- RUMS
- Beiträge
- Kurzbriefe
- Kurzbrief von Ralf Heimann
Lohnerhöhung bringt Kitas in Schwierigkeiten | Unbezahlte Werbung: Apotheken-Automat

Münster, 7. November 2023
für Kita-Beschäftigte kam im Frühjahr die gute Nachricht: Ab Juni gibt es mehr Geld. Viele Kitas brachte genau das in Schwierigkeiten. Die städtischen Einrichtungen finanziert das Land direkt. Sie bekommen ihr Geld sofort. Bei den freien Trägern ist das anders. Sie müssen das Geld vorstrecken und bekommen es erst bei der nächsten Abrechnung zurück – mit einem Jahr Verspätung. Wer keine Rücklagen hat, hat ein Problem.
Der Montessori-Kindergarten am Mauritz Lindenweg hatte Rücklagen, aber ewig werden auch sie nicht ausreichen. „Wenn wir im nächsten Jahr nicht mehr Geld bekommen, können wir unser Personal nicht nach Tarifvertrag zahlen“, sagt Annette Rohlmann, die den Kindergarten leitet. Das würde bedeuten: Wahrscheinlich würden einige sich andere Jobs suchen, zum Beispiel bei städtischen Kitas, die Tariflöhne zahlen. Freie Stellen gibt es genug. Wer sein Personal halten möchte, muss das Geld irgendwie aufbringen. Aber wie?
„Vor allem kleinere Kita-Träger sind von der Insolvenz bedroht“, sagt Markus Wallmeier von der Arbeiterwohlfahrt. Er ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege in Münster, einem Zusammenschluss aus mehreren Verbänden, etwa der Caritas, der Diakonie oder dem Deutschen Roten Kreuz.
Die nordrhein-westfälische Familienministerin Josefine Paul (Grüne) hat den Kitas im September mehr Geld zugesichert, um die höheren Kosten auszugleichen. Sie bekommen zehn Prozent mehr, allerdings erst ab nächsten Sommer. Markus Wallmeier sagt, das sei zu spät. Das Geld müsse früher kommen. Aber auch das werde nicht ausreichen. Man müsse grundsätzlich über das ganze System nachdenken.
„Man beschwert sich über den Fachkräftemangel, aber wenn man das ändern möchte, muss man den Trägern auch die Möglichkeit geben, Personal auszubilden“, sagt Wallmeier. Das koste Zeit, man müsse sich um die Menschen kümmern, sie anleiten. Dafür braucht es Freiräume, mehr Personalstunden, mehr Geld. Doch die dafür vorgesehenen Sätze reichten bei weitem nicht aus, sagt Wallmeier.
Man spreche jetzt wieder von einem Rettungs- oder einem Stärkungspaket. Aber am Ende sei das doch nur Flickschusterei. „Wenn man die Einrichtungen einmal gescheit und stabil finanzieren würde, dann bräuchten wir nicht alle zwei Jahre solche Pakete“, sagt Wallmeier.
Das Problem sind die leeren Kassen des Landes. Inflation und Zinsen sind enorm gestiegen, der Bund schiebt immer weitere Aufgaben rüber, die immer mehr Geld kosten. Allein im nächsten Jahr plant das Land mit zusätzlichen Ausgaben von über sieben Milliarden Euro, knapp zweieinhalb Milliarden davon sind Personalkosten.
In den Kommunen ist die Situation noch dramatischer. Sie finanzieren zwar nicht das Kita-Personal, aber die Sachkosten, unter anderem die Räume, die Ausstattung und die Verpflegung. Wenn kein Geld da ist, muss man auch hier sparen.
Nach einer Umfrage des Städte- und Gemeindebunds im September stecken vier von fünf Städten in finanziellen Schwierigkeiten. Ihnen droht die Haushaltssicherung, der Verlust ihrer finanziellen Entscheidungsfreiheit. Münster geht es noch relativ gut, doch im nächsten Jahr sind die Rücklagen aufgebraucht. In zwei bis drei Jahren droht dann auch hier der Haushaltskollaps.
Die Kitas beschäftigen neben den Geldsorgen auch drängende Probleme wie der Fachkräftemangel. Sogar Stellen, für die Geld da wäre, bleiben unbesetzt, weil sich niemand findet.
Und als wäre das alles nicht genug, kommt dazu jetzt auch noch die Krankheitswelle. „Bei uns fehlt ungefähr ein Drittel“, sagt Annette Rohlmann vom Montessori-Kindergarten. Auch das, dass immer irgendwer fehlt, müsste man eigentlich im Personalplan einkalkulieren, wenn alles so laufen soll, wie es laufen soll.
Kinderschutzkonzepte, Elterngespräche, Dokumentationen, all das müsse nebenbei gemacht werden, und das sei kaum möglich. „Mittlerweile spreche ich nicht mehr von pädagogischer Förderung, von Bildung, das was unser Auftrag ist, sondern von Beaufsichtigung und Betreuung“, sagt Annette Rohlmann.
Die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege will morgen auf dem Prinzipalmarkt auf die schwierige Lage aufmerksam machen. Sie ruft um 16 Uhr vor der Ratssitzung zu einer Kundgebung auf. Die in Münster zwischen der Stadt und den Verbänden getroffene Vereinbarung zur „kostendeckenden Gesamtfinanzierung“ sei nicht mehr gewährleistet, schreibt die Arbeitsgemeinschaft in ihrem Aufruf. Wenn man die Förderung nicht überprüfe oder neu ausrichte, würden freie Träger sich zurückziehen. Und das werde erhebliche Folgen haben.
Annette Rohlmann muss morgen improvisieren. Wenn ein Drittel der Belegschaft krank ist, ist alles nicht ganz so leicht. „Aber irgendwie kriegen wir das immer noch hin“, sagt sie. Die Kita wird ganz normal öffnen, und wenn dann das letzte Kind abgeholt ist, wollen Annette Rohlmann und ihr Team zur Demo. (rhe)
Ein-Satz-Zentrale
+++ Ab Donnerstag wird das Osttor in Hiltrup auf dem Abschnitt zwischen dem Roggenkamp und dem Loddenweg nachts saniert. (Stadt Münster)
+++ In Sprakel werden die Straße Landwehr sowie der Weißdorn- und der Schlehenweg ab Mittwoch und vermutlich bis Ende April 2024 ausgebaut. (Stadt Münster)
+++ Die Busse der Linie 1, die zwischen Amelsbüren, Hiltrup und der Innenstadt verkehren, sollen wieder im 20-Minuten-Takt fahren. (Westfälische Nachrichten)
+++ Die CDU will die wild geparkten Fahrräder auf der Ostseite des Hauptbahnhofs ins Parkhaus Bremer Platz verfrachten. (CDU Münster)
+++ Die Gewerkschaft Verdi ruft erneut zum Streik an den Unikliniken in Nordrhein-Westfalen auf. (Deutsche Presseagentur, hier: Westfälische Nachrichten)
+++ Die Pfadfinder:innen im Bistum Münster warten eine Missbrauchsstudie vom Bundesverband ab, bis sie eigene Fälle aufarbeiten. (Kirche und Leben)
+++ Heute begann das Berufungsverfahren gegen den Mann, der in seiner Wohnung in Kinderhaus über Jahre hinweg Müll anhäufte und im vergangenen Jahr einen Baukran an der Hammer Straße besetzte. (Antenne Münster)
+++ Das Studierendenparlament der Uni Münster möchte verhindern, dass pauschal alle Veranstaltungen zum Nahostkonflikt an der Uni untersagt werden. (Allgemeiner Studierendenausschuss der Uni Münster auf Instagram)
+++ Eine Bürgerinitiative möchte erreichen, dass der Stubengassenplatz nach der Kurdin Jina Mahsa Amini umbenannt wird, deren Tötung im September 2022 Auslöser für die Proteste gegen das Regime im Iran war. (Open Petition)
Unbezahlte Werbung
Wir hatten es im letzten RUMS-Brief schon gesprochen: Die diesjährige Erkältungssaison ist im vollen Gange. Weil wir bei RUMS bekanntlich sehr serviceorientiert arbeiten, kommt hier ein Tipp, der Ihnen demnächst vielleicht bei dem einen oder anderen Wehwehchen Erleichterung verschafft: Die Ludgeri-Apotheke in der Innenstadt hat einen Automaten in ihrer Fassade eingelassen, der einem rund um die Uhr ein paar Helferlein ausspuckt. Ungefähr sechzig Produkte stehen zur Auswahl, beispielsweise Hustenbonbons, Wärmepflaster, pflanzliche Einschlafhilfen, Menstruationsprodukte, Kondome, Schwangerschaftstests oder Elotrans. Der Automat ist barrierefrei. Für Menschen, die mit Rollstuhl leben, gibt es eine Taste, die die verfügbaren Produkte in die untere Displayhälfte rückt. Zahlen ist nur kontaktlos möglich.
Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne einfach über den Link.
Drinnen und Draußen
Deike Terhorst hat heute für Sie in die Veranstaltungskalender geschaut. Das sind ihre Empfehlungen:
+++ Der Persönlichkeitspsychologe Mitja Back von der Universität Münster spricht heute über populäre Narzissmusmythen und setzt ihnen wissenschaftliche Erkenntnisse gegenüber. Der Vortrag beginnt um 18:30 Uhr im Hörsaal S2 im Schloss. Der Eintritt ist frei.
+++ Was hat die Verfolgung von sogenannten „Asozialen“ und „Schwachsinnigen“ im Nationalsozialismus mit abweichender weiblicher Sexualität zu tun? Dieser Frage geht Hanna Kotzan, Studentin der Geschichte und Sozialanthropologie, in ihrer Bachelorarbeit nach. Morgen um 19 Uhr stellt sie ihre Ergebnisse in der Villa ten Hompel vor. Die Veranstaltung findet vor Ort und über Zoom statt, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
+++ Im Theater im Pumpenhaus findet am gleichen Abend eine ähnliche Veranstaltung statt: Das Stück „Briefe nach Ewigheim“ des Ensembles „Lichter Schatten“ handelt von der Euthanasie im Dritten Reich. Los geht es um 20 Uhr, Tickets sind für 18 Euro auf der Website des Pumpenhauses erhältlich.
+++ Am Donnerstag lädt die Deutsch-Britische Gesellschaft zum Vortrag „Stands Scotland where it did?“ ins Stadtweinhaus am Prinzipalmarkt ein. Brian Taylor, ehemaliger politischer Redakteur der BBC, wird dabei zwei zentrale Themen behandeln: die Auswirkungen des Brexit und die anhaltende Forderung nach schottischer Unabhängigkeit. Der öffentliche Vortrag findet im Braunsberg-Braniewo-Zimmer statt, Beginn ist um 20 Uhr.
+++ In Kooperation mit dem Londoner „Tate Modern“ zeigt das LWL-Kunstmuseum die Ausstellung „Nudes“. Die Kunstwerke thematisieren Nacktheit, Körperlichkeit und Geschlecht. Pünktlich zum langen Freitag eröffnet die Ausstellung. Jede halbe Stunde werden zwischen 18 und 24 Uhr Führungen angeboten. Außerdem können Sie sich auch selbst im Aktzeichnen ausprobieren. Die Ausstellung geht bis zum 14. April 2024. Erwachsene zahlen 9 Euro Eintritt.
+++ Am Freitag laden Ateliers, Kneipen und Geschäfte in Mauritz und Martini von 15 bis 21 Uhr zu einem Rundgang ein. „Lokale Runde“ nennt sich das Ganze. Es spielen Bands, es gibt Glühwein, etwas zu essen und in jedem Fall schon ein bisschen Winterstimmung. Unsere Kolumnistin Marion Lohoff-Börger ist auch dabei – mit ihrem Atelier in der Wolbecker Straße 105. Wer sonst noch mitmacht ist, steht hier.
Und sonst?
Die Stadt Münster veröffentlicht einmal im Jahr eine umfangreiche Datensammlung. Das sogenannte Sozialmonitoring gibt einen Einblick in die soziale Situation in den Stadtvierteln. Zusammen mit der TU Dortmund haben wir die Daten analysiert und in Grafiken aufbereitet.
Möchten Sie mehr erfahren? Dann testen Sie RUMS drei Monate lang zum halben Preis.
Herzliche Grüße
Ralf Heimann
Mitarbeit: Constanze Busch (cbu), Sebastian Fobbe (sfo), Jan Große Nobis (jgn), Deike Terhorst (dte)
Lektorat: Maria Schubarth
PS
Anfang November, es geht jetzt langsam los mit den Jahresrückblicken. Im Lappan-Verlag ist vor vier Tagen einer der allerersten erschienen. Er zeigt die besten Cartoons des Jahres. Von unseren Cartoonisten Stephan Rürup sind mehrere dabei – auch einer, der im Sommer bei RUMS erschienen ist: dieser hier. Fehlt noch die Information, wie das Buch heißt: „Beste Bilder 14 – Cartoons des Jahres“. Und so sieht es aus. (rhe)