Die Kitastrophe: Erzieher:innen am Limit | Kosmetik an der Hammer Straße

Porträt von Sebastian Fobbe
von Sebastian Fobbe

Münster, 17. November 2023

erinnern Sie sich noch an den letzten Kindergeburtstag? Wenn Sie selbst Nachwuchs haben, bestimmt. Den ganzen Tag eine kleine Horde zu bespaßen, bringt viele Eltern an ihre Grenzen. Anders kann ich es mir nicht erklären, weshalb mir Google innerhalb von 0,22 Sekunden 1.720.000 Ergebnisse ausgespuckt hat, als ich neulich die Begriffe „Kindergeburtstag überleben“ gesucht habe.

Jetzt stellen Sie sich aber einmal vor, jeder Tag wäre ein bisschen wie ein Kindergeburtstag, mit allem, was dazu gehört: Geschrei, Streitereien, Tränen, Pipi-Unfällen, hektischem Gewusel und jeder Menge Herzklopfen, weil man ständig fürchten muss, dass sich irgendjemand wehtut.

Der Vergleich hinkt, aber die unschönen Begleiterscheinungen einer solchen Geburtstagsparty geben vielleicht eine Ahnung, wie es sein muss, hauptberuflich Kinder zu erziehen. Die Not in den Kindertagesstätten ist groß, vor allem weil Personal fehlt. Das dürfte bekannt sein. Welche Folgen der akute Fachkräftemangel hat, zeigt jetzt erstmals eine Recherche von „Correctiv Lokal“ auf.

Eines vorweg: Wer die komplette Recherche liest, braucht starke Nerven. In dem Text geht es um psychische Überlastung, Dauerstress und fehlenden Ausgleich, mangelnde Kapazitäten für frühkindliche Bindung und Gewalt in den Kitas.

Keine Zeit für Bildung, Pausen oder die Toilette

Das Recherchenetzwerk hat mit über 6.700 Menschen in ganz Deutschland gesprochen, die in Kindertagesstätten arbeiten oder dort ihren Nachwuchs betreuen lassen. Mehr als die Hälfte der befragten Erzieher:innen geben an, dass sie keine Zeit haben für pädagogische Arbeit.

Die Kitas sind demnach dermaßen unterbesetzt, dass viele Erzieher:innen 20 oder mehr Kinder gleichzeitig betreuen müssen. Sie rasen dann von einer Gruppe zur nächsten und müssen notgedrungen die einen Kinder vernachlässigen, um anderen zu helfen. Zeit zum Verschnaufen oder für einen Gang zur Toilette bleibt selten. Geschweige denn für Bildung oder Förderung der Kinder.

Laut einer Bertelsmann-Studie fehlen bundesweit rund 100.000 Erzieher:innen in den Kitas. Und das, obwohl die Zahl der Kita-Beschäftigen in diesem Jahr ein Höchstniveau erreicht hat. Sechs von zehn Erzieher:innen teilen in der „Correctiv Lokal“-Umfrage mit, dass sie bei der Arbeit unter permanentem Stress leiden. Jede fünfte Fachkraft sagt, sie müsse die Gruppen alleine wuppen.

Unter den miserablen Arbeitsbedingungen leiden am Ende die Kinder. Nicht nur, weil sie nicht die Förderung bekommen, die sie brauchen und verdienen. Sondern auch, weil sich der Stress im schlimmsten Fall in Gewalt äußern kann. Einige Erzieher:innen geben an, dass die Kinder in ihren Kitas angebrüllt oder geohrfeigt werden.

Politik am Problem vorbei

Gemessen an den katastrophalen Zuständen in den Kindertagesstätten wirkt es etwas lasch, dass sich die Debatte im Rat über den Personalmangel in den Kitas fast nur um die geplante und dann wieder verworfene Kürzung der Öffnungszeiten gedreht hat. Die Verwaltung hatte vorgeschlagen, die Betreuungszeiten in den 29 Kitas der Stadt um zehn Wochenstunden zu reduzieren. Das hätte den Erzieher:innen Entlastung gebracht. Der Rat stimmte aber dagegen, aus Rücksicht auf berufstätige Eltern.

Viel erwarten kann man aber auch nicht von der Landespolitik. In der vergangenen Woche hatte Ralf Heimann das Problem bereits skizziert: Die Familienministerin Josefine Paul von den Grünen hat zwar mehr Geld für die Kitas versprochen, aber wie die Stadt Münster auf Anfrage schreibt, wird das nicht ausreichen. (RUMS-Brief).

Paul möchte die Kitas in Nordrhein-Westfalen auf zwei Wegen unterstützen: Zum einen steigt die Kostenpauschale für die Kitaplätze um 10 Prozent, zum anderen werden für die freien Träger einmalig 100 Millionen Euro nachgeschossen, weil die Landesförderung sonst nicht ausreiche. Denn die Wohlfahrtsverbände rechnen mit 590 Millionen Euro, um den bisherigen Kitabetrieb am Laufen zu halten. Knapp die Hälfte der freien Träger gerieten sonst in eine finanzielle Schieflage oder direkt in die Insolvenz.

Wie prekär die Lage ist, lässt sich andernorts schon beobachten. In Ostwestfalen-Lippe musste die Arbeiterwohlfahrt Insolvenz anmelden. Sie unterhält 200 Einrichtungen, darunter 120 Kitas, und beschäftigt 4.300 Menschen. Daran sieht man: Das Problem betrifft nicht nur die Kitas, sondern die gesamte soziale Infrastruktur. Genau darauf haben mehrere Sozial- und Wohlfahrtsverbände am vergangenen Mittwoch bei einer Demonstration vor der Ratssitzung hingewiesen.

Auch in Münster wächst das Finanzloch

Aber noch einmal zu den Kitas. Wie groß ist denn die Finanzlücke, die in Münster klafft? Das Presseamt kann uns diese Frage nicht exakt beantworten. Die genauen Beträge hingen unter anderem davon ab, wie viele Kinder eine Kita besuchen oder in welcher Entgeltstufe die Erzieher:innen eingruppiert seien. Aber die Stadt nennt Zahlen, die einen Eindruck von der Größenordnung geben.

Wenn man die neuen Tarifvereinbarungen, also die Kosten, mit den Änderungen der Pauschalen vergleicht, also dem Geld, das vom Land kommt, sieht man: Die Personalkosten im vergangenen Kita-Jahr sind um 8 Prozent gestiegen, die Pauschalen nur um 1 Prozent. Im laufenden Kitajahr steigen die Personalkosten um knapp 13 Prozent, die Pauschalen um knapp 4,5.

Die Finanzierungslücke müssen Stadt und freie Träger mit ihrem eigenen Geld schließen. Wie das auf Dauer gelingen soll, ist noch nicht klar. (sfo)

Ein-Satz-Zentrale

+++ Klima-Aktivist:innen der „Letzten Generation“ haben sich gestern am Amtsgericht auf die Straße geklebt, um gegen ein Urteil zu protestieren. (Polizei Münster, WDR)

+++ Der Mann, der im vergangenen Jahr an der Hammer Straße einen Kran besetzt hat und in Münster als Müllsammler bekannt ist, versucht es vor Gericht neuerdings mit Freundlichkeit. (Westfälische Nachrichten)

+++ Die Balken im Dach des Fachwerkhauses an der Bergstraße, früher die „Bit Pünte“, sind 600 Jahre alt und damit noch älter, als man bislang dachte. (Landschaftsverband Westfalen-Lippe)

+++ Die Polizei sucht nach weiteren Leuten, die dachten, sie würden sich zu einem Sex-Date verabreden, aber dann Opfer eines Raubüberfalls wurden. (Polizei Münster)

+++ Die Polizei hat einen 60-Jährigen in der Nähe des Zoos festgenommen, in dessen Wohnung etliche gestohlene Fahrräder, E-Bike-Akkus und ein Diebstahltagebuch gefunden wurden. (Polizei Münster)

+++ Die 32-jährige Sozialarbeiterin Jana Höll leitet jetzt die Bahnhofsmission in Münster. (Caritas Münster, nicht online)

+++ Einer der seltensten Süßwasserfische, der Mangarahara-Buntbarsch, ist jetzt im Zoo zu sehen (und hier). (Allwetterzoo)

+++ Im Stadthaus 3 können Sie sich den Bebauungsplan für ein neues Wohngebiet in Sprakel-Ost anschauen. (Stadt Münster)

+++ Nachdem es in den vergangenen Wochen mehrere Strafanzeigen und Festnahmen bei pro-palästinensischen Demos in Münster gab, wollte die Polizei die geplanten Kundgebungen Freitag und Samstag verbieten, aber das wurde ihr wiederum verboten. (Westfälische Nachrichten)

+++ Vor einer Woche sind große Lagerhallen in Münsters ukrainischer Partnerstadt Winnyzja abgebrannt, was aber wahrscheinlich nicht mit Angriffen aus Russland zusammenhängt. („Ukraine Front Lines“ auf Twitter)

+++ Seit gestern besucht eine vierköpfige Delegation der ukrainischen Partnerstadt Winnyzja Münster. (Stadt Münster)

+++ Die CDU-Ratsfraktion will vor einer Sperrung zwischen Bült und Bergstraße erst gründlich prüfen lassen, ob es keine „schonende Verkehrsführung“ gibt. (CDU Münster, noch nicht online, aber bald hier)

+++ Die Grünen haben sich ein Vielfaltsstatut gegeben, mit dem sie wenig repräsentierte Gruppen, vor allem Menschen mit Rassismuserfahrungen, besser in die Partei integrieren wollen. (Grüne Münster)

Unbezahlte Werbung

Der Winter ist eine gute Jahreszeit, um sich selbst mal wieder etwas Gutes zu tun. Möglich ist das zum Beispiel an der Hammer Straße 59. Dort betreibt Sarah Barnasch ihr Kosmetikstudio „Beauty & Bride“. Auch wenn kein Termin am Traualtar im Kalender steht, kann man sich dort auf verschiedene Weise behandeln lassen, etwa mit Anwendungen fürs Gesicht, Haarentfernung, Maniküre oder aufwendige Frisuren. Wer sich einen Eindruck verschaffen will, kann sich die Instagramseite von „Beauty & Bride“ einmal ansehen.

Hier finden Sie alle unsere Empfehlungen. Sollte Ihnen ein Tipp besonders gut gefallen, teilen Sie ihn gerne einfach über den Link.

Drinnen und Draußen

Heute hat Fabian Cohrs für Sie in den Kalender geschaut. Das sind seine Empfehlungen:

+++ Nächste Woche wird es spannend in den Niederlanden. Nachdem im Juli die Regierung im Streit über die Migrationspolitik zerbrach, erklärte der Noch-Ministerpräsident Mark Rutte das Ende seiner politischen Karriere. Am Mittwoch wählen die Niederländer:innen ein neues Parlament. Das Haus der Niederlande lädt deshalb zu einer Wahlparty, die um 20 Uhr per Zoom beginnt. Bis Montag können Sie sich noch anmelden. Interessant wird es auf jeden Fall, denn so oder so dürfte der Ausgang der Parlamentswahl historisch werden. Drei Kandidat:innen haben gute Chancen auf das Amt des niederländischen Regierungschefs: Dilan Yeşilgöz könnte bei einem Wahlsieg der Liberalen die erste Frau und erste Person mit Migrationsgeschichte werden, mit Frans Timmermans könnte aber auch das linke Lager zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder den Premier stellen oder der neue Ministerpräsident wird Pieter Omtzigt aus Enschede, der mit einer Partei antritt, die erst in diesem Jahr gegründet wurde.

+++ Morgen und übermorgen lädt die Arbeitsgemeinschaft Angewandte Kunst von 11 bis 18 Uhr zu einer Ausstellung ein. Unter dem Titel „Blickpunkte 23“ stellen 35 Kunsthandwerker:innen ihre Werke aus den vergangenen Monaten vor, dort besteht dann auch die Möglichkeit für Fragen, Gespräche und Käufe.

+++ Morgen Abend findet eine sogenannte „Urban Art Projektion“ im Planetarium statt. Hier werden Werke aus der Mural Harbor Gallery in Linz an die Decke projiziert und mit Musik von „Meat.Karaoke.Quality.Time“ live begleitet. Weitere Informationen und Tickets für 12 Euro erhalten Sie hier, Beginn ist um 19:30 Uhr.

+++ Morgen sind in der Stadtbücherei Menschen zu Gast, die eine besondere Lebensgeschichte haben. Sie erzählen von Fluchterfahrungen, schweren Krankheiten, Alltagsrassismus, Behinderungen oder Coming-out. Die Veranstaltung nennt sich „Human Library“, also menschliche Bibliothek, und beginnt um 11 Uhr. Sie können ohne Anmeldung vorbeikommen und ein Gespräch mit den Erzähler:innen führen.

+++ Die Schauspieler Pitt Hartmann und Carsten Bender lesen am Sonntagnachmittag aus „Himmel über Charkiw“ vor, einem Buch über den Krieg in der Ukraine, geschrieben von dem Autor und Friedenspreisträger Serhij Zhadan. Für den Deutschlandfunk ist die Textsammlung ein „wichtiges Zeitdokument ohne explizit literarischen Anspruch“. Eine Karte für die Lesung im Pumpenhaus kostet 18 Euro, Beginn ist um 15 Uhr.

+++ Am Montagabend wird das Edvard-Grieg-Festival eröffnet, benannt nach dem norwegischen Komponisten. Im Zuge des Festivals finden über die kommende Woche verteilt fünf klassische Konzerte mit Musik aus Norwegen statt, jeweils von der Musikhochschule und dem Institut für Musikpädagogik veranstaltet. Eröffnet wird das Festival um 19 Uhr in der Aula des Schlosses. Der Eintritt zu den Konzerten ist frei, hier finden Sie eine Übersicht über die Termine und Inhalte.

Was gibt’s sonst so Neues?

Münster hat ein außergewöhnliches Sperrmüllsystem. Kaum eine andere Stadt in Deutschland holt noch regelmäßig kostenlos alte Sofas und Schränke ab. Dennis Frasch von der Reportageschule Reutlingen ist einen Tag lang auf dem Müllwagen mitgefahren. Was er auf der Fahrt erlebt hat, können Sie im RUMS-Beitrag nachlesen.

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Am Dienstag schreibt Ihnen Ralf Heimann. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Herzliche Grüße
Sebastian Fobbe

Mitarbeit: Ralf Heimann (rhe), Imke Noetzel (ino), Fabian Cohrs (fco), Svenja Stühmeier (sst)
Lektorat: Antonia Strotmann


PS

Wissen Sie, wer Eli Marcus ist? Zur Zeit des deutschen Kaiserreichs war Marcus ein bekannter Schriftsteller im Münsterland. Vor allem seine Gedichte und Theaterstücke, die er auf münsterländischem Platt verfasste, waren sehr beliebt. Er starb 1935 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Münster beerdigt. Heute ist eine Straße in Kinderhaus nach Eli Marcus benannt, aufgewachsen ist er aber am Roggenmarkt. Nachzulesen ist die Geschichte der jüdischen Familie Marcus in einer neuen App, die seit dem vergangenen Sonntag verfügbar ist. Darin gesammelt sind viele Informationen über jüdisches Leben in Münster, die Sie an verschiedenen Orten in der Stadt oder bei einem Rundgang durch Münster abrufen können.

PPS

Vor ein paar Tagen war der „Spiegel“-Redakteur Christopher Piltz zu Gast im Podcast der Kriminalpsychologin Lydia Benecke. In der Folge geht es um die „Satanic Panic“, den Aberglauben an eine satanistische Elite im Verborgenen, der dafür gesorgt hat, dass das Bistum Münster zuerst eine Beratungsstelle für rituelle Gewalt gegründet und dann nur wenige Jahre später wieder geschlossen hat. Christopher Piltz hatte mit seiner Recherche den Stein dazu ins Rollen gebracht. Auch wir werden in dem Podcast erwähnt, denn RUMS ist bisher das einzige Lokalmedium in Deutschland, das die Geschichte über rituelle Gewalt und Satanismus aufgegriffen hat.

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