Ferienende: Tipps zum Schulstart | Fachkräftemangel: Überall fehlen Leute | Pizza-Backmischung aus Münster

Müns­ter, 9. August 2022

Guten Tag,

mor­gen beginnt das neue Schul­jahr, daher zual­ler­erst: Hef­te raus. Wir müs­sen ein paar Zah­len notie­ren. Kann ja sein, dass sich in den nächs­ten Tagen Gesprä­che ent­wi­ckeln, in denen die Fra­ge auf­kommt: Wie vie­le Kin­der und Jugend­li­che gehen denn jetzt eigent­lich wie­der zur Schu­le? Dann kön­nen Sie sagen: „Ich mei­ne, in Müns­ter waren das 44.128.“ Und falls man Ihnen nicht glaubt: Das behaup­tet die Bezirks­re­gie­rung.

2.737 Kin­der davon sind, wie die Behör­de schreibt, „i-Dötz­chen“ (nein, das ist nichts von Apple). Sie gehen in die ers­te Klas­se. Und damit ihnen nicht gleich in der ers­ten Woche auf­fällt, in was für eine Müh­le sie da gera­ten sind, hat die Bezirks­re­gie­rung elf Tipps von einem Schul­psy­cho­lo­gen ein­ge­holt, die den har­ten Über­gang etwas abfe­dern sollen. 

Tipp eins lau­tet: „Ver­ständ­nis zei­gen“ – Ver­ständ­nis vor allem dafür, dass die Kin­der unsi­cher und auf­ge­regt sind. Und ganz expli­zit steht dort auch – man ahn­te es schon –, dass der Satz „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“ nicht hilf­reich sei. 

Ein ande­rer eben­falls wenig hilf­rei­cher Satz lau­tet (Ergän­zung von uns): „Nicht für die Schu­le, fürs Leben lernt man.“ Der ist näm­lich nicht nur falsch, son­dern auch falsch über­lie­fert. Schon in der Ori­gi­nal­ver­si­on, einem Brief von Sene­ca, stand: „Non vitae sed scho­lae disci­mus.“ Nicht für das Leben, für die Schu­le ler­nen wir. Und das lernt man in der Schu­le dann schon. 

Eben­falls nicht hilf­reich ist übri­gens auch ein ande­rer Satz. Er lau­tet: „Ich wür­de doch auch lie­ber lie­gen bleiben.“ 

Wir wün­schen jeden­falls einen guten Schul­start allerseits.

Heute lesen Sie im RUMS-Brief:

  • 9-Euro-Ticket: Fort­set­zung light
  • Städ­te­re­gi­on: Müns­ter­lis­te will neue Gremien
  • Miss­brauchs­gut­ach­ten: 24 Mel­dung per Telefon
  • Fach­kräf­te­man­gel: Über­all feh­len Leute
  • Car­toon: Die Robobowl
  • Coro­na: Kran­ken­haus-Beschäf­tig­te in Isolation
  • Wol­be­cker Stra­ße: Brü­cke wie­der befahrbar
  • Eisen­bahn­stra­ße: Neue Bus­spur jetzt sichtbar
  • Unbe­zahl­te Wer­bung: Piz­za-Back­mi­schung aus Münster
  • Drin­nen und Drau­ßen: Pri­de Weeks, Bara­cke, Klima-Ausstellung

Kurz und Klein

+++ Plan­än­de­rung. Aus dem Stadt­haus 4 am Albers­lo­her Weg wird nun mög­li­cher­wei­se doch ein Luft­schloss. Die West­fä­li­schen Nach­rich­ten haben gehört, dass die Stadt­ver­wal­tung in der nächs­ten Rats­sit­zung vor­schla­gen will, die Plä­ne für den Neu­bau in eine Schub­la­de zu legen, die Schub­la­de abzu­schlie­ßen und drei Kreu­ze zu machen. Begrün­dung: Die Bau­kos­ten stei­gen prak­tisch minüt­lich, aber Luft ist wei­ter­hin zu ganz güns­ti­gen Kon­di­tio­nen zu haben. Beschlie­ßen müss­te das alles noch der Rat. Die FDP-Frak­ti­on hat das Wochen­en­de schon mal genutzt, um sich dazu eine Mei­nung dazu zu machen. Frak­ti­ons­chef Jörg Berens: „Ange­sicht der aktu­el­len Bau­preis­stei­ge­run­gen ist es ver­nünf­tig, die Pla­nun­gen für das Stadt­haus 4 anzu­hal­ten und neu zu bewer­ten.“ Berens wür­de dar­in auch eine Chan­ce sehen – eine Chan­ce näm­lich, auf Büros zu ver­zich­ten und mehr Leu­te von zu Hau­se aus arbei­ten zu las­sen. Oder eben im Luft­schloss. Das soll nach aktu­el­len Schät­zun­gen ledig­lich einen Apfel und ein Ei kos­ten (Bio aller­dings) und vor­aus­sicht­lich Anfang nächs­ter Woche fer­tig sein. (rhe)

+++ Noch bis Ende August läuft das 9-Euro-Ticket. Danach kön­nen zumin­dest alle Abonnent:innen der Stadt­wer­ke mit ihrem Ticket in NRW wei­ter ohne zusätz­li­che Kos­ten Bus und Bahn fah­ren – aller­dings nur an den Wochen­en­den und bis Ende Okto­ber. Pro Abo kön­nen so bis zu zwei Erwach­se­ne und drei Kin­der mit­fah­ren. Alle Infor­ma­tio­nen zur Aboak­ti­on fin­den Sie hier. Und noch eine Akti­on der Stadt­wer­ke: Wenn Sie ein Abo besit­zen, kön­nen Sie bis Jah­res­en­de alle Tier-E-Scoo­ter in Deutsch­land kos­ten­los frei­schal­ten, Sie müs­sen nur die Fahrt­kos­ten zah­len. (ast)

+++ Die Müns­ter­lis­te for­dert eine enge­re regio­na­le Zusam­men­ar­beit im Müns­ter­land. Zwar besit­ze die „Stadt­re­gi­on Müns­ter“ – bestehend aus Müns­ter, Gre­ven, Ost­be­vern, Telg­te, Evers­win­kel, Sen­den­horst, Dren­stein­furt, Asche­berg, Sen­den, Not­tuln, Havix­beck und Alten­ber­ge – bereits seit 2019 eine Geschäfts­stel­le mit jähr­lich 279.000 Euro Bud­get, jedoch sei die­se wenig bekannt, heißt es in der Pres­se­mit­tei­lung. Aktu­ell orga­ni­sie­re sich die Stadt­re­gi­on Müns­ter zwar mit­hil­fe eines poli­ti­schen „Netz­werks aus Räte­tref­fen“ und einem „Bei­rat Stadt­re­gi­on“, aller­dings wür­den die­se zwei Gre­mi­en eine Betei­li­gung der Einwohner:innen aus­schlie­ßen. Des­halb schlägt die Müns­ter­lis­te eine von den Einwohner:innen gewähl­te poli­ti­sche Ver­tre­tung vor und außer­dem eine für das gesam­te Gebiet gemein­sa­me Kom­mu­nal­ver­wal­tung. Ziel sei es, die Stadt­re­gi­on Müns­ter geziel­ter und gemein­sa­mer pla­nen und ent­wi­ckeln zu kön­nen. (ast)

Wie es weiterging

Mit­te Juni hat­te ein Team der Uni Müns­ter eine Stu­die über Fäl­le sexu­el­len Miss­brauchs im Bis­tum Müns­ter vor­ge­stellt. Ges­tern ver­öf­fent­lich­te das Bis­tum eine Pres­se­mit­tei­lung, in der es die Reak­tio­nen und Maß­nah­men im Anschluss an die Stu­die zusam­men­fasst. Bei der Tele­fon­hot­line sei­en 24 nament­li­che Mel­dun­gen ein­ge­gan­gen, die bereits bekann­te Sach­ver­hal­te betra­fen. In einem Fall sei die Staats­an­walt­schaft ein­ge­schal­tet wor­den, weil ein neu­er Ort genannt wur­de. Über das Mel­de­por­tal des Bis­tums sei­en elf Mel­dun­gen an die Staats­an­walt­schalt wei­ter­ge­lei­tet wor­den. Sechs davon konn­ten kon­kre­ten Per­so­nen zuge­ord­net wer­den. Ins­ge­samt sei die Zahl der Mel­dun­gen im Ver­gleich zum Zeit­raum vor der Stu­die nicht gestie­gen. Bischof Dr. Felix Genn habe sich mit etwa 50 Betrof­fe­nen sexu­el­len Miss­brauchs per­sön­lich getrof­fen, wei­te­re Gesprä­che sind mög­lich. Auch gebe es ers­te Vor­schlä­ge von Betrof­fe­nen, wie das Bis­tum mit den Grä­bern ver­stor­be­ner Amts­trä­ger umge­hen soll, die aktiv Miss­brauchs­fäl­le ver­tusch­ten. Der Inter­ven­ti­ons­be­auf­trag­te des Bis­tums Peter Frings teil­te uns auf Nach­fra­ge mit, dass alle Vor­schlä­ge zunächst bis Ende Sep­tem­ber gesam­melt und dann ver­öf­fent­licht wür­den. Danach lege eine Grup­pe Betrof­fe­ner und Bis­tums­men­schen das genaue Vor­ge­hen fest. (ast)

Der Rürup 

Fachkräftemangel: Überall fehlen Leute

Wenn Cars­ten Taudt zur­zeit mit Unter­neh­men spricht, dann hört er von man­chen, dass sie ihre Kund­schaft etwas hin­hal­ten, weil ihnen die Leu­te feh­len. In der Öffent­lich­keit wür­den Fir­men so etwas nicht zuge­ben. Aber mit Taudt kön­nen sie offen reden. Er lei­tet den Geschäfts­be­reich Bil­dung bei der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer am Sent­ma­rin­ger Weg, und in sei­nem Res­sort sieht er, wo das Pro­blem sei­nen Ursprung hat. „Vor fünf, sechs Jah­ren hat­ten wir Anfang August in vie­len Beru­fen kei­ne offe­nen Aus­bil­dungs­plät­ze mehr. Das ist jetzt anders“, sagt er. 

Nach Zah­len der Arbeits­agen­tur Müns­ter-Ahlen gab es in die­sem Jahr in Müns­ter dop­pelt so vie­le Aus­bil­dungs­plät­ze wie Jugend­li­che, die sich auf sie bewar­ben. Noch Ende Juli, kurz vor Beginn des Aus­bil­dungs­jah­res, mel­de­te die ört­li­che Arbeits­agen­tur unge­wöhn­lich vie­le freie Stel­len, und das in allen Bran­chen und Berei­chen. Sogar Aus­bil­dungs­plät­ze in IT-Beru­fen könn­ten nicht mehr besetzt wer­den. Das sind eigent­lich die Stel­len, die am schnells­ten weg sind. 

„Wenn man sich heu­te drei Wochen Zeit lässt, nach­dem die Bewer­bun­gen ein­ge­gan­gen sind, hat die Hälf­te schon woan­ders zuge­sagt“, sagt Cars­ten Taudt. Auch die Indus­trie- und Han­dels­kam­mer selbst hat schon schlech­te Erfah­run­gen gemacht. Einen Aus­bil­dungs­platz muss­ten sie noch ein zwei­tes Mal aus­schrei­ben, weil sich kaum jemand bewarb. Und auch sonst hat sich eini­ges ver­än­dert. Als sie einem jun­gen Mit­ar­bei­ter kurz vor Ende sei­ner Aus­bil­dung das Ange­bot mach­ten, bei der Kam­mer anzu­fan­gen, sag­te der zwar zu – aber nur unter einer Bedin­gung: Nach vier Tagen ist Wochenende. 

Wir bewerben uns bei den Mitarbeitern”

Nico­le Kuhl­mann von der Bäcke­rei Gei­ping erlebt eben­falls einen Per­spek­tiv­wech­sel. Frü­her schau­te man sich die jun­gen Leu­te, die Bewer­bun­gen schick­ten, gründ­lich an und stell­te kri­ti­sche Fra­gen. „Heu­te bewer­ben wir uns bei den Mit­ar­bei­tern“, sagt Nico­le Kuhl­mann. In die­sem Jahr hat Gei­ping 22 Aus­zu­bil­den­de ein­ge­stellt. Zehn Stel­len im Ver­kauf blie­ben offen. 

Für Jugend­li­che ist das eine ange­neh­me Situa­ti­on. Sie kön­nen sich die Jobs aus­su­chen. Die Fir­men legen sich mäch­tig ins Zeug. Sogar, wenn die Aus­bil­dungs­ver­trä­ge schon unter­schrie­ben sind, laden sie Aus­zu­bil­den­de zu Fami­li­en­ta­gen ein, um sie kurz vor dem Start nicht doch noch zu ver­lie­ren. Die Fir­men stel­len E-Bikes zur Ver­fü­gung oder Fit­ness-Stu­dio-Abos. Die Bäcke­rei Gei­ping bie­tet Azu­bi-Tickets, 50-Pro­zent-Per­so­nal­ra­bat­te oder die Mög­lich­keit, Prak­ti­ka im Aus­land zu absol­vie­ren. Die Aus­zu­bil­den­den sol­len sich wohl­füh­len, denn wenn es nicht gelingt, sie zu hal­ten, wird ein Pro­blem immer grö­ßer, das auch jetzt schon beängs­ti­gen­de Aus­ma­ße hat. 

Das Mün­che­ner Ifo-Insti­tut hat Anfang August einen Bericht ver­öf­fent­licht, aus dem her­vor­geht, dass etwa die Hälf­te der Fir­men in Deutsch­land Pro­ble­me haben, qua­li­fi­zier­tes Per­so­nal zu fin­den. Noch vor drei Jah­ren gab das nur jedes drit­te Unter­neh­men an, im Jahr 2009 war es nur jedes zehnte. 

Es trifft alle Berei­che. Beson­ders knapp ist das Per­so­nal laut Arbeits­agen­tur in der Pfle­ge, in der Pro­duk­ti­on und in Fer­ti­gungs­be­ru­fen, im Maschi­nen­bau, in der Holz­ver­ar­bei­tung, im Han­del oder in der Gastronomie. 

Folgen sind überall sichtbar

In Müns­ter zei­gen sich die Fol­gen an vie­len Stel­len. Bau­an­trä­ge blei­ben mona­te­lang lie­gen, weil Per­so­nal fehlt. Ver­zö­ge­run­gen auf Bau­stel­len neh­men zu. Im Juli erzähl­te mir der Giga­b­it­ko­or­di­na­tor der Stadt, dass Per­so­nal­eng­päs­se den Glas­fa­ser­aus­bau aus­brem­sen. Vor zwei Wochen wur­de bekannt, dass die Hal­len­bä­der im Herbst und im Win­ter womög­lich nur ein­ge­schränkt zur Ver­fü­gung ste­hen wer­den, weil Fach­kräf­te feh­len. In Bäcke­rei­en und Cafés hän­gen Schil­der mit Stel­len­an­ge­bo­ten. Kitas müs­sen vor­über­ge­hend schlie­ßen, weil die Kin­der sich sonst um sich selbst küm­mern müssten.

Die neue NRW-Fami­li­en­mi­nis­te­rin Jose­fi­ne Paul von den Grü­nen hat am Frei­tag in einem Inter­view eine Koor­di­nie­rungs­stel­le in ihrem Minis­te­ri­um sowie eine Fach­kräf­te-Offen­si­ve ange­kün­digt. Und sie sag­te, man müs­se auch Quer­ein­stie­ge ein­fa­cher machen.

An Schu­len pas­siert das bereits. Wenn mor­gen das neue Schul­jahr beginnt, ste­hen im Regie­rungs­be­zirk 61 neue Lehr­kräf­te vor einer Klas­se, die noch vor Kur­zem in einem ande­ren Beruf gear­bei­tet haben. Man habe auch Lehr­kräf­te aus dem Ruhe­stand zurück­ge­holt, schreibt die Bezirks­re­gie­rung. 152 eigent­lich schon pen­sio­nier­te Lehr­kräf­te hel­fen nun vor­über­ge­hend aus. Trotz­dem blei­ben 477 Stel­len im Regie­rungs­be­zirk wei­ter unbe­setzt. In Müns­ter sind es nur 21. Hier ist es etwas leich­ter, Stel­len zu beset­zen als in ande­ren Regio­nen. Aber spä­tes­tens in vier Jah­ren wird sich auch hier etwas ändern. 

Dann kehrt das Land zum Abi nach neun Jah­ren zurück. Damit dann nicht mit einem Mal Tau­sen­de Stel­len besetzt wer­den müs­sen, hat man schon heu­te begon­nen, die Lehr­kräf­te ein­zu­stel­len, die man dann brau­chen wird. 

Zunächst arbei­ten sie teil­wei­se an ande­ren Schul­for­men, zum Bei­spiel an Grund­schu­len in Gel­sen­kir­chen. Dort ist das Per­so­nal beson­ders knapp. Wenn Lehr­kräf­te zwei Jah­re an einer soge­nann­ten Bedarfs­schu­le arbei­ten, kön­nen sie danach an eine Wunsch­schu­le wech­seln. Das ist das „Müns­te­ra­ner Modell“. 

„Für das Geld arbeiten viele gar nicht mehr“

Das Pro­blem ist kom­plex. Dreht man an einer Schrau­be, bewe­gen sich auch ande­re. In der frei­en Wirt­schaft müs­sen Fir­men mehr Geld bie­ten, wenn die Arbeits­kräf­te knapp wer­den. Das ist gut für die Beschäf­tig­ten. Aber die Unter­neh­men geben die höhe­ren Lohn­kos­ten über die Prei­se wei­ter. Und das in einer Zeit, in der die Infla­ti­on ohne­hin schon ein Pro­blem ist. 

In der Gas­tro­no­mie sind die Gehäl­ter zu Beginn des Jah­res deut­lich gestie­gen. Und sie wer­den noch wei­ter stei­gen – schon weil der Min­dest­lohn ab Okto­ber von 10,45 Euro auf 12 Euro wächst. Der sei für vie­le Betrie­be aller­dings kein Maß­stab, sagt Rena­te Döl­ling vom Hotel- und Gast­stät­ten­ver­band Deho­ga. „Für das Geld arbei­ten vie­le gar nicht mehr“, sagt sie. 12, 13 oder 14 Euro in der Stun­de sei­en auch jetzt in vie­len Betrie­ben schon üblich. Hin­zu kommt: „Geld ist nicht alles“, sagt Rena­te Dölling.

Vie­le jun­ge Men­schen erwar­ten mehr von einem Job als eine gute Bezah­lung. Das ist ein Grund dafür, dass sich das Pro­blem in der Gas­tro­no­mie nicht so leicht lösen lässt. Die Arbeit ist kör­per­lich anstren­gend, und sie fin­det auch abends, an Wochen­en­den oder an Fei­er­ta­gen statt – also dann, wenn ande­re frei haben. Und wenn Arbeits­kräf­te über­all knapp sind, erge­ben sich Mög­lich­kei­ten, dort­hin abzu­wan­dern, wo sich das Geld leich­ter ver­die­nen lässt. 

In der Pan­de­mie ist noch ein wei­te­rer Nach­teil sicht­bar gewor­den: die feh­len­de Sicher­heit. Als die Gas­tro­no­mie schlie­ßen muss­te, brach vie­len Beschäf­tig­ten die Exis­tenz­grund­la­ge weg. Die Kurz­ar­beit fing eini­ges auf, jeden­falls bei den Festangestellten. 

Wer nur einen Mini­job hat­te, stand plötz­lich ohne Ein­kom­men da. Vie­le die­ser Men­schen ori­en­tier­ten sich neu und kehr­ten spä­ter nicht wie­der zurück. Die Unsi­cher­heit ist auch wei­ter­hin ein Pro­blem. Kann man sich wirk­lich dar­auf ver­las­sen, dass Cafés und Restau­rants offen blei­ben, wenn im Win­ter die nächs­te Coro­na­wel­le kommt? Ist es klug, auf einen Job im Ser­vice zu setzen?

Eine Ausbildung kommt gar nicht in Frage

Die Fol­gen in der Gas­tro­no­mie sind offen­sicht­lich: klei­ne­re Spei­se­kar­ten, kür­ze­re Öff­nungs­zei­ten, ein zwei­ter oder drit­ter Ruhe­tag, weni­ger Ver­an­stal­tun­gen, kein Mit­tags­tisch mehr. Es kommt immer öfter vor, dass Gäs­te ihr Essen an der The­ke bestel­len und die Tel­ler spä­ter selbst weg­brin­gen müs­sen. Auch so spart die Gas­tro­no­mie Geld. 

Ein wei­te­rer Grund für die Per­so­nal­knapp­heit in vie­len Aus­bil­dungs­be­ru­fen hat eine tie­fe­re Ursa­che. Der deut­sche Hand­werks­prä­si­dent Hans Peter Wolls­ei­fer hat Ende Juli eine Bil­dungs­wen­de” gefor­dert. Das Ide­al in Deutsch­land ist wei­ter ein Stu­di­um. Eine Aus­bil­dung kommt für vie­le gar nicht in Frage. 

Ganz prak­tisch bedeu­tet das, Eltern wer­den nicht gefragt: Auf wel­che Schu­le geht euer Sohn? Oder: Was macht eure Toch­ter nach der Schu­le? Son­dern: Auf wel­ches Gym­na­si­um geht er denn? Oder: Was stu­diert sie?

Der Spie­gel-Kolum­nist Niko­laus Blo­me schrieb Anfang August eine Kolum­ne über die „Über­aka­de­mi­sie­rung“ in Deutsch­land. Die taz hat­te gefor­dert, es brau­che auch „sozia­le Mobi­li­tät nach unten“. Auch Kin­der aus Aka­de­mi­ker­fa­mi­li­en soll­ten eine Aus­bil­dung machen, viel­leicht sogar in der Pro­duk­ti­on arbei­ten. Blo­me schreibt: „Sol­che Sät­ze kann­te ich bis­lang nur von mir.“ Unter dem Text gibt er etwas ver­knif­fen zu, dass sei­ne drei Kin­der alle­samt stu­diert haben. Ein biss­chen zeigt das auch das Pro­blem: Anfan­gen sol­len bit­te die anderen. 

Das Hand­werk und die Indus­trie wol­len schon seit Jah­ren errei­chen, dass eine Aus­bil­dung und ein Stu­di­um gleich­wer­tig behan­delt wer­den. „Wir müs­sen weg von der Vor­stel­lung, dass nur ein Stu­di­um beruf­li­chen und per­sön­li­chen Erfolg brin­gen kann“, sagt Hand­werks­prä­si­dent Wolls­ei­fer. Dass auch an die­ser Stel­le vie­le Räd­chen inein­an­der­grei­fen, deren Ver­bin­dung man auf den ers­ten Blick nicht sieht, zeigt eine Umfra­ge der Hand­werks­kam­mer Müns­ter.

Jeder fünfte Beschäftigte ist älter als 55

Sie hat im Juli über 900 Aus­bil­dungs­be­trie­be nach offe­nen Stel­len gefragt. Das Ergeb­nis: Die meis­ten frei­en Aus­bil­dungs­stel­len gab es bei den Anlagenmechaniker:innen für Sani­tär-, Hei­zungs- und Kli­ma­tech­nik. Fehlt hier das Per­so­nal, hakt es irgend­wann bei der Kli­ma­wen­de. Ein klei­ner Hoff­nungs­schim­mer: Die Zahl der Aus­zu­bil­den­den im Sani­tär- und Hei­zungs­bau in Deutsch­land lag laut Sta­tis­ta vor zwei Jah­ren um 15 Pro­zent höher als vor zehn Jahren. 

Die­ses Niveau zu hal­ten, wird nicht ganz leicht sein, denn eine der Haupt­ur­sa­chen für den Fach­kräf­te­man­gel ist der demo­gra­fi­sche Wan­del. Im Sani­tär- und Hei­zungs­bau ist die Zahl der Beschäf­tig­ten inner­halb von zehn Jah­ren trotz stei­gen­der Aus­bil­dungs­zah­len um knapp zehn Pro­zent gesun­ken. Und jeder fünf­te Beschäf­tig­te ist über 55 Jah­re alt. 

In Müns­ter wird laut der Arbeits­agen­tur jeder fünf­te Beschäf­tig­te in den kom­men­den zehn Jah­ren in den Ruhe­stand gehen. Das sind mehr als 37.000 Men­schen. Über 20.000 von ihnen sind Fach­kräf­te. Gleich­zei­tig kom­men weni­ger jun­ge Men­schen nach. 

Und da ist noch ein wei­te­res Pro­blem: Acht von zehn der knapp 3.700 Stel­len­an­ge­bo­te der Arbeits­agen­tur rich­ten sich an Fach­kräf­te. Aber über die Hälf­te der arbeits­lo­sen Men­schen sind gering­qua­li­fi­ziert. Die Lücke dazwi­schen lässt sich kaum schlie­ßen. Und wenn, dann nur mit­tel­fris­tig – durch Ausbildung. 

Viel­leicht noch eine gute Nach­richt zum Schluss: An den Unter­neh­men in Müns­ter schei­tert das nicht. Ihre Aus­bil­dungs­be­reit­schaft sei über­durch­schnitt­lich hoch, schreibt die Arbeits­agen­tur. Im Lan­des­schnitt bil­de jedes fünf­te Unter­neh­men aus. In Müns­ter sei es sogar jedes vier­te. (rhe)

Ein Hin­weis: Wir hat­ten auch der Stadt Müns­ter eine Anfra­ge geschickt. Unter ande­rem woll­ten wir wis­sen, wo der Fach­kräf­te­man­gel in der Stadt­ver­wal­tung am stärks­ten zu spü­ren ist. Die Anfra­ge ging aller­dings erst ges­tern raus. Die Stadt schrieb, sie brau­che noch etwas Zeit, um die Fra­gen zu beant­wor­ten. Das Ergeb­nis rei­chen wir nach. 

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Corona-Update

+++ Die Wochen­in­zi­denz in Müns­ter liegt heu­te bei 416 posi­ti­ven PCR-Tests pro 100.000 Einwohner:innen in den letz­ten sie­ben Tagen. Das ist etwas nied­ri­ger als in der ver­gan­ge­nen Woche, und auch deutsch­land­weit gehen die gemel­de­ten Infek­ti­ons­zah­len laut dem Robert-Koch-Insti­tut (RKI) etwas zurück. Gleich­zei­tig las­sen sich wie­der mehr Men­schen imp­fen. Bei­des geht in die rich­ti­ge Rich­tung, muss laut dem RKI aber noch bes­ser werden.

+++ Seit eini­ger Zeit mel­det die Stadt in ihren täg­li­chen Coro­na­zah­len nicht mehr, wie vie­le Men­schen mit Covid-19 im Kran­ken­haus auf den Nicht-Inten­siv­sta­tio­nen behan­delt wer­den. Wir haben des­halb ein­mal nach­ge­fragt. Die Uni­kli­nik behan­delt auf ihren Nor­mal­sta­tio­nen 18 Covid-Patient:innen. 86 Mitarbeiter:innen der Uni­kli­nik sind wegen einer Coro­na­in­fek­ti­on in häus­li­cher Iso­la­ti­on, schreibt uns die Pres­se­spre­che­rin außer­dem. Vor zwei Wochen sei­en noch 176 Mit­ar­bei­ten­de aus die­sem Grund aus­ge­fal­len. Auf der Nor­mal­sta­ti­on des Fran­zis­kus-Hos­pi­tals lie­gen zur­zeit acht Covid-Patient:innen, 17 Mitarbeiter:innen fal­len coro­nabe­dingt aus. Da auch Per­so­nal aus ande­ren Grün­den aus­fal­le, müs­se sich das Kran­ken­haus „bei star­ker Fre­quen­tie­rung unse­rer Not­auf­nah­me“ gele­gent­lich vom Ret­tungs­dienst abmel­den, sodass Ret­tungs­wa­gen es nicht mehr anfah­ren kön­nen. Das sei auch bei ande­ren Kran­ken­häu­sern so.

+++ Auf den Inten­siv­sta­tio­nen in Müns­ter wer­den laut Inten­siv­re­gis­ter zur­zeit drei Covid-Patient:innen behandelt. 

+++ Und zum Schluss noch ein Ser­vice­hin­weis: Bis Ende Novem­ber kön­nen Sie sich wie­der tele­fo­nisch krank­schrei­ben las­sen, wenn Sie Erkäl­tungs­sym­pto­me haben. (ast/cbu)

Ein-Satz-Zentrale

+++ Kaum haben die Bau­ar­bei­ten wie­der begon­nen, gibt es eine neue Kla­ge gegen den Hafen­markt am Han­sa­ring. (West­fä­li­sche Nach­rich­ten)

+++ Ab mor­gen wer­den die Mar­kie­run­gen für die neue Bus­spur am Haupt­bahn­hof auf­ge­bracht. (Stadt Müns­ter)

+++ Brü­cken I: Die Kanal­brü­cke an der Wol­be­cker Stra­ße ist ab Mitt­woch wie­der befahr­bar. (West­fä­li­sche Nach­rich­ten)

+++ Brü­cken II: Die Fuß­gän­ger­brü­cke über die Brü­ning­hei­de wird abge­ris­sen. (West­fä­li­sche Nach­rich­ten)

+++ Die Stadt stat­tet immer mehr Schul­dä­cher mit Solar­an­la­gen aus. (Anten­ne Müns­ter)

+++ In einem Mehr­fa­mi­li­en­haus der LEG in Müns­ter gibt es Ärger wegen eines Was­ser­scha­dens. (WDR)

Unbezahlte Werbung

„Ein­fach mal wie­der eine lecke­re Piz­za essen“, haben sich Vanes­sa Dart­mann und Saskia Deim gedacht. Ganz so ein­fach war es dann aber nicht, weil die bei­den Müns­te­r­a­ne­rin­nen aus gesund­heit­li­chen Grün­den auf eine glu­ten­freie Ernäh­rung umge­stie­gen sind. Sie mach­ten ihre Piz­za also selbst und grün­de­ten bei der Gele­gen­heit auch gleich ihr Piz­za­teig-Start­up. „null.“ heißt die Back­mi­schung, die auf Glu­ten ver­zich­tet und zu Hau­se nur noch mit Was­ser und Öl ver­mengt wer­den muss. Zu kau­fen gibt es sie online, bei Rewe am Han­sa­ring, im Hof­la­den Schwer­mann und in Moritz Kie­pe an der Wol­be­cker Stra­ße. Wer die Piz­za direkt im Restau­rant essen möch­te, bekommt eine „null.“-Pizza bei Casa Paz­zi oder nach Vor­be­stel­lung im Zum zwei­schnei­di­gen Pferd.

Hier fin­den Sie alle unse­re Emp­feh­lun­gen. Soll­te Ihnen ein Tipp beson­ders gut gefal­len, tei­len Sie ihn ger­ne ein­fach über den Link.

Drinnen und Draußen

Die Som­mer­fe­ri­en sind vor­bei, das merkt man unter ande­rem an den wie­der vol­le­ren Ver­an­stal­tungs­ka­len­dern. Vik­to­ria Pehl­ke hat das Bes­te für Sie herausgesucht:

+++ Die Bun­des­mi­nis­te­rin Sven­ja Schul­ze (SPD) spricht am Sonn­tag um 11 Uhr im Roten Salon im Coli­bri-Café über die Zei­ten­wen­de der Außen- und Ent­wick­lungs­po­li­tik. Die Anmel­dung ist per E-Mail noch heu­te mög­lich. Mehr Infos fin­den Sie hier.

+++ Mor­gen kön­nen Sie Ihren Fei­er­abend im LWL-Natur­kun­de­mu­se­um aus­klin­gen las­sen. Von 18 bis 21 Uhr ist die Son­der­aus­stel­lung Das Kli­ma geöff­net, außer­dem gibt es Vor­trä­ge, Dis­kus­si­ons­run­den und zusätz­li­che Vor­füh­run­gen im Pla­ne­ta­ri­um. Tickets für die Ver­an­stal­tung bekom­men Sie online.

+++ Am Frei­tag begin­nen die Tage der Nach­hal­tig­keit. Bis zum 20. August fin­den Sie in ganz Müns­ter Pro­jek­te und Ver­an­stal­tun­gen vom Klei­der­tausch bis zur Depo­nie­wan­de­rung. Hier geht es zum Pro­gramm der Akti­ons­wo­che. Und schon mal ein Aus­blick und eine Ein­la­dung: Am 20. August ist RUMS auch selbst mit einem Stand dabei.

+++ Auf der Kul­tur­fri­sche-Som­mer­büh­ne in Kin­der­haus tritt am Frei­tag ab 18 Uhr das Peng-Impro­thea­ter auf. Sie kön­nen ein­fach zuschau­en oder auch mit­ma­chen, indem Sie Ideen für die Impro­vi­sa­tio­nen her­ein­ru­fen. Kar­ten gibt es im Vor­ver­kauf online.

+++ Die Bara­cke fei­ert ihr 25-jäh­ri­ges Bestehen. Das stu­den­ti­sche Kul­tur­zen­trum lädt Frei­tag und Sams­tag zu Live­mu­sik, Sekt­früh­stück und After­show­par­ty ein. Der Ein­tritt ist kos­ten­frei, das Pro­gramm fin­den Sie hier.

+++ Seit ges­tern macht eine „Archäo­lo­gi­sche Zeit­ma­schi­ne“ eine Tour durch West­fa­len. Mit­hil­fe von Vir­tu­al Rea­li­ty ist eine Zeit­rei­se durch die Stein­zeit und bis ins Mit­tel­al­ter mög­lich. Noch bis Sams­tag kön­nen Sie sich das im Erd­ge­schoss der Arka­den anschau­en. Hier fin­den Sie schon mal ein paar Bil­der und mehr Infor­ma­tio­nen zu dem Projekt.

+++ Am Sams­tag begin­nen in Müns­ter die Pri­de Weeks. Zwei Wochen lang wol­len Men­schen und Ver­ei­ne der quee­ren Com­mu­ni­ty mit Lesun­gen, Gesprä­chen, Fei­ern und ande­ren Ver­an­stal­tun­gen infor­mie­ren und für eine offe­ne Gesell­schaft wer­ben. Start­schuss ist am Sams­tag­abend die CSD-Sup­port-Par­ty im KCM-Schwu­len­zen­trum im Hawerkamp 31. Das gesam­te Pro­gramm fin­den Sie hier.

+++ Die Initia­ti­ve „Müns­ter isst veg­gie“ setzt sich seit elf Jah­ren für eine kli­ma­ge­sün­de­re, vege­ta­ri­sche Ernäh­rung in Müns­ter ein, etwa mit Info­stän­den und einem vege­ta­ri­schen Restau­rant­plan. Am Sams­tag holt die Initia­ti­ve ihr zehn­jäh­ri­ges Jubi­lä­um nach, und zwar mit einer Fei­er auf dem Stu­ben­gas­sen­platz. Um 11 Uhr geht es los. 

Am Frei­tag kommt wie­der Post von uns. Ich wün­sche Ihnen eine gute Woche. 

Herz­li­che Grü­ße
Ralf Hei­mann

Mit­ar­beit: Con­stan­ze Busch, Vik­to­ria Pehl­ke, Anto­nia Strot­mann
Lek­to­rat: Anto­nia Strotmann

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PS

Im Okto­ber wählt eine crin­ge Jury das Jugend­wort des Jah­res und nimmt es damit den Jugend­li­chen aus ihrem Wort­schatz. Viel­leicht erin­nern Sie sich noch, im Jahr 1257 gewann der Aus­spruch „Tan­dara­dei“ die Wahl, 2014 stand auf Platz eins: „Läuft bei dir.“ Vor zwei Jah­ren einig­te man sich auf „lost“, vor „crin­ge“ auf dem zwei­ten Platz, das dann im ver­gan­ge­nen Jahr an der Spit­ze stand. Und wir wol­len hier nichts vor­weg­neh­men, aber in die­ser Woche erzähl­te mir eine Mut­ter, „crin­ge“ und „lost“, das sei ja alles gut und schön, aber es sei gar nichts im Ver­gleich zu einem Wort, das sie täg­lich Dut­zen­de Male von ihrer Toch­ter höre und es mitt­ler­wei­le auch nicht mehr hören kön­ne. Aber kei­ne Sor­ge, Sie müs­sen jetzt nicht schon wie­der eine neue Voka­bel ler­nen, denn die­ses neue Jugend­wort lau­tet tat­säch­lich „tat­säch­lich“.