Der Lärmkurveneffekt | Das Arbeiterwohnhaus: berufstätig und wohnungslos | Flips-Eis-Leeze

Müns­ter, 21. Juni 2022

Guten Tag,

ich hof­fe, Sie konn­ten am lan­gen Wochen­en­de end­lich mal wie­der aus­schla­fen. Falls Sie in der Innen­stadt woh­nen, hat­ten Sie zumin­dest am Sonn­tag wahr­schein­lich weni­ger Ruhe als sonst. Nur lag das dies­mal nicht an den Glo­cken der Lam­ber­ti-Kir­che oder des Doms.

Gegen 12:30 Uhr bret­ter­ten unzäh­li­ge Motorradfahrer:innen über den Prin­zi­palmarkt, um den Abschluss der 39. Müns­te­ra­ner Motor­rad­ta­ge zu fei­ern. Eini­ge Men­schen aus der Stadt fan­den das gar nicht lus­tig. Maxi­mi­li­an Kem­ler von der FDP zum Bei­spiel. Er fand das „respekt­los“. Ande­re wie­der­um waren begeis­tert. Maria Win­kel von der SPD zum Bei­spiel. „Wie Sie alle hier vor­bei­ge­fah­ren sind, das war zum Nie­der­knien“, soll sie der Men­ge zuge­ru­fen haben, schrei­ben die West­fä­li­schen Nach­rich­ten. Applaus, Moto­ren­ge­heul und „die welt­bes­te Erb­sen­sup­pe aus Müns­ter“ gab’s auch noch. Was für ein Fest!

Heu­te lärm­te es wie­der in Müns­ter, sogar zur sel­ben Uhr­zeit am sel­ben Ort. Gegen 12:30 Uhr erreich­ten meh­re­re hun­dert Demonstrant:innen den Prin­zi­palmarkt. Sie arbei­ten an den Uni­kli­ni­ken in Nord­rhein-West­fa­len und strei­ken seit sie­ben Wochen, um bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen und mehr Per­so­nal durch­zu­set­zen. Par­ty­stim­mung? Eher nicht. Die lau­te Musik, die den Demons­tra­ti­ons­zug beglei­te­te, soll­te wohl eher auf die Kri­se im Gesund­heits­we­sen auf­merk­sam machen. (sfo)

Heute lesen Sie im RUMS-Brief:

  • Miss­brauchs­hot­line: 31 aus­wert­ba­re Anrufe
  • Reak­tio­nen auf Miss­brauchs­stu­die: zu viel Durcheinander
  • Das Arbei­ter­wohn­haus: berufs­tä­tig und trotz­dem wohnungslos
  • Coro­na-Update: die Post-COVID-Sprechstunde
  • Ein-Satz-Zen­tra­le: Per­so­nal­ent­schei­dun­gen und Fachkräftemangel
  • Unbe­zahl­te Wer­bung: Flips-Eis-Leeze
  • Drin­nen und Drau­ßen: Kino für jedes Wetter

Kurz und Klein

+++ Vom 13. bis 19. Juni konn­ten Betrof­fe­ne sexu­el­len Miss­brauchs und Men­schen, die Infor­ma­tio­nen über sol­che Taten im Bis­tum Müns­ter haben, eine Hot­line des Bis­tums anru­fen und Taten oder Hin­wei­se mel­den. Es habe vie­le Anru­fe gege­ben, schreibt uns das Bis­tum auf Nach­fra­ge. Aller­dings hät­ten vie­le Anrufer:innen gleich wie­der auf­ge­legt. 31 Anru­fe sei­en „aus­wert­bar“ und vier davon hät­ten Hin­wei­se ent­hal­ten, denen nach­ge­gan­gen wer­den müs­se. „Es sind aber nach unse­rem Ein­druck kei­ne neu­en Mel­dun­gen“, teilt die Pres­se­stel­le des Bis­tums mit. Zwölf Men­schen hät­ten dar­um gebe­ten, dass eine Ansprech­per­son des Bis­tums Kon­takt mit ihnen auf­nimmt. (ast)

+++ Das Gut­ach­ten zum Miss­brauch im Bis­tum Müns­ter wirkt wei­ter nach. Katho­li­sche Lai­en for­dern zum Bei­spiel einen Kul­tur­wan­del, auch in den Pfar­rei­en, berich­tet das Maga­zin Kir­che + Leben. Auch Lei­tungs­ver­ant­wort­li­che, Ordens­frau­en oder Pfarr­haus­häl­te­rin­nen sei­en in die Taten ver­strickt gewe­sen. Die Rhei­ni­sche Post schreibt, Bischof Genn habe nur unzu­rei­chen­de Ant­wor­ten gege­ben. Sei­ne Vor­schlä­ge sei­en das, „was mög­lich ist, aber nicht, was zur Ursa­chen­be­kämp­fung nötig ist“. Ein Pro­blem sei außer­dem, dass die Bis­tü­mer in ihren Gut­ach­ten eige­ne Schwer­punk­te setz­ten und eige­ne Metho­den anwen­de­ten. „Das erwei­tert nicht den Blick, son­dern lie­fert ein völ­lig dif­fu­ses Bild“, schreibt die Rhei­ni­sche Post. Die Gesell­schaft Katho­li­scher Publi­zis­ten for­dert mehr Trans­pa­renz in der kirch­li­chen Recht­spre­chung. Unter ande­rem brau­che es öffent­li­che münd­li­che Ver­hand­lun­gen, öffent­li­che Urtei­le sowie ein Infor­ma­ti­ons- und Aus­kunfts­recht für Medi­en. (rhe)

+++ Im Miss­brauchs­kom­plex Müns­ter steht seit heu­te ein 39-jäh­ri­ger Mann aus Duis­burg vor Gericht. Er soll drei Kin­der schwer miss­braucht haben, unter ande­rem den Zieh­sohn des ver­ur­teil­ten Haupt­tä­ters, berich­tet die Nach­rich­ten­agen­tur AFP. Der Mann war schon im Juni 2020 zu vier Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den. Jetzt geht es um 15 wei­te­re Taten – in Bil­ler­beck, Duis­burg, Schöp­pin­gen und Win­ter­berg. (rhe)

+++ Wer im Stu­di­um hin und wie­der im Hör­saal 1 am Schloss­platz saß, hat wahr­schein­lich auch schon im klei­nen Bäcker an der Bäcker­gas­se gestan­den. Bald wird es dort etwas anders aus­se­hen. Am 15. Juli schließt die Bäcke­rei, ab Okto­ber steht dort „Café Böl­ling“ über der Tür; drin­nen wird dann alles reno­viert sein. Böl­ling ist der Name der Mut­ter von Annet­te Söl­ten­fuß. Sie hat die Bäcke­rei seit 1995 geführt und geht jetzt in den Ruhe­stand. Jeden­falls ein biss­chen. Stun­den­wei­se wer­de sie auch im neu­en Café noch arbei­ten, schreibt ihr Mann Josef Söl­ten­fuß in einer E-Mail. (rhe)

Zahlen, bitte. 

Ihnen feh­len ein Rück­zugs­ort, Pri­vat­heit und die Sicher­heit der eige­nen vier Wän­de. 1.218 Men­schen in Müns­ter gal­ten 2020 als woh­nungs­los, neue­re Zah­len gibt es noch nicht. Sie über­nach­ten in Not­un­ter­künf­ten wie dem Haus der Woh­nungs­lo­sen­hil­fe oder dem Ger­tru­den­haus, einer Ein­rich­tung für woh­nungs­lo­se Frau­en. Die Dun­kel­zif­fer dürf­te aber höher lie­gen. Denn Obdach­lo­se, die auf der Stra­ße leben und nicht mit Hilfs­ein­rich­tun­gen in Kon­takt ste­hen, tau­chen in der Sta­tis­tik nicht auf. Pro 10.000 Einwohner:innen sind 39 Men­schen in Müns­ter woh­nungs­los. In Nor­d­rhein-Wes­t­­fa­­len liegt der Schnitt bei 28 Woh­nungs­lo­sen auf 10.000 Einwohner:innen.

Quel­le: Sozi­al­be­richt­erstat­tung NRW

Das Arbeiterwohnhaus

Ein Som­mer­tag in Müns­ter. Nor­bert Hacker hat frei, so wie die meis­ten Men­schen an die­sem Fei­er­tag. Vor sei­nem neu­en Zuhau­se hat er es sich gemüt­lich gemacht. Als ich ihn mit­tags tref­fe, sitzt Hacker, 66 Jah­re, kinn­lan­ges grau­es Haar und wacher Blick, im Schat­ten auf einer Bank, die Bei­ne hat er über­ein­an­der­ge­schla­gen. Wir begrü­ßen uns, ein fes­ter Hän­de­druck, dann öff­net Nor­bert Hacker die Haus­tür. Er will mir zei­gen, wo er seit kur­zem wohnt.

Hin­ter dem Ein­gang erstreckt sich ein lan­ger Flur, rechts und links gehen je zwei Schlaf­zim­mer ab. Am Ende des Gangs liegt auf der lin­ken Sei­te ein klei­nes Wohn­zim­mer mit Couch, Ses­seln und Fern­se­her, gegen­über davon ist die Gemein­schafts­kü­che. Alles wirkt recht ste­ril, wie es in frisch bezo­ge­nen Woh­nun­gen oft ist. Und vie­les erin­nert an ein Studierendenwohnheim.

Ganz falsch ist die­ser Ein­druck nicht. Nur leben hier kei­ne Erst­se­mes­ter, son­dern erwach­se­ne Män­ner, die alle einer gere­gel­ten Arbeit nach­ge­hen. Eine eige­ne Woh­nung haben sie trotz­dem nicht. Nor­bert Hacker und sei­ne drei Mit­be­woh­ner sind woh­nungs­los. Sie leben im soge­nann­ten Arbei­ter­wohn­haus, einer neu­en Unter­kunft der Bischof-Her­mann-Stif­tung. Anfang Juni star­te­te das Pro­jekt.

Wohnraum knapp wie nie

Berufs­tä­tig und trotz­dem woh­nungs­los. So wie Nor­bert Hacker geht es immer mehr Men­schen. Das zeigt eine Aus­wer­tung der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Woh­nungs­lo­sen­hil­fe (BAG W). Laut der Stu­die hat sich der Anteil der­je­ni­gen, die trotz Arbeit kein Zuhau­se haben, in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren ver­dop­pelt. Inzwi­schen gehen 15 Pro­zent aller Woh­nungs­lo­sen in Deutsch­land einer gere­gel­ten Arbeit nach. Das Fazit der BAG W: Bezahl­ba­rer Wohn­raum sei so knapp wie nie und die Woh­nungs­lo­sig­keit habe den soge­nann­ten ers­ten Arbeits­markt erreicht.

Dabei sind die nied­ri­gen Löh­ne nicht ein­mal das größ­te Pro­blem, zumin­dest nicht in Müns­ter. Tho­mas Mühl­bau­er, Lei­ter des Hau­ses der Woh­nungs­lo­sen­hil­fe (HdW), sagt, dass arbei­ten­de Woh­nungs­lo­se hier vor rund zehn Jah­ren noch kein The­ma waren. Eini­ge Bewoh­ner des HdW bezö­gen ein aus­kömm­li­ches Ein­kom­men, mit dem sie sich eine beschei­de­ne Woh­nung in Müns­ter leis­ten könn­ten. Eigent­lich. Wäre da nicht ein viel grö­ße­res Pro­blem: In der Stadt gibt es schlicht nicht genug bezahl­ba­ren Wohn­raum mit wenig Quadratmetern.

Als 2019 die Idee zum Arbei­ter­wohn­haus ent­stand, gin­gen 21 der ins­ge­samt 80 Män­ner, die im HdW leben, einer Arbeit nach. Dar­un­ter waren nicht nur Mini­job­ber auf 450-Euro-Basis oder Leih­ar­bei­ter, son­dern auch Teil- und Voll­zeit­kräf­te. Das HdW sei für Berufs­tä­ti­ge aber nicht aus­ge­rich­tet, sagt Mühl­bau­er. Einen Job könn­ten die Bewoh­ner des HdW meist fin­den, vor allem über Zeit­ar­beits­fir­men. Schwie­ri­ger sei es, den Job zu hal­ten, sagt er. Dafür müs­se der Rah­men stim­men; der pas­se aber in einer Not­un­ter­kunft wie dem HdW nie. Die Berufs­tä­ti­gen leben dort in Drei- oder Vier­bett­zim­mern, die sie sich mit alko­hol­ab­hän­gi­gen oder psy­chisch kran­ken Bewoh­nern tei­len. Wie sol­len sie da zur Ruhe kom­men und am nächs­ten Tag erholt zur Arbeit gehen?

Die­ses Pro­blem hat­te auch Nor­bert Hacker, als er woh­nungs­los wur­de. Er spricht erstaun­lich offen über die­ses Kapi­tel in sei­nem Leben, sei­nen Ellen­bo­gen stützt er dabei auf dem Küchen­tisch ab. Hacker erzählt, dass er 1980 nach Gie­ven­beck gezo­gen war, um in Müns­ter Jura zu stu­die­ren. Davor hat­te er vier Semes­ter in Göt­tin­gen ver­bracht. Neben dem Stu­di­um enga­gier­te er sich poli­tisch, war Mit­glied im Sozi­al­li­be­ra­len Hoch­schul­ver­band.

Dann kam die Räumungsklage

Sein Enga­ge­ment für den FDP-nahen Ver­band ver­schlang aber viel Zeit. „Irgend­wann war ich nur noch auf dem Papier ein­ge­schrie­ben, weil ich im Hoch­schul­ver­band voll ein­ge­bun­den war“, sagt er. Wäh­rend sei­ne Kommiliton:innen vor­mit­tags Semi­na­re und Vor­le­sun­gen besuch­ten, muss­te sich Hacker vom Ehren­amt aus­ru­hen oder Geld ver­die­nen. Das Stu­di­um brach er schließ­lich ab. Statt als Anwalt oder Rich­ter Kar­rie­re zu machen, trug er zehn Jah­re lang Zei­tun­gen aus. Nach den Agen­da-Refor­men stand er Schlan­ge vorm Job­cen­ter und erle­dig­te als Tage­löh­ner das, was gera­de job­mä­ßig anfiel.

Trotz­dem: Mit sei­nen Gele­gen­heits­jobs konn­te sich Nor­bert Hacker ein beschei­de­nes Ein­zel­a­part­ment an der Wol­be­cker Stra­ße leis­ten. Bis die Pan­de­mie kam, die für ihn alles ver­än­der­te. Hacker arbei­te­te bis Anfang 2020 im F24 als „Mäd­chen für alles“, wie er sagt. Früh mor­gens put­zen, danach Lie­fe­run­gen anneh­men und Kis­ten schlep­pen. Als durch den Lock­down die Knei­pen schlie­ßen muss­ten, ver­lor er mit Mit­te 60 sei­nen Aus­hilfs­job im F24, er bekam Hartz-IV. Und es ging ihm gesund­heit­lich schlech­ter. Krampf­adern in den Bei­nen berei­te­ten ihm Schmer­zen, und um sich um die Post zu küm­mern, fehl­te ihm die Kraft.

Zunächst über­nahm das Amt die Mie­te für sei­ne Ein-Zim­mer-Woh­nung, aber das „lief irgend­wann aus“, sagt Hacker. Die Miet­rück­stän­de häuf­ten sich und dann kam der Brief, mit dem es ernst wur­de: die Räu­mungs­kla­ge. Hacker lan­de­te unfrei­wil­lig im HdW. Mit die­ser Geschich­te ist er kein Ein­zel­fall. Eini­ge Bewoh­ner im HdW lan­de­ten nach der Zwangs­räu­mung dort, sagt Tho­mas Mühl­bau­er. Ande­re Bewoh­ner kämen in die Not­un­ter­kunft, weil sie bei­spiels­wei­se auf­grund einer Krank­heit kei­ne Mie­te zah­len könn­ten, aus der Haft ent­las­sen oder von ihren Ex-Part­ne­rin­nen vor die Tür gesetzt würden.

Für Men­schen in extre­men Pro­blem­la­gen ist das HdW als Not­un­ter­kunft die rich­ti­ge Anlauf­stel­le. Dort kann ihnen gezielt gehol­fen wer­den. Män­ner, die hin­ge­gen einen Job haben und damit ein zum Teil gere­gel­tes Leben füh­ren, haben dort eher das Nach­se­hen. Sie möch­te man mit dem Arbei­ter­wohn­haus bes­ser unter­stüt­zen. Aber wie genau kann das funktionieren?

Hilfe bei der Finanzbürokratie

Trä­ge­rin des Arbei­ter­wohn­hau­ses ist die Bischof-Her­mann-Stif­tung, sie steht auch hin­ter dem HdW. Ben­no Ober­röhr­mann, Mit­ar­bei­ter der Stif­tung, betreut die Wohn­grup­pe im Arbei­ter­wohn­haus. Er unter­stützt die Bewoh­ner bei­spiels­wei­se bei Behör­den­gän­gen oder wenn sie gesund­heit­li­che Pro­ble­me haben. Für den pol­ni­schen und den rumä­ni­schen Bewoh­ner ver­mit­telt er außer­dem Sprach- und Integrationskurse.

Und er hel­fe den Bewoh­nern bei einem gan­zen Stück Finanz­bü­ro­kra­tie, sagt Ober­röhr­mann: Kran­ken­kas­sen­bei­trä­ge zah­len, Miet­rück­stän­de aus­glei­chen oder Schul­den til­gen. Was dar­über hin­aus an Arbeit noch anfal­len wer­de, kön­ne er kurz nach Beginn des Pro­jekts noch nicht sagen. Zur­zeit sor­tie­re er noch, wo die Bewoh­ner Hil­fe benötigten.

Die­se Betreu­ungs­leis­tun­gen zahlt der Land­schafts­ver­band West­fa­len-Lip­pe. Auch die Stadt Müns­ter ist in die Orga­ni­sa­ti­on des Arbei­ter­wohn­hau­ses ein­ge­bun­den. Sie weist die Bewoh­ner in die Unter­kunft ein. Das hört sich här­ter an, als es ist: Jede Kom­mu­ne in Deutsch­land ist dazu ver­pflich­tet, Men­schen eine Unter­kunft zu ver­mit­teln, wenn sie unfrei­wil­lig obdach­los gewor­den sind. „Ord­nungs­recht­li­che Unter­brin­gung“ heißt die­ser Vor­gang offiziell.

Wegen die­ser ord­nungs­recht­li­chen Ein­wei­sung unter­schrei­ben die Bewoh­ner des Arbei­ter­wohn­hau­ses auch kei­nen Miet­ver­trag. Einen sym­bo­li­schen Betrag müs­sen sie den­noch für ihr Zim­mer und die Neben­kos­ten zah­len. Die­se „Mie­te“ fal­le jedoch „sehr güns­tig“ aus, sagt Tho­mas Mühl­bau­er. Und einen „Ver­mie­ter“ haben die Bewoh­ner des Arbei­ter­wohn­hau­ses auch. Sie woh­nen im Pries­ter­se­mi­nar Bor­ro­mae­um. Der Regens des Bor­ro­mae­um, Hart­mut Nie­hu­es, hat­te sich bei der Bischof-Her­mann-Stif­tung gemel­det, als sie das Kon­zept zum Arbei­ter­wohn­haus erar­bei­te­te, erzählt Mühl­bau­er. Im Bor­ro­mae­um stand ein Trakt mit einer Woh­nung leer, in der zuvor Mit­ar­bei­ten­de des Pries­ter­se­mi­nars leb­ten. Damit war der Stand­ort für das Arbei­ter­wohn­haus gefunden.

Wichtigste Aufgabe: Suche nach einer Wohnung

Die Fra­ge nach dem rich­ti­gen Stand­ort the­ma­ti­siert auch der Rats­an­trag, auf des­sen Grund­la­ge das Arbei­ter­wohn­haus ent­stan­den ist. Dort heißt es mehr­fach, dass Unter­brin­gungs­mög­lich­kei­ten in der Nähe des Bahn­hofs feh­len. Die Sozi­al­ver­wal­tung sehe dort „aus­drück­lich einen gro­ßen und drin­gen­den Bedarf, Ange­bo­te in die­sem Umfeld aus­zu­bau­en.“ Dem ste­he aber „der städ­te­bau­li­che Wan­del im gesam­ten Bahn­hofs­ge­biet“ im Weg. Soll hei­ßen: Je mehr neue und teu­re­re Woh­nun­gen dort ent­ste­hen, des­to mehr Raum ver­schwin­det für woh­nungs­lo­se und arme Men­schen. Je höher gleich­zei­tig die Mie­ten stei­gen, des­to mehr Men­schen sind auf die der­zeit feh­len­den Hilfs­an­ge­bo­te angewiesen.

Tho­mas Mühl­bau­er sagt, theo­re­tisch tau­ge jede Immo­bi­lie für das Kon­zept eines Arbei­ter­wohn­hau­ses. Vor­aus­ge­setzt, die Woh­nungs­lo­sen könn­ten dezen­tral in der Nähe der Innen­stadt unter­ge­bracht wer­den. Er wür­de sich ein Bestands­ma­nage­ment wün­schen, das fixe Kon­tin­gen­te für Woh­nungs­lo­se vor­sieht und den Wohn­raum an sie verteilt.

Eine Woh­nung im Bor­ro­mae­um, am Dom­platz 8, zwi­schen Markt­ca­fé und LWL-Muse­um – Nor­bert Hacker und sei­ne Mit­be­woh­ner leben für müns­ter­sche Ver­hält­nis­se in bes­ter Lage. Das soll den Bewoh­nern auch die wich­tigs­te Auf­ga­be erleich­tern: die Suche nach einer neu­en Woh­nung. Wer sich bei Besich­ti­gungs­ter­mi­nen mit der Adres­se des HdW vor­stel­le, sei prak­tisch chan­cen­los, meint Tho­mas Mühl­bau­er. Ob berufs­tä­tig oder nicht, sei­ne Kli­en­ten hät­ten es maxi­mal schwer, denn das Stig­ma, das an der Bahn­hof­stra­ße 62 haf­te, sei ein­fach zu groß. Jetzt hofft er, dass sich ihre Erfolgs­aus­sich­ten mit der neu­en Adres­se ver­bes­sern werden.

Auch Nor­bert Hacker ist ver­hal­ten opti­mis­tisch. Mit sei­nen Ein­künf­ten kön­ne er sich kein Ein­zel­a­part­ment leis­ten, glaubt er. Neben sei­nem 450-Euro-Job im F24 bekommt er eine schma­le Ren­te, die das Sozi­al­amt auf Grund­si­che­rungs­ni­veau auf­stockt. Als Rent­ner darf er aber unbe­grenzt dazu­ver­die­nen. Einen Neben­job, zum Bei­spiel in einem Call-Cen­ter, kön­ne er sich gut vor­stel­len, sagt Hacker. Und statt in eine Sin­gle­woh­nung zu zie­hen, wäre er auch mit einem Zim­mer in einer WG zufrie­den, egal in wel­chem Stadtteil.

Im Moment ist Nor­bert Hacker aber froh dar­über, dass er im Arbei­ter­wohn­haus unter­ge­kom­men ist. Eine Woche hat­te er Zeit, sich auf den Umzug vor­zu­be­rei­ten. Im Bor­ro­mae­um genießt er die Ruhe, die er braucht, um neben sei­nem Job die Suche nach einer neu­en Woh­nung in Angriff zu neh­men. Das F24 erreicht er zu Fuß, und auch die Stadt­bü­che­rei ist nicht weit weg. Dort liest er mor­gens Zei­tung und leiht Bücher aus. Lite­ra­tur sei sein Hob­by, sagt er. An dem Schreib­tisch, der in sei­nem Zim­mer steht, schreibt er auf, was er gele­sen hat, und führt Tage­buch. Viel­leicht steht dar­in ja bald: „Ich habe end­lich eine eige­ne Woh­nung gefun­den.“ (sfo)

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Corona-Update

+++ Die Stadt mel­det heu­te 794 Neu­in­fek­tio­nen mit dem Coro­na­vi­rus in den letz­ten 24 Stun­den. Laut Robert-Koch-Insti­tut liegt die offi­zi­el­le Wochen­in­zi­denz in Müns­ter bei 642 Anste­ckun­gen pro 100.000 Einwohner:innen in den letz­ten sie­ben Tagen. 3.353 Per­so­nen gel­ten als nach­weis­lich infi­ziert. Drei Men­schen lie­gen auf der Inten­siv­sta­ti­on, eine:r davon muss beatmet wer­den. (ast)

+++ Im Som­mer letz­ten Jah­res berich­te­te der WDR, dass die Uni­kli­nik Müns­ter im Sep­tem­ber 2021 eine Long-Covid-Ambu­lanz eröff­nen will. Dort soll­ten Men­schen behan­delt wer­den, die auch lan­ge nach einer Coro­na-Infek­ti­on noch unter Beschwer­den lei­den. Wir haben nach­ge­fragt: In der „Post-COVID-Sprech­stun­de“ sei­en in den letz­ten zwei Jah­ren bis­her um die 50 Patient:innen behan­delt wor­den, so die Uni­kli­nik. Dabei gebe es mehr Anfra­gen als ver­füg­ba­re Plät­ze. Die Beschwer­den sei­en erfah­rungs­ge­mäß ein Jahr nach der Infek­ti­on deut­lich gerin­ger. (ast)

Nach der Flucht 

Ende März hat­te Johan­ne Burk­hardt für RUMS mit dem Müns­te­ra­ner And­re Gro­ten gespro­chen. Er hat zusam­men mit sei­ner Frau in Kyjiw gelebt und muss­te zu Beginn des Kriegs flüch­ten. Hier erzäh­len wir, wie es für die bei­den nach ihrer Flucht weiterging.

And­re und Mari­ia Gro­ten haben sich nach ihrem Umzug im Mai in Albach­ten ein­ge­lebt, doch so ganz ent­kom­men sie dem Krieg nicht. Sie hän­gen zwi­schen zwei Wel­ten. In den Tele­fo­na­ten mit der ukrai­ni­schen Hei­mat spürt Mari­ia, dass das Wir mit eini­gen Leu­ten zu Hau­se schwä­cher wird – in Deutsch­land sei ja alles in Ord­nung, so den­ken ukrai­ni­sche Bekann­te. Aber auch hier fehlt Ver­ständ­nis für Men­schen, die aus dem Krieg flie­hen und Fami­lie zurück­las­sen muss­ten. Das ist And­res Ein­druck. Er selbst lernt Rus­sisch, via Sky­pe bei einer Frau in Odes­sa. Am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag hör­te er wäh­rend des Unter­richts den Luft­alarm. Er sag­te: „Lass uns auf­hö­ren.“ Doch die Leh­re­rin blieb ruhig, sie mach­ten wei­ter. Ges­tern schlu­gen in Odes­sa zwei Rake­ten ein, heu­te Mor­gen war wie­der Unter­richt. In Müns­ter machen sie Rad­tou­ren, tref­fen Freund:innen, in die­ser Woche haben sie sich an der Werse ein Kanu gemie­tet. Aber die Kof­fer aus der alten Woh­nung ste­hen immer noch in Kyjiw. And­re könn­te sie holen, bald hat er Zeit. Sie haben schon dar­über nach­ge­dacht, wer­den es aber wohl doch nicht machen. Sie wären nicht die Ein­zi­gen, die zurück möch­ten. Es kann sein, dass man in Polen drei Tage lang an der Gren­ze war­tet. Dazu gibt es ein ganz bana­les Pro­blem: Mari­ia bekommt nur eine Woche Urlaub. (rhe)

Ein-Satz-Zentrale

+++ Mari­us Her­wig tritt bei der nächs­ten Wahl in zwei Mona­ten nicht mehr als Vor­sit­zen­der der SPD-Rats­frak­ti­on in Müns­ter an. (West­fä­li­sche Nach­rich­ten)

+++ Der Fach­kräf­te­man­gel trifft Müns­ter beson­ders hart. (Anten­ne Müns­ter)

+++ Der Rek­tor der Uni Müns­ter Johan­nes Wes­sels wird neu­er Vor­sit­zen­der der Lan­des­rek­to­ren­kon­fe­renz der Uni­ver­si­tä­ten in Nord­rhein-West­fa­len. (Lan­des­rek­to­ren­kon­fe­renz)

+++ Das Ted­dy­bä­ren­kran­ken­haus auf dem Schloss­platz soll Kin­dern die Angst vor Arzt­be­su­chen neh­men. (Fach­schaft Medi­zin)

+++ Uni-Müns­ter-Pro­rek­to­rin Regi­na Jucks ver­zich­tet auf eine zwei­te Amts­zeit. (Uni Müns­ter)

+++ Ober­bür­ger­meis­ter Lewe hat fünf Schul­lei­tun­gen ver­ab­schie­det und elf neue nach­träg­lich im Amt begrüßt. (Stadt Müns­ter)

+++ Stu­die­ren­de der Uni Müns­ter kön­nen sich bis zum 14. Juli online für das Sti­pen­di­en­pro­gramm Pro­Ta­lent bewer­ben. (Uni Müns­ter)

+++ Im ehe­ma­li­gen Haupt­zoll­amt an der Son­nen­stra­ße ent­steht eine Kita mit 170 Plät­zen. (Stadt Müns­ter)

+++ Stu­die­ren­de der FH Müns­ter unter­su­chen sozia­les Unter­neh­mer­tum in der Regi­on. (FH Müns­ter)

+++ Susan­ne Schul­ze-Bockel­oh vom Land­wirt­schafts­ver­band in Müns­ter wird als ers­te Frau Vize­prä­si­den­tin des Deut­schen Bau­ern­ver­ban­des. (Land­wirt­schaft­li­ches Wochen­blatt)

+++ Ende 2021 leb­ten gut 4.000 Men­schen mehr in West­fa­len als Ende 2020. (West­fa­len­spie­gel)

+++ Das Pla­ne­ta­ri­um im LWL-Natur­kun­de­mu­se­um ist rund­um moder­ni­siert und wie­der geöff­net. (Land­schafts­ver­band West­fa­len-Lip­pe)

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Hier fin­den Sie alle unse­re Emp­feh­lun­gen. Soll­te Ihnen ein Tipp beson­ders gut gefal­len, tei­len Sie ihn ger­ne ein­fach über den Link.

Drinnen und Draußen

+++ Wie geht es wei­ter mit der Wol­be­cker Stra­ße? Um die­se Fra­ge zu beant­wor­ten, hat die Stadt im ver­gan­ge­nen Herbst die Stra­ße zu einem soge­nann­ten Real­la­bor erklärt. Und mor­gen wer­den die Ergeb­nis­se vor­ge­stellt. Ab 14 Uhr sind Planer:innen vor Ort und offen für Gesprä­che mit allen Inter­es­sier­ten, ab 17 Uhr beginnt dann eine öffent­li­che Werk­statt. Treff­punkt ist der Markt­wa­gen an der Ecke Wol­be­cker Straße/Dortmunder Straße. 

+++ Das Kom­post-Fes­ti­val hat­ten wir Ihnen letz­te Woche schon emp­foh­len. Bis ein­schließ­lich Sams­tag ste­hen noch eine Rei­he span­nen­der Unter­neh­mun­gen auf dem Pro­gramm: Wie wäre es zum Bei­spiel mit einer Fahr­rad-Exkur­si­on zur Bio­gärt­ne­rei Ra.Baba und zum Haus Coer­de? Los geht’s am Frei­tag um 15 Uhr. Treff­punkt ist das GeoUr­ba­num in der Hei­sen­berg­stra­ße 2. 

+++ Som­mer-Kino bei war­mem Wet­ter: Beim Kamp-Flim­mern zei­gen Cine­ma & Kur­bel­kis­te immer don­ners­tags Fil­me im Open-Air-Kino am Hawerkamp. Ab 20 Uhr kann dort gegrillt wer­den, der Film beginnt, sobald es dun­kel ist. Kar­ten und Pro­gramm gibt es online oder direkt im Cinema.

+++ Som­mer-Kino bei jedem Wet­ter: Eben­falls am Don­ners­tag lädt das Cine­ma um 18 Uhr zur Saal­vor­stel­lung von „End­lich unend­lich“ und zum anschlie­ßen­den Gespräch mit der Tech­nik­an­thro­po­lo­gin Anna Puzio ein. Einen Vor­ge­schmack auf den Film bekom­men Sie hier.

+++ Ab mor­gen fin­det im Mehr­ge­nera­tio­nen­haus und Müt­ter­zen­trum immer mitt­wochs in Gie­ven­beck das Ange­bot „Papa­zeit“ der Cari­tas Müns­ter statt. Väter mit Kin­dern im Alter von null bis drei Jah­ren kön­nen sich zwi­schen 9:15 Uhr und 10:45 Uhr begeg­nen und austauschen. 

Am Frei­tag schreibt Ihnen Ralf Hei­mann. Kom­men Sie gut durch die Woche.

Herz­li­che Grü­ße
Sebas­ti­an Fobbe

Mit­ar­beit: Con­stan­ze Busch, Ralf Hei­mann, Edi­na Hojas, Vik­to­ria Pehl­ke, Anto­nia Strot­mann
Lek­to­rat: Mela­nie Kelter

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PS

Mor­gen ist ein auf­re­gen­der Tag für RUMS. Dann ent­schei­det sich näm­lich, ob unse­re Gast­au­torin Sig­rid März den begehr­ten Theo­dor-Wolff-Preis bekommt. Sie ist nomi­niert in der Kate­go­rie Bes­tes loka­les Stück 2022 für ihre Repor­ta­ge Kida­ne und Herr Schwei­zer, das ein Jugend­pro­jekt in Coer­de vor­stellt. Wir wür­den uns freu­en, wenn Sie für Sig­rid März und RUMS die Dau­men drü­cken. Und wenn Sie schon auch etwas von der Auf­re­gung abbe­kom­men möch­ten, schau­en Sie doch ein­mal hier vor­bei. Der Bun­des­ver­band Digi­tal­pu­blis­her und Zei­tungs­ver­le­ger, der den Preis ver­gibt, hat Sig­rid März besucht und mit ihr über ihre Repor­ta­ge gesprochen.