Das Schweigen der SPD | Unbezahlte Werbung: Kochbuch für Kinder | RUMS 6 Monate für 1 Euro lesen!

Porträt von Ralf Heimann
Mit Ralf Heimann

Guten Tag,

in unserem Interview in der vergangenen Woche hat Münsters neue SPD-Co-Vorsitzende Ayşegül Paran auf die Frage, wie sie es deutet, dass sie erst im zweiten Wahlgang gewählt wurde, geantwortet mit: „Wir sind beide gewählt und beide Co-Vorsitzende.“ Sie wollte darüber offenbar nicht sprechen.

Als die Westfälischen Nachrichten in der vergangenen Woche Peter Wagner, den anderen Co-Vorsitzenden, zum Innenleben der SPD fragten, sagte er, er wolle „keine Erklärung abgeben“.

Stephan Brinktrine, zuletzt Oberbürgermeister-Kandidat der Partei, sagte auf die Frage, warum er nicht mehr bereit war, für den SPD-Vorsitz zu kandidieren: „Das gehört nicht in die Öffentlichkeit.“

Das erinnert ein bisschen an das Zitat des früheren Innenministers Thomas de Maizière, der vor zehn Jahren nach einem Terroranschlag sagte, er könne dazu nichts sagen, denn „Teile der Antwort würden die Bevölkerung verunsichern“.

Seine Absicht war, die Verunsicherung zu beschränken. Tatsächlich verstärkte er sie durch das, was er sagte. Ein bisschen so ist es auch in diesem Fall. Man möchte das Thema abmoderieren. Aber erst dadurch passiert etwas, das es zu einem öffentlichen Thema macht.

Man fragt sich: Was ist da los in der SPD? Was ist so schlimm, dass man es öffentlich nicht sagen kann? Und wenn es so schlimm ist, dass man es öffentlich nicht sagen kann, wäre es dann nicht angebracht, das zu erklären – statt einfach zu schweigen?

Es geht hier nicht um einen kleinen Verein, der sich mit Modelleisenbahnen beschäftigt, sondern um eine der drei Kräfte, die sehr wahrscheinlich Teil der neuen Rathauskoalition sind. Die Frage, wie stabil so eine Koalition ist, geht alle etwas an.

Wenn die Hälfte der Partei nicht hinter ihrer neuen Co-Vorsitzenden steht, dann ist das von großem öffentlichen Interesse. Und wenn nach ihrer Wahl, in der 45 Prozent mit Nein gestimmt oder sich enthalten haben, dieses Votum einfach unter den Tisch fällt, weil die neue Führung dazu einfach nichts sagt, kein versöhnliches Signal sendet oder sich sonst irgendwie äußert, dann ist das auch ein Signal.

Die Partei schafft keine Klarheit, sondern überlässt es der Öffentlichkeit, sich aus den vorhandenen Puzzlestückchen eine Geschichte zusammenzusetzen.

Da ist die Geschichte mit dem Video, in dem Aysegül Paran sich über „graue alte Männer“ in der Partei beschwert haben soll und das angeblich gelöscht wurde. Aber gibt es so ein Video wirklich? Oder geht es um dieses Video, das bei Facebook weiter zu finden ist, in dem Paran sich tatsächlich über die Beharrungskräfte und den Umgang mit ihr vor der Wahl beschwert, aber nicht über „graue alte Männer“, jedenfalls nicht wörtlich.

Man kann den Inhalt des Videos so verstehen: Eine junge Frau bringt die Alten in der Partei gegen sich auf. Man kann daraus viele Geschichten basteln, auch ganz andere: Eine junge Frau spricht endlich mal aus, was in der Partei so niemand sagt.

Man kann sich daraus die Geschichte basteln, die man sehen möchte. Aber was ist gemeint? Es könnte sich lohnen, darüber zu sprechen.

Wirklich nichts für die Öffentlichkeit?

Da ist auch das Zitat von Brinktrine. Was genau gehört nicht in die Öffentlichkeit? Das mit dem Video? Oder noch etwas anderes? Aus der SPD heißt es, das sei etwas Privates. Stimmt das? Dann gehört es tatsächlich nicht an die Öffentlichkeit.

Aber dann stellt sich die Frage: Ist es weiterhin privat? Denn was ist mit dem schlechten Wahlergebnis? Hat das alles wirklich nichts miteinander zu tun? Oder ist hier eine private Sache mit der Wahl zur Sache der Partei geworden, die diese Hypothek jetzt mit sich herumschleppt?

So etwas ist immer gefährlich. Wenn es Unzufriedenheit gibt, besteht immer auch die Gefahr, dass nicht alle das Interesse teilen, die Dinge aus Loyalität zur Partei intern zu klären. Und wenn andere Dinge öffentlich machen, die nicht öffentlich werden sollten, entsteht eine vollkommen neue Dynamik, die sich kaum noch kontrollieren lässt (Sie kennen ja unseren anonymen Briefkasten).

Die unwahrscheinlichste Variante ist, dass sich das alles durch Schweigen und Abmoderieren in internen Runden klären lässt. Dazu ist schon zu viel kaputtgegangen. Dafür ist schon zu sehr der Eindruck entstanden, dass die Partei, die im Wahlkampf versprochen hat, sich um die Probleme der Menschen in Münster zu kümmern, dazu kaum kommt, weil sie so sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt ist.

Das Problem hat sich verlagert. Die internen Streitigkeiten sind zu einem politischen Thema geworden. Der Eindruck ist: Die SPD will eine große Geschichte kleinhalten. So etwas ist oft der Anfang vom Ende.

Hier gilt genau das Gegenteil von dem, was Thomas de Maizière vor zehn Jahren gesagt hat. Offenheit wäre sehr viel weniger schädlich als das, was das Schweigen gerade anrichtet. (rhe)

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Ein-Satz-Zentrale

+++ Eine aus einer Münsteraner Wohngruppe verschwundene Zwölfjährige ist gestern in Bochum von der Polizei angeschossen worden und schwebt in Lebensgefahr. (Die Zeit)

+++ Trotz sinkender Steuern ist am Flughafen Münster/Osnabrück noch immer unklar, ob die Lufthansa weiterhin nach München fliegt, was wegen zu hoher Steuern auf der Kippe steht. (Westfälische Nachrichten)

+++ Im Hauptbahnhof gilt seit gestern ein bis Ende des Jahres befristetes Waffenverbot, zusätzlich zum schon bestehenden Verbot vor dem Gebäude. (WDR)

+++ Eine Studie zeigt, dass Heimplätze in Münster deutlich teurer sind als im Umland, weil Bewohner:innen und Angehörige hier höhere Eigenanteile zahlen müssen. (Institut der deutschen Wirtschaft)

+++ Der Koch Lennart Hueske (Hotel Hof zur Linde) und die Tierpflegerin Annika Reinholz (Tierschutz-Verein) gehören zu den 16 besten Azubis in Nordrhein-Westfalen. (Industrie- und Handelskammer Münster)

+++ Trotz des Wegfalls der Exzellenzförderung erhält Münsters Religionsforschung neuen Rückenwind, weil der Bund acht Millionen Euro für ein neues Institut bereitstellt. (Kirche und Leben)

+++ Laut einer neuen Studie gehört Münster zu den teuersten Städten in Nordrhein-Westfalen. (Institut der deutschen Wirtschaft)

+++ In Münster haben deutsche und japanische Physiker:innen eine Friedensdeklaration gegen Atomwaffen unterzeichnet. (Stadt Münster)

+++ Münster hat gemeinsam mit Bologna den Deutsch-Italienischen Städtepartnerschaftspreis bekommen. (Stadt Münster)

+++ Nach dem Aus der Restaurants „Besitos“ und „Aposto“ und mehreren Monaten Leerstand hat am Alten Steinweg nun das neue koreanisch-japanische Restaurant „Dan Dan“ eröffnet. (Westfälische Nachrichten)

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Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne!

Drinnen und Draußen

Katja Angenent hat heute ein paar Veranstaltungstipps für die nächsten Tage für Sie gesammelt:

+++ Wenn Sie heute Abend spontan noch eine Lesung besuchen möchten, kommen Sie um 20 Uhr in den Theatertreff. Dort spricht der Literaturwissenschaftler Helmuth Kiesel über seine aktuelle Publikation „Schreiben in finsteren Zeiten. Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933–1945“. Kai Sina moderiert. Karten erhalten Sie an der Abendkasse.

+++ Am Mittwoch um 19:15 Uhr gibt es im SpecOps eine Performance, die mit der Umkehrung von Selbstverständlichkeiten spielt: „PLOM! – Prima leben ohne Menschenrechte“ entführt in eine Welt, in der wir auf demokratische Verhältnisse verzichtet haben. Die Darstellung will den Zuschauenden Mut machen, rechtzeitig gegenzusteuern. Der Eintritt ist frei.

+++ In unserer pluralistischen Gesellschaft muss sich die Erinnerungskultur verändern – so lautet die These von Susanne Siegert, die in sozialen Medien mit ihrem Account „keine.erinnerungskultur“ sehr reichweitenstark über den Holocaust informiert. Am Donnerstag stellt sie ihr Buch „Gedenken neu denken“ in der Villa ten Hompel vor. Der Eintritt ist frei, eine Teilnahme sowohl vor Ort als auch online möglich.

+++ Der Verein „Die Linse“ hat sich ja eigentlich ganz der Filmkultur verschrieben, aber am Freitag machen die Cineasten einen Ausflug ins Literarische: Um 19:30 Uhr lesen Sebastian Aperdannier und Jens Schneiderheinze in der B-Side aus dem Roman „Sommer mit Fremden“, der als „All of Us Strangers“ von Andrew Haigh verfilmt wurde. Beide Werke bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Realität und Erinnerung und zeigen, wie heilsam die Auseinandersetzung mit dem eigenen Inneren sein kann. Karten für 10 Euro erhalten Sie hier. Der Film wird natürlich auch gezeigt – allerdings erst am Montag, 1. Dezember, um 18 Uhr im Cinema.

Und sonst?

Die Stadtwerke Münster planen in Nottuln acht neue Windräder. Die Menschen dort sorgen sich um die Landschaft und ihre Ruhe. Warum bauen die Stadtwerke eigentlich nicht in Münster?

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Am Freitag schreibt Ihnen Anna Niere. Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzliche Grüße
Ralf Heimann

Mitarbeit: Raphael Balke (rba), Katja Angenent (kat), Jan Große Nobis (jgn), Anna Niere (ani) – das bedeutet: Die einzelnen Texte im RUMS-Brief sind von der Person geschrieben, deren Kürzel am Ende steht.
Lektorat: Maria Schubarth

PS

Die Journalistin Linde Rohr-Bongard erstellt für das Magazin „Capital“ einmal im Jahr den „Kunstkompass“, eine Liste der wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler. Mit der Liste ist es ein bisschen wie in der Fußball-Bundesliga. An der Spitze steht immer derselbe Name. In der Kunst ist das seit 20 Jahren Gerhard Richter. Er gilt als der wichtigste lebende Künstler der Welt. Im Alltag hilft ihm das auch nicht immer. Anders als andere Superstars kann er unbehelligt durch Fußgängerzonen laufen. Als er vor acht Jahren mit dem Taxi vom Hauptbahnhof zur Dominikanerkirche fahren wollte, wo sein Foucault‘sches Pendel hängt, das er der Stadt geschenkt hat, musste er das sogar. Der Taxifahrer wollte ihn nicht mitnehmen, die Strecke war zu kurz. Aber bevor wir uns in Geschichten verlieren: Auf Platz zwei, drei und vier stehen Künstler, die ebenfalls in Münster zu Hause sind oder waren. Bruce Nauman, der Zweitplatzierte, hatte zu den Skulptur-Projekten 2007 eine trichterförmige Betonbühne entworfen, die sich bis 2020 an der Wilhelm-Klemm-Straße befand, aber dann für den Campus-Umbau abgebaut und eingelagert wurde. Georg Baselitz, Platz drei, zeigte 1997 im Erbdrostenhof seine Betonskulptur „Ding mit Asien“, die inzwischen in Düsseldorf steht. Und Rosemarie Trockel, die viertwichtigste Künstlerin der Welt, hat am Aasee eine Hecke gepflanzt, die vielleicht mal wieder geschnitten werden müsste, möglicherweise Millionen wert ist. Und kommen Sie jetzt nicht auf blöde Gedanken. Die Hecke kriegen Sie eh nicht in Ihren Kofferraum. (rhe)

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