Bauen, Wohnen, Klimaschutz – Münsters großes Dilemma | RUMS-Podcast: Das Haus der Therese Stern

Porträt von Ralf Heimann
von Ralf Heimann

Guten Tag,

ein Leser hat uns geschrieben, dass im Schlossgarten trotz Leinenpflicht immer wieder Hunde frei herumliefen, und so richtig, so sein Eindruck, scheine das kaum jemanden zu interessieren. Bei der Uni habe man ihm gesagt, die Gärtner seien angewiesen, darauf zu achten. Sonst könne man aber auch nur wenig tun.

Man könnte jemanden einstellen, der sich darum kümmert, natürlich. Aber das kostet Geld. Und wenn es um die allgegenwärtige Frage geht, worauf man am ehesten verzichten kann, um Geld zu sparen, dann wäre ein Vorschlag vermutlich: auf den, der im Schlossgarten die Hundeleinen kontrolliert.

Es ist ein klassischer Zielkonflikt. Man möchte das eine, aber das geht nur zum Preis von etwas anderem. In Münster gibt es das auch in sehr viel größeren Dimensionen.

Am Donnerstag hat die Stadt einen Bericht dazu veröffentlicht, wie es mit dem Vorhaben vorangeht, die Stadtverwaltung klimaneutral zu machen. Die Ergebnisse stammen aus den Jahren 2021 bis 2023, sie lauten in Kurzform: Es gibt Fortschritte, aber es müsste eigentlich sehr viel schneller gehen.

Zunächst hat man das getan, was sich schnell machen ließ: Straßenbeleuchtung und Ampeln auf LED-Leuchten umstellen, mehr Elektroautos im Fuhrpark. Aber eines der größten Probleme, wenn es ums Klima geht, sind städtische Immobilien.

Vor allem bei der Sanierung alter Gebäude und beim Ausbau erneuerbarer Energien sieht das Gutachterbüro, das für die Stadt einen knapp 80 Seiten langen Ergebnisbericht geschrieben hat, einigen Nachholbedarf. Die Stadt formuliert es positiv. In ihrem eigenen Bericht dazu stellt sie fest, hier liege der größte Hebel.

Doch gleichzeitig wächst die Stadt, und das bedeutet: Hier liegt auch der größte Haken. Denn weil sie wächst, braucht die Stadt neue Gebäude. Die müssen gebaut werden. Und das wirft die Klimaschutzbemühungen zurück. Oder wie die Stadt schreibt: „Hier können Zielkonflikte entstehen.“

Ein anderer aktueller Bericht macht das Problem noch etwas deutlicher, und zwar nicht nur für die Stadtverwaltung, sondern generell.

Wachstum hat sich verändert

Ebenfalls in der vergangenen Woche hat die Stadt eine neue Bevölkerungsprognose veröffentlicht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Münster weiter wachsen wird, bis 2035 um knapp fünf Prozent oder etwa 15.000 Menschen auf ungefähr 336.000 Menschen. Das bedeutet auch hier: Es muss gebaut werden.

Am stärksten werden laut dem Bericht Gremmendorf-West und das Gebiet rund um den Hafen wachsen. Gremmendorf-West um über 4.200 Menschen – etwa 60 Prozent. Das Hafengebiet um 1.600 Menschen, das sind hier sogar 140 Prozent. Auch in Pluggendorf, Hiltrup-Ost und Gievenbeck werden laut der Prognose im Jahr 2035 mehr Menschen leben.

Die genauen Zahlen vermitteln den Eindruck, das alles stehe schon fest. Doch es sind lediglich Prognosen. Es kann alles auch anders kommen. Und wie genau die Zahlen ausfallen, ist auch eine Frage der Perspektive. Es hängt ab von den Definitionen.

Das wird in der Diskrepanz zu den Prognosen der Landesstatistikbehörde deutlich. Sie rechnet damit, dass Münster bis 2035 nur um knapp zwei Prozent wachsen wird, also deutlich langsamer. Allerdings schaut sie dabei auch nur auf die Menschen, die in Münster ihren Hauptwohnsitz haben. Die Stadt dagegen zählt auch die mit einem Zweitwohnsitz.

Entscheidend sind weniger die Zahlen im Detail, eher die generellen Entwicklungen. Eine der wichtigsten ist: Seit 2022 sterben in Münster mehr Menschen, als hier geboren werden. Die Stadt wächst nicht mehr aus sich selbst heraus, sondern nur noch durch Zuzüge.

In einigen Altersgruppen, zum Beispiel bei den Grundschulkindern, schrumpft die Bevölkerung sogar, wenn die Vorhersage stimmt. Das hat Folgen für die Planungen. Und die sind schon heute zu spüren. Die Stadt hat soeben beschlossen, zwei Kitas zu schließen und ihre Kita-Planungen neu auszurichten.

Eine paradoxe Frage

Andere Altersgruppen, vor allem die der Menschen ab 60, werden in Zukunft mehr Gewicht bekommen. Münster muss sich auf Menschen mit anderen Bedürfnissen einstellen. Während die Bevölkerungszahl in der Stadtmitte stagniert, nimmt sie in einigen Außenbezirken zu.

Auch dort wird gebaut. Und das ist einerseits gut, denn das schafft nicht nur Wohnraum, sondern auch Arbeit, Aufträge und Wertschöpfung: Und nur wenn Unternehmen wachsen und neue Firmen sich ansiedeln, werden Menschen nach Münster ziehen. Gleichzeitig schadet Bauen dem Klima.

Das berührt eine weitere aktuelle Debatte, die zuletzt in der Ratssitzung geführt wurde – die darüber, wie viele neue Gewerbegebiete die Stadt braucht und verträgt.

So steht auf der Seite im Bericht zu den Klimabemühungen der Stadtverwaltung der Hinweis, „dass der voranschreitende Klimawandel eine noch deutlich schnellere, intensivere und umfassendere Klimaschutzarbeit in allen Bereichen erforderlich macht“.

Auf der anderen Seite steht die Skepsis, ob das alles in einem guten Gleichgewicht steht. 70 Kilometer weiter, in Bielefeld, hat die FDP die Stadt gestern aufgefordert, ihre ehrgeizigen Klimaziele zu verwerfen und den Klimabeirat aufzulösen.

Dahinter verbirgt sich eine paradoxe Frage, über die man sehr lange nachdenken kann: Wie viel Wachstum können wir uns leisten? (rhe)

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Kurz und Klein

+++ Der in Deutschland geborene und in Australien arbeitende Arzt Anton Schwarz wartet seit Mai 2023 auf seine deutsche Approbation von der Bezirksregierung Münster. Seine Frau hat einen fast identischen Abschluss. Sie hat die Approbation längst bekommen. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ berichtet über den Fall und beschreibt ihn als Beispiel für ein überlastetes und uneinheitliches System, das in Zeiten des Ärztemangels selbst hoch qualifizierte Fachkräfte ausbremst. Zuständig sind je nach Bundesland unterschiedliche Verfahren, Gutachterstellen gelten als überfordert, die Bearbeitung dauert oft viele Monate oder sogar Jahre. Die Bezirksregierung Münster verweist laut „Spiegel“ ganz allgemein auf chronologische Bearbeitung und Engpässe bei externen Gutachten, äußert sich zum Einzelfall aber nicht. (rhe)

+++ Das Polizeipräsidium Münster wird ab Sommer für mehr als 200 Millionen Euro neu gebaut. Das teilte das zuständige Unternehmen mit, die Polizei bestätigte den Auftrag auf RUMS-Anfrage. Das Gebäude am Albersloher Weg / Willy-Brandt-Weg in Gremmendorf soll drei bis sechs Etagen hoch werden und Platz für mehr als 1.400 Mitarbeitende bieten. Fast alle Dienststellen der Polizei Münster sollen dort zusammengeführt werden. Nur die Wachen sollen weiterhin im Stadtgebiet verteilt bleiben. Die Baugrube hat das Schweizer Unternehmen Implenia nach eigenen Angaben bereits vorbereitet. Die restliche Planung und den Bau möchte Implenia bis Oktober 2029 abschließen. Was aus dem bisherigen Gebäude des Polizeipräsidiums am Friesenring wird, konnte die Polizei noch nicht sagen. (rba)

+++ An die Schicksale von Zwangsarbeiter:innen in Münster während und nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert eine neue Website der Stadt. Sie porträtiert einzelne Betroffene, macht die menschenfeindlichen Lebensbedingungen sichtbar und dokumentiert die Gewalt, der laut Stadt rund 12.000 Zwangsarbeiter:innen in Münster ausgesetzt waren. Zwei Zahlen bleiben besonders hängen: Erst rund 50 Jahre nach Kriegsende erhielten Betroffene überhaupt einen Anspruch auf Entschädigung. Die Summen waren gering – in der Regel 2.500 Euro, ehemalige Häftlinge von Konzentrations- und Arbeitserziehungslagern erhielten 7.500 Euro. (rba)

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Einladung zur RUMS-Veranstaltung

Grafik, auf der eine RUMS-Veranstaltung mit Klaus Brinkbäumer zum Thema "Der amerikanische Albtraum: Faschismus made in USA. Klaus Brinkbäumers Insiderbericht aus Trumps Amerika" am 26. April 2026 um 19 Uhr im ATLANTIC Hotel Münster angekündigt wird.

Diesen Sonntag, 26. April, ist Klaus Brinkbäumer unser Gast, liest Passagen aus seinem neuen Buch „Der amerikanische Albtraum“ und spricht mit RUMS-Redaktionsleiter Ralf Heimann über die politische Lage in den USA, über den Umbau der amerikanischen Demokratie – und darüber, was diese Entwicklung auch für Europa bedeutet. 

Es gibt nur noch etwa 20 Tickets wir freuen uns, wenn Sie auch dabei sind! Eintritt 25 Euro, mehr Infos und Tickets gibt es hier!

RUMS-Podcast: Das Haus der Therese Stern

In den 1930er-Jahren lebt die jüdische Unternehmerin Therese Stern ein angesehenes, erfolgreiches Leben. Sie führt ein Geschäft, besitzt ein Haus, ist Teil der Stadtgesellschaft. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten kippt alles.

Ihr früherer Angestellter Karl Jansen, ein ehrgeiziger Geschäftsmann, erkennt früh, wie man im neuen System aufsteigen kann. Während Therese Stern systematisch entrechtet, enteignet und vertrieben wird, nutzt er ihre Notlage – und übernimmt schließlich ihr Haus und ihr Unternehmen.

Diese Geschichte spielt mitten in Münster. Sie erzählt davon, wie das Unrecht im Nationalsozialismus nicht nur von oben kam, sondern von nebenan – von Menschen, die schwiegen, profitierten oder einfach wegsahen. Die ganze Geschichte hören Sie in der neuesten Folge des RUMS-Geschichtspodcasts. (rhe)

RUMS-Geschichtspodcast: Folge #4 „Das Haus der Therese Stern“

2026-03-10-Bevor-wirs-vergessen

In unserem neuen Podcast sprechen Historiker Dr. Michael Jung und RUMS-Redakteur Ralf Heimann über Geschichten aus Münsters Geschichte.

Geschichten, die nicht im Geschichtsbuch stehen– und doch viel über ihre Zeit erzählen. Jeden zweiten Montag bei „Bevor wir’s vergessen“, überall, wo es Podcasts gibt.

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Korrekturen

+++ Am vergangenen Donnerstag haben wir im RUMS-Brief geschrieben, dass das Tanzverbot rund um Karfreitag bis um 6 Uhr am Ostersamstag dauert. Das wären 204 Stunden ohne Tanz und Gesang. Damit wäre Nordrhein-Westfalen bei der Dauer des Verbots deutlicher Spitzenreiter unter den Bundesländern. Im Text war nicht Oster-, sondern Karsamstag gemeint. Der Ostersamstag ist der Samstag nach Ostern, also in diesem Jahr der 11. April. Vielen Dank für die Anmerkungen, wir haben die entsprechende Stelle geändert. (rba)

Ein-Satz-Zentrale

+++ Am Flughafen Münster-Osnabrück mussten rund 180 Türkei-Urlauber:innen wegen technischer Probleme fast einen ganzen Tag auf ihren verspäteten Flug warten. (WDR)

+++ An der Warendorfer Straße ist ein 66-jähriger Fußgänger vor einen Zug der Eurobahn gelaufen und dabei leicht verletzt worden. (Westfälische Nachrichten)

+++ Münsters Grünen starten im Mai ein Programm, das Menschen mit internationaler Geschichte den Einstieg in die Kommunalpolitik erleichtern soll. (Grüne Münster)

+++ Menschen aus Münster haben am Ostersonntag am Bremer Platz warmes Essen an Obdachlose verteilt. (WDR)

+++ Die Bahnstrecke über Warendorf nach Bielefeld wird wegen des Kanalausbaus ab März nächsten Jahres zwischen Münster und Telgte für ein halbes Jahr gesperrt. (Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt)

+++ Morgen in einer Woche überprüft die Stadt, ob an der Junkerstraße ein Blindgänger liegt und Teile des Südviertels evakuiert werden müssen. (Stadt Münster)

+++ Münsters künftiger Bischof Heiner Wilmer Bischof hat im Deutschlandfunk erklärt, christlicher Glaube bedeute für ihn Widerstand gegen Unrecht, klare Haltung gegen Nationalismus und Antisemitismus sowie Hoffnung in Krisenzeiten. (Deutschlandfunk)

+++ Ein neuer Abschnitt des Jakobswegs führt vom niederländischen Schiermonnikoog durch das Emsland und endet in Münster. (Pilgerstiftung in Groningen)

Am Freitag schreibt Ihnen Anna Niere. Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzliche Grüße
Ralf Heimann

Mitarbeit: Raphael Balke (rba), Jan Große Nobis (jgn) – das bedeutet: Die einzelnen Texte im RUMS-Brief sind von der Person geschrieben, deren Kürzel am Ende steht.
Lektorat: Maria Schubarth

PS

Im Februar haben wir über die Müllfahrzeuge mit Wasserstoffantrieb aus Bielefeld berichtet, die in der NDR-Satire-Sendung „Extra3“ einen Auftritt hatten. Weil es in Bielefeld keine Wasserstoff-Tankstelle gibt, mussten sie zum Tanken ins 40 Kilometer entfernte Rheda-Wiedenbrück fahren – später, als die Tankstelle dort aufgab, sogar ins 80 Kilometer entfernte Münster. Nun hat – wir schrieben vor anderthalb Wochen darüber – auch die Tankstelle dort ihren Betrieb eingestellt. Daran dachte RUMS-Leser Andreas Bittner, als er mit Rad in Herten an der Zeche Ewald vorbeifuhr. Dort können Lkw weiterhin Wasserstoff tanken (hier im Bild zu sehen). Falls die Bielefelder Müllabfuhr mitliest: Vergessen Sie’s – das sind hin und zurück 230 Kilometer. (rhe)

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