Die Kolumne von Michael Jung | Fünf Gründe für die hohen Baukosten

Müns­ter, 11. Juli 2021

Guten Tag,

dass es bei öffent­li­chen Bau­vor­ha­ben schnell etwas teu­rer wird, das ist eine weit ver­brei­te­te Ein­schät­zung. Die Stadt Müns­ter hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auch immer wie­der erlebt, dass die Kos­ten weit höher lie­gen als geplant. Die Debat­te über die explo­die­ren­den Kos­ten der Mat­hil­de-Anne­ke-Gesamt­schu­le hat zuletzt gezeigt: Im Bun­des­tags­wahl­kampf sucht man auch ger­ne Sün­den­bö­cke. Ist der bis­he­ri­ge Immo­bi­li­en­de­zer­nent Mat­thi­as Peck (Grü­ne) also an allem schuld? 

Immer­hin tauch­te der Vor­schlag auf, dass er jetzt die Ver­ant­wor­tung für den Hoch­bau an sei­ne eben­falls grü­ne Ver­wal­tungs­vor­stands­kol­le­gin, die Käm­me­rin Chris­ti­ne Zel­ler, abge­ben könn­te. Das wür­de zwar wie­der ein­mal zei­gen, dass die Ver­wal­tungs­res­sorts sich unter Ober­bür­ger­meis­ter Mar­kus Lewe immer mehr zu minis­te­ri­ums­ähn­li­chen Par­tei­res­sorts ent­wi­ckeln. Aber wür­de so auch das Pro­blem der aus­ufern­den Bau­kos­ten in Müns­ter gelöst? Die Grün­de sind viel dif­fe­ren­zier­ter – und nur teil­wei­se in Pecks Ver­ant­wor­tungs­be­reich zu suchen. Aus mei­ner Sicht gibt es fünf Grün­de dafür, dass in Müns­ter kom­mu­na­les Bau­en preis­lich so oft aus dem Ruder läuft.

Grund 1: Die Kostenschätzung

Müns­ter plant viel und baut spä­ter. Das läuft ver­wal­tungs­in­tern so, dass zunächst ein Bedarf fest­ge­stellt wird – zum Bei­spiel für eine drit­te Feu­er­wa­che in Hil­trup. Im nächs­ten Schritt erstellt die Ver­wal­tung auf der Grund­la­ge frü­he­rer Bau­ten eine ers­te vor­läu­fi­ge Kos­ten­schät­zung und merkt sie im Haus­halt vor. Das Ergeb­nis ist dann eine soge­nann­te Ver­pflich­tungs­er­mäch­ti­gung – also eine Zahl im Haus­halt, die deut­lich machen soll, wie viel Geld in spä­te­ren Jah­ren benö­tigt wird. Zur­zeit tür­men sich sol­che Ermäch­ti­gun­gen im Haus­halt auf rund 200 Mil­lio­nen Euro.

Das Pro­blem ist, dass von der Anmel­dung bis zu den kon­kre­ten Bau­pla­nun­gen ein paar Jah­re ver­ge­hen kön­nen. In der Zwi­schen­zeit stei­gen die Kos­ten. Bei der Feu­er­wa­che 3 in Hil­trup waren das im Jahr 2020 etwa 13 Mil­lio­nen Euro oder 100 Pro­zent. Der zustän­di­ge Immo­bi­li­en­de­zer­nent Mat­thi­as Peck hat die­ses Pro­blem ein­mal „den Fluch der ers­ten Zahl“ genannt. Hier zei­gen sich der Wert wie auch die Gren­zen einer grund­stän­di­gen theo­lo­gi­schen Aus­bil­dung, wie Peck sie genos­sen hat: Für das Pro­blem ist schnell ein tref­fen­des Wort gefun­den, nur eine irdi­sche Lösung fin­det sich nicht ganz so leicht.

Dabei könn­te man beim Land­schafts­ver­band West­fa­len-Lip­pe (LWL) sehen, wie man sol­che Kos­ten­ex­plo­sio­nen ver­mei­det: Man stellt die Haus­halts­an­sät­ze erst ein, wenn auch eine fun­dier­te Pla­nung vor­liegt. Man ermit­telt ein Bud­get, das (gekop­pelt an den Bau­preis­in­dex) jähr­lich fort­ge­schrie­ben wird, und setzt vor allem bau­be­glei­tend funk­tio­nie­ren­de Con­trol­ling-Struk­tu­ren ein, die dabei hel­fen, die Kos­ten zu kontrollieren. 

Wie so etwas funk­tio­niert, konn­te man beim Neu­bau des LWL-Muse­ums für Kunst und Kul­tur am Dom­platz sehen: Alles blieb weit­ge­hend im Zeit­plan, aber vor allem unter der Kos­ten­schät­zung. Es ist also kein Hexen­werk, son­dern durch­aus mög­lich, bei öffent­li­chen Bau­ten durch ein klu­ges Manage­ment und wirk­sa­mes Con­trol­ling die Kos­ten im Griff zu behalten.

Grund 2: Die Prognosen und das Provisorium

Müns­ter baut ger­ne dop­pelt – oder jeden­falls andert­halb­fach. Auf der Grund­la­ge unzu­rei­chen­der Bevöl­ke­rungs­pro­gno­sen ergibt sich oft schein­bar die Not­wen­dig­keit, Gebäu­de zu erwei­tern. Die Fol­ge sind dann zunächst pro­vi­so­ri­sche Con­tai­ner an Kitas oder Schu­len, soge­nann­te Fer­tig­bau­klas­sen, und schließ­lich folgt ein neu­es Gebäu­de in Mas­siv­bau­wei­se. Das kos­tet natür­lich doppelt.

Ein Bei­spiel (von vie­len) dafür ist das Schul­zen­trum in Wol­beck, das eine Haupt­schu­le, eine Real­schu­le und ein Gym­na­si­um beher­bergt. Schon früh zeig­te sich: Die Klas­sen­räu­me rei­chen nicht aus, es wur­den also Con­tai­ner­klas­sen errich­tet. Im Jahr 2007 beschloss der Rat die Erwei­te­rung der Schu­le, und zwar um drei natur­wis­sen­schaft­li­che Fach­räu­me. Jetzt könn­te man den­ken, man hät­te auch gleich die feh­len­den Klas­sen­räu­me ergänzt und die Con­tai­ner spä­ter ersetzt. Nein, es blieb bei drei Fachräumen.

Weni­ge Mona­te nach deren Fer­tig­stel­lung beschloss man die nächs­te Erwei­te­rung um einen Mensabe­reich. Jetzt könn­te man den­ken: Viel­leicht wur­den dann auch end­lich die feh­len­den Klas­sen­räu­me gebaut? Nein, es blieb beim Mensabe­reich, der ein Jahr zuvor auch nicht mit­ge­plant wer­den konnte.

2014 schließ­lich folg­te dann ein gro­ßes Bau­vor­ha­ben. Man erneu­er­te für ins­ge­samt 5,5 Mil­lio­nen Euro Fas­sa­den und Dächer. Jetzt könn­te man den­ken: Die­ses Mal kamen auch die Klas­sen­räu­me. Nein, die Con­tai­ner wer­den wei­ter­hin ste­hen blei­ben, und inzwi­schen sah man ihnen die Jah­re schon an.

Kaum waren Fas­sa­den und Dächer fer­tig, folg­te Ende 2016 schon der nächs­te Beschluss. Weil Räu­me fehl­ten, brauch­te man vier wei­te­re Fer­tig­bau­klas­sen, also neue Con­tai­ner – Kos­ten­punkt damals: rund eine Mil­li­on Euro.

Im Mai 2020 kamen dann noch zwei wei­te­re Con­tai­ner hin­zu, Kos­ten dies­mal: rund 700.000 Euro. Im Juni 2020 traf man einen Grund­satz­be­schluss. Das Schul­zen­trum soll­te elf­zü­gig wer­den, es soll­te also elf Klas­sen pro Jahr­gang bekom­men. Ein Jahr spä­ter ist aller­dings noch nichts passiert.

An die­sem Bei­spiel kann man gut sehen, wie fal­sche Pro­gno­sen über Schüler:innenzahlen und vor allem per­ma­nen­te Inte­rims­lö­sun­gen die Kos­ten trei­ben. Bes­ser wäre: Ein­mal eine Erwei­te­rung bau­en, die dem Bedarf ent­sprä­che. Dann hät­te man kei­ne per­ma­nen­ten Dau­er­bau­stel­len mit immer neu­en Zwi­schen- und Teil­lö­sun­gen. In Wol­beck zeigt sich exem­pla­risch, was oft schief­läuft. Jetzt könn­te man den­ken: Immer­hin, Ende gut, alles gut, jetzt ist ja bald Platz für elf Züge. 

Wenn man aber die Züge in den Grund­schu­len im Ein­zugs­be­reich des Schul­zen­trums zählt, sind elf Züge doch etwas knapp bemes­sen. Aber auf wei­ter­füh­ren­de Schu­len kom­men die­se Kin­der erst spä­ter, des­we­gen wird die Erwei­te­rungs­dis­kus­si­on sicher auch nach dem Beschluss noch wei­ter­ge­hen. Und wenn der Platz dann nicht reicht, fin­den sich sicher neue Con­tai­ner, oder man nutzt die alten ein­fach weiter.

Die Schul­ver­wal­tung erwei­tert aktu­ell bereits die im letz­ten Jahr fer­tig­ge­stell­te und neu eröff­ne­te Grund­schu­le in Wol­beck um einen wei­te­ren Zug. Gleich­zei­tig gibt es auch die Debat­te dar­über, ob in Grem­men­dorf eine neue Gesamt­schu­le ent­ste­hen soll. Wenn das geschä­he, wären elf Züge am Schul­zen­trum in Wol­beck wie­der­um zu viel.

Hier zeigt sich: Wer nur bis zum nächs­ten Schritt denkt und nie das Gan­ze im Blick behält, zahlt eben drauf. Ver­ant­wort­lich für die­se Pro­gno­sen und Pla­nun­gen ist übri­gens der CDU-Schul­de­zer­nent Tho­mas Paal. Er ver­ant­wor­tet allein in den letz­ten drei Jah­ren Inte­rims­bau­ten und Pro­vi­so­ri­en für Schu­len und Kitas in einem zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich – alles Pro­jek­te, bei denen dann die end­gül­ti­gen Bau­maß­nah­men noch zusätz­lich kos­ten. Jedes ein­zel­ne Pro­vi­so­ri­um ist auf unzu­rei­chen­de Pro­gno­sen und Fehl­pla­nun­gen inner­halb der Fach­ver­wal­tung zurückzuführen.

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Grund 3: Der goldene Münster-Standard

Müns­ter baut ger­ne hoch­wer­tig. In der Juni-Sit­zung des Rates vor der Som­mer­pau­se stand ein ewi­ger Klas­si­ker zur Beschluss­fas­sung an und wur­de dann erst mal ver­tagt. Es ging um die Gebäu­de­leit­li­ni­en der Stadt Müns­ter. In die­sem Kata­log sind auf etli­chen Sei­ten und meh­re­ren Anla­gen die Vor­ga­ben fest­ge­schrie­ben, die bei Bau­pro­jek­ten der Stadt ein­ge­hal­ten wer­den sol­len. In den Leit­li­ni­en geht es um Ener­gie­ef­fi­zi­enz, Bar­rie­re­frei­heit und vie­les andere.

Mit viel Lie­be zum Detail hat die Stadt­ver­wal­tung dort zusam­men­ge­tra­gen, was alles für kli­ma­ge­rech­tes, schö­nes und siche­res Bau­en nötig erscheint. In fast allen Grenz- und Richt­wer­ten geht die Stadt bei die­sen Leit­li­ni­en über die gesetz­li­chen Vor­ga­ben hinaus.

Müns­ter will also immer etwas kli­ma­freund­li­cher, bar­rie­re­frei­er und siche­rer sein als es Bund und Land vor­ge­ben. Seit den 1990er-Jah­ren geht das in Müns­ter schon so: Kaum kom­men neue Vor­ga­ben auf natio­na­ler Ebe­ne, ver­schärft Müns­ter die eige­nen Bedin­gun­gen noch etwas wei­ter. Von aus­wär­ti­gen Archi­tek­tur­bü­ros ist seit Jah­ren in vie­len Wett­be­wer­ben immer wie­der gro­ßes Erstau­nen über den Umfang der Regu­lie­rungs­freu­de in Müns­ter zu ver­neh­men – die natür­lich die Kos­ten nach oben treibt.

Bei der Mat­hil­de-Anne­ke-Gesamt­schu­le zeigt sich exem­pla­risch, wohin das führt: Müns­ter ent­schei­det sich für eine sechs­zü­gi­ge Gesamt­schu­le in Holz­rah­men­bau­wei­se, obwohl es im gan­zen Land kein ein­zi­ges Refe­renz­bei­spiel für eine Schu­le die­ser Grö­ßen­ord­nung in die­ser Bau­wei­se gibt. Und anschlie­ßend wun­dert man sich über neue Pro­ble­me beim Bau der Schu­le. Aktu­ell weist die Neu­fas­sung der Richt­li­nie schon wie­der einen der­art umfas­sen­den Wunsch­ka­ta­log auf, dass man jetzt schon weiß: Es wird alles wie­der teu­rer werden.

Ähn­lich sieht es mit der Vor­lie­be der Stadt für Archi­tek­tur­wett­be­wer­be aus. Als im Som­mer 2020 in der Poli­tik die For­de­rung auf­kam, in Zukunft die Zahl der Wett­be­wer­be zu redu­zie­ren, war der Auf­schrei groß. Und er kam, na klar, von den Vertreter:innen der Zunft. Die Bau­qua­li­tät sei in Gefahr.

Es soll­te nicht infra­ge gestellt wer­den, dass gro­ße und stadt­bild­prä­gen­de Bau­vor­ha­ben mit einem Wett­be­werb aus­ge­lobt wer­den müs­sen. Für die Gesamt­schu­le gilt das bei­spiels­wei­se ganz sicher. Aber muss es auch Wett­be­wer­be für jede Kita, jede Sport­hal­le und jedes Feu­er­wehr­ge­rä­te­haus geben? Muss jedes Funk­ti­ons­ge­bäu­de als ein archi­tek­to­ni­scher Soli­tär daher­kom­men? Wen stört es, wenn eine Sport­hal­le in Han­dorf genau­so und genau­so gut aus­sieht wie die in Albach­ten? Muss jede Kita ein­zig­ar­tig sein? Und wol­len wir ernst­haft wei­ter­hin so unver­ant­wort­lich teu­re Bau­pro­jek­te sehen wie den Umbau einer ehe­ma­li­gen Kir­che zu einer Kita, wie es an der Ham­mer Stra­ße an der Ein­mün­dung zur Geist­stra­ße gesche­hen ist?

Für die Stadt wären ihre Funk­ti­ons­bau­ten weit güns­ti­ger und schnel­ler fer­tig, wenn sie sie nach einem ein­heit­li­chen, qua­li­ta­tiv guten Stan­dard bau­en wür­de. Die For­de­rung ist zwar nicht neu, aber natür­lich ist die Umset­zung schwie­rig. So zeig­te sich in den letz­ten Jah­ren, dass jedes Feu­er­wehr­ge­rä­te­haus in jedem Stadt­teil dann doch wie­der so indi­vi­du­ell ist, dass im Ein­zel­fall dann doch wie­der ein Archi­tek­ten­wett­be­werb erfolgt – auch wenn es wie in die­sem Fall nur um eine zusätz­li­che Sup­pen­kü­che fürs Gerä­te­haus geht, die Teil des Neu­baus sein soll­te. Immer­hin, in Spra­kel und Albach­ten sol­len jetzt zwei Grund­schu­len nach glei­chem Ent­wurf errich­tet werden.

Man sieht hier: Müns­ter stellt stets Ansprü­che, mit denen die Kos­ten wach­sen. Und wenn es ein­mal anders käme, wäre der Auf­schrei der Archi­tek­tur­lob­by laut: Man soll­te immer beden­ken, dass jeder Euro, den die Stadt zu viel aus­gibt, eben auch bei jeman­dem in die Tasche fließt. So muss man sagen: Der gol­de­ne Müns­ter-Stan­dard, die zahl­lo­sen Extra­wün­sche und die der Lob­by zulie­be durch­ge­führ­ten über­flüs­si­gen Wett­be­wer­be sind es, die in erheb­li­chem Maße Zeit und Geld kosten.

Grund 4: Fehlendes Kostenbewusstsein

Und damit sind wir bei der Poli­tik. Natür­lich lie­ße sich vie­les davon poli­tisch ändern. Über alle Frak­tio­nen hin­weg lässt sich die Ten­denz erken­nen, dass der fach­po­li­ti­sche Blick auf den Bau stets den finanz­po­li­ti­schen domi­niert. Das bedeu­tet: Zuerst schaut man, was man für not­wen­dig hält, dann auf die Kos­ten. Wer will sich schon nach­sa­gen las­sen, gegen eine Kita oder gegen eine Schu­le gewe­sen zu sein? Also stimmt man lie­ber zu, hält die Klap­pe und liest die Kos­ten­schät­zung bes­ten­falls oberflächlich.

Oder man ver­schiebt den Ball zur Ver­wal­tung: So beschloss der Rat im Jahr 2015, die Mat­hil­de-Anne­ke-Gesamt­schu­le dür­fe höchs­tens 50 Mil­lio­nen Euro kos­ten (Schät­zung der Ver­wal­tung damals: 55 Mil­lio­nen Euro). Wie das gelin­gen soll­te, dazu schwieg man sich aus.

Man darf von der Poli­tik erwar­ten, dass sie Vor­schlä­ge dazu macht, an wel­chen Stel­len Geld gespart wird, wenn Geld gespart wer­den soll. Dazu müss­te man über Bau­stan­dards dis­ku­tie­ren. Das pas­siert aber seit Jah­ren nicht, und natür­lich gibt es (sie­he oben) ein­fluss­rei­che Lob­by­grup­pen, die ein Inter­es­se dar­an haben, dass das nicht geschieht.

Vor Jah­ren, als die FDP noch für Mehr­heits­bil­dun­gen im Rat­haus benö­tigt wur­de, war das noch etwas anders: Damals gab es einen Grund­satz­be­schluss, dass die Ver­wal­tung für jede Bau­maß­nah­me neben der Stan­dard­pla­nung auch eine soge­nann­te Reduk­ti­ons­va­ri­an­te vor­le­gen soll­te, eine Spar­ver­si­on: Vol­le Funk­tio­na­li­tät, aber nied­ri­ge­re Stan­dards und damit auch Kosten. 

20 Pro­zent Ein­spa­rung war das Ziel. Davon ist in den letz­ten Jah­ren kei­ne Rede mehr. Jetzt gibt es kei­ne Reduk­ti­ons­va­ri­an­ten mehr, statt­des­sen aber detail­ver­lieb­te Ände­rungs­an­trä­ge, und in der Ten­denz sat­telt man eher noch auf: Könn­te hier nicht noch etwas Dach­be­grü­nung her oder dort noch ein zusätz­li­cher Raum?

So muss man sagen: Wich­tig wäre mehr Kos­ten­be­wusst­sein in der Poli­tik. Dazu gehört, dass die Kos­ten­ef­fi­zi­enz eines Gebäu­des bei Wett­be­wer­ben eine grö­ße­re Bedeu­tung bei den Bewer­tungs­kri­te­ri­en bekom­men muss. Im Moment ist es nur ein Punkt unter vie­len. Dabei ist die Wirt­schaft­lich­keit von Gebäu­den bei einer Lebens­dau­er von 80 oder mehr Jah­ren auch eine Fra­ge der Genera­tio­nen­ge­rech­tig­keit. Was jetzt zu teu­er gebaut wird oder zu wenig nach­hal­tig (Stich­wort Pro­vi­so­ri­en), das beschnei­det die Hand­lungs­spiel­räu­me derer, die nach uns kommen.

Grund 5: Fehlentscheidungen und fehlende Verwaltungsführung

Nun soll das Pro­blem mög­li­cher­wei­se gelöst wer­den, indem die Ver­ant­wor­tung für den Hoch­bau zur grü­nen Käm­me­rin ver­scho­ben wird. Damit wür­de ein älte­rer Beschluss aus der schwarz-gel­ben Zeit mal eben rück­gän­gig gemacht. Er hat­te sei­ner­zeit Hoch­bau und Lie­gen­schaf­ten ver­ei­nigt, um Per­so­nal zu spa­ren. Nun also zurück in die Trennung? 

Auch hier wäre es nötig, tie­fer anzu­set­zen: Als die Ämter ver­ei­nigt wur­den, waren sie erheb­lich klei­ner: Unter Schwarz-Gelb ver­kauf­te man allen­falls Grund­stü­cke, Bau­vor­ha­ben gab es weni­ge. Seit 2010 hat sich das geän­dert: Der Aus­bau der Ganz­tags­be­treu­ung, die Ände­rung der Schul­struk­tur, das Wachs­tum der Stadt – heu­te muss die Ver­wal­tung ein Viel­fa­ches mehr an Pro­jek­ten mana­gen als vor 15 Jahren.

Es ist aber nicht in glei­chem Maße Per­so­nal hin­zu­ge­kom­men: Nach einer Orga­ni­sa­ti­ons­un­ter­su­chung wur­de zwar vor eini­ger Zeit ein gro­ßer Block zusätz­li­cher Stel­len bewil­ligt, aber deren Beset­zung erwies sich als schwierig.

Die Stadt kon­kur­riert hier mit der Pri­vat­wirt­schaft um hoch­qua­li­fi­zier­te Fach­kräf­te, hat aber das star­re­re Tarif­recht und damit weni­ger Spiel­raum bei der Bezah­lung. So fehlt es eben im Amt auch an Fach­kräf­ten. Für aus Alters- und Krank­heits­grün­den aus­schei­den­de Fach­leu­te ist nur schwer guter Ersatz zu fin­den. Das Wachs­tum der Auf­ga­ben hat also mit dem Wachs­tum des qua­li­fi­zier­ten Per­so­nals zuletzt nicht Schritt gehalten.

Hin­zu kommt, dass die von oben kaum geführ­te Ver­wal­tung kaum dem gerecht wird, was sie leis­ten müss­te: Neben dem für den Hoch­bau zustän­di­gen Amt gibt es auch im Jugend- oder im Schul­amt eige­ne Bau­fach­leu­te. Sie erstel­len Raum­wün­sche, anschlie­ßend stimmt man die­se ver­wal­tungs­in­tern ab. Das ist ein gro­ßer Aufwand.

Wenn also die Stadt zum Bei­spiel eine Schul­erwei­te­rung baut und alle intern Betei­lig­ten die Schu­le besu­chen, soll­te ein grö­ße­rer Klas­sen­raum für das ver­wal­tungs­in­ter­ne Abstim­mungs­ge­spräch reser­viert wer­den, damit alle Platz finden.

Auch für die­se Pro­ble­me gibt es Lösun­gen. Die Stadt ist ja nicht die ein­zi­ge Kom­mu­ne im Land. Vie­le ande­re grö­ße­re öffent­li­che Kör­per­schaf­ten, das Land, der Land­schafts­ver­band, vie­le Städ­te haben dar­aus längst Kon­se­quen­zen gezo­gen: Sie orga­ni­sie­ren das Bau­en in einem eige­nen Betrieb („Bau und Lie­gen­schafts­be­trieb“), der eigen­stän­dig agiert, aber in öffent­li­chem Besitz bleibt und von der Poli­tik gesteu­ert wird.

Die Erfah­run­gen zei­gen: Das ist oft wirt­schaft­li­cher. Vor allem aber stellt ein sol­cher Betrieb dann dem Haus­halt auch tat­säch­li­che Mie­ten in Rech­nung, nicht nur Ver­rech­nungs­pos­ten. Es muss also tat­säch­lich etwas gezahlt wer­den. Das führt zu einer ganz neu­en Debat­te: Wer­den wirk­lich alle Räu­me gebraucht? Müs­sen sie alle den Stan­dards ent­spre­chen? Geht es nicht auch güns­ti­ger? Zeigt sich näm­lich, dass Mie­ten und Kos­ten über dem Markt­ni­veau lie­gen, wird das dazu füh­ren, dass man nach den Ursa­chen sucht. Wenn man nur über Inves­ti­ti­ons­kos­ten debat­tiert wie im Moment, kommt man nie an die­sen Punkt. Wer wirt­schaft­li­cher bau­en will, muss sich auch wirt­schaft­li­cher organisieren.

Herz­li­che Grü­ße
Ihr Micha­el Jung 


Über den Autor

Micha­el Jung lebt schon immer in Müns­ter. Er wur­de 1976 hier gebo­ren. Er hat an der Uni Müns­ter Latein und Geschich­te stu­diert und in Geschich­te pro­mo­viert. Heu­te ist er Leh­rer am Annet­te-Gym­na­si­um in Müns­ter. Micha­el Jung war vie­le Jah­re in der Poli­tik: Von 2013 bis 2020 war er Frak­ti­ons­chef der SPD im Rat der Stadt, im Jahr 2020 trat er für die SPD bei den Kom­mu­nal­wah­len als Ober­bür­ger­meis­ter­kan­di­dat an. 

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