­ar­beits­kräf­te weg­fal­len muss­ten. Eine Spre­che­rin sagt, die Ent­schei­dung dar­über sei bereits Anfang des Jah­res gefal­len. Ansons­ten beant­wor­tet die Uni­kli­nik zu dem The­ma zur­zeit kei­ne wei­te­ren Fra­gen. Man habe einen Media­tor eingeschaltet.

Die Ursache liegt im System

Wie das Pro­blem erscheint, hängt auch davon ab, aus wel­cher Per­spek­ti­ve man es sich anschaut. Auf der einen Sei­te ste­hen die Zah­len auf dem Papier, das sind die Min­dest­an­for­de­run­gen. Auf der ande­ren Sei­te steht die Rea­li­tät, mit der die Pfle­ge­kräf­te Tag für Tag kon­fron­tiert sind. Im Früh­jahr beka­men sie viel Aner­ken­nung und Applaus für ihre Arbeit. Doch dabei blieb es. Als die ers­te Coro­na-Wel­le mit dem Beginn des Som­mers abklang, waren ihre Arbeits­be­din­gun­gen kein The­ma mehr. Auch an der schlech­ten Bezah­lung änder­te sich so gut wie nichts. 

Die Ursa­chen für die­ses Miss­ver­hält­nis lie­gen jedoch nicht unbe­dingt in den Kli­ni­ken selbst, son­dern in der Struk­tur des Gesund­heits­sys­tems. Dar­über, dass sich hier etwas ändern muss, sind Gesund­heits­fach­leu­te sich einig. Doch das Pro­blem ist kom­plex. Und wer etwas ändern möch­te, muss unan­ge­neh­me Ent­schei­dun­gen treffen. 

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hat zwar vie­le Geset­ze auf den Weg gebracht, auch zu den Kran­ken­häu­sern, aber an die Struk­tur hat er sich bis­lang nicht gewagt. Man kann das ver­ste­hen, wenn man sich die Pro­ble­me aus der Nähe ansieht. Denn dort etwas zu ändern, wür­de bedeu­ten: Man müss­te vie­le Kran­ken­häu­ser schließen.

Der Gesund­heits­öko­nom Bert Rürup hat das Pro­blem vor andert­halb Jah­ren in einem Bei­trag für das Han­dels­blatt erklärt. 

In Deutsch­land gibt es etwas mehr als 1.900 Kran­ken­häu­ser. Sie hal­ten pro 100.000 Men­schen etwa 600 Bet­ten bereit. Laut Rürup ist das im inter­na­tio­na­len Ver­gleich „fast ein­ma­lig“. Gleich­zei­tig sei es „öko­no­misch nicht effi­zi­ent und medi­zi­nisch bedenk­lich“, schreibt er. 

Etwa 1.000 Kli­ni­ken haben weni­ger als 300 Bet­ten. Die meis­ten die­ser Kran­ken­häu­ser sind nur wenig spe­zia­li­siert und nicht gut aus­ge­stat­tet. Tech­ni­sche Gerä­te sind teu­er. Um sie zu refi­nan­zie­ren, muss man sie regel­mä­ßig nut­zen. Nicht spe­zia­li­sier­te Kli­ni­ken kön­nen das nicht. 

Qualität ist wichtiger als Nähe

Ein Vier­tel der deut­schen Kran­ken­häu­ser, die Herz­in­fark­te behan­deln, machen das kaum 30 Mal im Jahr, in etwa der Hälf­te der Kli­ni­ken kommt es unge­fähr 70 Mal im Jahr vor. Das hat der Gesund­heits­öko­nom Tho­mas Man­sky vor einem Jahr in einem Inter­view mit dem Ver­band der Ersatz­kas­sen gesagt. In dem Gespräch sag­te er auch, dass es etwa 500 klei­ne­re und nicht spe­zia­li­sier­te Kli­ni­ken gebe, die sich in Städ­ten befin­den. Und er frag­te: „Sind die­se Kli­ni­ken ver­sor­gungs­not­wen­dig?“ So eine unan­ge­neh­me Fra­ge müss­te man auch in Müns­ter stel­len: Brau­chen wir alle Kli­ni­ken in die­ser Stadt?

Wür­de man klei­ne Kli­ni­ken schlie­ßen, könn­te man die grö­ße­ren und spe­zia­li­sier­ten bes­ser aus­stat­ten. Ein Argu­ment dage­gen ist, dass vie­len Men­schen ein Kran­ken­haus in ihrer Nähe wich­tig sei. Tho­mas Man­sky sagt: Wenn „Men­schen zu Pati­en­ten wer­den, fra­gen sie nicht, wo das nächs­te Kran­ken­haus ist, son­dern wo sie die bes­te Behand­lung erhal­ten“. Das bele­gen auch Umfra­gen.

Um die Finan­zie­rung der Kran­ken­häu­ser küm­mern sich die Län­der und die Kran­ken­kas­sen gemein­sam. Kran­ken­kas­sen kom­men für die Betriebs­kos­ten auf, die Län­der für den Bau und die Inves­ti­tio­nen. Doch das funk­tio­niert schon seit Jah­ren nicht mehr so rich­tig. Das Pro­blem sind die Inves­ti­tio­nen der Länder. 

Laut Tho­mas Man­sky betrug die Inves­ti­ti­ons­quo­te bei den Kran­ken­häu­sern im Jahr 2016 deutsch­land­weit im Mit­tel 3,9 Pro­zent vom Umsatz. Damit der Gerä­te­park nicht ver­al­te, brau­che es eine Quo­te zwi­schen 8 und 15 Prozent.

Teil­wei­se finan­zie­ren die Häu­ser ihre Tech­nik über die Behand­lun­gen mit, also über die Kran­ken­kas­sen. Und die Finan­zie­rung dort läuft über die soge­nann­ten Fall­pau­scha­len. Pro Behand­lung kön­nen die Kli­ni­ken eine bestimm­te Sum­me abrech­nen. Je schnel­ler die Men­schen wie­der aus dem Kran­ken­haus her­aus sind, des­to mehr Geld bleibt übrig. „Dies wird von der Poli­tik einer­seits mit einem Augen­zwin­kern hin­ge­nom­men, ande­rer­seits wird dann oft das ‚Gewinn­stre­ben‘ der Kran­ken­häu­ser ver­teu­felt – mehr Bigot­te­rie geht kaum“, sagt Mansky. 

Um den Kli­ni­ken Inves­ti­tio­nen zu erleich­tern, hat man einen Struk­tur­fonds ein­ge­rich­tet. Wenn Kli­ni­ken ihre Aus­stat­tung ver­bes­sern, gibt der Bund die Hälf­te der Sum­me dazu – aber eben nur die Hälf­te. So rich­tig hat auch das die Inves­ti­tio­nen nicht in Gang gebracht. Und manch­mal wäre die sinn­volls­te Lösung ein­fach, Kran­ken­häu­ser zu schlie­ßen. Das müss­ten die Län­der machen, aber das wür­de hei­ßen: Irgend­ein Poli­ti­ker muss den Men­schen erklä­ren, dass das Kran­ken­haus in ihrem Ort bald nicht mehr da sein wird. So etwas schiebt man ger­ne vor sich her. 

Förderprogramme allein reichen nicht

Mit dem Sys­tem ist es ein wenig wie mit einem Rubiks-Zau­ber­wür­fel. Hat man die eine Sei­te schön geord­net, sind da immer noch die ande­ren fünf. Bei den Pfle­ge­kräf­ten war das gut zu beob­ach­ten. Vor zwei Jah­ren hat Jens Spahn ein För­der­pro­gramm gestar­tet, das 13.000 Pfle­ge­kräf­te für Alten­hei­me finan­zie­ren soll­te. Andert­halb Jah­re spä­ter waren gera­de ein­mal 2.600 zusätz­li­che Stel­len geschaf­fen wor­den. Ein För­der­pro­gramm allein reicht nicht aus. Es muss auch genü­gend Men­schen geben, die in die­sen Beru­fen arbei­ten wol­len. Spe­zi­ell in der Pfle­ge ist das ein Pro­blem. Die Arbeit ist hart, die Bedin­gun­gen oft schlecht, und die Bezah­lung nicht sehr attraktiv. 

Im ver­gan­ge­nen Jahr hat das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um ver­sucht, zumin­dest die Anrei­ze der Kli­ni­ken zu ver­än­dern – mit soge­nann­ten Per­so­nal­un­ter­gren­zen an Stel­len, wo die Pfle­ge beson­ders wich­tig ist. Die­se Berei­che müs­sen die Kli­ni­ken mit einer bestimm­ten Anzahl an Pfle­ge­kräf­ten (im Ver­hält­nis zu Patient:innen) aus­stat­ten. Machen sie das nicht, kön­nen sie für die Behand­lung nicht den vol­len Preis abrech­nen. Mit Beginn der Coro­na-Zeit im März hat das Minis­te­ri­um dann die­se Rege­lung teil­wei­se vor­über­ge­hend wie­der auf­ge­ho­ben, damit mehr Men­schen behan­delt wer­den kön­nen, aller­dings mit Fol­gen für die Behand­lungs­qua­li­tät und die Ner­ven der Pflegekräfte. 

Zwi­schen­zeit­lich hat der Bund den Kli­ni­ken eine soge­nann­te Frei­hal­te­pau­scha­le gezahlt – für freie Bet­ten, die sie bereit­hal­ten, um bei rasant stei­gen­den Coro­na-Infek­ti­ons­zah­len aus­rei­chend Kapa­zi­tä­ten zur Ver­fü­gung zu haben. Die­se Pau­scha­le gibt es nicht mehr. Vor drei Wochen hat NRW-Gesund­heits­mi­nis­ter Karl-Josef Lau­mann (CDU) gesagt, sie sei im Moment nicht nötig. Aber so eine Ein­schät­zung kann sich momen­tan sehr schnell ändern. 

Zumin­dest für das aktu­el­le Pro­blem mit der Pfle­ge gäbe es laut Uni­kli­nik-Pfle­ge­di­rek­tor Tho­mas van den Hoo­ven eine schnel­le Lösung. Im WDR-Bei­trag sag­te er: „Die Lösung die­ses Pro­blems liegt bei der Poli­tik, und sie liegt eigent­lich auch auf der Hand. Wenn man sagen wür­de: Ihr müsst zwin­gend für die Betreu­ung von die­sen Pati­en­ten so und so viel Per­so­nal vor­hal­ten, dann ist das Pro­blem gelöst. Und das macht die Poli­tik aber nicht.“ 

Am Ende ist alles wohl nicht nur ein struk­tu­rel­les Pro­blem. Am Ende braucht es vor allem eins: poli­ti­schen Willen. 


In aller Kürze

+++ Die Bun­des­kanz­le­rin wird sich mor­gen in Ber­lin wie­der mit den Lan­des­re­gie­run­gen tref­fen, um dar­über zu spre­chen, wie es in den nächs­ten Wochen jetzt wei­ter­geht. In eini­gen Punk­ten haben die Län­der offen­bar schon gemein­sa­me Vor­stel­lun­gen. Wie in der ver­gan­ge­nen Woche kur­sie­ren wie­der Beschluss­vor­la­gen, über die unter ande­rem der Tages­spie­gel berich­tet. Beim Teil-Lock­down soll es danach bis kurz vor Weih­nach­ten blei­ben. Die Schu­len wür­den nicht schlie­ßen. Die Län­der emp­feh­len, die Weih­nachts­fe­ri­en auf den 19. Dezem­ber vor­zu­zie­hen, viel­leicht auch schon auf den 16. Zu Weih­nach­ten wie auch Sil­ves­ter soll man sich mit zehn Per­so­nen tref­fen dür­fen (schwe­re Ent­schei­dung für Fuß­ball­mann­schaf­ten). Und noch eine gute Nach­richt für Pyro-Fans: Das Böl­lern soll nur da ver­bo­ten wer­den, wo es übli­cher­wei­se statt­fin­det – auf öffent­li­chen Plät­zen oder Stra­ßen. Aber gut, wozu hat man schließ­lich einen Keller. 

+++ Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn geht davon aus, dass die ers­ten Imp­fun­gen schon im Dezem­ber statt­fin­den wer­den. NRW-Gesund­heits­mi­nis­ter Kajo Lau­mann hat der Nach­rich­ten­agen­tur dpa gesagt, die Impf­zen­tren in Nord­rhein-West­fa­len sol­len schon im Dezem­ber impf­be­reit sein. Ob die­ses Zen­trum in Müns­ter in der Hal­le Müns­ter­land zu fin­den sein wird, ist nach Aus­kunft der Stadt wei­ter­hin nicht geklärt. Sobald eine Ent­schei­dung gefal­len sei, wer­de man das bekannt­ge­ben, teil­te man uns mit. Kri­sen­stabs­lei­ter Wolf­gang Heu­er dage­gen hat kei­ne gro­ßen Zwei­fel mehr. Für ihn sei die Hal­le Müns­ter­land gesetzt, sag­te er den West­fä­li­schen Nach­rich­ten.

+++ Müns­ters neu­es Poli­zei­prä­si­di­um an der Lod­den­hei­de wird sehr hoch und sehr groß wer­den, berich­ten die West­fä­li­schen Nach­rich­ten. Das Gebäu­de soll danach bis zu sechs Geschos­se haben und bis zu 25 Meter hoch sein („BIGGEST POLICE DEPARTMENT EVER“). Die Plä­ne lie­gen bis zum 18. Dezem­ber im Stadt­haus 3 aus. Das ist vor­ge­schrie­ben, wenn ein Bebau­ungs­plan geän­dert wird. Bis das Gebäu­de steht, wird aber noch etwas Zeit ver­ge­hen. Ein­zie­hen will das Poli­zei­prä­si­di­um im Jahr 2025. 

+++ Die Geschäf­te in Nord­rhein-West­fa­len blei­ben vor Weih­nach­ten sonn­tags geschlos­sen, auch am Sonn­tag nach Neu­jahr. Das hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter am Diens­tag ent­schie­den. Das Land woll­te das Gedrän­ge in den Städ­ten durch die zusätz­li­chen Ver­kaufs­ta­ge etwas ent­zer­ren. Das Gericht argu­men­tier­te, die ver­kaufs­of­fe­nen Sonn­ta­ge könn­ten, weil momen­tan sonst ja nicht viel los ist, noch mehr Men­schen ani­mie­ren, in die Städ­te zu fah­ren. Wirt­schaft­lich sei der Wunsch des Ein­zel­han­dels zwar zu ver­ste­hen, schreibt das Gericht in einer Mit­tei­lung. Aber wenn’s um Infek­ti­ons­schutz gehe, sei der Plan – das ist jetzt mei­ne For­mu­lie­rung – doch wohl eher Murks. 


Corona-Update

Der Phy­si­ker und Kli­ma­for­scher Joa­chim Cur­ti­us hat sich für 1.000 Euro vier Luft­rei­ni­ger gekauft, sie in einer Schul­klas­se auf­ge­stellt und mit sen­si­blen Mess­ge­rä­ten über­prüft, was die Fil­ter so an Aero­so­len aus der Luft fischen. Und nach unge­fähr einer hal­ben Stun­den hat­ten sie die meis­ten Viren-Teil­chen schon erle­digt, schreibt der Spie­gel. Im RUMS-Brief hat­ten wir vor andert­halb Wochen bereits Luft­fil­ter zum Sel­ber­bau­en emp­foh­len. Und am ver­gan­ge­nen Sams­tag ver­brei­te­te auch Müns­ters Kri­sen­stabs­lei­ter Wolf­gang Heu­er bei Face­book die­sen Link mit Anlei­tung zum Bau von Luft­fil­tern aus Mate­ria­li­en, die man im Bau­markt bekommt. Vor allem, wenn man die Mel­dung vom Impf­zen­trum im Hin­ter­kopf hat, klingt das durch­aus hoff­nungs­voll. Die aktu­el­len Coro­na-Zah­len sind aller­dings weni­ger erfreu­lich. Die Stadt mel­de­te am Mon­tag und am Diens­tag jeweils einen wei­te­ren Todes­fall. Ein 73-jäh­ri­ger Mann und eine 90-jäh­ri­ge Frau starb an den Fol­gen einer Coro­na-Infek­tio­nen. Im Ver­gleich zum Mon­tag mel­de­te die Stadt elf Neu­in­fek­tio­nen. Aktu­ell gel­ten damit 391 Men­schen in der Stadt als infi­ziert. 35 Men­schen Infi­zier­te lie­gen im Kran­ken­haus, 14 auf der Inten­siv­sta­ti­on. Die Zahl in der ver­gan­ge­nen sie­ben Tagen infi­zier­ten Men­schen pro 100.000 Men­schen (Sie­ben-Tage-Inzi­denz) liegt bei 66,3.


Fortsetzung

Ann-Mar­len Hoolt hat­te in ihrem RUMS-Brief am Frei­tag geschrie­ben, dass von den 1.000 Fahr­rad­plät­zen im Park­haus am Bre­mer Platz mehr als 600 nicht ver­mie­tet sind. Wor­an das liegt, lässt sich schwer sagen. Mög­li­cher­wei­se am Preis, an der Bequem­lich­keit der Men­schen oder viel­leicht auch dar­an, dass die Park­haus­ge­sell­schaft WBI zu wenig Wer­bung macht. 

Auf Twit­ter hat dar­über am Wochen­en­de eine Dis­kus­si­on begon­nen, an der sich auch WBI-Geschäfts­füh­rer und Ex-Ober­bür­ger­meis­ter­kan­di­dat Peter Todes­ki­no betei­ligt. Für @tho_kno ist die Sache klar: Die WBI will das Rad­la­ger eigent­lich gar nicht und setzt das Ange­bot des­halb schlecht um. „So, wie die WBI es anbie­ten, wird es nicht ange­nom­men, aber anders anbie­ten wol­len sie es erklär­ter­ma­ßen nicht und Schuld sind die fau­len Rad­fah­ren­den. Das ist so offen­sicht­lich lieb­los, eine Frech­heit und – Ent­schul­di­gung – Ver­ar­schung. Mein Fazit: Sie wol­len die­se Lösung nicht“, schreibt @tho_kno.

Peter Todes­ki­no sieht das erwar­tungs­ge­mäß etwas anders. Er ant­wor­tet: „An der Ost­see ent­steht gera­de eine neue Rad­sta­ti­on im Land­mar­ken­pro­jekt mit 2.000 Ein­stell­plät­zen, Ser­vice­sta­ti­on und Werk­statt. Außer­dem sind 400 öffent­li­che Park­plät­ze im Bereich der Bre­mer Stra­ße in Pla­nung.“ Nun hel­fen Fahr­rad­park­plät­ze an der Ost­see den Radeln­den in Müns­ter wenig, aber ver­mut­lich haben sich hier die Auto­kor­rek­tur oder schö­nen Erin­ne­run­gen an Kiel einen klei­nen Scherz erlaubt. Todes­ki­no mein­te wahr­schein­lich die Ost­sei­te des Bahn­hofs, wo vor­aus­sicht­lich ab 2022 eine zwei­te Rad­sta­ti­on ste­hen soll – mit Platz für 2.100 Räder. 

Das wer­de nicht aus­rei­chen, schreibt @vonjosbach, unser Inter­view­part­ner Simon Chro­bak von der Inter­es­sen­ge­mein­schaft fahrradstadt.ms: „Dumm nur, dass der Bedarf geschätzt 3-4x höher ist. Da hilft es wenig wie es an der Ost­see aus­sieht. Der Rad­ver­kehrs­an­teil soll um 10 % stei­gen, noch mehr Pen­del­ver­kehr soll mul­ti­modal wer­den. Das, was Land­mar­ken da baut, wird bei Eröff­nung schon zu klein sein.“ 

Wenn Sie die Dis­kus­si­on nach­ver­fol­gen wol­len, fan­gen Sie am bes­ten hier an.


Unbezahlte Werbung

Man kann ja nicht so viel machen zur­zeit, aber immer­hin kann man sich sehr vie­les nach Hau­se bestel­len. Die Braue­rei Kem­ker aus Evers­win­kel lie­fert Bier­sor­ten, deren Namen Sie gar nicht mehr aus­spre­chen kön­nen, wenn Sie drei Fla­schen davon getrun­ken haben. Sie hei­ßen Fliärblo­me, Ebeltoft Gaar­d­bryg­ge­ri oder – okay, das ist ein­fach – „Kul­tuur Expe­ri­ence – 9 Bot­t­le Tas­ting Pack“. Die Braue­rei ver­kauft auch Bier­sor­ten von befreun­de­ten Her­stel­lern, zum Bei­spiel der in Müns­ter behei­ma­te­ten Grut­haus-Braue­rei. Sehr emp­feh­len kann ich zum Bei­spiel eine Fla­sche Grut­haus Gold­ha­fer-Tri­pel. Sieht aus wie ein Cham­pa­gner, ist aber mit 12,99 Euro etwas güns­ti­ger und schmeckt bes­ser. Die Braue­rei Kem­ker selbst expe­ri­men­tiert mit wil­den Hefen und, wenn ich das rich­tig sehe, auch mit Äpfeln. Vor Ort anse­hen kön­nen Sie sich das Bier auch. Es gibt einen Hofladen. 


Drinnen und Draußen 

Eines der gro­ßen Phä­no­me­ne unse­rer Zeit ist die Angst, etwas Wich­ti­ges zu ver­pas­sen. Der Fach­be­griff lau­tet: Fear of mis­sing out. Und immer­hin die­ses Pro­blem scheint Coro­na nun vor­über­ge­hend gelöst zu haben. Es gibt so gut wie nichts, was man ver­pas­sen könn­te. Außer vielleicht…

+++ … den The­men­abend des Stadt­ar­chivs am Don­ners­tag zum Rechts­ex­tre­mis­mus, den Sie aller­dings nur online ver­pas­sen kön­nen, weil er vor Ort nicht statt­fin­det, jeden­falls nicht für Gäs­te. Der His­to­ri­ker Timm C. Rich­ter spricht über Reichs­wehr, Uni­ver­si­tät und rechts­ra­di­ka­le Netz­wer­ke in Müns­ter in der Zeit von 1919 bis 1933. Sein Vor­trag (Titel: „Durch­glüht vom vater­län­di­schen Geist“) beginnt um 18 Uhr. Zuschau­en kön­nen Sie über die Sei­te des Stadt­ar­chivs oder über die Platt­form Twitch. Und wenn Sie am Don­ners­tag­abend kei­ne Zeit haben, kein Pro­blem. Den Vor­trag kön­nen Sie sich auch danach noch zwei Wochen lang ansehen. 

+++ Dann noch ein wei­te­rer Ver­an­stal­tungs­tipp, für den Sie das Sofa nicht ver­las­sen müs­sen. Der Wis­sen­schafts­jour­na­list Vol­ker Stol­l­orz hält am Diens­tag­abend einen Vor­trag mit dem selbst­er­klä­ren­den Titel „Jour­na­lis­mus über Wis­sen­schaft im Welt­ereig­nis Pan­de­mie. Pra­xis und Her­aus­for­de­run­gen“, der Teil der Ring­vor­le­sung „Wis­sen­schaft & Öffent­lich­keit in der Coro­na-Kri­se“ ist. Wenn Sie sich den Vor­trag anse­hen möch­ten, müss­ten Sie sich hier anmel­den. Eine Über­sicht aller Vor­le­sun­gen aus der Rei­he fin­den Sie hier.

Am Frei­tag schreibt Ihnen wie­der Con­stan­ze Busch. Haben Sie bis dahin eine schö­ne Woche. 

Herz­li­che Grüße

Ralf Hei­mann

Mit­ar­beit: Con­stan­ze Busch, Marie Schwesinger


PS

Man fin­det auf der Stra­ße ja alles Mög­li­che. In der ver­gan­ge­nen Woche habe ich zum Bei­spiel ein Fahr­rad­schloss gefun­den, mein Fahr­rad­schloss; es lag vor mei­ner Haus­tür. Als ich es zum letz­ten Mal in der Hand gehabt hat­te, hing mein Fahr­rad noch dran, aber das war nun ver­schwun­den. Das Ärger­lichs­te an Fahr­rad­dieb­stäh­len ist, dass man danach wochen­lang jede Ansamm­lung von Rädern und jeden Fahr­rad­stän­der abscannt, immer in der unwahr­schein­li­chen Hoff­nung, das ver­schwun­de­ne Rad könn­te viel­leicht dabei sein. Dem Künst­ler Rup­pe Kosel­leck muss es seit Jah­ren so gegan­gen sein. Er hat sich aller­dings frei­wil­lig dazu ent­schie­den. Und er such­te auch nicht nach Fahr­rä­dern, son­dern nach Spiel­kar­ten. Am 14. Febru­ar 2003 fand er auf der Stra­ße eine Kar­te aus einem Skat­spiel. An die­sem Tag beschloss er, so lan­ge zu sam­meln, bis er ein voll­stän­di­ges Kar­ten­spiel zusam­men hat, also unge­fähr hun­dert Jah­re, könn­te man nun den­ken. Aber das stimmt nicht ganz. Genau 17 Jah­re hat es gebraucht. Seit dem 22. Novem­ber besitzt Kosel­leck ein Skat­spiel aus Fund­stü­cken. Das schreibt er auf sei­ner Face­book-Sei­te. Ab dem 14. Dezem­ber möch­te er die­se Kar­ten im Gmün­der Kunst­ver­ein aus­stel­len, sofern das dann schon wie­der mög­lich ist. Wir drü­cken ihm jeden­falls die Dau­men. Und wis­sen Sie was, ich habe heu­te Mor­gen auf dem Weg zum Bäcker den Deckel einer Fahr­rad­klin­gel gefun­den. Ein Rück­licht lag hier noch zu Hau­se in mei­ner Schreib­tisch­schub­la­de. Ich ver­mu­te, es wird nur eine Fra­ge der Zeit sein.