Münsters Klimaziele: Ambitionen oder Imagepflege? | 3 Monate RUMS lesen für jeweils nur 3 Euro

Porträt von Ralf Heimann
von Ralf Heimann

Münster, 25. April 2023

gestern Morgen um halb elf im Stadtweinhaus, zweiter Stock, Kristiansand-Zimmer. Auf dem Tisch ein halb voller Aktenordner, drei Tablets und ein Buch über das Informationsfreiheitsgesetz. Um den Tisch herum fünf Personen.

An der Fensterseite: Michaela Heuer, die Justiziarin und Datenschutz-Beauftragte der Stadt. Daneben Thomas Möller, Chef der städtischen Stabsstelle Klima. Gegenüber der Anwalt und Klima-Aktivist Mathis Bönte, dann Christian Ladleif, früher Schulleiter, später Dezernent bei der Bezirksregierung, also Verwaltungsfachmann, heute Coach, ebenfalls Klima-Aktivist. Und ich.

In der Einladung hatte Thomas Möller geschrieben, Ladleif könne zwei Personen mitbringen. Dagegen sei nichts einzuwenden.

Ladleif hatte Mathis Bönte gefragt, denn der weiß, wie man Behörden dazu bewegt, Unterlagen herauszugeben, die sie herausgeben müssen. Und er hatte mich gefragt, denn ich hatte mich im RUMS-Brief mehrfach mit einem mysteriösen Fall beschäftigt. Um den sollte es heute gehen.

Vor knapp drei Jahren hatte der Rat der Stadt dem Oberbürgermeister die Aufgabe gegeben, eine Übersicht aller Maßnahmen zu liefern, die Münster bis 2030 klimaneutral machen sollen. Dieses Ziel hat die Stadt vor vier Jahren beschlossen. Unklar ist, wie sie es erreichen will.

Unklar ist auch, wie es dazu kommen konnte, dass aus dem Auftrag, einen „verbindlichen Maßnahmenplan“ zu erstellen, der im Antrag stand, eine Klimakonzeptstudie werden konnte, in der eines leider fehlt: ein verbindlicher Maßnahmenplan.

Als wir die Stadt im vergangenen Sommer nach diesem Plan fragten, hieß es, so eine Übersicht könne man „nicht mit verhältnismäßigem Aufwand“ liefern. Als die Westfälischen Nachrichten im Februar zur Sicherheit auch noch mal fragten, schickte die Stadt eine wunderschöne Satzgirlande:

„Die Erreichung des Ziels der Klimaneutralität und der damit verbundene Klimaschutzprozess kann nicht singulär gesehen werden, sondern ist integraler Bestandteil der zahlreichen gesamtstädtischen, zukunftsgerichteten Strategie- und Entwicklungs- und Umsetzungsprozesse.“

Übersetzen könnte man das mit: So genau wissen wir das gar nicht. Aber wir machen ja alles Mögliche, und irgendwie wird’s am Ende schon klappen.

Was die Stadt meinte, erklärte Thomas Möller gestern Morgen im Kristiansand-Zimmer so: Man könne natürlich Velorouten planen, sagte er. Aber wenn diese Routen dann fertig seien, wisse man noch immer nicht, wie viel CO2 durch sie eingespart werde. Im schlechtesten Fall könne es ja sogar so sein, dass die Menschen trotz fertiger Veloroute aus irgendeinem Grund noch mehr Auto fahren.

Das könnte man so zusammenfassen: Es ist kompliziert.

Protokolle, Notizen, E-Mails

Aber kann man auf so einer Grundlage überhaupt ein Ziel formulieren? Oder ist die Erreichung des Ziels Klimaneutralität, wenn man den damit verbundenen Prozess auch nicht singulär betrachten kann, vielleicht doch eher städtische Imagepflege als Klimapolitik?

Was hat der Oberbürgermeister gemacht, um den Ratsbeschluss von vor knapp drei Jahren umzusetzen? Was hat er seinen Dezernaten dazu geschrieben? Was ist in internen Runden besprochen worden? Wie sah der Auftrag an das Unternehmen Gertec aus, das die Klima-Konzept-Studie erstellt hat?

Und was hat Lewe den Parteien gesagt? Hat er sie darüber informiert, dass er weder den Maßnahmenplan noch den ebenfalls geforderten jährlichen Bericht nicht liefern werde? Oder hat er einfach nicht geliefert?

Christian Ladleif möchte das wissen. Er hat Akteneinsicht beantragt. Wir haben die Anfrage im Februar um ein paar Punkte ergänzt. Nach so einer Anfrage haben Behörden vier Wochen lang Zeit. Eine erste Antwort haben wir schon bekommen. Und eigentlich hätte die Stadt längst liefern müssen. Aber Protokolle, Notizen und E-Mails, so etwas geben Behörden nicht gerne heraus. Manchmal braucht es mehrere Anläufe.

Michaela Heuer notierte am Ende des Gesprächs in ihrem Block, was sie jetzt alles zusammensuchen müssen. Protokolle, Notizen, E-Mails. Vier Wochen, dann hätten wir die Dokumente, sagte sie. Vier Wochen, das wäre dann am 22. Mai. (rhe)

Ein-Satz-Zentrale

+++ Am Sonntag ab 18 Uhr und am gesamten 1. Mai, also am Montag, sind Glasflaschen am Aasee verboten. (Stadt Münster)

+++ Geschäftsmann Thomas Schult fährt seine Lieferungen mit dem Lastenrad aus und findet „verrückt“, dass die Polizei das nicht als Lieferverkehr ansieht. (Westfälische Nachrichten)

+++ Die Stadt Münster schreibt über 48.000 Immobilieneigentümer:innen an, um sie über einen Starkregenschutz für ihre Grundstücke zu informieren. (Stadt Münster)

+++ Die Stadt startet eine Ausschreibung für drei Grundstücke am Nordkirchenweg, die an gemeinwohlorientierte Wohnbaugenossenschaften gehen sollen. (Stadt Münster)

+++ Der Erweiterungsbau der Mauritzschule wurde eröffnet. (Stadt Münster)

+++ Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt mit einer Millionenförderung die Edition des Gesamtwerkes des ägyptischen Schriftstellers Ibn Nubatah al-Misri, der im 13. Jahrhundert gelebt hat und dessen Werk bisher nur schwer zugänglich ist. (Uni Münster)

+++ Das Fraunhofer-Institut eröffnet eine neue Forschungsabteilung, deren Schwerpunkt die Sicherheit vernetzter medizinischer Geräte und der Schutz sensibler Gesundheitsdaten ist. (FH Münster)

+++ Die Physiotherapeutin und Therapiewissenschaftlerin Marion Grafe ist jetzt erste Professorin für Physiotherapie am Fachbereich Gesundheit der Fachhochschule. (FH Münster)

+++ Pro Familia hat im vergangenen Jahr mit insgesamt 2.385 Beratungsgesprächen rund 500 weniger als im Vorjahr durchgeführt. (Antenne Münster)

+++ Die Tierschutzorganisation Peta wirft einem Lebensmittelladen in Gievenbeck vor, lebendige Fische zum Verkauf angeboten zu haben. (Westfälische Nachrichten)

+++ Da, wo im Ersten Weltkrieg ein 90.000 Kriegsgefangene in einem Lager lebten, steht nun eine Stele zur Erinnerung. (Westfälische Nachrichten)

+++ David Fritta-Haas hat in einer achten Klasse des Annette-Gymnasiums ein Bilderbuch vorgestellt, das sein Großvater im Konzentrationslager Theresienstadt gezeichnet hatte. (WDR)

+++ Rainer Plein, einer der Hauptorganisator:innen der ersten Homosexuellendemo 1972 in Münster, wäre heute 75 Jahre alt geworden. (Münstersche Volkszeitung)

Unbezahlte Werbung

„Kliewe Coffee Elements“ ist eigentlich ein Kaffeemaschinenhändler aus Münster, der alles anbietet, was man als Hobby-Barista für eine perfekte Tasse Kaffee braucht: eine Kaffeemühle, eine Siebträgermaschine oder einen Vollautomaten. Vor ein paar Wochen kam aber der folgerichtige Schritt: Im Showroom an der Hammer Straße 60 hat „Kliewe Coffee Elements“ jetzt auch ein kleines Café eröffnet, das nicht nur Cappuccino und Flat White, sondern auch selbstgebackenen Kuchen serviert. Das Kliewe-Café hat dienstags bis samstags zwischen 10 und 18 Uhr geöffnet.

Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne einfach über den Link.

Drinnen und Draußen

Heute hat sich Sebastian Fobbe umgesehen und ein paar schöne Kultur- und Veranstaltungstipps für die kommenden Tage für Sie gesammelt:

+++ Der Fotograf Martin Engelmann hat fast ein Jahr lang auf Sizilien gelebt und sich intensiv mit der Insel beschäftigt, genauer: mit den Vulkanen, den Stränden, der Küche und den Spuren der Antike. Morgen stellt Engelmann seine Reisereportage in der Friedenskapelle vor. Karten gibt es ab 5 Euro.

+++ Teichhuhn, Haubentaucher, Kanadagans – der Aasee bietet vielen Vögeln Unterschlupf. Am Donnerstag können Sie ab 19 Uhr die gefiederten Bewohner:innen bei einem Spaziergang kennenlernen. Treffpunkt ist der Parkplatz am Aasee. Erwachsene zahlen 8 Euro, Nabu-Mitglieder 6 Euro und Kinder 5 Euro.

+++ Am Donnerstag feiert „Don Quijote“ im Wolfgang-Borchert-Theater Premiere. Die Karten für den Auftakt des Stücks sind zwar schon ausverkauft, hier gibt’s aber noch Tickets für die Termine im April, Mai und Juni.

+++ Wussten Sie, dass sich Annette von Droste-Hülshoff für die Kultur im Nahen Osten begeistert hat? Um ihre Faszination für den Orient und den Einfluss auf ihr literarisches Schaffen geht es beim Langen Freitag auf der Burg Hülshoff. Die Künstlerin Anna Kpok hat dazu auf dem Dachboden der Burg einen „Orient-Kosmos“ erschaffen. Die Ausstellung ist am Freitag von 19 bis 23 Uhr geöffnet. Eintritt: 5 Euro.

+++ Mal wieder nix zum Anziehen? Dann lohnt sich ein Besuch der Kleidertauschparty im Mehrgenrationenhaus und Mütterzentrum „MuM” am Gescherweg 75. Die steigt Donnerstag von 16 bis 17.30 Uhr, Getränke und Kuchen gibt’s auch. Das Prinzip: Wer hat, bringt Kleidung mit, die noch in gutem Zustand ist, aber nicht mehr getragen wird. Alle dürfen sich dann die Kleidungsstücke mitnehmen, die ihnen gefallen.

+++ Zum Schluss noch eine schöne Nachricht: Wenn Sie die beiden Ausstellungen zum 50. Todestag von Pablo Picasso bisher verpasst haben, keine Sorge. Wegen des hohen Andrangs verlängert das Picasso-Museum die sehr sehenswerten Ausstellungen bis zum 14. Mai. Alle Infos, die Öffnungszeiten und Eintrittskarten finden Sie hier.

Was steht sonst noch im RUMS-Brief?

Vor einigen Wochen haben wir angekündigt, uns in mehreren Beiträgen intensiv mit dem Theater zu beschäftigen. Im März hat Constanze Busch einen Anfang gemacht und eine Studie ausgewertet, die sich mit dem Theater beschäftigt. Jetzt hat sie mit der neuen Intendantin Katharina Kost-Tolmein in einem Interview darüber gesprochen, wie sie das Theater verändern möchte, wie sie die Schwelle für Menschen senken möchte, die vorher nicht ins Theater gegangen sind, und warum sie die Zusammenarbeit mit dem Stadtensemble nicht fortführen möchte.

Und wir haben uns das Ergebnis des Fahrradklima-Tests angesehen, bei dem Münster Karlsruhe wieder überholt hat. Der Oberbürgermeister sagt: „Münster ist die fahrradfreundlichste Stadt Deutschlands!“ Aber das ist falsch, wir erklären, warum. Und wir erklären das eigentliche Ergebnis der großen Umfrage, das so nicht in den Pressemitteilungen steht.

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Herzliche Grüße
Ralf Heimann

Mitarbeit: Constanze Busch (cbu), Sebastian Fobbe (sfo), Jan Große Nobis (jgn), Antonia Strotmann (ast), Svenja Stühmeier (sst)
Lektorat: Melanie Kelter

PS

Vielleicht kennen Sie die Geschichte der sächsischen Frau, die nach Bordeaux reisen wollte, aber ein Ticket nach Porto bekam, weil man ihr Anliegen im Reisebüro falsch verstanden hatte („Nach Bordo“). Am vergangenen Freitag schrieben wir von einer ähnlichen Panne, die zwar nicht ganz so lustig war, aber wahrscheinlich auch ähnlich ärgerlich. Eine österreichische Wissenschaftlerin, die Münster einen Preis entgegennehmen sollte, hatte eine Fahrt in die Lüneburger Heide gebucht, nach Munster. Und als Günter Breithardt, emeritierter Medizinprofessor und jahrelang Chefarzt an der Uniklinik, das las, erinnerte er sich wiederum an ein Erlebnis in den 1980er-Jahren. Damals arbeitete er noch in Düsseldorf. Und dort hatten sie zu einem Workshop einen Wissenschaftler aus Paris eingeladen. Als er in Düsseldorf ankam, hätte er es vom Flughafen gar nicht so weit gehabt, doch der Taxifahrer verstand einen Buchstaben falsch und brachte ihn statt ins 40 Kilometer entfernte Altenberg im Bergischen Land nach Altenberge hier drüben in der Nachbarschaft. Das waren ungefähr 110 Kilometer gewesen – oder eben 220, wenn man die Rückfahrt mitrechnet. Am vermeintlichen Ziel klärte sich das Missverständnis auf. Man fuhr im selben Taxi zurück. Glück im Unglück vielleicht: Es hätte auch alles noch schlimmer kommen können. 565 Kilometer vom Flughafen Düsseldorf entfernt, mitten im Erzgebirge, liegt das 7.800 Menschen große Dörfchen Altenberg. Oder wie sie dort sagen: Aldeberch. Das wiederum ist nicht zu verwechseln mit der Motte Aldeberg. Das ist eine alte Burganlage. Und die liegt in der Nähe von Mönchengladbach. (rhe)

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