Kreative Mehrheitsfindung | Lockerungen und Modelle | Tapas ohne Grenzen

Müns­ter, 21. Mai 2021

Guten Tag,

das grün-rot-vio­let­te Rats­bünd­nis hat am Mitt­woch­abend im Haupt­aus­schuss die ers­te Prü­fung im neu­en Fach „Krea­ti­ve Mehr­heits­fin­dung“ bestan­den. Um beim Tages­ord­nungs­punkt „Fly­o­ver Aegi­dii­tor“ eine Mehr­heit zu bekom­men, zer­leg­te das Bünd­nis die gro­ße Ent­schei­dung in meh­re­re Ein­zel­ent­schei­dun­gen. So konn­ten sie­ben Par­tei­en mit ganz unter­schied­li­chen Vor­stel­lun­gen Ja sagen, ohne sich zu verbiegen.

Zusam­men mit der FDP schick­te die Koali­ti­on das Brü­cken­pro­jekt in eine neue Prü­f­run­de. Die Ver­wal­tung soll ein Gesamt­kon­zept für die Kreu­zung Wese­ler Straße/Bismarckallee/Promenade/Adenauerallee ent­wer­fen, und sie soll Vor­schlä­ge mit und ohne Fahr­rad­brü­cke machen. Außer­dem soll die Stadt auch für eine Lösung ohne Brü­cke För­der­mit­tel auftreiben.

Gemein­sam mit der Rats­grup­pe Die Partei/ÖDP und der Lin­ken-Frak­ti­on ergänz­ten Grü­ne, SPD und Volt den Ver­wal­tungs­vor­schlag für die Aegi­di­i­stra­ße. Sie soll eine Fahr­rad­stra­ße „mit hoher Fuß­ver­kehrs­qua­li­tät“ und in die Velo­rou­te nach Sen­den inte­griert werden.

Die­se Mehr­hei­ten sind für das Bünd­nis eine Art Sicher­heits­netz. Am Mon­tag hat­te die Koali­ti­on durch den Par­tei­wech­sel von Ex-SPD- und Bald-CDU-Rats­herr Mathi­as Kers­t­ing ihre Ein-Stim­men-Mehr­heit ein­ge­büßt (RUMS-Brief von Diens­tag). Etli­che Politiker:innen und Bürger:innen monie­ren, dass Kers­t­ing sein Rats­man­dat behält und mit zur CDU nimmt. Die Kri­tik: Er wur­de nicht direkt in den Rat gewählt, son­dern bekam sein Man­dat über einen Lis­ten­platz der SPD. Er sol­le sei­nen Platz im Rat des­halb an die SPD zurück­ge­ben, damit ein:e Sozialdemokrat:in nach­rü­cken kön­ne. Das ist aber eine aus­schließ­lich mora­li­sche For­de­rung, recht­lich ist Kerst­ings Vor­ge­hen erlaubt.

Ratsbündnis will mit anderen Parteien Zusammenarbeit vereinbaren

Sein Wech­sel hat­te am Mitt­woch im Haupt­aus­schuss, der pan­de­mie­be­dingt anstel­le des gro­ßen Rates tag­te, zwar noch kei­ne Fol­gen für das Stim­men­ver­hält­nis. Kers­t­ing wur­de von der stell­ver­tre­ten­den SPD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den Lia Kirsch ver­tre­ten, sodass das Bünd­nis in die­ser Sit­zung noch eine eige­ne Mehr­heit hat­te und nicht auf Stim­men ande­rer Frak­tio­nen ange­wie­sen war. Aber Grü­ne, SPD und Volt woll­ten wohl nicht ris­kie­ren, dass die Fly­o­ver-Beschlüs­se dem­nächst womög­lich ange­zwei­felt wer­den, wenn Kers­t­ing für die CDU im Rats­saal sitzt und eine Stim­me zur Mehr­heit fehlt.

In die­ser Woche war es offen­sicht­lich ein Kraft­akt, die­ses Sicher­heits­netz auf­zu­span­nen und vor der Sit­zung die Mehr­hei­ten zu ver­han­deln. Der CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Ste­fan Weber kri­ti­sier­te das Bünd­nis zum wie­der­hol­ten Male dafür, dass es sehr kurz­fris­tig sehr umfang­rei­che Ände­rungs­wün­sche zu den Ver­wal­tungs­vor­schlä­gen vor­ge­legt hat­te. Für die ande­ren Rats­mit­glie­der sei es unmög­lich, jetzt „23 bedruck­te Sei­ten Ände­rungs­an­trä­ge“ zu lesen. „Ent­we­der Sie kön­nen kei­nen guten Stil oder Sie haben sol­che Schwie­rig­kei­ten, sich unter­ein­an­der zu ver­stän­di­gen, dass es tat­säch­lich nicht anders mög­lich ist“, so Weber. Grü­nen-Frak­ti­ons­spre­cher Chris­toph Kat­tentidt ver­wies auf die neue Situa­ti­on. Eigent­lich hät­te das Bünd­nis die Anträ­ge schon Anfang der Woche ver­schi­cken kön­nen, sag­te er. Aber nach­dem sich am Mon­tag die Stim­men­ver­hält­nis­se geän­dert hät­ten, habe die Koali­ti­on schau­en müs­sen, wie sie damit umge­he. Sie habe von Mon­tag- bis Diens­tag­abend an den Ände­rungs­an­trä­gen gear­bei­tet und die nöti­gen Mehr­hei­ten beschafft.

In Zukunft wol­len die Koali­ti­ons­par­tei­en sich das offen­bar ein­fa­cher machen. Chris­toph Kat­tentidt und Co-Frak­ti­ons­spre­che­rin Syl­via Rie­ten­berg schrie­ben ges­tern in einem Brief an die Mit­glie­der der Grü­nen in Müns­ter, dass die Frak­ti­on sich um eine kon­stan­te Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Par­tei­en bemü­hen wer­de. Kat­tentidt und Rie­ten­berg geben sich zwar gelas­sen. Mög­lich sei „eine Mehr­heit gegen uns“ nur, „wenn alle ande­ren – von AfD bis Links­par­tei – gegen uns stim­men. Das ist seit der Kom­mu­nal­wahl noch nicht vor­ge­kom­men, und wir hal­ten es auch in Zukunft für unwahr­schein­lich“, schrei­ben sie in dem Brief, der unse­rer Redak­ti­on vorliegt.

Um die poli­ti­schen Zie­le umzu­set­zen, wol­le die Grü­nen-Frak­ti­on aber in den kom­men­den Tagen mit der Lin­ken-Frak­ti­on und der Rats­grup­pe Die Partei/ÖDP spre­chen, auch mit der FDP sei „eine Zusam­men­ar­beit stel­len­wei­se mög­lich“. Die Frak­ti­on wol­le ver­su­chen, „mit die­sen genann­ten Grup­pen eine Art Ver­ein­ba­rung über die künf­ti­ge Zusam­men­ar­beit im Stadt­rat zu erlan­gen“, schrei­ben Kat­tentidt und Rie­ten­berg. „Klar ist, dass die­se völ­lig eigen­stän­di­gen poli­ti­schen Kräf­te kei­ne rei­nen Mehr­heits­be­schaf­fer für uns sind. Wir wer­den offen und auf Augen­hö­he ver­su­chen, sie mit­zu­neh­men und auf ihre Belan­ge Rück­sicht neh­men.“ Das ist eine net­te For­mu­lie­rung für: „Wir wol­len etwas von denen, also wer­den wir ihnen umge­kehrt auch etwas geben müssen.“

Auf dem Flyover über den Atlantik

Eine Zusam­men­ar­beit mit der CDU kommt dem Schrei­ben zufol­ge nicht in Fra­ge. Zumin­dest in Sachen Fly­o­ver erschien dies am Mitt­woch auch undenk­bar. Für den zu erwar­ten­den Schlag­ab­tausch über das Streit­the­ma geneh­mig­ten die Mit­glie­der des Haupt­aus­schus­ses sich klu­ger­wei­se schon im Vor­feld eine Stun­de Zeit, nor­ma­ler­wei­se sind maxi­mal 30 Minu­ten pro Tages­ord­nungs­punkt vorgesehen.

Die gan­ze Debat­te wirk­te, als woll­ten CDU und Bünd­nis den jewei­li­gen poli­ti­schen Geg­ner mit des­sen eige­nen Waf­fen schla­gen. Die CDU warf der Koali­ti­on vor, ihr feh­le eine Visi­on. „Wie soll die Ver­kehrs­wen­de gelin­gen, wenn sol­che klein­ka­rier­ten Debat­ten geführt wer­den?“, frag­te Ste­fan Weber. Er unter­stell­te den Grü­nen, in Wirk­lich­keit woll­ten sie den Auto­ver­kehr an der B 219 (Wese­ler Stra­ße) ver­bie­ten. Damit das gelin­ge, hät­te der Kol­de­ring vier­spu­rig aus­ge­baut wer­den müs­sen. Die­ses Pro­jekt hat­te das Rats­bünd­nis im Ver­kehrs­aus­schuss Ende Febru­ar aber gestri­chen. Oder viel­leicht, ver­mu­te­te Weber wei­ter, woll­ten die Grü­nen auch gar kei­ne ande­re Rad­fahr-Poli­tik („Ich kann Ihnen sagen: Wir als CDU blei­ben da dran“). Schließ­lich wür­den die Grünen-Wähler:innen laut einer Umfra­ge beson­ders ger­ne SUV fah­ren. (An der Bericht­erstat­tung über die­se Umfra­ge gab es übri­gens Kri­tik, zum Bei­spiel hier.)

In eine ähn­li­che Ker­be hieb der Ober­bür­ger­meis­ter, der für sein Pro-Fly­o­ver-Plä­doy­er sogar auf­stand. „Der Fly­o­ver ist viel mehr als ein Bau­werk“, sag­te Mar­kus Lewe. „Er ist ein Sym­bol für die gene­rel­le Fra­ge, wie wir in Zukunft mit dem hoch­emo­tio­na­len, aber auch struk­tu­rell wich­ti­gen The­ma Mobi­li­tät in Stadt und Umland umge­hen.“ Alle sei­en sich einig, dass die Ver­kehrs­wen­de kom­men müs­se. „Und wir brau­chen Pro­jek­te, bei denen man erken­nen kann: Wir mei­nen das ernst“, so Lewe.

Maß und Mitte, bitte

Auch Bund und Land, die den Fly­o­ver zu 94 Pro­zent finan­zie­ren wür­den, hät­ten kei­ne Lust mehr, immer nur nach Kopen­ha­gen oder Utrecht zu schau­en. Zur Erklä­rung: In die­sen Städ­ten wur­den in den ver­gan­ge­nen Jah­ren sehr schi­cke Fahr­rad­brü­cken gebaut, die als Leucht­turm­pro­jek­te gel­ten. Hier kön­nen Sie sich die Brü­cke in Kopen­ha­gen anschau­en, die den schö­nen Namen Cykels­lan­gen (Fahr­rad­schlan­ge) trägt und über das inne­re Hafen­be­cken führt. In Utrecht kön­nen Radfahrer:innen und Fußgänger:innen auf der neu­en Brü­cke neben dem Bahn­hof quer über die Glei­se von einem Stadt­teil in den ande­ren fah­ren oder lau­fen. So etwas möch­te Mar­kus Lewe auch in Müns­ter haben, er warb um „Mut, um gro­ße Anrei­ze zu schaffen.“

Ste­fan Weber nahm die­sen Faden dank­bar auf. Für die Ver­kehrs­wen­de brau­che es Mut, sag­te der CDU-Poli­ti­ker. Statt­des­sen zer­re­de­ten die Grü­nen das Pro­jekt. Weber selbst sieht den Fly­o­ver in der Tra­di­ti­on gro­ßer Pio­nier­leis­tun­gen: Mit der ableh­nen­den Hal­tung des Rats­bünd­nis­ses hät­te man wohl nie eine Atlan­tik­über­que­rung schaf­fen kön­nen, sag­te er.

Das Rats­bünd­nis reagier­te recht nüch­tern auf die­se emo­tio­na­len Reden. Grü­ne und SPD for­der­ten mehr­fach „Sach­lich­keit“ ein. SPD-Frak­ti­ons­chef Mari­us Her­wig erin­ner­te an den CDU-Slo­gan „Maß und Mit­te“. „Die Fra­ge muss doch sein: Ist das Pro­jekt sinn­voll?“, sag­te er. Es brau­che eine Gesamt­pla­nung für den Knotenpunkt.

Wozu eigentlich Verkehrsversuche?

In der Debat­te über drei Ver­kehrs­ver­su­che, die im August star­ten sol­len, gaben sich die Bünd­nis­par­tei­en tat­säch­lich wenig visio­när. Statt­des­sen schos­sen die Grü­nen sich ein rhe­to­ri­sches Eigen­tor, das wie­der ein­mal auf das Kon­to „Ver­bot­s­par­tei“ einzahlte.

Bevor wir in die Dis­kus­si­on ein­stei­gen, kurz die Beschlüs­se im Überblick:

  • Die Hörster­stra­ße wird acht Wochen lang für Autos und Bus­se gesperrt, Radfahrer:innen dür­fen dafür in bei­den Rich­tun­gen fah­ren. Die Bus­li­ni­en 6 und 8 hal­ten wäh­rend des Ver­suchs­zeit­raums nicht mehr am Bült. Wer dort­hin möch­te, muss schon an der Eisen­bahn­stra­ße aus­stei­gen. (Das könn­te sich aber auch noch ändern.)
  • Eben­falls acht Wochen lang wird auf der Stre­cke vom Lud­ge­ri­k­rei­sel am Haupt­bahn­hof vor­bei zum Lan­des­haus eine durch­ge­hen­de Bus­spur ein­ge­rich­tet, die für Autos gesperrt ist.
  • Am Neu­brü­cken­tor (Kanal­stra­ße) sol­len Radfahrer:innen, die auf der Pro­me­na­de unter­wegs sind, wäh­rend des acht­wö­chi­gen Ver­suchs­zeit­raums Vor­fahrt haben.

Die drei Ver­su­che hän­gen zusam­men, sie sind als „Real­la­bor“ für ver­schie­de­ne Aspek­te der Ver­kehrs­wen­de gedacht. So soll an der Hörster­stra­ße aus­pro­biert wer­den, wie die Men­schen eine auto­freie Stra­ße nut­zen könn­ten. Die Bus­se, die nicht mehr durch die enge Alt­stadt­stra­ße fah­ren, kom­men auf der Aus­weich­stre­cke Gar­ten­stra­ße und auf der eige­nen Spur an der Eisen­bahn­stra­ße schnel­ler vor­an – so könn­ten die Außen­stadt­tei­le schnel­ler an die Innen­stadt ange­bun­den werden.

Leser:innen werben Leser:innen

In den kom­men­den Mona­ten möch­ten wir die Zahl unse­rer Abonnent:innen auf 2.500 stei­gern, um uns nach­hal­tig finan­zie­ren zu kön­nen. Denn unser Jour­na­lis­mus ist auf­wen­dig und braucht Zeit, und das kos­tet Geld. Des­we­gen bit­ten wir Sie dar­um, uns zu unter­stüt­zen. Und das ist ganz ein­fach: Wenn jede und jeder von Ihnen nur drei Ver­wand­te, Bekann­te und Freund:innen anschreibt und uns wei­ter­emp­fiehlt, kön­nen wir gemein­sam wach­sen und unser Ange­bot auch ausbauen.

Außer­dem pro­fi­tie­ren auch ande­re davon: Bei bestimm­ten Ziel­mar­ken wer­den wir Medi­­en-Work­­shops für Jugend­li­che ver­an­stal­ten, Genaue­res dazu lesen Sie hier. Sie kön­nen uns dafür Orga­ni­sa­tio­nen vor­schla­gen, die Ihnen am Her­zen lie­gen: Schrei­ben Sie uns ger­ne an die­se Adres­se. Wie sich unse­re Akti­on ent­wi­ckelt, tei­len wir Ihnen ab jetzt regel­mä­ßig in unse­rem Brief mit. Sobald wir die ers­ten Work­shops umset­zen kön­nen, wer­den wir die­se zudem dokumentieren.

FDP-Rats­herr Jörg Berens sag­te zur Hörster­stra­ße, sei­ne Par­tei unter­stüt­ze die­sen Ver­such aus­drück­lich, er sei aber auch skep­tisch. Wenn die Stra­ße nach dem acht­wö­chi­gen Expe­ri­ment dau­er­haft gesperrt blei­ben sol­le, müs­se man noch ein­mal über die Bus­li­ni­en 6 und 8 spre­chen. Viel­leicht brau­che es lang­fris­tig eine zwei­te Hal­te­stel­le in der Nähe der Alt­stadt, es müs­se ja nicht immer der Bült sein.

Ulrich Tho­den (Die Lin­ke) brach­te noch einen ande­ren Kri­tik­punkt vor. Eigent­lich gehe es hier gar nicht um die Ver­kehrs­wen­de, son­dern um ganz ande­re Zie­le. Näm­lich um ers­te Schrit­te hin zu einer Gen­tri­fi­zie­rung des innen­stadt­na­hen Mar­ti­ni­vier­tels. Das Vier­tel sol­le Tourist:innen anzie­hen, „ande­re Per­so­nen­krei­se“ (gemeint sind wahr­schein­lich weni­ger wohl­ha­ben­de Anwohner:innen) soll­ten mög­li­cher­wei­se ver­drängt wer­den – zumin­dest wer­de das bil­li­gend in Kauf genommen.

Andrea Blo­me von den Grü­nen griff bei­de Ein­wän­de auf. Sie wis­se, dass Men­schen mit Geh­be­hin­de­rung sich Sor­gen mach­ten, sie kämen nicht mehr so gut in die Stadt. „Ein Ver­such, der zeigt, dass eine Stra­ße schö­ner wird, wenn es dort weni­ger moto­ri­sier­ten Ver­kehr gibt – das ist ja nicht das Ergeb­nis, das wir brau­chen“, sag­te sie. Es gehe dar­um, wie die Stadt auch mit weni­ger PKW-Ver­kehr für alle erreich­bar bleibt.

Den Grü­nen hat Blo­me damit kei­nen gro­ßen Gefal­len getan. Nicht zum ers­ten Mal ent­stand das Bild: Es sol­len weni­ger Autos fah­ren, und min­des­tens eine Stra­ße wird sogar für Bus­se gesperrt. Für man­che Men­schen ent­steht dadurch ein Pro­blem, aber es wird schon irgend­wie gehen. Die posi­ti­ve Aus­sicht – eine Stra­ße ohne Autos mit Platz für spie­len­de Kin­der und kaf­fee­trin­ken­de Nachbar:innen – fehl­te. Und davon, dass das natür­lich die Anwohner:innen genie­ßen soll­ten, war auch nicht die Rede.

Doch nur eine „kleine Fahrradbrücke“?

Apro­pos Eigen­tor. Auch die CDU schoss eines, genau­er gesagt Rats­frau Babet­te Lich­ten­stein van Len­ge­rich. Wobei das Bild etwas hinkt – sagen wir, die CDU-Poli­ti­ke­rin warf einen Bume­rang. Der traf wie beab­sich­tigt das Rats­bünd­nis, auf dem Rück­weg aber ver­se­hent­lich auch noch ihre Par­tei­kol­le­gen und deren Flyover-Vision.

Das Gan­ze pas­sier­te beim Tages­ord­nungs­punkt „Klär­schlamm­ver­wer­tung“. Müns­ter soll zusam­men mit ande­ren Städ­ten in Wup­per­tal eine Anla­ge bau­en, in der die­ser Schlamm ver­brannt wird. Das Rats­bünd­nis bean­trag­te, die Ver­wal­tung möge sich infor­mie­ren, ob der Klär­schlamm nicht auch wei­ter­ver­wer­tet wer­den könn­te – als Alter­na­ti­ve zur Ver­bren­nung. Die CDU bean­trag­te, die Ver­wal­tung möge prü­fen, ob aus dem Klär­schlamm nicht auch grü­ner Was­ser­stoff gewon­nen wer­den könn­te. Bei­de Anträ­ge wur­den ein­stim­mig angenommen.

Das sei doch bezeich­nend, befand Babet­te Lich­ten­stein van Len­ge­rich: Ein so bedeu­ten­des Pro­jekt mit Aus­wir­kun­gen für die nächs­ten 30 Jah­re wer­de über­haupt nicht öffent­lich dis­ku­tiert. Es gehe ja um eine Inves­ti­ti­on von 80 Mil­lio­nen Euro plus 10 Mil­lio­nen Euro jähr­li­che Kos­ten. „Aber über so eine klei­ne Fahr­rad­brü­cke müs­sen wir seit Wochen alles Mög­li­che lesen und uns heu­te noch ein Stünd­chen damit beschäf­ti­gen“, sag­te sie. Wie, was, „klei­ne Fahr­rad­brü­cke“? Doch kein Pionierprojekt?

Mar­kus Lewe nahm es gelas­sen. Er hak­te den Tages­ord­nungs­punkt ab und stell­te fest: „Beim Klär­schlamm herrscht Einigkeit.“

Wir müssen reden: Die Zukunft der Innenstadt

Heu­te schi­cke ich Ihnen hier schon mal eine Ein­la­dung für den kom­men­den Frei­tag, und zwar für unse­re nächs­te RUMS-Ver­an­stal­tung. Vor drei Wochen hat­ten wir ja über den Ein­zel­han­del gespro­chen und dar­über, wie die Kauf­leu­te in Müns­ter mit der Coro­na­kri­se fer­tig­wer­den. Nächs­ten Frei­tag möch­ten wir einen Blick in die Zukunft wer­fen: Wie wird sich die Innen­stadt in den nächs­ten Jah­ren ver­än­dern? Sie soll mehr sein als eine Ein­kaufs­mei­le, heißt es immer wie­der – aber was denn? Wel­che Rol­le wird der Han­del in Zukunft spie­len? Und wer ent­schei­det eigent­lich dar­über, was in der Stadt passiert?

Über die­se Fra­gen möch­te ich mit drei span­nen­den Gäs­ten spre­chen: Karin Eksen vom Han­dels­ver­band NRW, Ber­na­det­te Spin­nen vom Müns­ter Mar­ke­ting und dem Stadt­for­scher Chris­ti­an Kra­jew­ski vom Insti­tut für Geo­gra­phie der Uni Müns­ter. Und natür­lich mit Ihnen, wenn Sie mögen. Sie kön­nen wie immer im Chat Fra­gen stel­len, oder Sie schi­cken sie uns vor­ab per E-Mail.

Die Ver­an­stal­tung beginnt um 19 Uhr am Frei­tag, 28. Mai. Alle Infor­ma­tio­nen und die Ein­wahl­da­ten fin­den Sie auf die­ser Sei­te.

In aller Kürze

+++ Müns­ter macht sich ab heu­te locker: Weil die Sie­ben-Tage-Inzi­denz (Coro­na-Neu­in­fek­tio­nen pro 100.000 Men­schen und Woche) schon län­ger unter 50 liegt, sind jetzt zum Bei­spiel Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen, Hal­len­sport und Restau­rant­be­su­che drin­nen mög­lich. Sie dür­fen sich außer­dem wie­der mit bis zu zehn Per­so­nen aus maxi­mal drei Haus­hal­ten tref­fen. Und das ist nur ein klei­ner Aus­zug. Die Stadt hat hier eine Lis­te zusam­men­ge­stellt mit allem, was ab jetzt wie­der erlaubt ist.

+++ Auch die Coro­na-Modell­pro­jek­te sind gestar­tet. Zum Bei­spiel eini­ge Sport­an­ge­bo­te und der „digi­ta­le Bier­gar­ten“ am Lin­den­hof. Nicht erschre­cken, Sie müs­sen nicht am Com­pu­ter mit ihren Freund:innen ansto­ßen. Sie kön­nen tat­säch­lich in einen rich­ti­gen Bier­gar­ten gehen, che­cken dort aber digi­tal ein. Das Cine­ma ist eben­falls Modell­pro­jekt, es öff­net ab dem 29. Mai. Die Über­sicht über alle Pro­jek­te fin­den Sie hier. Zu allen müs­sen Sie ein aktu­el­les nega­ti­ves Test­ergeb­nis mit­brin­gen oder nach­wei­sen, dass Sie geimpft oder gene­sen sind.

+++ Müns­ter bekommt bes­se­re Zug­ver­bin­dun­gen. Wie die Stadt mel­det, fah­ren bald alle zwei Stun­den ICE-Züge zum Frank­fur­ter Flug­ha­fen, nach Mann­heim, Stutt­gart und Mün­chen, und zwar direkt, man muss also nicht umstei­gen. Die ers­te Schnell­ver­bin­dung kommt ab dem 14. Juni dazu, die ande­ren mit dem Fahr­plan­wech­sel Mit­te Dezem­ber. Dann wird es täg­lich neun Ver­bin­dun­gen in den Süd­wes­ten geben, statt bis­lang drei. Nach Ber­lin wird eben­falls eine neue Direkt­ver­bin­dung ein­ge­rich­tet, und zwar ab dem 13. Juni. Das wird die drit­te sein.

+++ Vom Fern- noch­mal zum Nah­ver­kehr: Der Haupt­aus­schuss hat am Mitt­woch beschlos­sen, dass Bus­ti­ckets in Müns­ter nicht teu­rer wer­den sollen.

Post von Leser:innen

Wir haben Post bekom­men. Dies­mal von Ste­fan Tig­ges, der uns zum RUMS-Brief vom Diens­tag über den Par­tei­wech­sel von Mathi­as Kers­t­ing von der SPD zur CDU schreibt. Er ver­misst einen Aspekt, und zwar „das völ­li­ge Feh­len von Kerst­ings Wert­schät­zung und Respekt gegen­über den Per­so­nen, die ihn als SPD-Mit­glied gewählt haben, und – ver­mut­lich noch schlim­mer – gegen­über allen, die bis­her mit ihm in der Kom­mu­nal­po­li­tik zusam­men­ge­ar­bei­tet haben“. Und er mag nicht so recht glau­ben, dass nie­mand etwas Nega­ti­ves über ihn gesagt hat, so ähn­lich stand es in unse­rem Text. Wobei, um das noch ein­mal zu prä­zi­sie­ren: Nega­ti­ves haben wir am Mon­tag und Diens­tag aus der SPD über Kers­t­ing schon gehört, aber das hing mit sei­ner Ent­schei­dung zusam­men, es war kei­ne grund­sätz­li­che Kri­tik an sei­nem Cha­rak­ter. Hier der kom­plet­te Brief.

Und dann schreibt uns noch Jochen Schweit­zer. Er enga­giert sich für die Bil­dungs­chan­cen von Kin­dern und Jugend­li­chen im Stadt­teil Coer­de. Wir hat­ten dar­über berich­tet. Schweit­zer schreibt über Müns­ter: „In kaum einer ande­ren Stadt in Deutsch­land ist die Schul­struk­tur so ein­sei­tig auf die Gym­na­si­en ori­en­tiert.“ Das habe fata­le Fol­gen für die Haupt­schu­le. Es brau­che „end­lich eine Schul­po­li­tik, die sich an gerech­ten und fai­ren Chan­cen für alle Kin­der ori­en­tiert und die die­se unge­rech­te Bil­dungs­ar­mut in Coer­de abschafft”. Sei­nen Leser­brief fin­den Sie hier.

Korrekturen und Ergänzungen

Im RUMS-Brief vom Diens­tag haben wir noch eini­ge Anga­ben prä­zi­siert und hin­zu­ge­fügt. In den Anga­ben zu Mathi­as Kerst­ings Ämtern haben wir ergänzt, dass es sich nicht in allen Fäl­len um ordent­li­che Mit­glied­schaf­ten han­delt, son­dern teil­wei­se um stell­ver­tre­ten­de. Eine Über­sicht fin­den Sie hier. Die Anga­ben zu den Sozi­al­woh­nun­gen haben wir um aktu­el­le Zah­len der Stadt Müns­ter ergänzt. Wie sich der Bestand an Sozi­al­woh­nun­gen in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren ent­wi­ckelt hat, ist in die­ser Über­sicht zu sehen. Und eine wich­ti­ge Infor­ma­ti­on noch, damit kein fal­scher Ein­druck ent­steht: Mathi­as Kers­t­ing ist Pro­ku­rist des für den Hafen­markt zustän­di­gen Archi­tek­tur­bü­ros, hat sich aber bei allen Abstim­mun­gen zum Hafen­markt enthalten.

Corona-Update

Mit dem Imp­fen geht es anschei­nend ganz gut vor­an. 217.000 Men­schen in Müns­ter haben mitt­ler­wei­le auch die zwei­te Sprit­ze bekom­men, schreibt die Stadt. Wich­tig ist: Wenn Sie sich imp­fen las­sen, brin­gen Sie Ihren Impf­pass mit. Das machen offen­bar vie­le nicht. Im Moment gibt es noch kei­nen digi­ta­len Impf­nach­weis, aber der wird spä­ter wohl noch kom­men, und dann wird es schwer, nach­träg­lich nach­zu­wei­sen, dass man geimpft ist. Mit dem Tes­ten geht es anschei­nend auch gut vor­an. Die Stadt mel­det: In den ver­gan­ge­nen zehn Wochen haben sich 640.000 Men­schen tes­ten las­sen. Seit dem 8. März sei­en 933 Tests posi­tiv gewe­sen. In die Sta­tis­tik flie­ßen die­se Wer­te aber erst ein, nach­dem dann ein siche­rer PCR-Test statt­ge­fun­den hat. Und zu den aktu­el­len Zah­len: Die sehen eben­falls gut aus. Die Inzi­denz, also die Zahl der Infek­tio­nen pro 100.000 Men­schen inner­halb einer Woche, bewegt sich laut Stadt wei­ter bei unter 20, aktu­ell genau bei 17,8. Als infi­ziert gel­ten im Stadt­ge­biet 160 Men­schen. 22 Men­schen sind in sta­tio­nä­rer Behandlung.

Unbezahlte Werbung

Am Diens­tag haben wir Ihnen schon eine klei­ne Ent­schei­dungs­hil­fe ange­bo­ten, in wel­chem der vie­len wie­der geöff­ne­ten Restau­rants Sie mit dem Genie­ßen anfan­gen könn­ten. Hier kommt gleich die nächs­te: Im „La Tapia“ in der alten Ger­ma­nia Braue­rei kön­nen Sie vie­le unter­schied­li­che klei­ne (und gro­ße) Gerich­te bestel­len und pro­bie­ren – und das klingt nach der lan­gen Zeit des Ver­zichts doch ziem­lich ver­lo­ckend, oder? Auf der Kar­te ste­hen zum Bei­spiel spa­ni­sche „Albón­di­gas“ (Fleisch­bäll­chen), Dat­teln im Speck­man­tel und balea­ri­sche „Cocas“ (herz­haf­te Blech­ku­chen). Und wenn jemand aus Ihrer Abend­ge­sell­schaft doch lie­ber einen Bur­ger, Spar­gel oder ein Schnit­zel essen möch­te – gibt es alles. Am bes­ten, Sie über­zeu­gen sich hier selbst. Einen Tisch auf der Ter­ras­se oder im wun­der­bar rus­ti­ka­len Innen­be­reich der alten Braue­rei kön­nen Sie hier reservieren.

Drinnen und Draußen

+++ Das Wolf­gang-Bor­chert-Thea­ter fei­er­te ges­tern mit dem Stück Mon­sieur Ibra­him und die Blu­men des Koran die ers­te Pre­mie­re die­ses Jah­res – mit ech­tem Publi­kum. Die Sehn­sucht auf Live-Thea­ter war offen­bar groß: Die nächs­ten Vor­stel­lun­gen sind schon aus­ver­kauft, für die Ter­mi­ne ab dem 15. Juni gibt es noch ein paar Kar­ten. Wenn Sie nicht so lan­ge war­ten möch­ten, dann schau­en Sie doch im Stream der Städ­ti­schen Büh­nen vor­bei. Ab heu­te Abend kön­nen Sie dort „Die Möwe“ sehen. In der Komö­die von Anton Tsche­chow geht es um eine Grup­pe von Men­schen, die alle nicht so rich­tig glück­lich sind. Bei einem Aus­flug eska­liert das Gan­ze und kos­tet auch noch das Titel­tier das Leben. Sie kön­nen sich das Stück noch bis mor­gen Abend auf der Web­site des Thea­ters Müns­ter ansehen.

+++ Einen eige­nen Aus­flug kön­nen Sie ab mor­gen wie­der ins Frei­licht­mu­se­um Müh­len­hof machen. Für das Dra­ma müss­ten Sie dort selbst sor­gen. Oder Sie spa­zie­ren ein­fach durch die his­to­ri­schen Häus­chen und Werk­stät­ten. Das Frei­licht­mu­se­um öff­net am Sams­tag um 10 Uhr. Aber schau­en Sie vor Ihrem Besuch am bes­ten noch­mal auf der Web­site vor­bei, da sich die Öff­nungs­zei­ten kurz­fris­tig ändern könn­ten. Dort kön­nen Sie dann auch einen Ter­min buchen. Oder Sie machen es ganz klas­sisch vor Ort an der Kas­se. Einen nega­ti­ven Coro­na­test brau­chen Sie für den Besuch nicht.

+++ Wenn Sie es sich am Pfingst­wo­chen­en­de lie­ber zu Hau­se gemüt­lich machen wol­len, emp­feh­len wir Ihnen das Spiel „Der Kar­to­graph“. Das Beson­de­re: Sie kön­nen es allein oder mit bis zu 100 Men­schen spie­len. Über­sicht­li­cher (und zur­zeit ja auch unge­fähr­li­cher) ist es natür­lich mit einer klei­ne­ren Grup­pe. Die­ses soge­nann­te Flip & Wri­te-Spiel ver­eint Tetris mit Rol­len­spiel­ele­men­ten. Sie müs­sen im Auf­trag der Köni­gin neue Gegen­den erkun­den und die­se – rich­tig gera­ten – kar­to­gra­phie­ren. Durch Kno­beln und Kom­bi­nie­ren kön­nen Sie Punk­te sam­meln und das Spiel für sich ent­schei­den. Mei­ne Kol­le­gin Johan­ne Burk­hardt hat das Gan­ze aus­pro­biert und ist begeis­tert. Sie ver­spricht einen span­nen­den Spie­le­abend, an dem Sie stra­te­gisch den­ken müs­sen und auch ein biss­chen Glück brau­chen. Hier kön­nen Sie sich den „Kar­to­gra­phen“ anschau­en und bestel­len, oder Sie wen­den sich an einen gut sor­tier­ten Spie­le­la­den Ihres Vertrauens.

Am Diens­tag schrei­ben wir Ihnen wie­der. Ein klei­ner Hin­weis noch: Am Sonn­tag wür­de Ihnen eigent­lich Mari­na Weis­band schrei­ben. Sie ist lei­der krank, daher fällt ihre Kolum­ne aus. Von uns gute Bes­se­rung. Und Ihnen ein schö­nes Wochenende.

Herz­li­che Grüße

Con­stan­ze Busch

Mit­ar­beit: Johan­ne Burk­hardt, Ralf Heimann

PS

Man kennt das aus Fil­men. Jemand flüch­tet nach einem Bank­raub, schubst Men­schen auf dem Bür­ger­steig bei­sei­te, läuft immer schnel­ler, stol­pert, fängt sich aber dann doch wie­der, die Flucht geht wei­ter. Dann wirft sich ihm jemand in den Weg – oder jemand, der nicht ganz so mutig ist, stellt viel­leicht auch nur sein Bein in den Weg. Im Action-Thril­ler gelingt die Flucht natür­lich trotz­dem, in der Komö­die lan­det der flüch­ten­de Mensch auf einem Anhän­ger mit Pfer­de­mist. Aber wie endet so eine Flucht in Müns­ter? Na ja, die flüch­ten­de Per­son ist erst mal natür­lich nicht zu Fuß unter­wegs, son­dern mit dem Fahr­rad. Und dann stellt sich auch nie­mand in den Weg. Es fah­ren ja alle so. Woher soll man wis­sen, wer von denen flüch­tet? Aber wie endet die Flucht dann, sagen wir in einem Müns­ter-Kri­mi? Denk­bar wäre: Es beginnt plötz­lich zu reg­nen, dann läu­ten auch noch die Glo­cken, der flüch­ten­de Mensch ist so irri­tiert, dass er in einer Kur­ve vom Rad fliegt. Oder eben: Kom­mis­sar Zufall. Die Ket­te springt ab. Klingt aber doch etwas zu aus­ge­dacht, sagen Sie? Na, Sie haben schon recht. Ist aber am Don­ners­tag­mit­tag auf der Wol­be­cker Stra­ße unge­fähr genau so pas­siert.