Stadtbildverzerrungen durch Umfragen | Vom Ende der „Hallo” | RUMS 3 Monate lang zum halben Preis

Porträt von Ralf Heimann
von Ralf Heimann

Münster, 21. Februar 2023

die Stadt Münster hat eine aufwändige Umfrage zu allen möglichen Themen gemacht. Dabei ist unter anderem herausgekommen: Den Menschen fehlen in der Innenstadt Sitzgelegenheiten. Und das ist mit großem Abstand das wichtigste Anliegen, jedenfalls sieht es auf der Abbildung so aus (Seite 13). Auf dem zweiten Platz steht einfach das Wort „Grün“. Das soll offenbar heißen: Den Menschen fehlt in der Innenstadt Grün (wirklich?). Auf dem dritten Platz stehen „Fahrradabstellmöglichkeiten“, dahinter „Ruheplätze“ beziehungsweise „ruhige Plätze“. Zusammenfassend könnte man sagen: Den Menschen fehlt in der Stadt das Land.

Umfragen bringen ganz wunderbare Ergebnisse hervor, die man auf viele Weisen nutzen kann. Man gerät nur arg ins Grübeln, wenn man anfängt, sich Gedanken darüber zu machen, wie diese Ergebnisse zustandekommen.

In diesem Fall hat die Stadt etwa 10.000 Fragebögen verschickt, ungefähr ein Drittel ist zurückgekommen. Und falls Sie selbst schon mal so eine Umfrage beantwortet haben, erinnern Sie sich vielleicht noch daran, wie sorgfältig sie dabei vorgegangen sind. Bei den ersten Fragen horcht man noch tief in sich hinein, doch je mehr Fragen kommen, desto größer wird der Wunsch, einfach fertig zu werden.

Für diesen Akt der Bequemlichkeit gibt es ein Wort. Das Phänomen dahinter nennt sich Verfügbarkeitsheuristik. Menschen nennen einfach die Antwort, die ihnen zuallererst einfällt. Fragt man kurz nach einem schlimmen Terroranschlag in der Fußgängerzone, wovor die Leute am meisten Angst haben, hört man eine Antwort immer wieder: Terroranschläge.

Fragt man die Menschen, was ihnen in der Innenstadt von Münster besonders gut gefällt, sagen sehr viele: Prinzipalmarkt. So auch bei der Umfrage der Stadt. In Wirklichkeit haben viele einfach die Frage beantwortet, was ihnen so einfällt, wenn sie an die Innenstadt denken. Gleich hinter dem Prinzipalmarkt stehen: historische Gebäude, der Domplatz und der Markt.

Verstärken kann man diesen Effekt, indem man nur die häufigsten Ergebnisse zeigt. So macht es die Stadt. Das ist üblich und nachvollziehbar, denn sonst müsste man einen Text veröffentlichen oder eine Liste, aber das alles ginge nicht in einer Grafik. Man muss sich nur klarmachen, was man in den Ergebnissen so einer Umfrage erkennen kann.

Wer sich wirklich Gedanken macht und auf die Frage, was denn in der Innenstadt so alles fehlt, zum Beispiel antwortet: „Ein kleines buntes Häuschen aus Lebkuchen zwischen Stubengasse und Ludgeristraße“, kommt in den Ergebnissen nicht vor, denn die Statistik zeigt nicht die kreativsten, ungewöhnlichsten oder besten Vorschläge, sondern lediglich die häufigsten. Möglicherweise zeigt sie auch einfach Klischees.

Und das ist noch nicht alles. Man kann sich auch fragen: Wer hat die Antworten gegeben? Hier hatte über die Hälfte der Menschen einen Hochschulabschluss, über sieben Prozent hatten sogar einen Doktortitel. Das entspricht nicht dem Querschnitt der Bevölkerung. Aktuelle Daten gibt es dazu nicht. Aber bei der letzten Erhebung vor zwölf Jahren hatte ein knappes Drittel der Menschen in Münster einen Hochschulabschluss.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieses Detail das Gesamtbild verzerrt. Über 40 Prozent der Befragten kommen laut der Umfrage jedenfalls ein bis zwei Mal im Monat in die Innenstadt, um sich Kulturveranstaltungen anzusehen oder an Bildungsangeboten teilzunehmen. Das könnte ein Hinweis sein.

Und noch eine interessante Zahl: Über 60 Prozent der befragten Menschen wünschen sich laut der Umfrage mehr Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz durch die Digitalisierung, bei den Frauen sind es fast 70 Prozent, ganz genau: 67,2 Prozent. Auch das ist so eine Sache. Bis auf Nachkommastellen genaue Ergebnisse vermitteln den Eindruck von hochwissenschaftlicher Exaktheit. Deswegen sind sie sehr beliebt, um die Glaubwürdigkeit von Ergebnissen zu stärken. Dabei dürften die meisten Antworten eher locker über den Daumen gepeilt sein.

Und dann sind da noch Ergebnisse, die auf den ersten Blick viel mehr verraten als auf den zweiten. Schaut man sich etwa an, was die Menschen auf die Frage geantwortet haben, mit welchem Verkehrsmittel sie in die Stadt kommen, sieht man: Über zwei Drittel geben an, in der Regel mit dem Rad zu fahren, etwas mehr als ein Drittel kommt danach zu Fuß, nur ein knappes Drittel mit dem Auto. Das klingt doch wirklich ganz fantastisch. Aber ist das Problem mit der Verkehrswende dann nicht eigentlich schon gelöst?

Eher nicht. Das Problem sind die Mehrfachnennungen. Wer eigentlich immer mit dem Auto fährt, aber bei schönem Wetter hin und wieder aufs Rad umsteigt, kann zwei Kreuze machen oder drei. Darüber, wie viele Menschen regelmäßig mit dem Rad in die Stadt fahren, sagt die Grafik eigentlich nichts, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Im Grunde zeigt sie nur, wie viele Menschen die Möglichkeit hätten, mit dem Rad zu fahren. Und das auch nur, wenn die Menschen das Kreuz beim Fahrrad nicht einfach gemacht haben, um besser dazustehen. Auch das ist ein Phänomen, das es bei Umfragen gibt.

Vor allem aber sollte man auf Zahlen achten – und auf die Relationen. Die fehlenden Sitzgelegenheiten in der Innenstadt vom Anfang, an denen Menschen sich gern treffen und zusammen herumsitzen würden, ohne gleich etwas bestellen zu müssen, die machen 11 Prozent aller Nennungen aus. Unter dem Strich also eher wenig. Das muss nicht bedeuten, dass es eine schlechte Idee ist. Es ist nur lediglich das Ergebnis einer Umfrage. (rhe)

Ein-Satz-Zentrale

+++ Der Rosenmontagsumzug ist nach der Pandemie (hier wahlweise „zum Glück” oder „leider” einsetzen) wieder ganz der alte. (WDR Münster)

+++ Die Polizei hat am Rosenmontag zehn Strafanzeigen gezählt, unter anderem wegen sexueller Belästigung und Körperverletzung. (Polizei Münster)

+++ Die Abfallwirtschaftsbetriebe haben amn Rosenmontag 12 Tonnen Abfall beseitigt. (Stadt Münster)

+++ Die Polizei hat in Münster eine geplante Protestaktion der Klimaaktivistengruppe „Letzte Generation“ gestoppt. (Westfälische Nachrichten)

+++ Die Polizei hat eine Gitarre gefunden, die wahrscheinlich gestohlen wurde, und sucht nun einen Menschen, der eine Gitarre vermisst. (Polizei Münster)

+++ Irgendwer hat eine Skulptur des Bildhauers Rudolf Breilmann auf der Aaseebrücke am Bispinghof aus der Verankerung gebrochen und in die Aa gestürzt. (Westfälische Nachrichten)

+++ Die Juso-Hochschulgruppe Münster fordert eine Ausfinanzierung der Studierendenwerke und eine Erhöhung der Zuschüsse des Landes, um die steigenden Kosten für Studierende zu kompensieren. (Juso-Hochschulgruppe Münster, nicht online)

+++ Am Wochenende haben vier Fahrzeuge und Mülltonnen gebrannt. (Polizei Münster)

+++ Die Bahn saniert vom 4. bis zum 11. März die Strecke zwischen Münster und Hamm. (Deutsche Bahn)

+++ Am Mittwoch beginnen Bauarbeiten für einen Wasseranschluss an der Ludgeristraße, weswegen es bis etwa Ende Mai provisorische Rad- und Gehwege an der Promenade geben wird. (Stadtnetze Münster)

+++ Städtische Reinigungskräfte werden rund um den Bahnhof angepöbelt. (Westfälische Nachrichten)

+++ Der E-Scooter-Anbieter Lime wartet gerade seine Flotte, aber ob die Roller jemals wieder in Münster fahren, ist noch unklar. (Westfälische Nachrichten)

Unbezahlte Werbung

Ein Geschäft, an dem viele schon einmal vorbeigelaufen sind, ohne es zu merken, ist die „Bermuda Spirit Company“ zwischen Domplatz und Überwasserkirche. Ein verwinkelter Laden, bis unter die Decke gefüllt mit Spirituosen aller Art, vom heimischen Gin und Aperitif bis zum Whisky aus kleinen schottischen Destillerien. Wer etwas Besonderes sucht, wird hier gut beraten. Einen Überblick über das Sortiment bietet der Onlineshop.

Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne einfach über den Link.

Drinnen und Draußen

Heute haben Fabian Cohrs und Svenja Stühmeier für Sie in die Veranstaltungskalender geschaut. Das sind ihre Empfehlungen:

+++ Die Neuverfilmung des Antikriegsklassikers „Im Westen nichts Neues“ ist mehrfach für den Oscar nominiert. Noch eindrucksvoller wirkt der Film im Kino. Das Schlosstheater zeigt ihn einmalig am Donnerstag um 20 Uhr. Karten gibt es hier.

+++ Ist es nach 29 Jahren Bandgeschichte eigentlich schmeichelhaft, in einen Podcast eingeladen zu werden, der „Schnittstelle zwischen dem, was bekannt ist und dem was gerade bekannt wird“ sein will? Ingo Donot jedenfalls scheint’s nicht zu stören. In der aktuellen Folge von „Natürliche Ausrede“ spricht er mit dem Host Christopher Braucks über seine Band „Donots“. Und klar wird: Irgendwie fühlt es sich für die Donots auch nach einer neuen Phase an. Im Gegensatz zu anderen Bands hat die Pandemie den Ibbenbührenern in die Karten gespielt. Sie sind das erste Mal auf Platz 1 der Charts mit ihrem Album „Heut ist ein guter Tag“. Sie sprechen auch darüber, wie das eigentlich so hoffnungsvoll werden konnte, wenn die Umstände doch eher gegenteilig waren.

+++ Heute Abend zeigt das Stadttheater das Stück „Nachkommen – ein lautes Schweigen“ von Emre Akal, das im Januar seine Premiere hatte. Ein Stück über das Metaverse – eine Art digitales Paralleluniversum, das die Menschheit immer mehr in seinen Bann zieht und den Übergang in ein digitales, von künstlicher Intelligenz geprägtes Zeitalter darstellt. Karten für heute um 19:30 Uhr gibt es hier. Falls Sie keine Zeit haben: Es kommen noch weitere Vorstellungen.

+++ Marie Schmidt hat am Wochenende in der Süddeutschen Zeitung geschrieben, der Podcast „Dear Reader“ sei „die interessanteste Literatursendung im deutschsprachigen Raum“. Moderatorin Mascha Jacobs interviewt in jeder Folge einen Gast, der zwei Bücher auswählt, die sein Leben geprägt haben. Dabei spricht sie mit ihren Gästen nicht nur über Bücher, vor allem nicht über aktuelle, sondern über Erlebnisse und Lesebiografien. Der Podcast erscheint mittlerweile unter dem Dach des „Center for Literature“. In der aktuellen Folge ist Thomas Meinecke zu Gast. Interesse? Dann hier entlang.

+++ Die Sternfreunde Münster bieten am Donnerstag eine kostenlose Himmelsführung an. Teleskope stellen sie. Treffpunkt ist um 19:30 Uhr im Park beim LWL-Naturkundemuseum.

+++ Morgen Abend findet in der Villa ten Hompel ein Vortrag über den Alltag in den nationalsozialistischen Ghettos im besetzten Osteuropa statt. Starke Überbelegung, Armut und medizinische Notstände wurden durch die Besatzer forciert und prägten über Jahre das Leben der Bewohner:innen. Die Historikerin Andrea Löw spricht ab 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Und was steht sonst noch im RUMS Brief?

Der Aschendorff-Verlag stellt Ende April 2023 seine Gratiszeitung „Hallo“ ein, die in Münster sowie im ganzen Münsterland und in Ostwestfalen vertrieben wird. Papier und Zustellung seien zu teuer geworden, sagt die Westfälische Medien-Holding, die das Blatt herausgibt. Es ist das erste flächendeckende Aus für eine Anzeigenzeitung in Deutschland. Constanze Busch hat den Niedergang der Anzeigenblätter für RUMS nachgezeichnet. Und sie fragt: Wie geht es weiter? Ein Hinweis: Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit dem Medienmagazin „Übermedien“ entstanden.

Möchten Sie mehr erfahren? Dann testen Sie RUMS 3 Monate lang zum halben Preis.

Herzliche Grüße
Ralf Heimann

Mitarbeit: Constanze Busch (cbu), Svenja Stühmeier (sst), Fabian Cohrs (fco)

Lektorat: Antonia Strotmann

PS

Der Fußballautor Dietrich Schulze-Marmeling, der gelegentlich für RUMS schreibt, hat in einem Facebook-Post an ein Zitat der Fußballikone Johan Cruyff erinnert, der vor fast 50 Jahren der Legende nach im Hiltruper Hotel Krautkrämer die Weltmeisterschaft verzecht hat. Schulze-Marmeling stand zusammen mit einem Kollegen vor der Tafel, die noch heute am Eingang des Hotels an die niederländischen Gäste erinnert. Cruyff hatte gesagt: „Wenn der Gegner vier Tore schießt, müssen wir halt fünf erzielen!“ Im WM-Finale 1974 hatte das nicht geklappt, da hatten die Deutschen zwei Tore geschossen, die Niederländer nur eins. Der Legende nach hatte Cruyff die Nacht zuvor seiner Frau am Telefon sehr lange erklären müssen, was im Hotel-Schwimmbad wirklich passiert war. Die Zeitungen hatten von einer „Nacktbade-Party“ berichtet, aus der später eine Orgie wurde. Im November hat ein niederländisches TV-Team einen, der damals dabei war, in Hiltrup zurück an den Ort des Geschehens geführt. Heraus kam ungefähr das, was Klaus Brinkbäumer schon vor 15 Jahren im „Spiegel“ schrieb: „Wahrheit taugt selten für Mythen. In Wahrheit war es eine Hiltruper Orgie: kein Verkehr, bloß Schwimmen ohne Badehose.“ Aber das Zitat von Cruyff angeht, die vier Tore vom Gegner, das ist kein Mythos. An der Hammer Straße war am Wochenende der Tabellenletzte zu Gast. Der SV Straelen schoss vier Tore, am Ende gewannen die Preußen mit 5:4. (rhe)

PPS

Möchten Sie wissen, wie eine Büttenrede entsteht? Bitteschön: Ich habe vor zwei Jahren einen Tweet geschrieben, mitten in der Coronazeit. Man hatte so viel Zeit, dass man sich sogar mit einer App beschäftigte, die nichts weiter machte, als hin und wieder verstörende Nachrichten zu schicken. Mir fiel damals eine Parallele auf. Ich schrieb: „Die Corona-App ist im Grunde wie Tinder rückwärts. Erst trifft man sich. Dann meldet die App ein Match. Und kurz darauf fühlt man sich sehr einsam.“ Gestern meldete sich ein Kollege. Er schickte einen Link und schrieb, ich möge doch mal bitte in diesem Video nachsehen, nach genau 3 Stunden und 23 Minuten, das komme ihm irgendwie bekannt vor. Und ja, mir auch. Aber was mich interessieren würde: Wie findet man so etwas? In einer Karnevalsübertragung, nach 3 Stunden und 23 Minuten. Der Kollege verriet es mir nicht, aber er ahnte schon meinen Gedanken. Er schrieb: „Ich hab nur paar Minuten gesehen, schwöre.“ (rhe)

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