Die Kolumne von Juliane Ritter | Welche Folgen das Bild von der „sexy Krankenschwester“ für meine Arbeit hat

Müns­ter, 21. August 2022

Guten Tag,

in mei­nen letz­ten Kolum­nen habe ich Ihnen mei­ne Sicht auf den lan­gen Streik an den Uni­kli­ni­ken geschil­dert. Jetzt sind wir wie­der zurück im All­tag. Die Streiks sind been­det, denn wir haben gewon­nen. Zum Abschluss die­ser lan­gen Aus­ein­an­der­set­zung grei­fe ich das The­ma heu­te am Anfang mei­ner Kolum­ne noch ein­mal auf, bevor ich Ihnen von einem ande­ren gra­vie­ren­den Pro­blem im Kli­nik­be­trieb erzähle.

Wir haben in elf Wochen Streik und vie­len Ver­hand­lun­gen durch­ge­setzt, dass die sechs Uni­kli­ni­ken in Nord­rhein-West­fa­len mehr Per­so­nal bekom­men und die Mitarbeiter:innen ent­las­tet wer­den. Und wir haben erreicht, dass bei­des ver­trag­lich ver­ein­bart und fest­ge­legt wird.

Wir wer­den zwar eini­ge Mona­te dar­auf war­ten müs­sen, dass unse­re Ver­hand­lungs­er­geb­nis­se umge­setzt wer­den, weil der neue Tarif­ver­trag erst ab Anfang 2023 gel­ten wird. Doch wir haben die Aus­sicht dar­auf, dass es in Zukunft ent­we­der mehr Per­so­nal in jeder Schicht geben wird oder wir mit Frei­zeit ent­schä­digt wer­den, um die anstren­gen­den Diens­te in Unter­be­set­zung zu ver­ar­bei­ten. Das wird die Arbeit im Kran­ken­haus attrak­ti­ver machen und mehr Per­so­nal anzie­hen und bin­den. Und auch die Bedin­gun­gen für Aus­zu­bil­den­de wer­den sich ver­bes­sern: Für sie ist ein Frei­zeit­aus­gleich als Ent­las­tung ver­ein­bart, wenn sie mit einer Auf­ga­be allein gelas­sen wer­den und ins kal­te Was­ser sprin­gen müs­sen. Das ist deutsch­land­weit erst­ma­lig und ein gro­ßer Schritt in die rich­ti­ge Richtung.

Statt der ungewohnten Anstrengung nun wieder die gewohnte

Nach die­ser außer­ge­wöhn­li­chen Zeit, in der wir für die­sen Erfolg gekämpft haben, sehe ich mich nun wie­der mit all den all­täg­li­chen Din­gen kon­fron­tiert. Mei­ne Kolleg:innen und ich atmen zwar wie­der durch – doch wir haben die unge­wohn­te Anstren­gung gegen die gewohn­te getauscht.

Wir ver­sor­gen zur­zeit mehr Patient:innen als vor dem Streik. Das war uns klar, vie­le The­ra­pien und Ope­ra­tio­nen wer­den nun auf­ge­holt. Die damit ver­bun­de­ne täg­li­che Fra­ge habe ich nicht ver­misst: „Kannst du ein­sprin­gen, sonst ist dein Kol­le­ge allein im Dienst?“ Haben wir eine jun­ge Pati­en­tin ver­lo­ren, müs­sen wir im Moment noch ein­fach wei­ter­ma­chen. Es gibt kei­ne Zeit für Gesprä­che, kei­ne Zeit, so ein Erleb­nis zu verarbeiten.

Ein Problem, über das kaum jemand spricht

Sol­che Schwie­rig­kei­ten, die durch den Zeit­druck in unse­rem Beruf ent­ste­hen, habe ich Ihnen hier schon geschil­dert. Und sie sind auch durch unse­ren Streik stär­ker als vor­her bekannt gewor­den und in die öffent­li­che Wahr­neh­mung gerückt.

In mei­nem Arbeits­all­tag gibt es aber auch Situa­tio­nen, die aus einem ande­ren Grund belas­tend und sehr unan­ge­nehm sind: Ich erle­be es immer wie­der, dass männ­li­che Pati­en­ten anzüg­li­che Bemer­kun­gen machen oder kör­per­lich über­grif­fig wer­den. Das ist ein Teil des Jobs, der zu wenig Beach­tung fin­det. Ein Pro­blem, über das kaum jemand spricht. Des­halb möch­te ich Ihnen heu­te dar­über schreiben.

In Lis­ten mit den „sexies­ten Beru­fen“ fin­det man die „Kran­ken­schwes­ter“. In kur­zem Kit­tel und mit hohen Stie­feln und Hau­be ist sie auf fast jeder Kar­ne­vals­fei­er zu fin­den. Die Über­se­xua­li­sie­rung der weib­li­chen Pfle­gen­den ist unser All­tag, manch­mal ist auch männ­li­ches Per­so­nal betrof­fen. Und manch­mal übri­gens auch Ärz­tin­nen: Sie wer­den für die „Schwes­ter“ gehal­ten, wäh­rend pfle­gen­de Män­ner oft erst ein­mal mit „Herr Dok­tor“ ange­spro­chen wer­den. Klä­ren sie die Ver­wechs­lung auf, hören die Ärz­tin­nen etwa: „Oh, scharf, ich ste­he auf schlaue Frau­en.“ Und die Pfle­ger: „Wie, hat‘s für den Arzt nicht gereicht?“ Da ver­mi­schen sich der Sexis­mus, der in Kran­ken­häu­sern und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen sowie bei den Patient:innen immer noch tief ver­an­kert ist, und eine weit ver­brei­te­te Gering­schät­zung des Pflegeberufes.

„Steigst du zu mir ins Bett und wärmst mich?“

Die pro­fes­sio­nel­le Care-Arbeit, die Pfle­gen­de leis­ten, wird struk­tu­rell unter­schätzt. Sie wird als Hel­fer­kom­plex und somit als „die­nend“ und „unter­wür­fig“ abge­stem­pelt. Das führt dazu, dass vie­le Men­schen uns gegen­über Gren­zen über­schrei­ten. Bei ver­schie­dens­ten pri­va­ten Begeg­nun­gen hören mei­ne Kolleg:innen und ich immer wie­der: „Oh, was muss ich mir denn tun, damit du mich auch mal pflegst?“ Bei der Arbeit fra­gen mich Pati­en­ten: „Steigst du zu mir ins Bett und wärmst mich?“ Oder sie sagen: „Ich lass mich nur von dir duschen, du Hüb­sche!“ Jede:r von uns kann sehr vie­le sol­cher unan­ge­brach­ten Kom­men­ta­re auf­zäh­len. Manch­mal wer­den wir auch ein­fach ange­fasst, wenn wir am Bett ste­hen und pro­fes­sio­nell einen Pati­en­ten ver­sor­gen – obwohl wir vor­her schon ein ungu­tes Gefühl hatten.

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Eini­ge Pati­en­ten zei­gen sich ent­hemmt und schei­nen im Kran­ken­haus­bett Fan­ta­sien aus­le­ben zu wol­len. In der Ver­gan­gen­heit haben Kol­le­gin­nen und ich immer wie­der erlebt, dass Män­ner mas­tur­biert haben – und zwar absicht­lich in unse­rer Gegen­wart, um uns zu pro­vo­zie­ren. Man­che Män­ner, die wir (etwa weil sie bei­de Arme gebro­chen haben) im Intim­be­reich pfle­gen müs­sen, for­dern uns auch auf, sie zu befrie­di­gen. Die per­sön­li­che Betrof­fen­heit, Scham und man­geln­de Unter­stüt­zung von der Füh­rungs­ebe­ne füh­ren dazu, dass man in sol­chen Situa­tio­nen als Aus­zu­bil­den­de oder jun­ge Kol­le­gin allein dasteht.

Keine Unterstützung von Kolleg:innen oder Vorgesetzten

Wie geht man damit um? In einem Arbeits­um­feld, das ver­ba­le und phy­si­sche sexua­li­sier­te Gewalt kaum unter­bin­det und aufarbeitet?

Ich habe meh­re­re Arbeits­plät­ze und Ein­rich­tun­gen durch­lau­fen. Nir­gend­wo habe ich mich pro­fes­sio­nell unter­stützt gefühlt. Von Kol­le­gin­nen hör­te ich zum Bei­spiel: „Ach, igno­rie­re das ein­fach. Ich habe schon viel Schlim­me­res erlebt, du gewöhnst dich dar­an.“ Das ver­mit­telt schon Aus­zu­bil­den­den ein fal­sches Ver­ständ­nis von sol­chen Situa­tio­nen. Sie sind Opfer und ihnen geschieht Unrecht, doch das wird als unum­gäng­li­cher Nor­mal­zu­stand dar­ge­stellt. Nach dem Mot­to „Boys will be boys“, „Män­ner sind eben so“.

Auch Vor­ge­setz­te schrei­ten nicht ein, son­dern sagen mir bei­spiels­wei­se: „Das kann man doch abschüt­teln, sonst bist du viel­leicht falsch im Job?!“ Den Pati­en­ten sagen sie, wenn über­haupt, nur: „Das geht so nicht.“ Oft wer­den Über­grif­fe aber kom­plett igno­riert. Für Täter ist das ein Freifahrtschein.

Alle Betei­lig­ten müs­sen begin­nen, die­se Pro­ble­ma­tik ernst zu neh­men und auf­zu­ar­bei­ten. Zeug:innen müs­sen sich zu Wort mel­den. Die Aus­zu­bil­den­den, jun­ge und auch erfah­re­ne­re Kolleg:innen müs­sen ler­nen, dass die­ser Zustand nicht nor­mal ist. Dass nicht sie ein „dicke­res Fell“ brau­chen, son­dern dass jede Per­son ihre Gren­zen respek­tie­ren muss. Und Täter müs­sen Kon­se­quen­zen erwarten.

Herz­li­che Grü­ße
Julia­ne Ritter

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Über die Autorin

Unse­re Kolum­nis­tin arbei­tet als Pfle­ge­kraft in einem Kran­ken­haus in Müns­ter. Sie schreibt in die­ser Kolum­ne dar­über, war­um sie ihren Beruf liebt. Und dar­über, wo es hakt und was in der Pfle­ge bes­ser lau­fen müss­te – grund­sätz­lich und in Müns­ter. Julia­ne Rit­ter ist nicht ihr rich­ti­ger Name. Sie schreibt unter einem Pseud­onym, damit sie frei über Schwie­rig­kei­ten und Miss­stän­de erzäh­len kann.

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