Storch bringt Probleme – Zoo sucht Lösungen | RUMS 3 Monate zum halben Preis

Porträt von Ralf Heimann
von Ralf Heimann

Münster, 18. Juli 2023

wenn man ein Problem lösen möchte, dann geht man am besten nach einem einfachen Schema vor: Man identifiziert das Problem, sucht nach einer geeigneten Lösung und setzt sie im Idealfall um.

Das klingt wunderbar einfach. Aber leider ist es das nicht immer. Im Zoo zum Beispiel ist vor einem Monat ein Storch gestorben, der sich auf dem Geiergehege in den Maschen verfangen hatte. Das ist jetzt erneut passiert. Und es kann sein, dass man so etwas bald wieder hören wird.

In einer Stellungnahme, die der Zoo gestern auf seine Facebookseite gestellt hat, weil in den vergangenen Tagen auch noch ein Faultier in der neuen Tropenhalle verendet ist, wahrscheinlich an der Hitze, schreibt der Zoo, man suche „händeringend nach einer Lösung“ für die Störche. Aber wie die aussehen könnte, steht dort nicht. Und wenn man im Zoo anruft, sagt Sprecher Jan Ruch: „Das ist ja das Problem. Es gibt bis jetzt noch keine denkbaren Lösungen.“

Die Störche auf dem Geiergehege hat der Zoo dort nicht selbst angesiedelt. Sie haben sich den Platz selbst ausgesucht. Als das Gehege im Jahr 1974 gebaut wurde, gab es das Problem noch nicht. Damals habe man im gesamten Münsterland von einem einzigen brütenden Storchenpaar gewusst, schreibt der Zoo in seiner Erklärung. Zuletzt wuchs die Population sehr schnell. Im vergangenen Jahr habe man im Zoo 39 Horste gezählt, in diesem Jahr 51.

Gleichzeitig werde es in den Nestern immer enger. Im Schnitt säßen dort normalerweise zwei oder drei Störche, nun aber teilweise vier oder fünf. Und wenn der Platz in den Nestern oder das Futter knapp werde, könne es laut Fachleuten passieren, dass die Eltern schwache Jungtiere einfach rauswerfen, bevor sie flügge werden, oder der Nachwuchs sich gegenseitig aus dem Nest drängt. Dann stürzen die Tiere herunter, verletzen sich, oder sie bleiben, wie in diesem Fall, irgendwo in den Maschen hängen.

Viele Vorschläge, keiner möglich

So entsteht ein kompliziertes Problem, denn auch eine Etage tiefer, im Gänsegeiergehege, sitzt in den Nestern der Nachwuchs. Und wenn der in Panik gerate, zum Beispiel, weil irgendwer versucht, die Störche zu retten, könne es passieren, dass die jungen Geier panisch in die Tiefe springen. Das habe man im vergangenen Jahr in einem Fall genau so erlebt. Der Zoo steht vor einem Dilemma. Und für die seltenen Geier aus dem eigenen Bestand, die in Bulgarien ausgewildert werden sollen, fühlt er sich etwas mehr verantwortlich als für die wild lebenden Störche. Im Statement heißt es: „Die Population brütender Geier in ganz Bulgarien ist kleiner als allein die Anzahl der brütenden Störche nur im Allwetterzoo.“

Wie könnte man das lösen? Man könnte ein Netz mit engeren Maschen über das Gehege legen. Aber das würde die Statik nicht mitmachen, sagt Jan Ruch. Wenn es schneit, könnte die Voliere unter der Schneelast zusammenbrechen. Und Netze, die verhindern, dass die Geier in die Tiefe springen? Auch nicht möglich, sagt Ruch.

Aber was wäre möglich? Man könnte die Nester abräumen und sogenannte Abweiser auf das Gehege setzen. Sie würden verhindern, dass Störche sich oben auf der Voliere ansiedeln. Doch auch diese Lösung wäre laut Zoo nicht von Dauer. „Das geht ein Jahr lang gut, dann überlegen die Tiere sich etwas Neues“, sagt Ruch. Welche Möglichkeit gäbe es sonst noch? Ein neues Geiergehege. Aber das würde Jahre dauern, und irgendwer müsste es bezahlen.

Das ist das Problem mit den Störchen. Und dann ist da noch das mit dem Faultier. Hier ist die Ursache eine ganz andere. Es ist wichtig, das zu erwähnen, denn vor allem in der reflexhaften Netzdebatte ist die Atmosphäre noch etwas hitziger als vor zwei Wochen im neuen Tropenhaus.

Warum brauchte es das Video?

Der Zoo räumt in seinem Statement ein, den Zustand des Faultiers falsch eingeschätzt zu haben. Vor seinem Tod war es in der Tropenhalle dabei gefilmt worden, wie es seinen Kopf immer wieder in eine Schale mit Wasser tunkte. In einem Tiktok-Video der „Taubenfreunde Münster“, in dem diese Szene zu sehen ist, heißt es, Menschen hätten das Zoopersonal darauf aufmerksam gemacht. Aber den Leuten sei gesagt worden, man könne nichts machen, es sei Sonntag. Außerdem gehe es dem Tier gut.

Der Zoo schreibt, das Video habe dem Team zur Beurteilung der Situation nicht vorgelegen. Nur: Wäre das überhaupt nötig gewesen? Hätte man sich das Tier nicht auch vor Ort ansehen können? Hätte das bei der Hitze nicht ohnehin passieren müssen? In dem Video sieht es aus, als könnten auch Menschen ohne tiefes Fachwissen erkennen, dass es dem Faultier nicht gut geht.

Ganz offensichtlich ist hier etwas versäumt worden. Der Zoo schreibt, man habe die Klimaanlage erst später eingeschaltet, aus heutiger Sicht habe man die Temperaturentwicklung falsch eingeschätzt. In der Stellungnahme heißt es: „Wir geben alles, um solch einen Vorfall nie wieder erleben zu müssen.“

Beide Fälle wären nicht auf diese Weise öffentlich geworden, wenn Menschen nicht genau hingeschaut hätten – und wenn die „Taubenfreunde Münster“ das Material nicht verbreitet hätten. Aber der Fall macht auch deutlich, was hier in Zukunft noch besser laufen könnte. Die „Taubenfreunde Münster“ tun die Erklärung des Zoos als „Ausrede“ ab. Im Video ist zu lesen: „Erneut massive Tierquälerei im Allwetterzoo Münster“.

Und dazu muss man sagen: Pauschale Verurteilungen sind hilfreich, wenn es darum geht, etwas im Netz möglichst wirkungsvoll zu verbreiten. Das sieht man in den Kommentaren. Dort entladen sich die Emotionen. Eine Nutzerin schreibt: „Macht einen einfach nur wütend und sprachlos.“ Eine andere: „Ohne Worte“. So heizt das Video die Empörung an. Aber das ist auch schon alles.

Interessant wäre, zu erfahren, warum die Erklärung des Zoos nach Einschätzung der Gruppe nur eine Ausrede ist. Was daran ist falsch? Was könnte der Zoo besser machen? Wie könnte er das Problem mit dem Geiergehege lösen? Geht es hier wirklich um Tierschutz? Dann wäre es sinnvoll, wenn Menschen, die sich damit auskennen, konstruktive Vorschläge machen, um die Situation der Tiere zu verbessern. Andernfalls bleibt der Eindruck zurück, dass die toten Tiere nebenbei auch ganz nützlich sind, um den Zoo effektvoll zu verunglimpfen. (rhe)

Ein-Satz-Zentrale

+++ Für rund 700 Haushalte in Mecklenbeck fallen Heizung und Warmwasser am Mittwoch zwischen 5 und 18 Uhr aus, weil Netzpumpen der Fernwärmeversorgung erneuert werden. (Stadtnetze Münster)

+++ Das Oberverwaltungsgericht hat einen Baustopp für den Hafenmarkt abgelehnt. (Westfälische Nachrichten)

+++ Die Stadt erneuert während der Sommerferien Fenster und den Außenanstrich an Grundschulen. (Stadt Münster)

+++ Die Stadtverwaltung ist ganz entspannt, obwohl Autofahrer:innen am Alten Fischmarkt widerrechtlich fahren und parken. (Westfälische Nachrichten)

+++ Die Stadt vermarktet neben dem Stadtteilzentrum Kinderhaus am Idenbrockplatz drei Grundstücke für den Bau von Mehrfamilienhäusern. (Stadt Münster)

+++ Der Hotel- und Gaststättenverband Münster schlägt vor, Jugendliche ab 14 Jahren als Aushilfen einzustellen, um dem Personalmangel entgegenzuwirken. (Antenne Münster)

+++ Im Münsterland und der Emscher-Lippe-Region haben laut einer IHK-Umfrage sieben Kommunen die Gewerbesteuerhebesätze erhöht, drei haben sie gesenkt und in Münster hat sich nichts geändert. (Pressemitteilung IHK Nord Westfalen, eine Tabelle der „Realsteuerhebesätze 2007 bis 2023“ ist hier zu finden)

+++ Eine mehr als 100 Jahre verschollene Gedenkplatte der Lambertikirche ist in einem Privathaus wieder aufgetaucht und wird jetzt versteigert. (Westfälische Nachrichten)

+++ Ab dem 31. Juli wird der Aussichtsturm in den Rieselfeldern für einige Zeit wegen Sanierungsarbeiten gesperrt. (Pressemitteilung der Biologischen Station; nicht online)

+++ Die Polizei sucht nach Zeug:innen, die am Samstagvormittag gegen halb elf etwas von einem Unfall auf der Görlitzer Straße mitbekommen haben, bei der eine Radfahrerin verletzt wurde. (Polizei Münster)

Unbezahlte Werbung

Seit ich eine Zeit lang in Maastricht gegenüber einer Frittenbude gewohnt habe, esse ich für mein Leben gerne Pommes. In Münster habe ich lange nach einem Imbiss gesucht, der ans niederländische Frittenideal herankommt. Den habe ich jetzt ganz in der Nähe des Doms mit Dieks Wurstbrathalle gefunden. Der Laden am Geisbergweg frittiert die Kartoffelstäbchen in Erdnussöl, was das kartoffelige Aroma der Pommes besser herauskitzelt als anderes Fett. Dazu reicht Dieks Wurstbrathalle Ketchup, Mayonnaise, Joppie-Sauce und natürlich Curry- und Bratwurst, die auch als vegane Variante auf den Grill kommen. Für ausgefallenere Wurst-Pommes-Kreationen schauen Sie doch mal hier nach. (sfo)

Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne einfach über den Link.

Drinnen und Draußen

Elija Winter hat geschaut, womit Sie sich in den kommenden Tagen die Zeit vertreiben können:

+++ „Alles gut“, heißt es gerade in der Kneipe F24 an der Frauenstraße. Dort stellt Tina Brackmann ihre schwarz-weißen Silhouettenbilder aus. Die Kombination aus Fotografie und Malerei erinnert an Werke des Künstlers Banksy. Das F24 ist außer sonntags täglich von 12 bis 1 Uhr nachts geöffnet.

+++ Von Mittwoch bis zum 13. August, können Sie es sich im Sommernachtskino am Schlossplatz gemütlich machen. Das Filmprogramm besteht aus Aktuellem und Altbekanntem. Beginn ist nach Einbruch der Dunkelheit, Einlass ab circa 22 Uhr. Der erste Film ist die französische Tragikomödie „Im Taxi mit Madeleine“ über eine Dame, die auf ihre alten Tage noch einmal ihre liebsten Orte in Paris abklappern möchte. Tickets kosten 12 Euro, ermäßigt 9,50 Euro.

+++ In der Stadthausgalerie, am Platz des Westfälischen Friedens, ist zurzeit die Ausstellung „Off the Pedestals“ (Weg von den Sockeln) zu sehen, die sich mit kolonialem Erbe und kolonialen Denkmälern beschäftigt, also mit Fragen, die sich auch in Münster stellen (RUMS-Brief). Die Ausstellung ist mit dem Kunstwerk „Toleranz durch Dialog“ von Eduardo Chillida gegenüber im Rathausinnenhof verbunden, das sich mit den Verhandlungen des Westfälischen Friedens beschäftigt, und mit den Bänken im Schlosspark von Jenny Holzer, einem Skulptur-Projekt, das als Kommentar zur Grausamkeit des Kriegs zu verstehen ist. Und falls bei Ihnen gerade alles etwas knapp ist: Bis zum 27. August haben Sie noch Zeit.

+++ Die „Wonk Unit“ aus London spielt am Donnerstagabend in der Heilen Welt. Um 20 Uhr geht’s los. Und weil es Punk ist, ist natürlich alles selbst gemacht. Probehören kann man hier. Der Eintritt ist frei.

Und was steht sonst noch im RUMS-Brief

RUMS-Leser Friedhelm Gerhard hat sich bei uns gemeldet. Er nimmt an der NAKO-Gesundheitsstudie teil, einer langfristigen Bevölkerungsstudie zu häufigen Erkrankungen. Doch er hat Zweifel an der Zusammenstellung der Proband:innen. Gerhard glaubt: Untersucht wird nicht „die Bevölkerung“, sondern überproportional viele Menschen mit höherem Einkommen und höheren Bildungsabschlüssen.

Falls Sie mit dem Namen NAKO (kurz für „Nationale Kohorte“) gerade nichts anfangen können, sind Sie in guter Gesellschaft. Das Forschungsvorhaben fliegt in der öffentlichen Wahrnehmung sehr unter dem Radar. Dabei ist es eine große Sache: 200.000 Menschen an 18 Studienorten in ganz Deutschland werden alle paar Jahre umfassend untersucht und befragt, über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren. Allein bis 2028 wollen Bund, Länder und die Helmholtz-Gemeinschaft dafür bis zu 383 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Die Studie soll, grob vereinfacht, herausfinden, warum manche Menschen zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes bekommen und andere nicht.

Einer der Studienorte ist Münster. 10.000 Menschen nehmen hier an der Studie teil. Und einer von ihnen ist eben Friedhelm Gerhard. Was ist dran an seiner Vermutung? Kommen Menschen mit wenig Geld und niedrigerem Bildungsgrad tatsächlich zu wenig in der NAKO-Studie vor? Werden also die gesundheitlichen Folgen sozialer Faktoren zu wenig berücksichtigt? Constanze Busch hat Antworten gesucht.

Möchten Sie mehr erfahren? Dann testen Sie RUMS drei Monate lang zum halben Preis.

Herzliche Grüße
Ralf Heimann

Mitarbeit: Sebastian Fobbe (sfo), Jan Große Nobis (jgn), Svenja Stühmeier (sst), Elija Winter (ewi)
Lektorat: Antonia Strotmann

PS

Wenn man gezwungen ist, etwas aufzuschreiben, aber nicht möchte, dass es eindeutig zu verstehen ist, dann schreibt man es am besten in einer anderen Sprache. Wenn nun aber leider die Sprache festgelegt ist, muss man sich etwas überlegen. In unserer Sprache bietet sich zum Beispiel Amtsdeutsch an. Formulieren Sie alles im Passiv, dann bleibt immer unklar, wer etwas gemacht hat, machen muss oder am Ende verantwortlich ist („Maßnahmen wurden ergriffen“). Verwenden Sie viele Substantive (Nominalstil), dann klingt alles hochoffiziell, aber niemand versteht, was Sie meinen. Ein Beispiel: „Die Vornahme der Überprüfung der Einhaltung der Vorschriften ist obligatorisch.“ Das bedeutet schlicht: Sie müssen die Vorschriften einhalten. Amtsdeutsch ist ein nützliches Werkzeug, um Macht auszuüben und Verantwortung von sich zu schieben, aber was oft vergessen wird: Amtsdeutsch ist auch unglaublich witzig. Mein Freund Lorenz Meyer hat darüber ein kleines Büchlein geschrieben, das heute erscheint. Es heißt: „Sprechen Sie Beamtendeutsch?: Eine Übersetzungshilfe zum Mitraten“. Und wenn sie erst mal vorsichtig reinhören wollen, worum es da geht, heute Abend ab 20:10 Uhr ist Lorenz Meyer zu Gast bei Radioeins. (rhe)

PPS

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte in der Hitze Italiens eine zündende Idee: „Die Kirchen sollten in Hitzewellen als Kälteräume tagsüber offen sein und Schutz bieten“, dachte er laut oder, anders gesagt, twitterte er, wie unter anderem das Kirchenblatt „Kirche und Leben“ schreibt. Würden die unter der Hitze leidenden Menschen sich dorthin zurückziehen, täte das einerseits ihrem Kreislauf gut, andererseits aber möglicherweise auch den Kirchen, die sich in letzter Zeit ja vor allem damit beschäftigen müssen, dass viele Menschen in die andere Richtung wollen, nämlich aus den Kirchen heraus. An den Türen scheitert das im Münsterland jedenfalls weder in die eine noch in die andere Richtung. Münsters Dompropst Hans-Bernd Köppen sagt laut der Zeitung: „Unsere Kirchen im Bistum Münster sind eigentlich tagsüber immer geöffnet.“ Die Frage, für welches Haus in der Stadt man sich bei Hitze am besten entscheidet, hat die „Kirche und Leben“ vor einigen Jahren schon selbst beantwortet. Sie hat in Münster die „coolste Kirche“ gesucht und auch gefunden. Bei Temperaturen um die 30 Grad draußen war das St. Servatii. Dort maß das Thermometer drinnen christliche 20 Grad. (rhe)

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