Das war „Reden wir über Kinderhaus“ | Neue RUMS-Veranstaltungsreihe gestartet

Portrait Raphael Balke neu
von Raphael Balke

Guten Tag,

knapp 150 Menschen waren bei unserer Veranstaltung „Reden wir über Kinderhaus“ im Schulzentrum in Kinderhaus dabei. Der erste Abend unserer neuen Reihe „Miteinander reden“ sollte dabei nicht nur eine Podiumsdiskussion sein. Wir wollten ausprobieren, was passiert, wenn Lokaljournalismus nicht mit der Veröffentlichung eines Textes endet, sondern vor Ort weitergeht.

Normalerweise recherchieren wir in einem Viertel, sprechen mit Menschen und schreiben anschließend in der Redaktion unsere Texte. An diesem Abend wollten wir den Ablauf ändern: mehr Menschen ins Gespräch einbeziehen, ihnen Raum für persönliche Gespräche geben – auch dann, wenn dies für eine konkrete Recherche zunächst keine Rolle spielt.

Clemens Krause, Schulleiter der Geschwister-Scholl-Realschule, hat seine Erwartung an den Abend am Anfang so zusammengefasst: „Das Ziel ist nicht, dass wir über etwas reden, sondern wir reden gemeinsam über unseren Stadtteil. Und zum Reden gehört existenziell auch das Zuhören dazu.“

„Reden wir über Kinderhaus“ im Schulzentrum

Ein Thema zog sich dabei durch alle Gespräche des Abends: Wie stark unterscheidet sich das Bild, das Außenstehende von Kinderhaus haben, vom Alltag der Menschen, die dort leben?

Sänger Delano Jörling sprach darüber, wie Fremdwahrnehmung und eigenes Erleben auseinandergehen können. Als Jugendlicher habe er unbedingt stark wirken wollen und deshalb zunächst klischeehaft gerappt. „Die Texte passten nicht, das war eher eine Lachnummer“, sagte er. Später wechselte er zum R&B. Heute singt er über Liebe und Zweifel, aber auch über Rassismus, den er selbst erlebt hat. „Ich wurde schon als Zehnjähriger im Bus rassistisch beleidigt“, sagte er. In seinem Song „Peace“ verarbeitet er solche Erfahrungen. Darin geht es unter anderem darum, dass Menschen ihn in der Innenstadt auf Englisch ansprechen, weil sie ihm offenbar nicht zutrauen, Deutscher zu sein. Jörling kritisierte zugleich den von Stereotypen geprägten Blick auf Kinderhaus. „Kinderhaus ist kein Stadtteil, in dem alle gleich aussehen, es ist schon sehr bunt und es gibt viele verschiedene Menschen“, sagte er.

Einladung
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Mit „Reden wir über Coerde!“ bringt RUMS erstmals ein Journalismus-Format auf die Bühne in Coerde. Wir sprechen darüber, wie Kinder im Stadtteil aufwachsen, wie ein junger Mann den Weg raus aus der Sucht gefunden hat und wie die Demokratie in Coerde funktioniert. Was macht den Stadtteil aus? Welche Geschichten zeigen, was in Coerde gelingt? Und wie entsteht Zusammenhalt in einem Stadtteil, der so viel mehr ist als sein Ruf?

Die Veranstaltungsreihe wird im Rahmen der Initiative „Medien in NRW für Demokratie und Zusammenhalt“ von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen gefördert.

Der Eintritt ist frei. Anmeldungen hier.

Ähnlich beschrieben es Lia Große und Cora Weers vom Sportverein Westfalia Kinderhaus. Für sie ist die Vielfalt im Stadtteil keine Besonderheit, sondern Normalität. „Ich bin damit groß geworden. Für mich ist es absolut normal und ich nehme es gar nicht mehr wahr“, sagte Große. Trotzdem sei sie bei Auswärtsspielen auch mit Klischees konfrontiert. „Aber der Ball kennt keine Herkunft“, sagte Cora Weers.

„Reden wir über Kinderhaus“ im Schulzentrum

RUMS-Autor Sebastian Fobbe erklärte, dass er selbst Jahre gebraucht habe, um seine Recherche zum Immobiliengeschäft mit dem Verfall in der Schleife anzustoßen. Sechs Monate hat er zum Großvermieter ZBI recherchiert, dem 700 Wohnungen in der Schleife gehören. Dabei sei es nicht nur um einen großen Immobilienbestand gegangen, sondern auch um die Folgen von dessen Zustand für die Menschen, die dort wohnen: Schimmel, Kälte und Schäden gehörten für viele Familien zum Alltag. Neun von zehn Kindern in der Schleife leben in Wohnungen, die ein potenzielles Gesundheitsrisiko darstellen, zitierte er ein Gutachten des Begegnungszentrums Kinderhaus. Fobbe fasste den Konflikt so zusammen: „Es wird nicht saniert, weil mit den Wohnungen Geld verdient werden muss.“

Wie unterschiedlich selbst scheinbar einfache Fragen innerhalb eines Stadtteils beantwortet werden, zeigte das Thema Müll. Zu Beginn der Veranstaltung ließen wir darüber abstimmen, ob Kinderhaus zu dreckig sei. Die Meinung des Publikums war gespalten: Die eine Hälfte empfand Kinderhaus als zu dreckig, die andere nicht.

„Reden wir über Kinderhaus“ im Schulzentrum

Das hänge vor allem davon ab, wo man in Kinderhaus wohne, sagte Bezirksbürgermeister Ralf Kiewit. Während an Orten wie der Wilkinghege kaum Müll liege, würden an der Josef-Beckmann-Straße immer wieder Autoreifen, Müllsäcke und alte Möbel abgeladen. Kiewit denkt: Dort, wo Anonymität herrscht, entsteht Müll. Also müsse man gesellschaftlich stärker hinschauen. „Wenn die Straßen vermüllt sind, macht das was mit Menschen. Und wenn wir das nicht geregelt kriegen, dieses Problem, dann haben wir auch letztlich ein Demokratieproblem“, sagte er.

Einladung
Grafik, auf der ein Foto von Christoph Koch zu sehen ist (Credits: Urban Zintel) und auf dem folgender Text steht: RUMS-Veranstaltung mit Christoph Koch: Hallo wie fühlst du dich heute? Wie künstliche Intelligenz unsere Beziehungen verändert. RUMS-Lesung #3

Was passiert, wenn ein Chatbot zum vertrauten Gegenüber wird? Wenn Menschen einer KI ihre Sorgen anvertrauen, Trost suchen oder sich sogar verlieben? Millionen Menschen nutzen inzwischen solche digitalen Begleiter – und die Frage ist nicht mehr nur, was künstliche Intelligenz kann, sondern was sie mit unseren Beziehungen macht.

Über diese und weitere Fragen spricht RUMS-Redaktionsleiter Ralf Heimann mit dem Sachbuchautor und Tech-Reporter Christoph Koch. Der Spiegel-Bestseller-Autor erzählt von Nähe, Einsamkeit und der Verlockung eines Gegenübers, das immer zuhört und nie widerspricht – aber auch von den wirtschaftlichen Interessen der Anbieter und den Risiken emotionaler Abhängigkeit.

3. November 2026, 18:30 Uhr im SpecOps. Tickets gibt es hier.

Wir freuen uns, wenn Sie dabei sind!

Als die Mikrofone auf der Bühne ausgeschaltet waren, ging es zum nächsten Teil des Abends über. An mehreren Stehtischen diskutierten Besucherinnen und Besucher mit unseren Gästen und der Redaktion über die Schleife, den Müll und das Leben im Viertel. Genau das machte diesen Abend auch für unsere redaktionelle Arbeit so wertvoll: Aus den Fragen, die wir mitgebracht hatten, ergaben sich weitere. Und daraus wurden schließlich doch auch neue Rechercheansätze. Besucher berichteten davon, was es bedeutet, in Kinderhaus in Armut aufzuwachsen. Andere wollten wissen, ob die rund 700 Wohnungen der ZBI möglicherweise verkauft werden. Wieder andere vermittelten uns Kontakte zu Menschen, die uns bei zukünftigen Recherchen zu diesen Themen weiterhelfen können. Und: Wir erhielten einige anonyme Hinweise, denen wir in den kommenden Wochen nachgehen werden.

„Reden wir über Kinderhaus“ im Schulzentrum

Gesprochen wurde aber nicht nur über die von uns an den Tischen vorbereiteten Themen. Auch daneben entstanden Gespräche zwischen den Menschen. Genau das gehört zu der Idee hinter „Miteinander reden“: Wir wollen nicht nur selbst Fragen stellen, sondern Gespräche ermöglichen, die anschließend ohne uns weitergehen.

Auch Kritik am Format gehörte dazu. Zwar begrüßten viele, dass Themen wie illegal abgelagerter Müll öffentlich und gemeinsam diskutiert werden. Manche wünschten sich allerdings dafür mehr Zeit und tiefere Gespräche.

Die Eindrücke aus Kinderhaus sammeln wir jetzt und nehmen sie direkt mit in die Planung für den nächsten Termin: Am 7. Oktober um 19 Uhr sind wir im Begegnungszentrum Meerwiese auf der Bühne und reden über Coerde. Wir freuen uns, wenn Sie kommen. Sie können sich bereits hier anmelden.

Wenn Sie beim Abend in Kinderhaus dabei waren und Ihnen etwas aufgefallen ist – oder wenn Sie eine Idee haben, was wir beim nächsten Mal einbringen sollten, dann schreiben Sie mir doch gerne eine Mail an raphael.balke@rums.ms. Wir freuen uns über Feedback!

Herzliche Grüße
Raphael Balke

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