Goebbels und die Haltestelle | Spooky’s | Künstler schreiben Karten

Müns­ter, 4. August 2020

Guten Tag,

in der Sit­zung der Bezirks­ver­tre­tung Mit­te pas­sier­te am 23. Juni gegen Ende etwas Über­ra­schen­des. So erleb­te es jeden­falls der grü­ne Rats­herr Tho­mas Mar­c­zin­kow­ski. Zu Beginn hat­te man sich dar­auf geei­nigt, die Tages­ord­nung um einen wei­te­ren Punkt zu ergän­zen. Man woll­te end­lich eine Ent­schei­dung hin­ter sich brin­gen, die schon in meh­re­ren Anläu­fen geschei­tert war. Die Dan­zi­ger Frei­heit, ein Teil der Waren­dor­fer Stra­ße kurz vor dem Dort­mund-Ems-Kanal, soll­te einen neu­en Namen bekom­men, denn der alte ist im Grun­de eine Paro­le der Natio­nal­so­zia­lis­ten, die auf unwahr­schein­li­che Wei­se die Jahr­zehn­te im Stadt­bild über­lebt hat. Das soll­te nun end­lich kor­ri­giert wer­den. In die­ser Sit­zung bot sich, so schien es, die letz­te Chan­ce, das noch vor den Kom­mu­nal­wah­len im Sep­tem­ber zu schaf­fen. Anfangs habe auch alles ganz gut aus­ge­se­hen, sagt Tho­mas Mar­c­zin­kow­ski. Doch als man gegen Ende der Sit­zung den neu ein­ge­füg­ten Punkt sie­ben der Tages­ord­nung erreich­te, bean­trag­te Moni­ka May­weg von der SPD, die Sit­zung zu unter­bre­chen. Nach der Pau­se leg­te ihre Par­tei einen neu­en Antrag vor. Von einer Umbe­nen­nung der Dan­zi­ger Frei­heit war dar­in nicht mehr die Rede. CDU und FDP stimm­ten zu. 

Es schien wie so oft in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Irgend­wie kam der Name doch wie­der durch. Ein Grund dafür scheint zu sein, dass er sei­ne ursprüng­li­che Bedeu­tung nicht unmit­tel­bar preis­gibt. Frei­heit klingt schließ­lich immer gut. Und war­um soll­te die Stadt Müns­ter als Städ­te­part­ne­rin von Lub­lin nicht auch einer ande­ren pol­ni­schen Stadt einen Ort wid­men? Schnel­ler lösen las­sen hät­te sich das Pro­blem wahr­schein­lich, wenn die­ser Abschnitt der Waren­dor­fer Stra­ße den Namen „Heim-ins-Reich-Platz“ tra­gen wür­de. Dabei wäre die Bedeu­tung in etwa die gleiche. 

Der Name Dan­zi­ger Frei­heit geht zurück auf eine Rede von Hit­lers Chef-Dem­ago­gen Joseph Goe­b­bels am 17. Mai 1933. Goe­b­bels sprach damals vor deut­schen Tou­ris­mus-Ver­tre­tern. Er for­der­te, den Sta­tus der nach dem Ers­ten Welt­krieg vom Deut­schen Reich getrenn­ten und inzwi­schen Frei­en Stadt Dan­zig zu ändern und sie so wie­der zu einem Teil des Reichs zu machen – sie „heim ins Reich“ zu holen, wie es damals hieß. Die eigen­stän­di­ge, aber natio­nal­so­zia­lis­tisch regier­te Stadt Dan­zig rief dar­auf hin deut­sche Städ­te dazu auf, pro­mi­nen­te Plät­ze der For­de­rung ent­spre­chend in „Dan­zi­ger Frei­heit“ umzu­be­nen­nen.

Müns­ter kam dem Auf­ruf am 23. März 1934 nach; auch Städ­te wie Mün­chen, Dort­mund, Regens­burg oder Koblenz schlos­sen sich an. Nach Ende des Zwei­ten Welt­kriegs ver­fuh­ren die Städ­te auf unter­schied­li­che Wei­se mit die­ser im Stadt­bild ver­an­ker­ten Ankün­di­gung eines Über­falls, der fünf Jah­re spä­ter ja schließ­lich auch stattfand. 

In Dort­mund, Koblenz und Regens­burg blieb der Name. Mün­chen mach­te die Dan­zi­ger Frei­heit zur Mün­che­ner Frei­heit. Müns­ter wähl­te einen unge­wöhn­li­chen Weg. Am 12. Juni 1947 beschloss der Rat der Stadt, den Namen auf­zu­he­ben, wie Ober­bür­ger­meis­ter Mar­kus Lewe (CDU) es einer Müns­te­r­a­ne­rin vor acht Jah­ren auf sei­ner Web­site erklär­te. Doch der Beschluss hat­te kei­ne Fol­gen. Elf Jah­re spä­ter, im Dezem­ber 1958, hielt die Stadt den Namen dann wie­der für ver­tret­bar. Die Ent­schei­dung, an ihm fest­zu­hal­ten, fiel im Haupt­aus­schuss mit nur einer Gegen­stim­me. Ein wei­te­rer Antrag vier Jah­re spä­ter wur­de abgelehnt. 

Danach pas­sier­te in die­ser Sache fast 60 Jah­re lang so gut wie nichts. Erst im Som­mer 2019 wag­te Hugo Elke­mann von der Frie­dens­ko­ope­ra­ti­ve Müns­ter einen neu­en Ver­such. Sei­ne Grup­pe bean­trag­te die Namens­än­de­rung. Ihre Argu­men­te klan­gen schlüs­sig. Die Hin­ter­grün­de erklär­te Elke­mann damals in einem vier Minu­ten lan­gen You­tube-Video. Einen neu­en Namen schlug die Frie­dens­ko­ope­ra­ti­ve bewusst nicht vor. Es soll­te nicht so aus­se­hen, als gin­ge es ihnen eigent­lich darum. 

Doch es fand sich ein Vor­schlag. Wer­ner Szy­bal­ski von der Par­tei „Müns­ter-Lis­te – bunt und inter­na­tio­nal“ mach­te ihn. Der Stra­ßen­ab­schnitt soll­te den Namen einer Frau bekom­men, die in Müns­ter auf­ge­wach­sen und zur Schu­le gegan­gen ist. Im Jahr 1979 mach­te sie an der Frie­dens­schu­le Abitur. Spä­ter fand sie gro­ße Beach­tung als Lyri­kern und Akti­vis­tin für schwar­ze Men­schen. Ein inter­na­tio­na­ler Lite­ra­tur­preis und ein Spree-Ufer in Fried­richs­hain-Kreuz­berg, wo sie spä­ter gelebt hat, sind nach ihr benannt. In Müns­ter ist nichts von ihr geblie­ben. Ihr Name ist May Ayim (hier ist sie in einem kur­zem Video zu sehen). Im Jahr 1996 starb sie. In die­sem Jahr im Mai wäre sie 60 gewor­den. Wer­ner Szy­bal­ski fand für sei­nen Vor­schlag vie­le Unter­stüt­zer. Vor der Sit­zung der Bezirks­ver­tre­tung am 23. Juni über­reich­te er dem Bezirks­bür­ger­meis­ter mehr als 300 Unter­schrif­ten, die sei­ne Par­tei gesam­melt hat­te. Was sprach noch dage­gen, die Dan­zi­ger Frei­heit end­lich umzubenennen? 

Moni­ka May­weg, die SPD-Rats­frau, die mit ihrer Frak­ti­on in der Bezirks­ver­tre­tung Mit­te eine schnel­le Ent­schei­dung ver­hin­dert hat­te, sagt, sie sei über­haupt nicht gegen die Umbe­nen­nung. Ihr sei es nur dar­um gegan­gen, die Ent­schei­dung nicht über­stürzt zu tref­fen, son­dern „mit einem ein biss­chen küh­le­ren Kopf“. Außer­dem wol­le sie nicht über ein­zel­ne Stra­ßen­na­men abstim­men, son­dern über ein Gesamt­kon­zept für alle Stra­ßen mit pro­ble­ma­ti­schen Namen. So steht es auch im neu­en Antrag. 

Eine letzte Chance bleibt

In der nächs­ten Sit­zung der Bezirks­ver­tre­tung Mit­te wird also kei­ne Emp­feh­lung der Stadt­ver­wal­tung mit Namens­vor­schlä­gen auf dem Tisch lie­gen, wie die Grü­nen es woll­ten. Erst ein­mal wird es um die schwam­mi­ge Fra­ge gehen, was nun zu tun ist, um ein Gesamt­kon­zept für alle Stra­ßen zu erstel­len. Und ob das dann spä­ter nach der Kom­mu­nal­wahl auch umge­setzt wird, wenn ganz ande­re Men­schen in der Bezirks­ver­tre­tung sit­zen, das ist noch ein­mal eine ande­re Fra­ge.

Ist die Umbe­nen­nung der Dan­zi­ger Frei­heit damit also wie­der ein­mal geschei­tert? Jeden­falls vor­erst? Das ist mög­lich. Doch eine letz­te Chan­ce bleibt. Die Bezirks­ver­tre­tung kann ihre Ent­schei­dung beim nächs­ten Mal zwar nicht dadurch auf­he­ben, dass sie das Gegen­teil beschließt. Das ist erst nach einem hal­ben Jahr wie­der mög­lich. Doch es könn­te gelin­gen, die Dan­zi­ger Frei­heit aus dem Gesamt­pa­ket her­aus­zu­lö­sen.

Tho­mas Mar­c­zin­kow­ski sagt, sei­ne Frak­ti­on den­ke dar­über nach, wie man das machen könn­te. Auch in der SPD-Frak­ti­on ist man mit der Ent­schei­dung der Bezirks­ver­tre­tung nicht glück­lich. Maria Win­kel, SPD-Rats­frau und stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de des Stadt­wer­ke-Auf­sichts­rats, sagt, sie bemü­he sich schon seit Jah­ren dar­um, die Hal­te­stel­le Dan­zi­ger Frei­heit end­lich umzu­be­nen­nen. Der Lei­ter der Ver­kehrs­be­trie­be, dem sie damals dazu ihren ers­ten Brief geschickt habe, sei inzwi­schen schon in Ren­te. Auch danach habe sie vie­le Gesprä­che geführt, immer wie­der, aber lei­der ohne Erfolg.

Dabei wäre das Pro­blem fak­tisch gelöst, wenn die Hal­te­stel­le einen neu­en Namen bekä­me. Anwoh­ner mit der Anschrift Dan­zi­ger Frei­heit gibt es nicht. Die Adres­se exis­tiert im Grun­de nur durch die­se Hal­te­stel­le. Und auch das wäre kein so gro­ßes Pro­blem, wenn sie nicht unglück­li­cher­wei­se auch noch eine End­sta­ti­on wäre. Denn das bedeu­tet: Jeden Tag fährt auf der Front­schei­be von Lini­en­bus­sen eine Goe­b­bels-Paro­le in der Innen­stadt spa­zie­ren.

Nicht alle wollen einen neuen Namen

Solan­ge die Dan­zi­ger Frei­heit exis­tiert, wird sich dar­an wohl nichts ändern. Einen neu­en Namen zu wäh­len, bevor der demo­kra­ti­sche Pro­zess abge­schlos­sen sei, das hal­te man nicht für sinn­voll, sagt Stadt­wer­ke-Spre­cher Flo­ri­an Adler. Man habe aber schon mit der Stadt­ver­wal­tung ver­ein­bart, die Hal­te­stel­le sofort umzu­be­nen­nen, sobald ein neu­er Name beschlos­sen sei. 

Es gibt aller­dings auch Men­schen, die das gar nicht wol­len. Der CDU-Rats­herr Nor­bert Wien­garn ist einer von ihnen. In der Sit­zung der Bezirks­ver­tre­tung im Juni wies er dar­auf hin, dass auch vie­le Anwohner:innen die­se Mei­nung teil­ten.

Aber wen meint er? Direkt an der Dan­zi­ger Frei­heit wohnt ja niemand. 

„Es geht nicht nur um die­se Stra­ße. Es geht auch um die Men­schen, die in der Gegend leben“, sagt Wien­garn. Es gebe schließ­lich so etwas wie ein Gewohn­heits­recht. „Die Leu­te wol­len, dass der Name so bleibt“, sagt er. Wien­garn schaut weni­ger auf den Ursprung des Namens, er sieht die gewach­se­ne Bedeu­tung der Bezeich­nung für die Stadt. Viel Ver­ständ­nis für die Argu­men­te der Gegen­sei­te kann er aller­dings nicht auf­brin­gen. Die Dis­kus­si­on hält er für „eine ideo­lo­gi­sche Aus­ein­an­der­set­zung“, die man bekämp­fen müs­se. Im Grun­de sei das alles „lächer­lich“, sagt er. 

Und sogleich fühlt man sich erin­nert an die übri­gen Schau­plät­ze die­ser immer glei­chen Debat­te, die an unter­schied­li­chen Orten zu unter­schied­li­chen Zei­ten immer wie­der geführt wird – immer mit ähn­li­chen Argu­men­ten, obwohl es eigent­lich gar nicht um Argu­men­te geht, son­dern um Iden­ti­tät. Um die Iden­ti­tät der Stadt. Und damit um die Iden­ti­tät der Men­schen, die in ihr leben. 

Die Fra­ge ist letzt­lich: Was macht die­se Iden­ti­tät aus? Sind es das Ver­trau­te, die Ver­bun­den­heit mit der eige­nen Umge­bung und Hei­mat, die Zufrie­den­heit mit dem Gegen­wär­ti­gen, die Tra­di­ti­on und der Wunsch, das Vor­han­de­ne zu bewah­ren? Dann ergibt sich eine eher kon­ser­va­ti­ve Perspektive. 

Oder wird die­se Iden­ti­tät vom Ide­al einer Gesell­schaft gestif­tet – einer Gesell­schaft, in der es mög­lichst allen gut geht, in der auch die Anlie­gen von Min­der­hei­ten und benach­tei­lig­ten Men­schen Gehör fin­den, und in der daher Moral und Gerech­tig­keit eine gro­ße Rol­le spielen. 

In die­ser Vor­stel­lung ist Tra­di­ti­on nicht ganz so wich­tig, denn es geht ja dar­um, die vor­han­de­nen Bedin­gun­gen zu ver­bes­sern. Das geht nur mit Veränderungen. 

Namen werden selbst zu Geschichte

Im Jahr 1997 dis­ku­tier­te man in Müns­ter dar­über, den dama­li­gen Hin­den­burg­platz vor dem Schloss umzu­be­nen­nen. Der Rat lehn­te das ab. Im Jahr 2012 führ­te die Stadt­ge­sell­schaft die glei­che Debat­te erneut. Vie­le neue Erkennt­nis­se über die his­to­ri­sche Figur Hin­den­burg hat­ten die ver­gan­ge­nen 15 Jah­re nicht gebracht. Trotz­dem fiel die Ent­schei­dung dies­mal anders aus. 

Der dama­li­ge CDU-Frak­ti­ons­chef Heinz-Die­ter Sel­len­riek, zitier­te im Rat sei­nen SPD-Kol­le­gen Micha­el Jung, der heu­te Frak­ti­ons­chef und Ober­bür­ger­meis­ter-Kan­di­dat sei­ner Par­tei ist. Jung hat­te dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es bei der Benen­nung von Stra­ßen und Plät­zen nicht nur dar­um gehe, his­to­ri­sche Ereig­nis­se und Leis­tun­gen von his­to­ri­schen Per­so­nen zu bewer­ten. Auch die benann­ten Plät­ze oder Stra­ßen wür­den mit der Zeit selbst zu einem Teil der Geschich­te. Und auch die­se Erin­ne­rungs­ge­schich­te gel­te es zu bewah­ren. Das ist etwas ver­kürzt, aber unge­fähr so hat­te Jung es gesagt. 

Auf der Grund­la­ge die­ses Maß­stabs kamen bei­de Poli­ti­ker zu unter­schied­li­chen Bewer­tun­gen. Sel­len­riek lehn­te die Umbe­nen­nung ab, Jung befür­wor­te­te sie. 

Dass Ent­schei­dun­gen anders aus­fal­len, obwohl sich an der Sache selbst nichts ver­än­dert hat, kann auch dar­an lie­gen, dass die Gesell­schaft sich wan­delt. Und momen­tan sieht es danach aus, als gesche­he das wie im Zeitraffer. 

In den USA ent­zweit die soge­nann­te Can­cel Cul­tu­re (Aus­lösch-Kul­tur) das Land (hören Sie dazu die 13. Fol­ge von Klaus Brink­bäu­mers Ame­ri­ka-Pod­cast). Seri­en und Fil­me wer­den aus dem Pro­gramm genom­men, weil sie ras­sis­ti­sche Dar­stel­lun­gen ent­hal­ten. Der Ras­sis­mus soll aus der Kul­tur ver­schwin­den. Doch das eigent­lich gute Anlie­gen führt oft zu Über­re­ak­tio­nen und unan­ge­neh­men Neben­ef­fek­ten, Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­selbst­stän­di­gen sich und gera­ten außer Kon­trol­le. Die eine Sei­te wirft der ande­ren vor, ein­fach alles aus­lö­schen und ver­bie­ten zu wol­len, was nicht mehr ins Welt­bild passt. Der ande­ren Sei­te aber steht die Ver­gan­gen­heit im Weg, denn vie­le Men­schen, die auf die­ser Sei­te ste­hen, fin­den sich in der vor­han­de­nen Dar­stel­lung der Ver­gan­gen­heit selbst gar nicht wie­der. Der Spie­gel schrieb im Juli (€), in den USA ereig­ne sich zur­zeit „ein Kulturkampf“. 

Doch das alles ist gar nicht so fern, es betrifft längst auch Deutsch­land. Als im Juli „Otto – der Film“ wie­der in die Kinos kam, begann eine Dis­kus­si­on über den in ihm dar­ge­stell­ten Ras­sis­mus. Ras­sis­mus im All­tag ist zu einem gro­ßen The­ma gewor­den. In der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung wur­de über Wochen dar­über dis­ku­tiert, ob Imma­nu­el Kant ein Ras­sist war. Vie­le Kon­ser­va­ti­ve sehen dar­in einen läs­ti­gen Aus­wuchs des Zeit­geis­tes, eher gesell­schafts­li­be­ral den­ken­de Men­schen eine Wei­ter­ent­wick­lung.

In jedem Fall ändert sich etwas, auch in Müns­ter. Im ver­gan­ge­nen Jahr hat der Rat beschlos­sen, dass die Krie­ger­denk­mä­ler in Müns­ter nicht län­ger unkom­men­tiert in der Gegend her­um­ste­hen sol­len. Die Uni Müns­ter wird bald jeman­den ein­stel­len, um die anste­hen­de öffent­li­che Dis­kus­si­on über ihren Namens­ge­ber Wil­helm II. in Gang zu brin­gen. Und mög­li­cher­wei­se wer­den an der Dan­zi­ger Frei­heit bald neue Hal­te­stel­len-Schil­der hän­gen. Ob die Umbe­nen­nung noch vor der Kom­mu­nal­wahl gelingt, wird an der SPD lie­gen. Frak­ti­ons­chef Micha­el Jung hat dazu eine sehr ein­deu­ti­ge Mei­nung: „Die­ser Name passt ein­fach nicht mehr in die Zeit“, sagt er. Er wol­le, dass die­ser Stra­ßen­ab­schnitt so bald wie mög­lich umbe­nannt wer­de. Eine Mög­lich­keit dazu böte sich viel­leicht schon in der nächs­ten Sit­zung der Bezirks­ver­tre­tung Mit­te, am 18. August. 


Corona Update

Die Coro­na-Zah­len stei­gen wie­der. Die Stadt Müns­ter mel­de­te am Diens­tag­nach­mit­tag 13 Neu­in­fek­tio­nen. Damit gel­ten aktu­ell 38 Men­schen im Stadt­ge­biet als infi­ziert. Falls es in den nächs­ten Tagen noch mehr wer­den soll­ten, liegt das wahr­schein­lich auch dar­an, dass Men­schen vor ver­trau­ten Din­gen kei­ne Angst haben. Und was ist uns den ver­gan­ge­nen Mona­ten ver­trau­ter gewor­den als das Coro­na-Virus? Hin­zu kommt: Nach drei bis vier Bier ver­liert das Virus auch sei­nen letz­ten Schre­cken. Daher haben Poli­zei und Ord­nungs­amt, wie die Stadt berich­tet, im Kuh­vier­tel zusam­men begon­nen, das Kunst­stück zu bewerk­stel­li­gen, Abstands­re­geln ein­zu­hal­ten und gleich­zei­tig Alkohl­tests zu machen. Sie wer­den jetzt viel­leicht sagen: War­um ver­bie­tet man den Alko­hol auf der Stra­ße nicht ein­fach, wenn das alles so gefähr­lich ist? Aber so ein­fach ist das nicht, wie Domi­nik Lauck für die Tages­schau erklärt. Die Schran­ken, die das Grund­ge­setz vor­sieht, sind rela­tiv hoch. Leich­ter durch­zu­set­zen wäre ein Ver­kaufs­ver­bot, wie es in Ham­burg bereits im Ein­satz ist. Doch das hät­te einen ande­ren unprak­ti­schen Nach­teil: Die Leu­te brin­gen ihr Bier ein­fach von woan­ders her mit.


Unbezahlte Werbung

Ein­mal gera­de­aus durch, an der The­ke vor­bei, die Trep­pe run­ter, und schon ste­hen Sie mit­ten in einem der inter­es­san­tes­ten Knei­pen­räu­me Müns­ters. Im Kel­ler vom Spooky’s an der Ham­mer Stra­ße 66 ist zwi­schen den Wän­den auf der lin­ken und rech­ten Sei­te des­halb so wenig Platz, weil sich an die­ser Stel­le frü­her eine Kegel­bahn befand. Das ist aller­dings nur einer von vie­len Grün­den, sich das Spooky’s ein­mal von innen anzu­se­hen. Die Men­schen hin­ter der The­ke machen es einem wirk­lich sehr leicht, sich hier wohl­zu­füh­len. Die Aus­wahl an Bier­sor­ten ist groß. Und es gibt noch einen ande­ren Raum, der etwas ver­steckt liegt, ganz hin­ten links. Da fin­den Sie die viel­leicht gemüt­lichs­te Sitz­ecke in einer Knei­pe in Müns­ter. Das Spooky’s hat die Coro­na-Zeit glück­li­cher­wei­se über­stan­den. Auch dank der vie­len Men­schen, die es hier mögen. Am Mon­tag­nach­mit­tag bedank­ten sich Dagi und Han­nes, die bei­den Inha­ber, dafür in einem Face­book-Pos­ting. Sie hat­ten um Spen­den gebe­ten. Fast 10.000 Euro kamen zusam­men.


Drinnen

+++ Zum Wochen­en­de wird es wie­der wär­mer. Das hat sich wahr­schein­lich schon her­um­ge­spro­chen. Falls Sie trotz­dem einen Abend auf dem Sofa pla­nen, hät­te ich einen Film­tipp für Sie, der zwar schon ein Jahr alt ist, aber das macht in die­sem Fall gar nichts. Es geht um „Bur­ning“, einen der bes­ten Fil­me aller Zei­ten, wie Kat­ja Nicode­mus in der Zeit schrieb. Wenn ich Ihnen ledig­lich erzäh­len wür­de, wovon der Film han­delt, und wenn Sie dann noch erfah­ren wür­den, dass Sie zwei­ein­halb Stun­den ein­pla­nen müs­sen, hät­ten Sie wahr­schein­lich schon kei­ne Lust mehr. Aber dar­über müs­sen Sie in die­sem Fall ein­fach hin­weg­se­hen. Die Geschich­te ist: Ein jun­ger und armer Lite­ra­tur-Absol­vent trifft eine jun­ge, schö­ne und eben­falls arme Frau, in die er sich ver­liebt, und die im Urlaub einen schö­nen und rei­chen Por­sche-Fah­rer ken­nen­lernt. Fort­an sind die drei zusam­men unter­wegs. An einem Abend, der mit viel Alko­hol endet, ver­rät der Por­sche-Fah­rer bei einem Joint, dass er eine Lei­den­schaft hat: Er zün­det gern Gewächs­häu­ser an. Das Gan­ze war ursprüng­lich eine Kurz­ge­schich­te von Haru­ki Mura­ka­mi. Zu sehen ist „Bur­ning“ bei Ama­zon Prime. 


Draußen

+++ Ich habe kurz über­legt, wo ich die­se Buch unter­brin­ge, aber mit Blick auf das Wochen­en­de wür­de ich sagen: drau­ßen. Der Titel lau­tet: „Alle­gro Pas­tell“, Autor ist Leif Randt. Die Kri­tik von Mat­thi­as War­kus beginnt mit dem Satz: „In Leif Randts hand­li­chem Roman (…) pas­siert wenig und die äuße­re Hand­lung ist mehr oder min­der die abge­schmack­tes­te, die man sich vor­stel­len kann.“ Und irgend­wo am Ende steht: „Die Lek­tü­re des Buchs lohnt sich so oder so auf­grund der Qua­li­tät der Pro­sa.“ Ilo­ma Man­gold urteilt: „(…) ein irres Buch.“ Ver­such einer kur­zen Zusam­men­fas­sung des Inhalts: Tan­ja und Jero­me, ein glück­li­ches Paar, sie Autorin, er Web­de­si­gner, stol­pern irgend­wie über ihr Glück – im Grun­de, weil alles zu per­fekt ist. Und wenn auch nicht so viel pas­siert, das kön­nen bei­de immer­hin her­vor­ra­gend erklä­ren.

+++ Dann hät­te ich noch eine wun­der­vol­le Aus­stel­lung, die ich ein paar Tage zu früh ankün­di­ge, damit noch etwas Zeit für die Vor­freu­de bleibt. Der Kunst-Blog­ger Kai Eric Schwich­ten­berg hat wäh­rend der Coro­na-Zeit 60 Künst­lern lee­re Post­kar­ten geschickt – mit der Bit­te, sie aus­zu­fül­len. Adres­sa­ten waren unter ande­rem die Schrift­stel­le­rin Nora Gom­rin­ger, der Schrift­stel­ler Jan Brandt oder Skulp­tur-Pro­jek­te-Kura­tor Kas­per König. Sie alle haben ihre Kar­te beschrie­ben zurück­ge­schickt. Von Sonn­tag bis zum über­nächs­ten Frei­tag (9. bis 22. August) sind sie in der Aus­stel­lung „Ich schreib Dir von Zuhau­se“ in der dst.Galerie an der Hafen­stra­ße 21 zu sehen. Die Ver­nis­sa­ge beginnt am Sonn­tag um 16 Uhr. 

Am Frei­tag schreibt Ihnen mei­ne Kol­le­gin Kat­rin Jäger. Haben Sie bis dahin eine schö­ne Woche.

Herz­li­che Grüße

Ralf Hei­mann


PS

Ende August bekom­men wir Besuch, und dar­auf freu­en wir uns schon sehr. Die Repor­ta­ge­schu­le Reut­lin­gen wird eine Woche lang bei uns zu Gast sein. 13 jun­ge Reporter:innen, die zum Teil noch nie in Müns­ter waren, schau­en von außen auf die Stadt und schrei­ben dar­über. Wir haben schon vie­le Ideen gesam­melt. Aber viel­leicht haben Sie auch eini­ge. Wel­che Men­schen fin­den Sie inter­es­sant? Wel­che The­men inter­es­sie­ren Sie? Wor­über fän­den Sie eine Repor­ta­ge span­nend? Schrei­ben Sie uns eine E-Mail an: redaktion@rums.ms.