Der mühsame Weg zur Psychotherapie | Streik an der Uniklinik | La tienda

Porträt von Constanze Busch
Mit Constanze Busch

Guten Tag,

haben Sie mal kurzfristig einen Termin bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt gebraucht? Oft genügt ein Anruf, und wenn Sie etwas Wartezeit mitbringen, kommen Sie noch am selben Tag dran. Bei einer Psychotherapie ist das nicht ganz so einfach. Eine Online-Suche und ein Anruf in der nächstgelegenen Praxis reichen in den meisten Fällen nicht aus. Der Weg zu einem Therapieplatz kann sehr mühsam sein, und für manche ist er schwieriger als für andere. Dabei haben wir es in Münster rein rechnerisch mit einer Überversorgung zu tun.

Wie kann das sein? Um das zu verstehen, schauen wir uns in diesem Brief einmal das ganze System an: 14 Fragen und Antworten zur Psychotherapie.

1. Wie bekomme ich einen Therapieplatz?

Dafür brauchen Sie erstmal Kontaktdaten und die finden Sie online, zum Beispiel hier und hier. Außerdem brauchen Sie Informationen darüber, wie die jeweilige Praxis abrechnet, und zu den Spezialgebieten der Therapeut:innen. Handelt es sich um eine private oder eine kassenärztliche Praxis? Welche Ausrichtung hat der Therapeut oder die Therapeutin? Die verfügbaren Plätze sind begrenzt, also kontaktieren Sie am besten gleich mehrere Praxen. Besonders für Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen kann das eine Hürde sein. Meistens gibt es keine Sprechstundenhilfe, man muss aufs Band sprechen.

Und auch danach muss man sich gedulden. In einem Erstgespräch kann zunächst geklärt werden, ob eine psychotherapeutische Behandlung das Richtige ist. Ist das der Fall, folgen sogenannte probatorische Sitzungen. Sie finden vor der Therapie statt, aber nicht unbedingt in der Praxis, in der Sie Ihr Erstgespräch hatten. Das liegt daran, dass Psychotherapeut:innen Erstgespräche auch dann anbieten müssen, wenn sie gerade eigentlich keine Kapazitäten für eine längere Therapie haben. Unter Umständen müssen Sie also nach dem Ersttermin noch einmal auf die Suche gehen.

In den probatorischen Sitzungen können Sie feststellen, ob die Chemie zwischen Ihnen und der Therapeutin oder dem Therapeuten stimmt. Dann folgt die Diagnose, und der Therapeut oder die Therapeutin beantragt ein bestimmtes Kontingent an Sitzungen bei der Krankenkasse.

Im Durchschnitt warten Patient:innen in Deutschland rund 20 Wochen auf einen Therapieplatz. 38 Prozent der Menschen müssen sich sogar mehr als ein halbes Jahr lang gedulden. Vielen ist das zu lang. 30 Prozent der Patient:innen mit Angststörung beginnen gar keine ambulante Therapie mehr, wenn sie zwei Monate warten mussten.

Dabei gibt es die Möglichkeit einer Akutbehandlung. Am Telefon oder in einem Erstgespräch beurteilt der Therapeut oder die Therapeutin, wie dringlich eine Therapie ist, und kann ohne die probatorischen Sitzungen mit der Therapie beginnen. Das soll den Zugang zur Versorgung vereinfachen. Aber einen freien Platz garantiert auch das nicht.

2. Welche anderen Möglichkeiten gibt es?

Wenn Sie gesetzlich versichert sind, können Sie sich an die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung wenden. Sie vermittelt allerdings zunächst nur Erstgespräche. Unterstützung auf dem Weg zu einem Therapieplatz bietet das PsychotherapeutInnen-Netzwerk Münster und Münsterland. In ihm haben sich mehr als 500 Psychotherapeut:innen zusammengeschlossen. Online oder bei einem Telefondienst können Sie dort Ihren Namen und Ihr Anliegen angeben.

Die Daten werden dann anonymisiert und im internen Bereich online gestellt. So können alle Therapeuti:innen die Einträge sehen. Wer einen freien Platz hat, kann sich beim Netzwerk melden und die Anfrage annehmen. Das klingt vielversprechend. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass Menschen keinen Therapieplatz bekommen.

3. Wie hoch ist denn die Nachfrage?

Der Bedarf an Therapieplätzen sei höher als das Angebot, sagt Sabine Mahlmann aus dem Vorstand des PsychotherapeutInnen-Netzwerks. Durch Corona habe sich die Situation offenbar verschlimmert. 2020 seien im Vergleich zum Vorjahr fast doppelt so viele Therapieplatzanfragen eingegangen. Es seien zwar auch mehr Plätze vermittelt worden, aber die Zahl der Patient:innen, die ohne Platz blieben, sei ebenfalls stark gestiegen. Aus einer uns vorliegenden Präsentation des Netzwerks geht hervor, dass die Vermittlungsquote 2019 bei 79 Prozent lag, 2020 dann bei 63 Prozent und im ersten Quartal 2021 nur noch bei 35 Prozent.

Im zweiten Quartal sank die Zahl noch mal um zwei Prozentpunkte. Haben also zwei Drittel der Menschen keinen Therapieplatz bekommen, obwohl sie einen gebraucht hätten? Ja und nein. Diese Angabe bezieht sich nur auf die erste Woche. Wer in diesem Zeitraum leer ausgegangen ist, kann im nächsten Anlauf mehr Glück haben. Man kann sagen: Je länger die Wartezeit, desto besser die Vermittlungschance.

Im dritten Quartal stieg die Vermittlungsquote auf 54 Prozent. Hier geht es um die Sommermonate. Die Corona-Situation hat sich etwas entspannt, die Nachfragen an die Praxen sind zurückgegangen. Vielleicht konnten dadurch vorübergehend mehr Plätze vermittelt werden. Dass sich der Bedarf reduziert hat, glaubt Mahlmann nicht. „Psychische Belastungen reagieren nicht so schnell wie Infektionszahlen, das dauert“, sagt sie.

4. Wie hat sich Corona auf die Nachfrage ausgewirkt?

Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung hat bundesweite Befragungen durchgeführt. Das Ergebnis: Sorgen und psychosoziale Belastungen haben in hohem Maße zugenommen. 70 Prozent der befragten Erwachsenen litten unter emotionalen Belastungen, weitere Aspekte waren Zukunftsunsicherheit, eine Einschränkung des Handlungsspielraums, der Verlust sozialer Kontakte und berufliche Schwierigkeiten.

Um den steigenden Anfragen Rechnung zu tragen, hat das PsychotherapeutInnen-Netzwerk im Herbst 2020 seinen Telefondienst ausgeweitet und die Homepage verbessert. So konnten sie zwar mehr Anfragen annehmen und auch vermitteln. Die Zahl der Therapeut:innen hat sich dadurch aber nicht erhöht. Deshalb gibt es unterm Strich mehr Patient:innen, die nicht vermittelt werden konnten und immer noch auf einen Platz warten.

5. Warum werden nicht mehr Plätze geschaffen?

Das ist nicht so einfach. Gebhard Hentschel, der Vorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, hat mit mir über die Versorgungssituation in Münster gesprochen. Auch er bestätigt, dass die Nachfrage bundesweit gestiegen ist. Bei Erwachsenen um 40 Prozent und bei Jugendlichen sogar um 60 Prozent. Um dem gestiegenen Bedarf gerecht zu werden, können aber nicht einfach mehr Praxen eröffnet werden. Wie viele Mediziner:innen und Psychotherapeut:innen aus den Töpfen der Krankenkassen bezahlt werden, richtet sich nach der Bedarfsplanung. Sie regelt, wie viele Praxen es gibt und wie sie verteilt sind.

Der Beschluss über diese Bedarfsplanung fällt in einem Ausschuss. In diesem Ausschuss haben die Krankenkassen genauso viele Stimmen wie die Psychotherapeut:innen und Ärzt:innen. Möchte man mehr Plätze schaffen, braucht es aber eine Mehrheit. Letztendlich geht es um die Bereitschaft, Geld zur Verfügung zu stellen. Die Anpassung der Bedarfsplanung ist „sperrig“, so Hentschel. Sie stammt aus dem Jahr 1998 und wird für die Städte nur angepasst, wenn die Einwohnerzahl steigt. Schnell zu reagieren, zum Beispiel auf eine Pandemie, ist damit ausgeschlossen.

6. Aber wie kann man der Corona-Situation gerecht werden?

Die Kassenärztlichen Vereinigungen können zum Beispiel Psychotherapeut:innen ermächtigen, für einen begrenzten Zeitraum eine Praxis zu eröffnen. Eine weitere Möglichkeit ist die Kostenerstattung: In dringenden Fällen können Patient:innen bei zu hoher Wartezeit auch eine Privatpraxis aufsuchen. Allerdings tun sich die Krankenkassen schwer, diese Kosten zu übernehmen. Hentschel würde sich wünschen, dass dieses Instrument öfter zum Einsatz kommt. Kann die Behandlung nicht in zumutbarer Zeit erfolgen, spricht er von Systemversagen.

7. Wie ist die Versorgung in Münster?

Zur durchschnittlichen Wartezeit in Münster gibt es keine verlässlichen Zahlen. Das liegt daran, dass nicht jede Praxis eine Warteliste führt. Insgesamt ist die Versorgung laut Gebhard Hentschel aber gut. Das ist der psychologischen Fakultät und den Ausbildungsinstituten zu verdanken. Auf 3.171 Einwohner kommt ein:e Psychotherapeut:in. Laut Bedarfsplanung entspricht das einer Versorgung von über 207 Prozent, heißt es aus dem Presseamt der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. „Eine sogenannte Überversorgung“, sagt Hentschel. Zum Vergleich: Im Ruhrgebiet kommt ein:e Psychotherapeut:in auf 5.207 Einwohner.

Die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkassen duldeten die Überversorgung, sagt Gebhard Hentschel. Das liegt daran, dass Münster umliegende Kreise mitversorgt. Sobald eine Praxis schließt, könnte die Kassenärztliche Vereinigung den Kassensitz auflösen und so die Überversorgung regulieren. Doch meistens zeigt sich: Die Praxis war komplett ausgelastet. Also bleibt der Kassensitz bestehen und wird weiterverkauft.

Auch Hentschel kann in seiner Praxis in Münster nicht alle Patient:innen versorgen, die zu ihm kommen und eine Behandlung benötigen.

8. Wie kann man trotzdem neue Versorgungsmöglichkeiten schaffen?

Es gibt die Möglichkeit, einen Kassensitz zu halbieren. Zwei Therapeut:innen mit je einem halben Kassensitz können insgesamt mehr Patient:innen versorgen als ein:e Therapeut:in mit einem vollen Sitz. Die Kassenärztliche Vereinigung bezahlt pro Woche bis zu 60 Sitzungen. Im Durchschnitt hält ein:e Therapeut:in aber nur 24 bis 26 Sitzungen pro Woche, weil alle Termine vor- und nachbereitet werden müssen. Gebhard Hentschel von der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung vergleicht das mit Lehrer:innen am Gymnasium, die bei voller Stelle 26 Schulstunden unterrichten.

Das Mittel ist beliebt. Bundesweit sind die Hälfte der Kassensitze halbiert. Nach und nach würden so neue Versorgungsmöglichkeiten entstehen, sagt Hentschel. Die Therapiestunden werden übrigens einzeln abgerechnet. Für die Therapeut:innen entsteht durch einen halben Kassensitz also kein Nachteil, für die Krankenkassen fallen bei zwei halben Sitzen aber meistens höhere Kosten an als für einen vollen Sitz.

9. Werden die Richtigen behandelt?

Immer wieder werden auch Vorwürfe gegen die Psychotherapeut:innen laut. Die sollen selbst für die langen Wartezeiten verantwortlich sein, indem sie die verfügbaren Plätze den Falschen geben. Sie würden lieber Patient:innen in einer vorübergehenden Lebenskrise behandeln als Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, so heißt es.

Hentschel weist diesen Vorwurf zurück. Auch er bekommt die anonymisierten Kurzbeschreibungen der Patient:innen vom PsychotherapeutInnen Netzwerk. Dabei handle es sich um „umfangreiche Indikationen und nicht um leichte Störungen“. Das bestätigt eine Studie der Techniker-Krankenkasse. Den allgemeinen Anstieg der Nachfrage führt Hentschel auch darauf zurück, dass das Bewusstsein für psychische Erkrankungen zugenommen habe.

Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung fordert daher seit Jahren eine Reform der Bedarfsplanung. Und vor allem: neue Zulassungen für Psychotherapeut:innen im Umland größerer Städte, in ländlichen Bereichen und im Ruhrgebiet.

10. Wer fragt nach den Plätzen?

Schaut man sich die Präsentation des PsychotherapeutInnen-Netzwerks einmal genauer an, fällt auf, dass 2021 deutlich mehr Frauen (knapp 60 Prozent aller Anfragen) sich um einen Therapieplatz bemüht haben als Männer. War die pandemiebedingte Belastung also für Frauen höher?

Sabine Mahlmann vom Netzwerk der Psychotherapeut:innen sagt, dass die Doppelbelastung von Homeoffice und Homeschooling durchaus einen Einfluss gehabt haben könnte. In den Zahlen zeichne sich das aber nicht ab. Es sei generell so, dass Frauen häufiger einen Therapieplatz anfragen. Vielleicht hat das mit der gesellschaftlichen Akzeptanz zu tun, mutmaßt Mahlmann. Männer täten sich schwerer damit, nach Hilfe zu fragen und Hilfe anzunehmen.

Auch der Aspekt des Alters hat etwas mit gesellschaftlicher Akzeptanz zu tun. Die meisten Anfragen kommen von Menschen im Alter zwischen 20 und 35. Der Grund dafür sei auch hier nicht unbedingt coronabedingt, so Mahlmann. Je jünger die Patient:innen seien, desto geringer sei die Hemmschwelle. In den letzten 20 Jahren habe sich die Haltung gegenüber einer Psychotherapie langsam geändert. Mittlerweile seien psychotherapeutische Behandlungen zwar anerkannter, aber für ältere Menschen sei die Hemmschwelle immer noch höher.

11. Ist es für gesetzlich versicherte Menschen schwerer, einen Therapieplatz zu finden?

Gesetzlich Versicherte haben eine deutlich geringere Vermittlungsquote als Privatversicherte. Während im ersten Quartal dieses Jahres 69 Prozent der gesetzlich Versicherten keinen Therapieplatz bekommen, sind es bei den Privatversicherten nur 11 Prozent. Das hat wiederum mit der Versorgungsstruktur zu tun, sagt Sabine Mahlmann. Gesetzlich Versicherte können nur Psychotherapeut:innen aufsuchen, die einen Kassensitz haben. Privatpatient:innen können dagegen auch in reinen Privatpraxen behandelt werden.

Es ist wie auf einem Markt. Wenn die Nachfrage steigt, steigt auch die Zahl der Privatpraxen, denn die werden nicht von der Kassenärztlichen Vereinigung reglementiert. Gerade in Münster ist der Bedarf hoch. Etwa 30 Prozent der Einwohner:innen sind hier privat versichert, sagt Gebhard Hentschel.

12. Welche Rolle spielen die Psychotherapeut:innen?

Neben den systemisch bedingten Ursachen für die Nicht-Vermittlung von Therapieplätzen könnte es noch weitere geben. Wolfgang Hessel ist Psychologischer Psychotherapeut mit einem Kassensitz im Münsterland. Er heißt eigentlich anders, seinen richtigen Namen möchte er hier aber lieber nicht veröffentlicht sehen. „Letztendlich suche ich mir als Therapeut meine Patienten selbst aus“, sagt er. „Wir alle sind Kinder unserer Zeit, auch Psychotherapeuten haben Vorlieben, internalisierte Vorurteile und Rassismen.“

Nach einem Anruf von einem Patienten mit Akzent war Hessel skeptisch. „Er hatte etwas Klagendes. Ich war mir nicht sicher, ob er die Therapie wirklich benötigt oder sie nur für die Arbeitsunfähigkeit braucht.“ Letztendlich hat sich Hessel seine eigenen Vorurteile vor Augen geführt und dem Patienten den Therapieplatz gegeben. Therapeut:innen müssen sich gut überlegen, wem sie einen Platz geben und wem nicht, sagt er. Einer der wichtigsten Faktoren für die Wirksamkeit einer Therapie ist die Chemie zwischen Therapeut:in und Patient:in. Trotzdem müssen alle Patient:innen versorgt werden.

13. Welche Rolle spielen die Patient:innen?

Auch auf Seiten der Patient:innen sieht er mögliche Ursachen. Für Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau sei der Weg zu einem Therapieplatz vermutlich schwieriger. Wenn auf einen Anruf in der Praxis eine Absage kommt, ist die Hürde wahrscheinlich höher, sich mit Nachdruck um einen Platz zu bemühen, verschiedene Praxen anzurufen, zu recherchieren, sich an die richtigen Stellen zu wenden. Mehr Kassensitze und eine bedarfsgerechtere Versorgung würden sich in zweifacher Hinsicht positiv auf diese Problematik auswirken: Patient:innen fänden leichter einen Platz, und Therapeut:innen müssten weniger auswählen.

Um strukturellen Benachteiligungen vorzubeugen, könnte zudem die Patientenstruktur untersucht werden. Wie ist die Vermittlungsquote von Menschen mit Migrationshintergrund im Vergleich zur Gesamtvermittlungsquote? Zahlen dazu gibt nicht. Die sozialen und kulturellen Hintergründe der Patient:innen werden nicht erfasst. Und auch die anonymisierten Daten des PsychotherapeutInnen-Netzwerks geben keine Auskunft über Bildungsstand und Migrationshintergrund der Patient:innen.

14. Was tun, um lange Wartezeiten zu vermeiden?

Sabine Mahlmann rät, den Radius um den eigenen Wohnort zu vergrößern. Das klingt allerdings nach einer weiteren Hürde, zumal auch nicht jede:r Patient:in die Möglichkeit hat, mit dem Auto oder dem öffentlichen Nahverkehr weite Strecken zurückzulegen. Die Therapie auf Distanz sei dabei keine Lösung. „Auch wenn die Pandemie gezeigt hat, dass das funktioniert“, so Mahlmann, „bleibt das Grundproblem bestehen – und das sind die fehlenden Therapeut:innen.“

In den vergangenen Jahren haben sich deshalb immer mehr digitale Gesundheitsanwendungen etabliert. Die Apps können als Rezept verordnet werden, und die Patient:innen erhalten dann einen freien Zugang. Eine ambulante Therapie ersetzen sie nicht, aber sie können dabei helfen, Wartezeiten zu überbrücken. In akuten Krisen können sich Münsteraner:innen außerdem an die Krisenhilfe Münster wenden. Binnen 24 Stunden nach dem Anruf kann dort ein persönliches Gespräch erfolgen.

Auch die Gesundheits-Apps sind letztlich Instrumente, um dem Versorgungsnotstand entgegenzuwirken. Aus Sicht von Wolfgang Hessel kann das vereinzelt Abhilfe schaffen, löst aber nicht das grundsätzliche Problem: Es gibt zu wenig Therapieplätze.

Post von Leser:innen

Angelika van der Kooi und Jörg Floß, die uns letzte Woche schon zur Kolumne von Ruprecht Polenz geschrieben hatten, haben uns noch einen Leser:innen-Brief zur Verkehrspolitik geschickt. Sie berichten, wie sie die Radinfrastruktur und die Verkehrsplanung in Südtirol, besonders in Bozen, erlebt haben und sich auch für Münster wünschen. Hier geht es zu ihrem Beitrag.

In aller Kürze

+++ Wir hatten in unseren RUMS-Briefen schon ein paarmal fürs Stadtpolitik-Streaming geworben. Und wir hatten versprochen, dass wir Ihnen Bescheid sagen, wenn Sie das nächste Mal reinschauen und die lokale Demokratie live mitverfolgen können. Morgen wäre die nächste Möglichkeit, der Rat tagt ab 17.30 Uhr. Sie können über diesen Link digital zuschauen und zuhören. Wenn Sie vor Ort dabei sein möchten: Die Politiker:innen treffen sich in der Halle Münsterland, und dort gibt es auch etliche Plätze für Gäste. Es gilt die 3G-Regel.

Auf der Tagesordnung stehen unter anderem die neue Zwischenlösung für die Mathilde-Anneke-Gesamtschule und die Zukunft der Innenstadt, für die die Stadtverwaltung neue Fördermittel beantragen möchte. Am Freitag schreiben wir Ihnen, was dabei herausgekommen ist und welche Themen die Politik sonst noch beschäftigt haben.

Um die klimaneutrale Stadtverwaltung (RUMS-Brief vom 26. Oktober) geht es morgen übrigens doch noch nicht, das Thema wird nämlich erst einmal in verschiedenen Fachausschüssen diskutiert. Wir werden dann in der nächsten oder übernächsten Ratssitzung wieder davon hören.

+++ An der Uniklinik Münster wird morgen in einigen Bereichen auf Wochenend-Modus umgestellt. Pflegekräfte und andere Beschäftigte wollen für höhere Gehälter streiken, weil die Bundesländer den Gewerkschaften in den Tarifverhandlungen noch nicht entgegengekommen sind. Heute gab es schon Warnstreiks an den Unikliniken in Köln, Düsseldorf und Essen. Die Westfälischen Nachrichten berichten, dass sich morgen am UKM 200 bis 300 Menschen an dem Warnstreik beteiligen wollen. Die Klinik muss deshalb unter anderem einige (nicht akute) Operationen verschieben. Eine Notfallversorgung ist aber sichergestellt.

Der Text in den Westfälischen Nachrichten beginnt mit dem Satz: „Trotz steigender Infektionszahlen in der Corona-Pandemie und zum Teil ausgelasteter Intensivstationen hat die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zu einem eintägigen Warnstreik an mehreren Universitätskliniken in NRW aufgerufen – auch in Münster.“ So kann man das natürlich formulieren. Man hätte aber auch schreiben können: „Trotz massiver Überlastung, unter anderem durch die Corona-Pandemie, wurden die Arbeitsbedingungen in der Pflege immer noch nicht verbessert und die Gehälter nicht erhöht.“

Corona-Update

Der Aufwärtstrend bei den Corona-Infektionen hält an. Bundesweit wurde heute eine Inzidenz (Neuinfektionen pro 100.000 Menschen und Woche) von 213,7 gemeldet, in Münster liegt der Wert bei 97,3. Und auch sonst häufen sich Nachrichten, wie wir sie aus dem letzten Herbst kennen und in diesem nicht wieder lesen wollten. Die Berliner Charité hat alle planbaren Operationen verschoben, weil das Personal auf den Covid-Stationen gebraucht wird. Wieder einmal hat ein Nachbarland Corona-Maßnahmen wieder eingeführt, die kurz vorher aufgehoben worden waren, in diesem Fall Dänemark.

Und bald könnte in Deutschland auch die Ministerpräsidentenkonferenz ihr Comeback… na ja, sagen wir: haben. Wissen Sie noch: Die Regierungschefinnen und -chefs der Bundesländer sitzen bis spät nachts zusammen, verkünden anschließend in einer Pressekonferenz neue, einheitliche Regeln, und am nächsten Morgen teilt Markus Söder die Sonderregeln für Bayern mit. Einen Termin gibt es noch nicht, aber immer mehr Politiker:innen und andere Verantwortliche, die ein solches Treffen für nötig halten.

Während wir abwarten, hier noch die übrigen Zahlen für Münster: Seit gestern wurden 51 Neuinfektionen gemeldet, insgesamt gelten heute 533 Münsteraner:innen als infiziert. In den Krankenhäusern werden 24 Covid-Patient:innen behandelt, acht von ihnen auf der Intensivstation. Sechs Menschen werden beatmet.

Unbezahlte Werbung

Die ersten Geschenkideen für Weihnachten haben wir Ihnen letzte Woche schon empfohlen, heute kommt der nächste Tipp. Im Weltladen la tienda an der Frauenstraße können Sie nicht nur fair gehandelte Lebens- und Genussmittel aus aller Welt einkaufen, zum Beispiel Kaffee, Saft, Gewürze, Nüsse, Chutneys, Reis und Süßigkeiten. Sondern auch Instrumente, handgemachtes Geschirr, Körbe, Tücher und Briefpapier, und jetzt natürlich auch Schönes für die Adventszeit. Die freundlichen ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen beraten Sie zu allen Produkten und beantworten Fragen zum fairen Handel, dazu gibt es außerdem eine kleine Leihbibliothek. La tienda (was übersetzt übrigens einfach „der Kaufladen“ heißt) hat montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr und samstags von 11 bis 15 Uhr geöffnet.

Drinnen und Draußen

+++ Das Center for Literature (CfL) auf der Burg Hülshoff entwickelt immer wieder ungewöhnliche (digitale) Veranstaltungsformate. Und nun eröffnet es auch noch einen neuen Ort, sozusagen als drittes Haus neben der Burg Hülshoff und dem Haus Rüschhaus: die Digitale Burg. Sie soll ein Ort für Versammlungen und Veranstaltungen sein, an dem Menschen zusammen arbeiten und nachdenken können. Wie geht das denn? Um die Antwort auf diese Frage zu finden, schauen Sie sich am besten mal das Eröffnungsprogramm Kompliz*innen an, das am Sonntag beginnt. So viel verraten wir hier schon: Sie können digital zuschauen, als virtueller Avatar teilnehmen und manchmal auch ganz in echt eine der beiden alten Burgen besuchen. Auf der Programmseite finden Sie alle Informationen zu Anmeldevoraussetzungen und Hygienevorgaben für Live-Besuche.

+++ Auch bei unserem zweiten Veranstaltungstipp haben Sie die Wahl zwischen einem analogen und einem digitalen Besuch. Am Freitag ab 16.15 Uhr beschäftigt sich Erziehungswissenschaftler Till Utesch mit der Frage, ob Schüler:innen in der Schule Computer spielen sollten. Was könnten sie dabei lernen, und unter welchen Voraussetzungen klappt das am besten? Die Veranstaltung ist Teil des Kinder-Uni-Programms, aber sicher nicht nur für Kinder spannend. Bis 10 Uhr am Donnerstag (11. November) können Sie sich online anmelden. Am Freitag müssen Sie einen 3G-Nachweis mitbringen, Schüler:innen gelten als durch ihre Schule getestet. Die Vorlesung findet im H1 am Schlossplatz statt. Der Hörsaal hat rund 800 Plätze und ist gut belüftet. Alternativ können Sie den Livestream verfolgen, auch dafür müssen Sie sich anmelden.

Am Freitag schreibt Ihnen Ralf Heimann. Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche.

Herzliche Grüße

Edina Hojas

Mitarbeit: Constanze Busch, Eva Strehlke

PS

Wussten Sie, dass im November NaNoWriMo ist? Nein? Ich auch nicht. Hinter der Abkürzung verbirgt sich der National Novel Writing Month. Das ist ein kreatives Schreibprojekt des Amerikaners Chris Baty. Ziel ist es, in den 30 Tagen des Novembers einen Roman zu verfassen. Klingt recht ambitioniert, und außerdem hat der November ja längst begonnen? Wenn Sie Ihren inneren Schreibehund dennoch immer mal aufscheuchen wollten, finden Sie im Schreibraum Münster Informationen zu aktuellen Kursangeboten.

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