Lücken im System können Leben kosten | Unbezahlte Werbung: Skatan auf dem Weihnachtsmarkt | RUMS 6 Monate für 1 Euro

Portrait-Redaktion-Anna
von Anna Niere

Guten Tag,

knapp jede sechste Frau in Deutschland erlebt Gewalt durch ihren (Ex-)Partner. Das zeigt eine Studie der WHO, die letzte Woche veröffentlicht wurde. Die Dunkelziffer ist vermutlich noch deutlich höher. Die aktuelle Kriminalstatistik der Polizei zeigt sogar, dass die Fälle häuslicher Gewalt auf einem neuen Höchststand sind. Zuhause ist es demnach am gefährlichsten für Frauen.

Wäre das nicht schon erschreckend genug, bekommen darüber hinaus viele dieser Frauen oft keine oder zu wenig Hilfe. Für 104 Frauen in Deutschland endete das Szenario im letzten Jahr sogar im Tod. Das ZDF hat diesen Femiziden eine Dokumentation gewidmet, die sehr empfehlenswert ist.

Aber auch für Frauen, die es noch früh genug aus gewalttätigen Beziehungen schaffen, sind die Aussichten in Deutschland nicht gerade rosig. Zuflucht sollen Frauenhäuser bieten, doch da fehlen 12.000 Plätze deutschlandweit.

Wie stark die Frauenhäuser in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr ausgelastet waren, kann die Landesregierung auf Nachfrage von der SPD-Abgeordneten Anja Butschkau nicht beantworten. Schuld sei ein neues Meldungssystem. Was allerdings hier auch klar ist: Konkrete Pläne für neue Plätze gibt es nicht. Ob bis Ende 2026 zusätzliche Kapazitäten entstehen, hängt von lokalen Bauprojekten und vom Landeshaushalt ab.

Die Antwort vom Land braucht es eigentlich gar nicht, denn vor Ort sind sich die Frauenhäuser einig: „Wenn ein Zimmer frei wird, ist es auch sofort wieder belegt“, berichtet eine Mitarbeiterin des Frauenhauses in Telgte den Westfälischen Nachrichten. Das Gleiche gilt für Münster.

Das Problem liegt im System, sagt Corinna Brandenburger, Referentin für Gewaltschutz der Caritas für das Bistum Münster, im Gespräch mit RUMS. „Das Hilfesystem war noch nie entsprechend ausgestattet – es war schon immer prekär und unterfinanziert.“ Heißt also: Egal ob auf Bundes-, Landes- oder Kommunalebene, für den Schutz von Frauen vor Gewalt fehlt das Geld.

Durch das im Februar verabschiedete Gewaltschutzgesetz soll sich das ändern. Nur: Der Rechtsanspruch auf Beratung und einen Platz im Frauenhaus gilt erst ab 2032. „Frauenhausplätze fehlen jetzt. Wir haben die gesamtgesellschaftliche Verantwortung, das als strukturelles Problem zu sehen und brauchen akute Hilfe“, kommentiert Brandenburger.

Und das bekommen die Frauen zu spüren. Selbst wenn sie einen der begehrten Plätze im Frauenhaus bekommen, muss laut dem Verein Frauenhauskoordinierung noch jede vierte Frau den Aufenthalt selbst bezahlen. Das können Studentinnen sein oder Frauen, die noch keinen festen Aufenthaltsstatus haben – eben alle, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben. Kostenfaktor: Zwischen 10 und 100 Euro pro Nacht.

Um auf all diese Missstände und Baustellen der deutschen Bürokratie aufmerksam zu machen, finden zum heutigen Tag gegen Gewalt an Frauen, oder auch die etwas verharmlosende Variante „Orange Day“, mehrere Aktionen statt. Gestern Abend haben bereits rund 300 Menschen gegen geschlechtsspezifische Gewalt demonstriert, so die Organisator:innen vom „Kollektiv Kaffeeklatsch“.

An vielen Stellen in der Stadt hängen Banner, die an die Allgegenwärtigkeit von Gewalt an Frauen erinnern sollen – zum Beispiel an der Stadtbücherei. Da finden Sie übrigens auch, wenn Sie reingehen, immer die aktuellen Zahlen der Femizide in Deutschland in diesem Jahr ausgelegt neben dem Treppenhaus. Aktuell sind es 85. Am Gebäude des Diözesancaritasverbands hängt ein großes Banner mit dem Hinweis auf das bundesweite Hilfetelefon.

Im Franz Hitze Haus hängen zudem gerade Plakate von Schüler:innen, die auf häusliche Gewalt hinweisen – direkt daneben stehen die „Zapatos Rojos“, rote Schuhe, die jedem einzelnen Femizid ein stilles Denkmal setzen sollen. Das können Sie sich noch bis zum 10. Dezember anschauen. Über die Stadt verteilt gibt es noch ganz viele weitere Aktionen heute, eine Übersicht finden Sie hier. Und ansonsten erinnert jederzeit die rote Bank vor dem Stadthaus 1 als Mahnmal daran, dass wortwörtlich kein Platz für Gewalt gegen Frauen ist. (ani)

Anonymer Briefkasten

Anonymer Briefkasten

Haben Sie eine Information für uns, von der Sie denken, sie sollte öffentlich werden? Und möchten Sie, dass sich nicht zurückverfolgen lässt, woher die Information stammt? Dann nutzen Sie unseren anonymen Briefkasten. Sie können uns über diesen Weg auch anonym Fotos oder Dokumente schicken.

zum anonymen Briefkasten

Sie möchten dieses Thema mit anderen Leser:innen diskutieren oder uns Hinweise geben

Nutzen Sie einfach unsere Kommentarfunktion unterhalb dieses Textes. Wenn Sie diesen Kurzbrief gerade als E-Mail lesen, klicken Sie auf den folgenden Link, um den Text auf unserer Website aufzurufen:

diesen Kurzbrief kommentieren

Ein-Satz-Zentrale

+++ Die Lufthansa bietet die Verbindung vom Flughafen Münster/Osnabrück nach München im nächsten Jahr nun doch weiter an. (WDR Münster)

+++ Am Friedensreiterweg an der Emsbrücke in Dorbaum ist der Weg wegen Baumfällarbeiten bis Donnerstag tagsüber gesperrt. (Bezirksregierung Münster)

+++ In Angelmodde-Dorf lief die Gustav-Dietrich-Kita zuletzt nur im Notbetrieb, weil mehrere Mitarbeitende die Kita verlassen haben. (Westfälische Nachrichten)

+++ Die AfD-Vertreterin Petra Schwar hat ihr Mandat in der Bezirksvertretung West aus gesundheitlichen Gründen niedergelegt und weil es keinen Nachfolger:in gibt, bleibt ihr Platz unbesetzt, wodurch in der Bezirksvertretung West jetzt niemand mehr aus der AfD sitzt. (Westfälische Nachrichten)

+++ Im Historischen Rathaus war für Januar ein AfD-Neujahrsempfang reserviert, doch laut Partei soll der Termin wohl ausfallen, während die Gegendemo schon angemeldet ist. (Westfälische Nachrichten)

+++ Nach dem Schuss auf ein in Münster lebendes Mädchen gab es bei einem Polizeieinsatz keine Bodycam-Aufnahmen, weil die Polizei den Einsatz in einer Bochumer Wohnung, wo das Mädchen sich aufhielt, im Vorfeld nicht als gefährlich eingestuft hatte. (Westfälische Nachrichten)

+++ Nach einem Kellerbrand in einem großen Wohnhaus in Coerde mussten 15 Bewohner:innen mit Verdacht auf Rauchgasvergiftungen ins Krankenhaus gebracht werden. (WDR)

+++ Die Industrie- und Handelskammer sieht die betriebliche Ausbildung im Aufwind, weil in NRW erneut mehr junge Menschen eine Lehre begonnen haben als ein Studium. (Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen)

+++ In der Innenstadt sind die Weihnachtsmärkte gestartet, und Münster rechnet bis kurz vor Weihnachten mit einer Million Besucher:innen. (WDR)

Unbezahlte Werbung

Die bunten Schlüsselanhänger, Ohrringe, Bilderrahmen und Sitzmöbel, die Jan Groot aus gebrauchten Skateboards fertigt, haben wir Ihnen bereits vor vier Jahren empfohlen. Leider hat der Künstler seinen Online-Shop mittlerweile aufgegeben, aber während der nächsten beiden Wochen, bis zum 7. Dezember, finden Sie ihn mit seinem Sortiment auf dem Harsewinkelplatz in einer der Weihnachtsmarkthütten (auf diesem Plan hier ist es die mit der Nummer 6). Wenn Sie es gerne farbenfroh und abwechslungsreich mögen, schauen Sie doch mal vorbei.

Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne!

Drinnen und Draußen

Heute hat Katja Angenent wieder ein paar Empfehlungen für Sie zusammengestellt:

+++ Am Mittwoch zeigt das LWL-Museum für Kunst und Kultur im Rahmen seiner Herbststaffel um 19:30 Uhr einen weiteren Filmklassiker: Der Psychothriller „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ aus dem Jahr 1973 erzählt die Geschichte eines Ehepaars, das nach dem Tod ihrer Tochter mit mystischen Vorgängen in Venedig konfrontiert wird. Vor dem Film gibt es eine Einführung von Jörg Schöning. Karten kosten 10 Euro und sind hier erhältlich.

+++ Hören Sie gerne zu, wenn andere sich über Musik unterhalten? Im ersten „Hörsalon“ der Musikhochschule am Mittwoch um 19:30 Uhr unterhält Professorin Isabelle Sophie Heiss sich mit ihren Gäst:innen anhand ausgewählter Hörbeispiele über Handwerk und Ästhetik. Der Eintritt ist frei.

+++ Wer gerne reist und fotografiert, kennt das Problem vermutlich: Das beeindruckende Panorama wirkt auf dem Bild überhaupt nicht, die Personen im Fokus sind zu klein und die Farben geben den optischen Eindruck vor Ort nicht wieder. Wie Sie mit wenig Aufwand bessere Bilder machen, das erklärt der Reisefotograf Bastian Maria in einem Seminar, das am Donnerstag um 17 Uhr bei Globetrotter beginnt. Die Teilnahme kostet 35 Euro.

+++ Die Parents for Future laden gemeinsam mit den Omas gegen Rechts zum Demokratie-Mutmach-Abend am Freitag um 19 Uhr ins Forum der VHS. Dr. Nina-Kathrin Wienkoop spricht darüber, wie demokratisches Miteinander gelingen kann. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung per E-Mail wird erbeten.

+++ Am Freitag spielen die Gute-Laune-Folk-Rocker von Fiddler’s Green im Rahmen ihrer Jubiläumstour um 20 Uhr im Skater’s Palace. Wenn Sie irische Klassiker und andere folkige Klänge mögen, dazu aber auch mal hüpfen und sogar moshen wollen, ist dieser Konzertabend sicher ganz nach Ihrem Geschmack. Restkarten gibt es hier.

+++ Die Uni Münster lädt am Freitag von 15 Uhr bis Mitternacht zur digitalen Mathenacht. Via Zoom können Sie an einem Quiz und Workshops teilnehmen sowie Vorträgen und Gesprächsrunden zuhören. Für Kinder und Jugendliche gibt es eigene Programmpunkte. Die Teilnahme ist kostenfrei.

+++ Bis zum 19. Dezember können Sie sich beim Adventsschwimmen im Hallenbad Mitte sportlich auf Weihnachten einstimmen. Jeden Freitag bietet das Hallenbad von 18 bis 20 Uhr gedimmtes Licht, Kerzenschein und weihnachtliche Musik. Anschließend bleibt das Bad noch bis 22 Uhr geöffnet, nur auf die adventliche Stimmung müssen Sie dann verzichten.

Und sonst?

Mit dem neuen Oberbürgermeister-Podcast stellt sich die Frage: Wie weit darf die Stadt mit ihrer Pressearbeit gehen? Das vernebelt sehr schön, wo das eigentliche Problem liegt.

Möchten Sie mehr erfahren? Dann testen Sie RUMS 6 Monate lang für 1 Euro.

///

Sie bekommen derzeit nur eine gekürzte Version unseres Newsletters …

Grafik, auf der das Probeabo von RUMS angeboten wird. Ein halbes Jahr für einen Euro testen.

Holen Sie sich den RUMS-Brief wieder in voller Länge!

Guter Journalismus kostet Geld. Mit unserem Einstiegsangebot bekommen Sie freien Zugriff auf alle Veröffentlichungen. Sie zahlen für ein halbes Jahr nur einen Euro. Dieses Angebot gilt für alle, die es zum ersten Mal ausprobieren möchten. Jetzt testen!

Am Freitag schreibt Ihnen Raphael Balke. Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Herzliche Grüße
Anna Niere

Mitarbeit: Ralf Heimann (rhe), Raphael Balke (rba), Katja Angenent (kat), Jan Große Nobis (jgn) – das bedeutet: Die einzelnen Texte im RUMS-Brief sind von der Person geschrieben, deren Kürzel am Ende steht.
Lektorat: Susanne Bauer

PS

​​Wir haben eine von Deutschlands besten Tankstellen in Münster! Noch im Mai wurde die Westfalen-Tankstelle an der Steinfurter Straße als beste Tankstelle Deutschlands in der Kategorie „Innovation“ ausgezeichnet (RUMS-Brief). Jetzt gibt’s direkt den nächsten Preis für die Tankstelle im Norden Münsters: Sie hat laut Jury Deutschlands beste Kassenzone. Der Preis geht von der Fachzeitschrift „Rundschau“ für den Lebensmittelhandel aus. Als sehr unregelmäßige Kundin kann ich bestätigen, dass ich mich in der Tankstelle stets wohl fühle – außerdem tankt man doch auch gleich viel entspannter, wenn man weiß, dass die Tankstelle gleich zwei Preise in einem Jahr abgeräumt hat, oder nicht? Wer noch zweifelt, kann sich nochmal an diesen viralen Überfall in einer Tankstelle an der Hammer Straße erinnern. Frohes Tanken! (ani)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.
Anmelden oder registrieren