Die Kolumne von Anna Stern | Die Zukunft des Stadtensembles

Müns­ter, 25. Sep­tem­ber 2022

Guten Tag,

ken­nen Sie das Stadt­en­sem­ble? Seit 2018 ver­net­zen sich in die­ser Orga­ni­sa­ti­on Kul­tur­schaf­fen­de aus Müns­ter. Die Grün­de­rin­nen Caro­la von Secken­dorff und Cor­ne­lia Kup­fer­schmid gin­gen für den Namen von der fran­zö­si­schen Wort­be­deu­tung aus, ‚ensem­ble‘, also ‚zusam­men‘. Sie brin­gen zwei loka­le Grup­pen zusam­men, die sonst oft neben­ein­an­der agie­ren, getrennt durch unter­schied­li­che Arbeits­for­men, aber auch durch Kon­kur­renz­den­ken und Ani­mo­si­tä­ten: die fest­an­ge­stell­ten Künstler:innen am Stadt­thea­ter und die Künstler:innen der frei­en Kulturszene.

Die einen genie­ßen den Luxus eines siche­ren Gehalts, kön­nen sich aber nicht aus­su­chen, in wel­chem Stück sie wel­che Rol­le über­neh­men, und sie sind Teil einer fes­ten Hier­ar­chie. Die ande­ren müs­sen einen Groß­teil ihrer Zeit dar­auf ver­wen­den, För­der­töp­fe oder ande­re Geld­quel­len für ihre Arbeit zu fin­den. Dafür haben sie aber den Luxus, im Fal­le einer För­de­rung ihre eige­nen künst­le­ri­schen Pro­jek­te rea­li­sie­ren zu kön­nen. Die Idee für das Stadt­en­sem­ble war und ist, über die­se Grä­ben und auch über die Gren­zen der ver­schie­de­nen Kunst­spar­ten und Labels inner­halb der frei­en Sze­ne hin­weg das Gemein­sa­me zu suchen, sich ken­nen­zu­ler­nen, weni­ger im Reden als im künst­le­ri­schen Tun. Denn zusam­men bil­den bei­de Grup­pen eine unge­heu­re krea­ti­ve Res­sour­ce in der Stadt. Ich bin eines der inzwi­schen 150 Mitglieder.

Bald wird sich das Stadt­en­sem­ble ver­än­dern müs­sen. Um zu ver­ste­hen, war­um, wer­fen wir erst ein­mal einen Blick zurück.

Aufsuchende Theaterarbeit, analoge Begegnungen

Alles begann 2018 mit dem ambi­tio­nier­ten Pro­jekt 24 Stun­den Müns­ter, das von Secken­dorff und Kup­fer­schmid orga­ni­sier­ten. Hier ent­stand ein For­mat, das spä­ter für vie­le Fol­ge­pro­jek­te über­nom­men wur­de: eine locke­re inhalt­li­che Klam­mer, die einen gro­ßen Spiel­raum für die Inter­pre­ta­tio­nen unter­schied­lichs­ter Künstler:innen lässt. In die­sem Fall war das die Vor­ga­be, für eine bestimm­te Tages- oder Nacht­zeit einen pas­sen­den Ort, Men­schen oder ein The­ma zu suchen und dar­über eine Geschich­te zu erzäh­len. Alle Betei­lig­ten erhiel­ten die glei­che Gage, die Col­la­ge wur­de auf allen Büh­nen Müns­ters gespielt. Für die betei­lig­ten Künstler:innen war das eine neue Begeg­nung, die vie­len noch sehr posi­tiv in Erin­ne­rung ist. Doch das Pro­jekt war schwer zu ver­mit­teln, es brauch­te eine Wei­le, um die Zuschauer:innen zu errei­chen. Immer­hin die letz­te Vor­stel­lung im Pum­pen­haus war dann ausverkauft.

Wäh­rend der Arbeit an die­ser Col­la­ge schärf­te sich ein Anlie­gen, das 2019 zum ers­ten Mal umge­setzt wur­de: Run­ter von der Büh­ne, rein in die Stadt, auf­su­chen­de Thea­ter­ar­beit sozu­sa­gen. Für das Pro­jekt Ich hör­te sagen – ein poe­ti­scher Anti­ter­ror­an­schlag, das Teil des Rah­men­pro­gramms des inter­na­tio­na­len Lyri­ker­tref­fens war, schwärm­ten Mit­glie­der des Stadt­en­sem­bles aus, in Cafés, Kauf­häu­ser, Bus­se und Fuß­gän­ger­zo­nen. Dort rezi­tier­ten sie als schein­bar ganz nor­ma­le Passant:innen plötz­lich Gedicht­zei­len und ver­wan­del­ten die all­täg­li­che Situa­ti­on auf irri­tie­ren­de Wei­se. Die Zita­te stamm­ten unter ande­rem aus den Wer­ken der Dichter:innen, die am Lyri­ker­tref­fen teilnahmen.

Seit­dem hat es zahl­rei­che Pro­jek­te ähn­li­cher Art gege­ben, auch und gera­de in der Coro­na­zeit, in der das Stadt­en­sem­ble eben nicht aufs Digi­ta­le aus­wich. Statt­des­sen bot es kon­se­quent ana­lo­ge Begeg­nun­gen an, man­che davon als Eins-zu-eins-For­mat. Beim Sys­tem­re­le­van­zier­gang etwa wur­de über die Rele­vanz von Kunst und Kul­tur in Coro­na­zei­ten und über­haupt dis­ku­tiert. Und beim Anschluss­for­mat Walk’n Act wur­de nicht mehr nur gere­det, son­dern auch gesun­gen, getanzt, per­formt – eine Inter­pre­ta­ti­on der Sozia­len Plas­tik zum 100. Geburts­tag von Joseph Beuys. Die­se For­ma­te sind für die Mit­glie­der des Stadt­en­sem­bles eine will­kom­me­ne und gera­de­zu exis­ten­zi­el­le Gele­gen­heit, ganz direkt Men­schen zu begeg­nen, die nicht in ein Thea­ter oder Kon­zert gehen. Rein in die Stadt heißt im bes­ten Fal­le auch raus aus der eige­nen Blase.

Kooperation mit dem Stadttheater

Eine beson­de­re Rol­le im Ensem­ble spielt Caro­la von Secken­dorff. Denn sie lebt in bei­den Wel­ten: Sie ist lang­jäh­ri­ge fest­an­ge­stell­te Schau­spie­le­rin am Stadt­thea­ter, rea­li­siert seit vie­len Jah­ren aber auch eige­ne Pro­jek­te als Regis­seu­rin und Schau­spie­le­rin. Durch sie als Bin­de­glied kam es 2020 auch zur offi­zi­el­len und geför­der­ten Koope­ra­ti­on des Stadt­en­sem­bles mit dem Stadt­thea­ter unter dem dama­li­gen Inten­dan­ten Ulrich Peters und sei­nem Schau­spiel­di­rek­tor Frank Behn­ke. Sie hat­ten das Poten­zi­al einer sol­chen Koope­ra­ti­on erkannt. Denn die kom­mu­na­len Thea­ter, das steht nicht erst seit der Coro­na­pan­de­mie fest, müs­sen sich wei­ter­ent­wi­ckeln. Sie lei­den unter ste­ti­gem Publi­kums­schwund, und das Publi­kum, das noch kommt, wird immer älter. Die­ses Pro­blem scheint sich auch nicht damit lösen zu las­sen, dass mehr oder ande­re Stü­cke gespielt wer­den. Es geht dar­um, Thea­ter neu zu den­ken: Nach­hal­ti­ger mit Res­sour­cen umzu­ge­hen. Eige­ne künst­le­ri­sche Pro­fi­le zu schär­fen. Hier­ar­chien und Pro­duk­ti­ons­wei­sen in Fra­ge zu stel­len. Zugän­ge zu erleich­tern. Expe­ri­men­tel­le For­ma­te zu erpro­ben. Neu­es Publi­kum zu gewinnen.

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Vie­le die­ser For­de­run­gen gehö­ren seit der Grün­dung zum Kon­zept des Stadt­en­sem­bles, das zu einer wich­ti­gen Grö­ße in Müns­ters Kul­tur­land­schaft gewor­den ist. Es bespielt kon­se­quent den öffent­li­chen Raum, die Ange­bo­te sind nie­der­schwel­lig, der Kon­takt zum Publi­kum direkt, Ideen wer­den schnell und fle­xi­bel umge­setzt, und die künst­le­ri­sche Band­brei­te reicht von der impro­vi­sier­ten Musik über Tanz und Per­for­mance bis zur klas­si­schen Rezitation.

Bis Ende 2023 wird die Koope­ra­ti­on noch mit För­der­mit­teln aus dem Pro­gramm Neue Wege des NRW-Kul­tur­mi­nis­te­ri­ums mit­fi­nan­ziert. Die­ses För­der­instru­ment – lan­des­weit immer­hin zehn Mil­lio­nen Euro pro Jahr – wur­de ange­sichts der Kri­se kom­mu­na­ler Spiel­stät­ten auf­ge­legt, um die­se dabei zu unter­stüt­zen, inno­va­ti­ve Per­spek­ti­ven zu ent­wi­ckeln. Statt die erfolg­rei­che Koope­ra­ti­on des Stadt­thea­ters mit dem Stadt­en­sem­ble zu ver­ste­ti­gen, hat die neue Inten­danz in Müns­ter unter Katha­ri­na Kost-Tol­mein sich nun mit einem neu­en Schwer­punkt um die För­der­mit­tel bewor­ben: „Thea­ter Müns­ter alles inklusiv“.

Der Blick nach vorn

Das hat im Stadt­en­sem­ble für Ent­täu­schung gesorgt, aber nicht für Resi­gna­ti­on: Beim Forum vor zwei Wochen haben die 30 anwe­sen­den Mit­glie­der den Blick nach vorn gerich­tet. Denn so wie bis­her kann es nicht wei­ter­ge­hen. Nicht nur, weil die sub­stan­zi­el­le För­de­rung aus­läuft. Son­dern auch, weil die bei­den künst­le­ri­schen Lei­te­rin­nen ein logis­tisch so auf­wän­di­ges Pro­jekt mit knap­pen Res­sour­cen, ohne Büro und par­al­lel zu eige­nen Pro­jek­ten und Ver­pflich­tun­gen nicht mehr am Lau­fen hal­ten können.

Dass es unbe­dingt wei­ter­ge­hen soll, dar­in waren sich alle Anwe­sen­den einig, die Plä­doy­ers dafür waren sehr per­sön­lich und berüh­rend. Die Mit­glie­der dis­ku­tier­ten auch schon eini­ge Zukunfts­ideen und -wün­sche: Vie­le Pro­gram­me des Stadt­en­sem­bles wur­den nur weni­ge Male gespielt und könn­ten mehr Publi­kum errei­chen und begeis­tern, vor allem auch über Müns­ter hin­aus, in der Regi­on. Es soll wei­ter­hin eine künst­le­ri­sche Lei­tung geben, die koor­di­niert und Impul­se setzt, die Mit­glie­der des Ensem­bles wol­len aber auch selbst mehr Ver­ant­wor­tung über­neh­men und Ideen ent­wi­ckeln. Das Prin­zip „Raus aus der eige­nen Bla­se“ wol­len sie noch radi­ka­ler ange­hen: Zukünf­tig sol­len wech­selnd besetz­te Kura­to­ri­en nicht nur die künst­le­ri­sche Qua­li­tät der ein­ge­reich­ten Pro­jekt­vor­schlä­ge dis­ku­tie­ren, son­dern auch die Per­spek­ti­ven mar­gi­na­li­sier­ter Grup­pen berück­sich­ti­gen – zum Bei­spiel von quee­ren Men­schen, Peop­le of Color oder Men­schen mit Behinderung.

Und das letz­te gro­ße Pro­jekt in der geför­der­ten Koope­ra­ti­on mit dem Thea­ter Müns­ter, die Rei­se zum Ende vom Ende der Welt im Som­mer 2023, wird ein gro­ßer Par­cours vie­ler kur­zer Mikro­thea­ter­stü­cke quer durch die Stadt. Gemein­sam mit Expert:innen des All­tags aus Müns­ter will das Ensem­ble uto­pi­sche Welt- und Gesell­schafts­ent­wür­fen erfor­schen, die auf Anfän­ge statt aufs Ende blicken.

Auf Anfän­ge statt aufs Ende bli­cken: Das passt auch auf die Zukunft des Stadtensembles.

Herz­li­che Grü­ße
Ihre Anna Stern

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Über die Autorin

Anna Stern ist unter ande­rem Per­for­mance-Künst­le­rin. Sie lebt und arbei­tet seit 30 Jah­ren in Müns­ter. Sie stu­dier­te an der Kunst­aka­de­mie Müns­ter, spä­ter an der Ber­li­ner Uni­ver­si­tät der Küns­te, wo sie aktu­ell Ver­tre­tungs­pro­fes­so­rin am Insti­tut für Ästhe­ti­sche Bil­dung und Kunst­di­dak­tik ist.

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