Haushaltskrise: Stadt setzt Sparforce ein | Interview: Wie Münster auf die Demokratie blickt

Porträt von Ralf Heimann
von Ralf Heimann

Guten Tag,

in der Stadtverwaltung gibt es neuerdings Infoschreiben, in denen steht: Getränke zu den Sitzungen bitte selbst mitbringen. Fortbildungen fallen erst mal aus. Und bei Dingen, die geplant waren, zum Beispiel Sanierungen oder Neuanschaffungen, deutet sich an: In der nächsten Zeit wird es damit wohl erstmal nichts.

Die Stadt muss ein gewaltiges Haushaltsloch von über 90 Millionen Euro schließen. Dabei behilflich ist eine Haushaltssperre, die seit genau einer Woche wirkt und die begonnen hat, in der Verwaltung einen neuen Geist zu verbreiten.

Das ist das Gegenteil der Idee, die das Ratsbündnis aus Grünen, SPD und Volt verfolgte, als es Anfang des Jahres einen Doppelhaushalt aufstellte. Das Sparen sollte möglichst geräuschlos passieren, in kleinen Schritten, nach und nach.

Stellen sollten nicht wieder besetzt, Zuständigkeiten neu geordnet, Arbeitsabläufe digitalisiert und Prozesse zusammengelegt werden.

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Doch nun wird sich der Geist des Sparens schnell und sehr spürbar in der Stadt verbreiten. In einem Hintergrundgespräch sagte in dieser Woche jemand, der das Ganze aus der Nähe verfolgt: „Es wird so richtig an die Basics gehen.“

Die Parteien, vor allem die in der Opposition, rätseln weiter darüber, wie so etwas passieren konnte. 95 Millionen Euro, die mit einem Mal einfach verpufft waren.

War es tatsächlich nicht absehbar, wie die städtische Kämmerin Christine Zeller es danach erklärte? Oder hätte man vorsichtiger planen müssen? Und wie kam die Kämmerei ausgerechnet auf 95 Millionen Euro? Mit so viel Geld aus Düsseldorf, den sogenannten Schlüsselzuweisungen, hatte die Stadt Münster gerechnet.

CDU-Fraktionschef Stefan Weber und Münsters CDU-Chef Mathias Kersting hatten Christine Zeller schon am 1. September, kurz nach Bekanntwerden der schlechten Nachricht, sieben Fragen gestellt – unter anderem eben die, wie die Stadt auf die Zahl 95 kam, versehen mit der Aufforderung, die Berechnung dazu vorzulegen.

Aus Zellers Antwort geht hervor, dass das Land den Kommunen für das Jahr 2027 sogar mehr Geld aus dem Länderfinanzausgleich in Aussicht gestellt hatte. Zeller plante trotzdem mit deutlich weniger. In ihrer Antwort nennt sie die Quellen ihrer Daten, doch die geforderten Berechnungen fehlen.

Laut CDU sind diese Berechnungen aber entscheidend. Der Haushalt ist so knapp bemessen, dass die finanzielle Eigenständigkeit der Stadt von einem einstelligen Millionenbetrag abhängt. In der Prognose vermitteln Nachkommastellen den Eindruck von höchster Genauigkeit. Mittendrin steht die Zahl 95. Aber warum?

Warum nicht 90? Oder 100? Oder 97,6? Wenn die Stadt nicht nachvollziehbar erklären kann, wie sie auf diesen Wert gekommen ist, entsteht der Eindruck, dass am Ende einfach ein Gefühl entschieden hat. Oder ein Wunsch?

Käme am Ende heraus, dass hier ein Fehler passiert ist, der sich in Zukunft vermeiden ließe, wäre das sogar eine gute Nachricht. Denn der andere Fall wäre: Es könnte jederzeit wieder passieren, dass die Stadt sich um 90 Millionen Euro verkalkuliert. Dann wäre es keine Prognose, eher ein Glücksspiel. Und wäre es zu verantworten, mit so wackligen Zahlen zu rechnen?

Stefan Weber und Mathias Kersting haben dem Oberbürgermeister und der Kämmerin am Freitag in einer kurzen E-Mail geantwortet. Zellers Antworten gingen „am Kern unserer Fragen vorbei“, schreiben sie. Eine Bewertung sei auf dieser Grundlage nicht möglich. Sie bitten um eine „abschließende und umfassende“ Antwort, „einschließlich der zugrunde liegenden Berechnungen“.

Am Montag legte Stefan Weber öffentlich nach. In einer Pressemitteilung kritisierte er, dass Oberbürgermeister Tilman Fuchs sich in dieser Situation noch immer nicht öffentlich geäußert habe. Heute Mittag forderte die CDU in einer weiteren Pressemitteilung einen Krisenstab mit dem Oberbürgermeister an der Spitze.

Der erst im Januar geschlossene Koalitionsvertrag ist durch die Nachricht plötzlich bedeutungslos. Stattdessen ist ein anderes Papier wieder ganz aktuell: die Liste mit den hundert Sparvorschlägen aus den letzten Haushaltsverhandlungen.

Vieles von dem, was man gerade erst abgewendet hatte, könnte nun sehr schnell graue Wirklichkeit werden. Förderungen, Zuschüsse, Projekte, die wegfallen.

In der Politik sagt niemand: „Wir überlegen, dies oder jenes zu streichen.“ Denn damit transportiert man zum einen: Das, was hier gestrichen werden soll, ist nicht so wichtig. Und: Über Sparvorschläge zu sprechen, bevor man sich auf sie geeinigt hat, birgt die Gefahr, dass sich Widerstand formiert und den Einschnitt am Ende verhindert.

Politisch am einfachsten ist es, eine Sparliste vorzulegen und sie gleich zu beschließen. Für Proteste ist es dann schon zu spät. Daher ist eine Sorge, dass die Sparliste erst sehr spät kommen wird und eine öffentliche Debatte gar nicht mehr stattfinden kann.

Dabei scheint einiges vorhersehbar: Aus den Kreisen der Koalitionsparteien hört man, dass eine höhere Gewerbesteuer wohl unausweichlich sei. Eine höhere Grundsteuer – und damit noch höhere Mieten – hält politisch so gut wie niemand für vertretbar.

Das sind die beiden Möglichkeiten, die städtischen Einnahmen zu erhöhen. Und um ganz ohne zusätzliche Einnahmen 90 Millionen Euro aus dem Haushalt zu operieren, käme man vermutlich nicht ohne Amputationen aus.

Nur um die Größenordnung zu verdeutlichen: Würde man dreimal das Stadttheater schließen, fehlten immer noch zehn Millionen.

Spielraum sieht man in der Politik offenbar in der Stadtverwaltung selbst, die in den vergangenen Jahren enorm gewachsen ist. Im Jahr 2015 beschäftigte die Stadt knapp 5.500 Menschen, im vergangenen Jahr waren es über 7.600. Wie viele davon wären verzichtbar?

Es wird nicht leicht, diese Frage zu beantworten. Geräuschlos wird das alles nicht gehen, vermutlich auch nicht in Zimmerlautstärke. Vor allem nicht ohne Folgewirkungen.

Heute ist der Internationale Tag der Demokratie. Unten im Interview erklärt der Politikwissenschaftler Sebastian Kurtenbach, dass sich der Wert einer funktionierenden Demokratie für Menschen vor allem im Alltag zeigt. Fährt der Bus? Ist das Schwimmbad geöffnet? Ist die Stadtverwaltung erreichbar?

Ist all das nicht mehr der Fall, entstehen Zweifel. Und wenn Probleme ignoriert oder kleingeredet werden, werden sie größer. Daher muss man zuallererst feststellen: Münster befindet sich in einer finanziellen Krise.

Nun geht es darum, das Schlimmste abzuwenden. Die Stadt hat heute Mittag mitgeteilt, wie sie das machen will.

Kämmerin Christine Zeller hat eine verwaltungsinterne Arbeitsgruppe einberufen, die man „Krisenstab“ nennen könnte, wie die CDU es gern hätte, die hier aber, was entschlossener klingt, „Taskforce“ heißen soll.

Ihr gehören zwölf Personen aus den städtischen Dezernaten an, Amtsleiter, auch der Chef der städtischen Musikschule und, nicht an der Spitze, wie von der CDU gefordert, sondern einfach als Mitglied, Oberbürgermeister Tilman Fuchs.

Die Gruppe soll sich mit Sparvorschlägen und ihren Auswirkungen beschäftigen. Gestern hat die „Taskforce“ zum ersten Mal getagt. Bis spätestens Ende März soll sie ein Sparpaket vorbereiten. (rhe)

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Kurz und Klein

+++ Die Initiative „Kreisel statt Ampel“ hat nach eigenen Angaben mehr als 12.000 Unterschriften für den Erhalt und die Modernisierung des Kreisverkehrs an der Von-Esmarch-Straße gesammelt. Damit hat sie zunächst mehr als die rund 10.000 Unterschriften zusammen, die für ein erfolgreiches Bürgerbegehren notwendig sind. Am Freitagmorgen will die Initiative die Unterschriften im Büro des Oberbürgermeisters an die Stadtverwaltung übergeben. Bis zum Ende der Frist am 24. September will sie weitere Unterschriften nachreichen (RUMS-Brief). (ani)

+++ Das Theater im Pumpenhaus bekommt für eine neue deutsch-niederländische Zusammenarbeit ungefähr eine halbe Million Euro. Bis 2029 will das Haus an der Gartenstraße gemeinsam mit drei Partnerhäusern 24 Koproduktionen auf die Bühne bringen. Beteiligt sind das „Forum Freies Theater“ in Düsseldorf sowie das „Theater a/d Rijn“ in Arnheim und das Grand Theatre in Groningen. Das gemeinsame Projekt heißt „Core“ („Corridor for Regional Exchange in the Arts“). Kunstschaffende sollen nicht nur mit ihren Produktionen durch die vier Städte touren, sondern dort auch zeitweise arbeiten. Insgesamt wird „Core“ mit 2,1 Millionen Euro gefördert. Das Geld kommt unter anderem von der EU, den Wirtschaftsministerien in Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden. In Münster ist auch die Universität Kooperationspartner. (ani)

+++ Etwa 3.500 Schülerinnen und Schüler haben auf dem Domplatz für die Demokratie demonstriert. Sechs Schulen haben sich am „Demokratiefest“ beteiligt, um ein Zeichen für Vielfalt und gegenseitigen Respekt zu setzen. Organisiert wurde die Veranstaltung von den Schülerinnen und Schülern selbst. Erst zogen die Jugendlichen durch die Stadt, am Domplatz gab es dann ein Bühnenprogramm. Das Fest fand zum internationalen Tag der Demokratie statt. Mehr zum Thema Demokratie weiter unten. (rba)

Einladung
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Mit „Reden wir über Coerde!“ bringt RUMS erstmals ein Journalismus-Format auf die Bühne in Coerde. Wir sprechen darüber, wie Kinder im Stadtteil aufwachsen, wie ein junger Mann den Weg raus aus der Sucht gefunden hat und wie die Demokratie in Coerde funktioniert. Was macht den Stadtteil aus? Welche Geschichten zeigen, was in Coerde gelingt? Und wie entsteht Zusammenhalt in einem Stadtteil, der so viel mehr ist als sein Ruf?

Die Veranstaltungsreihe wird im Rahmen der Initiative „Medien in NRW für Demokratie und Zusammenhalt“ von der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen gefördert.

Der Eintritt ist frei. Anmeldungen hier.

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Interview mit Sebastian Kurtenbach

Die AfD ist zwar digital verankert, aber nicht lokal erlebbar.

Politikwissenschaftler Sebastian Kurtenbach forscht zu Demokratie in Münster. Seine neue Erhebung zeigt: Die Münsteraner vertrauen der Politik, fühlen sich allerdings nicht von ihr gesehen. Warum? Raphael Balke hat mit ihm gesprochen.

Herr Kurtenbach, Ihre Erhebung lief unter dem Titel „Demokratie unter Druck“. Wie steht es um die Demokratie in Münster?

Kurtenbach: Es gibt einen ausgeprägten Willen zur Demokratie. Die befragten Menschen sehen die Demokratie mit überwältigender Mehrheit als beste Staatsform an. Da unterscheiden sich Münster und Nordrhein-Westfalen kaum. Gleichzeitig sehen wir, dass viele Menschen den Eindruck haben, ihre Stimme habe nur begrenzten Einfluss. Dem starken Bekenntnis zur Demokratie steht also eine Alltagserfahrung gegenüber, die nicht dem entspricht, was man sich wünschen würde.

Was bedeutet das genau?

Kurtenbach: Die Menschen möchten die Möglichkeit haben, sich zu beteiligen, und erwarten, dass ihre Beteiligung auch etwas bewirkt. Gerade bei diesem Gefühl gibt es in Münster Defizite. Nur ein Drittel der Befragten denkt hier, dass sie Einfluss haben und politische Entscheidungen mitbestimmen können. Und nur jeder Fünfte hat zugestimmt, dass sich die Politik um die Sorgen von Menschen wie ihnen kümmert.

Sie haben nicht nur Menschen aus Münster befragt, sondern auch aus ganz Nordrhein-Westfalen. Wieso braucht es diese Daten so lokal?

Kurtenbach: Weil auf kommunaler Ebene die alltäglichen Rahmenbedingungen und damit auch die Erfahrungen mit Demokratie sichtbar werden. Neben der Polizei und der Justiz ist die Kommunalverwaltung ein wichtiger Ort, an dem der Staat für die Menschen konkret erfahrbar wird. Das gilt deutlich stärker als etwa für die Bundesregierung, die für viele Menschen weiter entfernt erscheint.

Das zeigt sich auch in den Ergebnissen. Das Vertrauen in die Bundespolitik ist weniger stark als in die Kommunalpolitik.

Kurtenbach: Diesen Trend sehen wir seit Jahren in vielen Umfragen. Vor Ort kennt man die Strukturen besser, man identifiziert sich stärker mit der eigenen Stadt als beispielsweise mit Nordrhein-Westfalen, dem Bund oder Europa. Die Menschen vertrauen der kommunalen Ebene, solange sie funktionsfähig ist – das muss man vor dem Hintergrund der kommunalen Haushaltskrise erwähnen, die auch in Münster deutlich zu spüren ist. Besonders deutlich zeigt sich in der Befragung: Das Vertrauen in die Arbeit des Oberbürgermeisters ist sehr hoch. 71 Prozent der 800 Befragten vertrauen ihm. Noch können wir nicht einschätzen, ob das ein Vertrauensvorschuss ist oder ob dieses Vertrauen bereits durch seine Arbeit entstanden ist. Dafür ist es noch zu früh.

Sie haben auch Sorgen der Bürger abgefragt. Gab es Ergebnisse, die Sie überrascht haben?

Kurtenbach: In ganz Nordrhein-Westfalen, aber in Münster verstärkt, sind es vor allem ökonomische Sorgen. Zum einen ist das die Sorge vor steigenden Lebenshaltungskosten. Fast 83 Prozent der Befragten in Münster nennen diese Sorge. Der zweite Aspekt sind die steigenden Wohnkosten. Drei von vier Menschen in Münster sorgen sich wegen zu hoher Wohnkosten. Das ist ein sehr hoher Wert. Betroffen sind längst nicht nur Studierende; die Wohnkrise reicht inzwischen bis weit in die Mittelschicht.

Die Sorge ist bei vielen offenbar noch stärker: Vier von zehn Personen in Münster haben Angst, ihre Wohnung zu verlieren.

Kurtenbach: Das ist kein münsterspezifisches Phänomen, sondern zeigt sich in ganz Nordrhein-Westfalen. Die Sicherheit, die mit dem Wohnen verbunden sein sollte, ist brüchiger geworden. Das erzeugt Frust, der politisch-populistisch aufgegriffen werden kann.

Was meinen Sie damit?

Kurtenbach: Die Linke setzt im Berliner Wahlkampf beispielsweise stark auf die Forderung nach Enteignungen. Die AfD möchte mit der Wohnkrise Abschiebungen legitimieren und die Klimapolitik schwächen, indem sie argumentiert, es gebe zu viele klimaschutzbedingte Baunormen. Diese Ansätze lösen die Wohnkrise nicht, werden aber für die jeweilige populistische Erzählung genutzt.

Es gibt noch einen zweiten Bereich, in dem sich Sorgen bündeln: die Zukunft.

Kurtenbach: Genau, dazu zählen Fragen wie: Reicht die Rente? Bin ich im Alter ausreichend abgesichert? Hinzu kommt die Sorge vor den Folgen der Klimakrise. Das sind Sorgen, die auch in Münster weit verbreitet sind.

Besonders diese Folgen der Klimakrise treiben in Münster offenbar besonders viele Menschen um. Warum?

Kurtenbach: Es liegt nicht daran, dass Münster stärker von Hitze betroffen wäre als beispielsweise Duisburg oder Köln. Wir wissen, dass die Sorge um die Folgen des Klimawandels mit dem Bildungsniveau zusammenhängt. Münster hat als Studierenden- und Beamtenstadt ein durchschnittlich höheres Bildungsniveau als andernorts, was diesen höheren Wert erklären kann.

Innerhalb von Münster haben Sie besonders auf zwei Stadtteile geblickt: Coerde und das Kreuzviertel.

Kurtenbach: In Coerde haben wir 328, im Kreuzviertel 461 Menschen erreicht. Allein diese Zahl an Antworten schafft eine gute Datengrundlage. Wir sehen weniger Unterschiede zwischen den Stadtteilen als erwartet. Das kann auch daran liegen, dass wir in Coerde viele Menschen erreicht haben, die an Institutionen angebunden sind, beispielsweise an Bürgerzentren.

Welche Ergebnisse waren interessant?

Kurtenbach: Im Kreuzviertel ist das Vertrauen in Institutionen wie die Polizei und die Politik etwas höher ausgeprägt. Und die ökonomischen Sorgen sind in Coerde insgesamt stärker ausgeprägt als in Münster insgesamt, allerdings nicht im Bereich Wohnkosten. Die Zufriedenheit mit dem öffentlichen Nahverkehr ist in Coerde deutlich höher als im Kreuzviertel. Es scheint daran zu liegen, dass dort mehr Buslinien in den vergangenen Jahren eingerichtet wurden. Also erleben die Menschen in Coerde einen Zugewinn an Optionen. Dafür fühlen sich die Menschen im Kreuzviertel sicherer und finden ihr Viertel sauberer.

Sie haben in der Erhebung auch nach Menschen gefragt, die sich ehrenamtlich engagieren.

Kurtenbach: Dabei ging es um lokale Kümmerer und die Frage, welchen Einfluss sie auf die Demokratie haben. Die Ergebnisse dazu sind sehr interessant. Im Kreuzviertel sagt ein Viertel der Befragten, sie kennen so eine Person, in Coerde ist es sogar die Hälfte aller Befragten. Das deutet darauf hin, dass die stärkere Arbeit im Stadtteil Wirkung zeigt. Es gibt in Coerde mehr ehrenamtliche Angebote wie Chack, die Polizei ist präsenter, es gibt viele Initiativen. Deswegen sind diese Kümmerer vor Ort auch bekannter.

Glauben Sie, dass diese Personen einen Stadtteil auch demokratisch stabilisieren können?

Kurtenbach: Die Befragten waren eher skeptisch, was den Einfluss dieser Menschen angeht. Aber 20 Prozent der Befragten im Kreuzviertel und in Coerde, die einen lokalen Kümmerer kennen, setzen sich auch für die Demokratie ein. Das wirkt zunächst wenig. Aber wenn sich jede fünfte Person, die einen solchen Kümmerer kennt, ebenfalls engagiert, ist das durchaus ermutigend.

Sind diese Kümmerer bestimmten Parteien zuzuordnen?

Kurtenbach: Ein großer Teil gehört keiner Partei an. Im Kreuzviertel ist jemand von den Grünen besonders bekannt, in Coerde eine Person von der CDU. Was auffällt: Es gibt kaum eine lokale Verwurzelung der AfD. Das ist auf Landesebene ähnlich. Die AfD ist zwar digital verankert, aber nicht lokal erlebbar. Wenn Demokratie durch Personen und Institutionen vor Ort erfahrbar wird, steigt auch das Vertrauen in sie. Auf lokaler Ebene wird viel entschieden. Deshalb ist es problematisch, wenn Infrastruktur abgebaut wird, Vereine kaum Unterstützung finden oder sich sogenannte dritte Orte vor allem auf die Innenstädte konzentrieren. Wir brauchen auch in den Stadtteilen Präsenz und neue Konzepte.

Wie könnten solche Konzepte aussehen?

Kurtenbach: Ein Beispiel wären Grundschulen, an denen deutlich mehr stattfinden könnte als nur Unterricht. Die ließen sich zu Community-Zentren weiterentwickeln. Dort könnte etwa ein Sportverein einmal pro Woche ein Angebot bieten, die Freiwillige Feuerwehr Räume nutzen, ein Repair-Café oder ein Coworking-Space dort Platz finden. So würde etwas entstehen, das vielerorts fehlt: ein Mittelpunkt für das Quartier. Eine ähnliche Funktion haben früher häufig die Kirchen übernommen – mit Schulen, Kitas und Gemeinderäumen. Der Vorteil dieses Formats wäre, dass Kinder einen vielfältigeren Alltag erleben würden. Wenn man mit so einem Konzept auch nur zehn Prozent der Stadtbevölkerung ansprechen würde, wäre bereits sehr viel erreicht.

Was kann die Stadtgesellschaft aus Ihrer Erhebung lernen?

Kurtenbach: Die Ergebnisse sind ein Auftrag, darüber nachzudenken, wie Demokratie anders kommuniziert werden kann. Dabei geht es nicht nur um Transparenz, sondern auch um andere Beteiligungsformate, etwa Bürgerkonferenzen. Ebenso stellt sich die Frage, wie digitale Beteiligung funktioniert und wie nachvollziehbar digitale Anfragen bearbeitet werden.

Sebastian Kurtenbach ist Politikwissenschaftler an der FH Münster. Für die Befragung wurden unterschiedliche Erhebungsmethoden genutzt: landes- und stadtweit ein Online-Panel, in Coerde und im Kreuzviertel direkte Haushaltsbefragungen. Frauen, Ältere und höher Gebildete sind leicht über-, Jüngere und Menschen mit Migrationsgeschichte leicht unterrepräsentiert. (rba)

Einladung
Grafik, auf der folgender Text steht: RUMS-Veranstaltung mit Michael Jung. Ein Live-Podcast über NS-Propaganda, Medien und ihr Publikum.

In der Live-Ausgabe unseres Podcasts „Bevor wir’s vergessen“ spricht RUMS-Redaktionsleiter Ralf Heimann mit dem Historiker und RUMS-Kolumnisten Dr. Michael Jung über Lokalpresse, NS-Propaganda und öffentliche Spuren der Verfolgung: Berichte über Ghettos, Vernichtungsankündigungen und immer bedrohlichere Meldungen. Was Menschen tatsächlich wussten, lässt sich kaum sicher sagen. Was sie hätten wissen können, dagegen schon.

5. Oktober 2026, 19 Uhr im Theatertreff Münster.

Ticketpreis für RUMS-Leser mit Bezahl-Abo: 14 Euro. Normalpreis 19 Euro. Tickets gibt es hier.

Wir freuen uns, wenn Sie dabei sind!

Personalabteilung

+++ Die neue Uni-Rektorin Susanne Menzel-Riedl hat gestern in Düsseldorf ihre Ernennungsurkunde entgegengenommen. In zwei Wochen startet sie offiziell in ihr Amt für die kommenden sechs Jahre. Sie ist die Nachfolgerin von Johannes Wessels und war die letzten Jahre Rektorin an der Osnabrücker Universität.

+++ Die Münsteraner Wissenschaftsjournalistin und RUMS-Autorin Sigrid März ist zusammen mit ihrem Kollegen Martin Rücker von der Investigativstation für den Preis des „European Science Journalist of the Year Award 2026“ nominiert. Am 14. Oktober ist die Preisverleihung.

Grafik des Vereins "Wohnen für Hilfe Münster" für Wohnpartnerschaften von jüngeren und älteren Menschen in Münster.
Ein-Satz-Zentrale

+++ Die Städte, Gemeinden und Kreise im Münsterland sollen 2027 insgesamt rund 610 Millionen Euro vom Land erhalten, etwa 144 Millionen Euro weniger als 2026, wobei allein Münster 105 Millionen Euro verliert. (Westfälische Nachrichten)

+++ Im Mai 2028 soll der Prozess gegen die Münsteraner Kegelbrüder beginnen, denen vorgeworfen wird, 2022 auf Mallorca einen Brand verursacht zu haben. (WDR)

+++ In Nottuln entsteht bis nächsten Sommer ein neues Trainingszentrum, in dem rund 3.000 Polizistinnen und Polizisten Schießen sowie alltägliche und besonders gefährliche Einsätze trainieren können. (Polizei Münster)

+++ Die Uni Münster zählt in Mathematik, Pharmazie und Chemie laut einem Ranking zu den hundert besten Hochschulen weltweit. (Universität Münster)

+++ In Nordrhein-Westfalen gibt es erstmals gemeinsame Maßstäbe dafür, wie Einrichtungen sexualisierte Gewalt aufarbeiten sollen. (Unabhängige Aufarbeitungskommission)

+++ Die Stadt Münster erhält für die Schulsozialarbeit weiterhin rund 725.000 Euro vom Land. (Bezirksregierung Münster)

+++ Die Feuerwehr richtet in den ehemaligen Coca-Cola-Hallen am Kesslerweg ein gemeinsames Ausbildungszentrum für Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz ein. (Stadt Münster)

+++ Nach dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt sind nach Angaben der Münsteraner Linken innerhalb weniger Tage viele Menschen in die Partei eingetreten. (Die Linke Münster)

Anonymer Briefkasten

Anonymer Briefkasten

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zum anonymen Briefkasten

Am Freitag schreibt Ihnen Raphael Balke. Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzliche Grüße
Ralf Heimann

Mitarbeit: Raphael Balke (rba), Anna Niere (ani) – das bedeutet: Die einzelnen Texte im RUMS-Brief sind von der Person geschrieben, deren Kürzel am Ende steht.
Lektorat: Maria Schubarth

PS

Wir haben uns versichern lassen, dass wir kein Geheimnis verraten, obwohl es unten auf der Einladung steht. Aber für den Fall, dass es doch passieren sollte, können wir das in diesem Fall vertreten, denn dann wäre es keine Überraschung mehr, aber ein umso herzlicherer Empfang. Das klingt jetzt vielleicht etwas kryptisch, aber das klärt sich gleich auf. Die Sache ist die: Im Erphoviertel geht der Paketbote Martin in den Ruhestand. Falls Sie dort wohnen, werden Sie ihn kennen. Falls nicht, fragen Sie jemanden, der dort wohnt. Er oder sie wird ihn kennen. Martin ist offenbar das, was man einen sehr freundlichen Menschen nennt. Eine anscheinend aussterbende Gattung, aber einige Exemplare gibt es noch. Die Einladung kam hier über mehrere Messenger-Nachrichten an. Einer Kollegin in der RUMS-Redaktion fiel gleich ein, wie Martin auch ihr ein Paket geliefert und gleichzeitig auf einfache Weise eine Freude gemacht hatte. Indem er sehr nett war. Am Samstag wollen nun sehr viele Menschen Danke sagen. Zwischen 18 und 18:30 Uhr bei einem Sektempfang im „Das Heini“ an der Warendorfer Straße. Wenn Sie dabei sein wollen, kommen Sie vorbei. Hier zur Sicherheit die Einladung, hier die Rückseite. Und vielleicht noch eine Frage, falls Sie nicht im Erphoviertel wohnen: Kennen Sie auch einen Martin? Schreiben Sie uns: redaktion@rums.ms. (rhe)

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