Wie umgehen mit Rechtsextremen: Ist Schweigen wirklich Gold? | Podcast: Infused in Münster | RUMS 6 Monate für 1 Euro

Porträt von Ralf Heimann
von Ralf Heimann

Guten Tag,

noch fünfeinhalb Wochen bis zur Kommunalwahl. Und wenn man auf das Ergebnis der letzten Bundestagswahl in Münster schaut, kann es passieren, dass die Rechtsextremen im Rat danach bei den Ratssitzungen mehr Stühle brauchen werden als bisher.

Das Journal des Deutschen Journalisten-Verbands beschäftigt sich im Titelthema seiner aktuellen Ausgabe mit der Frage, wie Redaktionen mit der Partei umgehen und umgehen sollten. Das Magazin hat dazu auch Niklas Wiezczorek befragt, den Lokalchef der Westfälischen Nachrichten in Münster.

Wiezczorek sagt zum Beispiel, es sei nicht die Aufgabe des Journalismus, Parteien „aktiv zu ignorieren oder proaktiv über sie zu berichten, dass ihre Wahlchancen sinken“. Und so ähnlich sehe ich das auch, mittlerweile.

Vor fünf Jahren hätte ich das noch etwas anders eingeschätzt. Da hätte ich gesagt – und so haben wir es bislang auch gehandhabt: Wir wollen uns mit den politischen Debatten in der Stadt beschäftigen, sie möglichst von mehreren Seiten erklären, und alle jene, die diese Debatten sabotieren, die provozieren und Menschen einfach aufwiegeln, bringen da keine nützliche Erkenntnis. Deswegen sind sie verzichtbar.

Der Fehler war, so würde ich das jetzt sagen, die Dinge schon vorab sehr weiträumig aus dem Rennen zu nehmen.

Der Philosoph Slavoj Žižek hat im April in einem Essay im Philosophie-Magazin erklärt, warum sich Menschen aus unterschiedlichen politischen Spektren die Realität auf verblüffend ähnliche Weise verdrehen.

Die Linke macht es sich laut Žižek oft zu bequem in ihrer moralischen Überlegenheit. Sie erkennt reale Konflikte – kulturelle Spannungen, Integrationsprobleme oder Unterschiede in Normen und Werten – intuitiv, spricht sie dann aber nicht aus.

Aus Angst, Applaus von der falschen Seite zu bekommen, überlässt sie das Feld den Populisten, die dann dieselben Themen besetzen – nur lauter, verzerrter und immer schön im Freund-Feind-Schema.

So wird aus moralischer Vorsicht politisches Versagen. Und wer nicht mehr unterscheidet zwischen Benennung und Verhetzung, trägt am Ende dazu bei, dass reale Probleme so problematisch bleiben, wie sie sind, und einfach die Radikalisierung zunimmt.

Inzwischen denke ich: Man muss in Kauf nehmen, dass man Rechtsextremen eine Bühne gibt. Denn nur so kann man erklären, wie sie die Bühne nutzen, wie sie mit blinden Flecken der übrigen Parteien arbeiten oder Menschen aufstacheln.

Der Kommunalwahlkampf bietet dazu viele Beispiele. Auf dem im Kommunalwahlprogramm der Partei dokumentierten AfD-Plakaten steht der Satz: „Abschieben schafft Wohnraum!“ Man kann das einfach ignorieren, man kann das alles aber auch entwirren und erklären, auf welche Weise die Partei mit falschen Versprechen um Stimmen wirbt.

Die AfD verknüpft ein großes soziales Problem, die Wohnungsnot, mit der Angst vor und Ablehnung von Migration, um Stimmung gegen Geflüchtete zu machen.

Die Partei schafft einen Sündenbock, sie tut so, als wäre Abschiebung für dieses Problem eine Lösung. In Wirklichkeit geht es einzig um Wirkung. Hauptsache, es fühlt sich für die Wütenden richtig an.

Auf einem anderen steht: „Gegen Penisfrauen in Damensaunas.“ Die Partei konstruiert aus einem Randthema, das in dieser Zuspitzung praktisch keine politische Relevanz hat, eine Bedrohung – als gäbe es eine andere Partei, die genau dafür wirbt. Die AfD macht Menschen verächtlich, sie grenzt aus, sie macht trans Frauen zu einem Feindbild. Genau das ist hier zu sehen.

Erklären ist nicht die Lösung für alles, aber es macht immerhin sichtbar, wie die Partei Sprache instrumentalisiert, Gefühle lenkt und komplexe Probleme auf Feindbilder reduziert.

Die Erklärung nimmt der Propaganda nicht automatisch die Wirkung, sie gibt Menschen ein Werkzeug in die Hand, um sich eine eigene, informierte Haltung zu bilden. Und das ist schon mal mehr, als Schweigen bewirken kann. (rhe)

Erzählen Sie uns Ihre Wohn-Geschichte

Wie war das bei Ihnen, als Sie eine Wohnung gesucht haben? Hat das Monate gedauert? Und wie ging es weiter? Hatten Sie Ärger mit dem Vermieter oder der Vermieterin?

Wenn es richtig schlecht läuft, kann es so enden, wie das NDR-Magazin „STRG+F“ es in dieser Woche in einem Instagram-Beitrag beschreibt. Ein Vermieter hängt in seinem Wohnheim Überwachungskameras auf, filmt Studentinnen und droht ihnen mit Rauswurf, berichtet das Magazin.

Was haben Sie erlebt? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte. Wir wollen wissen, was auf dem Wohnungsmarkt in Münster wirklich passiert. Dafür brauchen wir Ihre Erfahrungen. Machen Sie jetzt mit bei unserer Umfrage.

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Ein-Satz-Zentrale

+++ Ein 21-jähriger Münsteraner ist bei einer Probefahrt mit einem 100.000-Euro-BMW in Coesfeld gegen einen Baum geprallt. (T-Online)

+++ Die Stadt sperrt ab Donnerstag die Bahnbrücke an der Straße Grafschaft (zwischen Kappenberger Damm und Hiltrup) für Fahrzeuge über 30 Tonnen, weil die Brücke nicht mehr stabil genug ist. (Stadt Münster)

+++ Seit Montag sind in der Stadt Spezialfahrzeuge unterwegs, die prüfen, wie gut die Straßen in Schuss sind. (Stadt Münster)

+++ Nach der Rettung des Skateboardhändlers Titus bleiben die Läden an der Königsstraße und der Scheibenstraße bestehen. (Westfälische Nachrichten)

+++ Um ein Baustellenchaos zu verhindern, fordert die CDU Münster für Handorf eine bessere Verkehrsplanung. (Westfälische Nachrichten)

+++ Ab Oktober steht der Eurobahn wieder so viel Personal zur Verfügung, dass die Züge zwischen Münster, Osnabrück und Rheine wieder häufiger fahren können. (Westfälische Nachrichten)

+++ Lieferando-Fahrerinnen und -Fahrer aus Münster beteiligen sich seit heute an einem dreitägigen Warnstreik in Dortmund, um für einen Tarifvertrag zu kämpfen. (NGG)

+++ Neuzugang Antonio Tikvic hat sich bei seinem ersten Einsatz für Preußen Münster das Kreuzband gerissen und fällt monatelang aus. (WDR)

+++ Wegen stark erhöhter Legionellenwerte dürfen 160 Menschen im Hochhaus am Berliner Platz vorübergehend nicht duschen. (Westfälische Nachrichten)

+++ In der Nacht zu Montag sind Unbekannte in ein Juweliergeschäft an der Salzstraße eingebrochen und haben Schmuck im Wert von mehreren Zehntausend Euro gestohlen. (Polizei Münster)

Unbezahlte Werbung

Heute ein Hörtipp: „Infused in Münster“ (schwer zu übersetzen, nicht wörtlich, aber übertragen vielleicht: „Angekommen in Münster“) ist ein Podcast der italienischen und zu einem Viertel deutschen Studentin Nicole Fracassi, der sich mit den emotionalen, sozialen und kulturellen Seiten der Integration in einem neuen Land beschäftigt. Sie erzählt Geschichten über Neuanfänge, über Gemeinschaft und übers Dazugehören. Das ist sehr schön, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie das alles hier von außen wirkt. Einziger Haken, wenn man solche Geschichten lieber auf Deutsch hört: Der Podcast ist auf Englisch. Zu finden ist er bei Spotify.

Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne!

Drinnen und Draußen

Heute hat Katja Angenent in die Veranstaltungskalender geschaut. Das sind ihre Empfehlungen.

+++ Am Mittwoch um 18 Uhr zeigt das Cinema fünf Kurzfilme, die für den Deutschen Kurzfilmpreis 2024 nominiert oder ausgezeichnet wurden. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Arbeit, Liebe und Perspektiven. Die Geschichten reichen von einer stillen Verbindung im Schlachthof über queere Männlichkeit im Sommer bis hin zur Hoffnung auf Asyl oder Sicherheit auf hoher See. Infos zu den Filmen gibt’s hier, Karten hier.

+++ Ab Donnerstag beginnen die zehnten Rieselfelder Kulturtage – dann folgen vier Tage Kultur in der Natur mit Lesungen zwischen Vogelrufen, Skulpturen im Grünen, Musik, Freiluftkino und frühmorgendlichem Zhineng Qigong (Start: 6 Uhr!). Die meisten Veranstaltungen sind kostenlos (hier das Programm).

+++ Ebenfalls am Donnerstag laden Helin Korkmaz und Jazmin Rojas Forero, zwei Teilnehmer:innen des aktuellen Residenzprogramms des „Center for Literature“, andere Künstler:innen ins Rüschhaus ein, um mit ihnen über ihre Arbeit zu sprechen und Ausschnitte daraus zu zeigen. Was es genau bei „hosted by #2/25“ zu sehen gibt und wer noch beteiligt ist, wird vorab nicht verraten. Karten für den Überraschungsabend kosten 10 Euro und sind hier erhältlich. Los geht es um 19.30 Uhr.

+++ Am Freitag um 16 Uhr beginnt auf dem Überwasserkirchplatz das Weinfest. Und falls Sie am Freitag keine Zeit haben, das Fest dauert drei Tage.

+++ Der Münsteraner Illustrator Jörg Hartmann stellt ab Freitag, 8. August, im Krameramtshaus eine Auswahl an Aquarellen und Skizzen zu seiner Graphic Novel „Liberty“ aus. Sie zeigen die Entstehungsgeschichte der Freiheitsstatue in großformatigen Bildern. Daneben sind weitere Grafiken zu sehen, die das alte und das neue New York einander gegenüberstellen. Der Eintritt zur Ausstellung ist frei – das gilt auch für die Eröffnung am Donnerstag um 18 Uhr.

Beitrag von Katharina Osterhammer am 04.08.2025

Der Rattenfänger von Münster

Thomas Schubert einen befallenen Teppich.

Thomas Schuberts ständige Begleiter in seinem Berufsalltag sind Rattengift und Demut vor der Natur. Wie sein Arbeitstag als Kammerjäger aussieht und wie er seine Liebe zu Tieren mit dem Töten vereinbart.

Beitrag lesen

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Am Freitag schreibt Ihnen Sebastian Fobbe. Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzliche Grüße
Ralf Heimann

Mitarbeit: Anna Niere (ani), Katja Angenent (kat), Jan Große Nobis (jgn) – das bedeutet: Die einzelnen Texte im RUMS-Brief sind von der Person geschrieben, deren Kürzel am Ende steht.
Lektorat: Maria Schubarth

PS

Frank Mill ist gestorben, der frühere Fußball-Nationalspieler, Weltmeister von 1990, auch wenn er in keinem WM-Spiel auf dem Platz stand – und der Schütze des wahrscheinlich spektakulärsten Tors, das nicht gefallen ist. Mill war 20 Jahre lang Fußballprofi, aber wenn Menschen seinen Namen hören, denken sie an diese Szene. Mill erzählte selbst einmal, dass er diesem Missgeschick nirgendwo auf der Welt entkommen konnte. Einmal sei er in den USA in einem Hotel gewesen, und als er den Fernseher einschaltete, sah er sogar dort den Pfostenschuss am ersten Spieltag der Saison 1986/87 in seinem ersten Spiel für Borussia Dortmund, gleich gegen Bayern München, den deutschen Meister. Mill hatte Bayerntorwart Jean-Marie Pfaff schon hinter sich gelassen, er rannte schräg aufs leere Tor zu, sah Pfaff noch kommen und setzte den Ball an den Pfosten. Wenn heute nach einem schlimmen Missgeschick jemand sagt: „Kopf hoch, morgen ist das vergessen“, muss ich immer an dieses Tor denken. Frank Mill lebte zuletzt ganz in der Nähe, in Alverskirchen in der Nähe von Warendorf. Er starb heute Morgen an einem Herzinfarkt und wurde 67 Jahre alt. (rhe)

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